Autorin:
Heute brennt die letzte Kerze auf dem Adventskranz und morgen die letzte auf der Chanukkia, dem neunarmigen Leuchter. Er brennt zum zum jüdischen Fest Chanukka. In vielen Städten und Gemeinden steht der Leuchter ganz öffentlich. Denn ein Gebot von Chanukka ist: Teilt das Licht mit der Welt. Ein Gebot, das in die dunkle Jahreszeit hineinleuchten soll – und das heute für viele mit neuen Fragen verbunden ist.
Am ersten Abend eine Kerze, am letzten acht, mit einem zusätzlichen Licht, dem sogenannten Dienerlicht, mit dem die Kerzen entzündet werden. Aber spannend ist: Das ist historisch gar nicht so selbstverständlich. Quellen zeigen, dass das Anzünden der Chanukka-Lichter schon im Mittelalter keineswegs einheitlich war. In verschiedenen Regionen Europas – etwa in Frankreich, Deutschland oder Österreich – entwickelten sich ganz unterschiedliche Bräuche, wie viele Lichter man an welchem Tag entzündete. Manche Gemeinden fügten jeden Tag neue Kerzen hinzu, andere löschten jeden Tag eine Kerze oder wieder andere führten komplizierte Zählsysteme. Erst viel später setzte sich die heute bekannte, einfache Form durch: Am ersten Tag ein Licht, am letzten acht – und jeden Abend werden alle bisher hinzugekommenen Lichter entzündet.[1] Helene Braun ist Rabbinatsstudentin, sie kennt die Bräuche gut:
Helene Braun
Hanukkah ist schön für viele, vor allem für Kinder, weil sie eben auch ein Fest haben, was dann parallel zu Weihnachten stattfindet, was gefeiert werden kann, wo es ja durchaus auch Geschenke gibt. Und zum anderen hat es aber auch viele Vorteile, wenn Hanukkah Anfang Dezember ist, weil dann kann man so bisschen diesen Stress, der um einen herum passiert, sich so wegschieben, weil man hatte sein Fest schon und jetzt geht es einfach weiter mit Dezember und dann geht es wieder los mit Januar. Genau, Hanukkah ist ein kleineres Fest. Kein Fest, aus der Tora kommt, aber ein Fest, das gut in die dunkle Jahreszeit passt, weil es ja auch Licht bringt in unser Zuhause und in die Welt. Und die Chanukkia, dieser achtarmige Leuchter, soll auch vor die Haustür gestellt werden oder wenn man oben wohnt ins Fenster hinein, sodass das Licht in die Welt getragen wird. Was symbolisch sehr stark ist, auch in heutigen Zeiten für jüdische Menschen.
Autorin:
Der Brauch, an Chanukka jeden Abend ein Licht mehr zu entzünden, geht auf ein zentrales Ereignis der jüdischen Geschichte zurück. Als der Tempel in Jerusalem nach seiner Entweihung wieder neu eingeweiht wurde, fanden die Makkabäer nur noch einen einzigen unversehrten Krug mit geweihtem Öl. Er hätte gerade einmal für einen Tag gereicht. Doch nach der Überlieferung brannte der Leuchter acht Tage lang – genug Zeit, um neues reines Öl herzustellen.
Andreas Nachama
Der Ursprung dieses Festes liegt auch ein bisschen im Dunkeln, aber das war beim Lichterfest auch nicht ungewöhnlich sein. Es gibt zwei Quellen, die man benennen könnte. Die eine ist tatsächlich eine Art Guerillakrieg, den die Makkabäer, also die Leute um Juda Makkabi gegen die griechische Besatzung, aber auch gegen die sich hellenisierenden Juden geführt haben. Also es war ein Krieg nach innen und nach außen und der gegen 164/165, das auf der Jahreswende zu Ende. Der Tempel in Jerusalem wurde wieder geweiht und man fand, und das ist sozusