Raphael Aniygba:
Ein Problem, was wir mit den Nachbarn hier haben, ist, dass wir laut sind, aber [wir wünschen uns], dass sie uns so akzeptieren, wie wir sind und dass sie unsere Kultur auch ein bisschen kennenlernen. Schade, dass die Sprache nicht zu verstehen ist. Für viele Leute ist das unverständlich, aber wenn man das versteht, was wir singen und warum wir so tanzen, das wäre schon was. Das wäre wirklich was.
Autor:
Raphael Aniygba ist der Vorsitzende der Ghanaischen Katholischen Gemeinde in Berlin. Beim Festgottesdienst zum Geburtstag trägt er ein traditionelles ghanaisches Gewand mit dem Logo der Gemeinde. Wie so viele an diesem Tag. Die Gemeinde feiert gut sichtbar. Und viele feiern mit. Probleme mit den Nachbarn wegen der Lautstärke sind diesmal nicht bekannt. Die Nachbarn sind einfach gekommen und haben mitgefeiert - aus Tempelhof und aus der Umgebung, aus Brandenburg und von weiter weg: Auch aus anderen Ghanaischen Katholischen Gemeinden in Deutschland sind Abordnungen nach Tempelhof gekommen.
Raphael Aniygba:
Das Besondere, würde ich sagen, ist, dass wir die Messe in einer ghanaischen Sprache halten. Das bringt viele Erinnerungen von zu Hause, aus der Heimat. Das ist es, was viele Menschen zu uns bringen kann. Ich glaube, heute sind viele gekommen, die zum ersten Mal hier gewesen sind - und danach glaube ich, dass sie nicht nur heute kommen, sondern auch nachher. Und das ist für mich persönlich etwas Besonderes.
Autor:
Die Ghanaische Katholische Gemeinde in Berlin und Brandenburg hat klein angefangen. Fast biblisch: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, sagt Jesus da. Bei den Ghanaern waren es zu Pfingsten im Jahr 2000 gerade mal sechs Familien, die zusammen in ihrer Sprache Gottesdienst gefeiert haben. Und heute - zum 25. Geburtstag - ist die Gemeinde im Erzbistum Berlin auf über siebenhundert Menschen angewachsen. Eine Besonderheit und ein Unterschied zu deutschen Gemeinden: Manchmal kommen sogar mehr als die Hälfte davon am Sonntag zum Gottesdienst. Und man spürt die Begeisterung…
Weit über drei Stunden hat der Festgottesdienst gedauert. Und das ist gar nicht ungewöhnlich. Mit viel Gesang, Tanz, Musik und Lebensfreude. Langweilig wurde es da nicht. Zum Jubiläum kam auch der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch.
Heiner Koch:
Es war ein besonderer Gottesdienst, den ich allerdings schon aus zwei vorherigen Gottesdiensten, die ich hier gefeiert habe, in ähnlicher Weise kenne. Ich glaube kaum, dass jemand, ein Ghanese, der mit hier feiert, die Zeit, die für uns schon eine Herausforderung ist, so bewerten würde. Für sie ist das ein Lebenselement. Der Sonntag ist der Sonntag des Gottesdienstes der Eucharistie und den feiern Sie und Sie feiern ihn ja enthusiastisch. Und das sind mehrfache Prozessionen, Tänze, Darbietungen und sie sind dann hier zu Hause zum Essen, zum Trinken. Das ist für sie Mittelpunkt ihres Lebens.
Autor:
Und er ergänzt mit einem kleinen Augenzwinkern und sehr diplomatisch zur Länge des Gottesdienstes:
Heiner Koch:
Für mich ist das inspirierend. Ich bin manchmal froh, dass es bei uns kürzer ist.
Autor:
Gottesdienst und Fest gingen nahtlos ineinander über. Es gab viel zu erzählen und zu Feiern. Und natürlich auch Grußworte aus Politik und Kirche. Der Geschäftsträger der Ghanaischen Botschaft in Berlin, Maxwell Nyarko-Lartey, lobte die besondere Verbindung der Kirche in Ghana und in Deutschland - und hat dabei auch einen ganz persönlichen Bezug:
Maxwell Nyarko-Lartey:
So for us the anniversary celebration is very significant. It's the Catholic Church and the Catholic Church has a very strong presence in Ghana. Myself I went to a Catholic school and the Catholic schools remain some of the best schools we have in Ghana. So the Catholic Church really really has a strong presence and to see what is being done by our Ghanaian compatriots is very beautiful.
Für uns ist die Jubiläumsfeier sehr bedeutsam. Die katholische Kirche ist in Ghana sehr stark vertreten. Ich selbst habe eine katholische Schule besucht, und die katholischen Schulen gehören nach wie vor zu den besten in Ghana. Die katholische Kirche ist also wirklich sehr präsent, und es ist wunderschön zu sehen, was unsere ghanaischen Landsleute hier (in Berlin) leisten.
Autor:
Ghanaer und Deutsche können gerade auch durch die Verbindung in der katholischen Kirche viel voneinander lernen, meint der Botschaftsvertreter - bei allen Unterschieden, oder gerade auch deshalb.
Maxwell Nyarko-Lartey:
It means a lot because we are talking about community sharing together, getting to know each other and also do some projects in Ghana. In Ghana we are very communal, you understand, because of much more due to our family system, we have a more extended family, which is also... I think the same idea has been transferred into the church.... We are very communal in nature in our existence.
Es bedeutet uns sehr viel, denn wir sprechen über gemeinschaftliches Teilen, lernen uns kennen und führen auch Projekte in Ghana durch. In Ghana sind wir sehr gemeinschaftlich, verstehen Sie? Das liegt viel an unserem Familiensystem, wir haben eine größere Familie, was auch... Ich denke, dieser Gedanke hat sich auch auf die Kirche übertragen. Denn wir sind von Natur aus sehr gemeinschaftlich.
Autor:
Eine große Familie. Verbunden im Glauben; mit viel Grund zu Feiern. Da springt der Funke schnell über.
Und noch eine Besonderheit: Während in Deutschland im Gottesdienst manchmal etwas verschämt der Klingelbeutel rundgeht, um für soziale Projekte zu sammeln, läuft das im ghanaischen Gottesdienst ganz anders: Da kommen alle tanzend und singend aus den Bänken nach vorne, um ihren Beitrag abzuliefern. Und dann gibt der Pfarrer das Ergebnis bekannt, das fast wie bei einem Spendenwettbewerb klingt.
Autor:
Ohnehin: Applaus gab es an dem Tag mehrfach im Gottesdienst, nicht nur beim Spenden-Sammeln. Und immer wieder viel Emotion. Das hat sogar Passanten überzeugt:
Passanten:
Ich bin zufälliger Zaungast, komme gerade vorbei. Große Begeisterung der Gemeinde für ihren Glauben und für diese Rituale, die heute hier drei Stunden lang in der Kirche abgehalten worden sind und ein großes Gemeinschaftsgefühl. Es kommen aus ganz Deutschland wohl die Gäste hierher. Das beeindruckt mich: die Fröhlichkeit, die Offenheit, die Freundlichkeit. Eine lebendige, wirklich fröhliche Gemeinde. Und ein Gottesdienst, ich sage mal, wie wir ihn eigentlich ja nicht kennen, wie er gelebt wird. Der Tanz, die Musik... ist wunderbar, macht einfach Freude.
Musik
Autor:
Die Ghanaische Katholische Gemeinde im Erzbistum Berlin besteht seit 25 Jahren. Und hat das nun in einem großen Fest gefeiert. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Kirche kamen dazu, viele Gäste - und… - eine ganze Reihe Königinnen und Könige ghanaischer Stämme waren auch dabei. Mit bunten, traditionellen Gewändern, Insignien und Schmuck. Einer dieser Könige ist Nana Boateng Kyeremeh (sprich: Tscheremeh). Er ist König von Berekum, einer Stadt in West-Ghana.
Nana Boateng Kyeremeh:
Heute ist ein sehr, sehr besonderer Tag: 25 Anniversary. Und Ghana ist ein Land, [in dem] Wir sind immer zusammen verbunden: kein Krieg, ob muslimisch oder Christ. Wir sind immer zusammen, wir wollen immer zusammenleben und zusammen Freude [teilen] und so weiter. Und wir sind sehr, sehr dankbar, dass Deutschland und Ghana heute sehr zusammen [verbunden] sind und dann hoffen wir, [dass wir] bleiben [in einer guten] richtigen Verbindung.
Autor:
Völkerverständigung und Verständigung auch über Glaubensgrenzen hinweg. Da geht was! So war der Imam der muslimischen Gemeinde nicht nur Gast im Gottesdienst, sondern sprach auch ein Segensgebet vor dem Essen. Überhaupt passt da auch ganz aktuell so einiges, ist der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, überzeugt:
Heiner Koch:
Durch die ghanaische Gemeinde sind zunächst einmal viele Menschen aus Ghana und auch aus anderen afrikanischen Ländern hier zu Hause, beheimatet. Das ist sehr viel, gerade in der politischen Situation, in der Afrika steht. Das zweite für uns ist eine große Bereicherung. Es ist ein lebendiger Glaube, eine lebendige Gemeinschaft, die sich nicht isoliert, sondern die wirklich mit den deutschen Gemeinden hier zusammenlebt. Drittens ist es eine Gemeinschaft, die sehr stark auch gesellschaftlich engagiert ist. Viele sind auch in Positionen inzwischen auch in Aufgabenfeldern, die für die gesamte Gesellschaft hier ein Gewinn sind. Also wir gewinnen sehr durch sie und sie sind dankbar, dass sie hier sein dürfen und wir mit ihnen zusammengehen.
Autor:
Für den Vorsitzenden der Ghanaischen Katholischen Gemeinde, Raphael Aniygba, zählt beim Jubiläum nicht nur der dankbare Blick zurück, sondern auch ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft. Dabei hat er zum Geburtstag der Gemeinde einen besonderen Wunsch für die kommenden Jahre:
Raphael Aniygba:
Es gibt viele Ghanaer, die hier in Berlin sind, die katholisch sind, aber die kommen noch nicht zu uns, weil vielleicht der Weg zu weit ist, oder… (lacht). Momentan sind viele Studenten aus Brandenburg, Leipzig, Cottbus. Die kommen ab und zu mal hierher. Und wir hoffen, dass in den nächsten 25 Jahren die anderen dann auch zu uns kommen und besonders die, die die Kirche, die katholische Kirche, verlassen haben - wie ich damals - dass sie auch zurückkehren und dann mit uns dann hier gemeinsam feiern.
Autor:
Offene Türen, und ein herzliches Willkommen. Dafür will die Ghanaische Katholische Gemeinde stehen: in Berlin, in Brandenburg, im ganzen Erzbistum. Die Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin, Karlies Abmeier, sieht in den muttersprachlichen Gemeinden viel Potenzial.
Karlies Abmeier:
Die muttersprachlichen Gemeinden sind erstaunlich aktiv, lebendig, sehr bunt, tief im Glauben. Das können wir - glaube ich - sehr gut mitnehmen. Es ist immer wieder spannend, wenn sie ihre Bräuche auch leben. Da ist man manchmal ganz erstaunt von den Gesängen und Tänzen was da alles kommt. Und ich würde mich sehr freuen, wenn wir manchmal auch daran teilhaben könnten und dass der Funke auch auf uns überspringt.
Autor:
Natürlich bleiben manche kulturellen Unterschiede. Nichts soll einfach gleichgemacht oder ausgewechselt werden. Es geht ums Verstehen. Und das fängt oft im Kleinen und Konkreten an, sagt Karlies Abmeier.
Karlies Abmeier:
Begegnen kommt vor Verstehen. Erst wenn ich etwas gemeinsam getan habe, meinetwegen auch nur gemeinsam gegessen habe oder gemeinsam über etwas gelacht habe, dann kann ich anschließend auch in ein gewisses Verständnis für andere Positionen kommen. Aber ich brauche erstmal diesen Ansatzpunkt, gemeinsam sich zu begegnen und dann daraus was zu entwickeln.
Autor:
Und manchmal fängt das ganz einfach an. Als nach dem langen Gottesdienst die Besucherinnen und Besucher zum Fest vor der Kirche übergingen, da wartete dort nicht nur eine Geburtstagstorte, sondern auch ganz viel leckeres, traditionelles Essen. Manches Verstehen und manche Liebe geht dann tatsächlich durch den Magen, so wie bei dieser Besucherin:
Besucherin:
Das Essen ist wunderbar. Verschiedenste ghanaische Zutaten offensichtlich, manches völlig unbekannt, aber lecker. Wenn man bedenkt, dass die Soßen ziemlich scharf sind und das einschätzt, kann man es genießen.
Musik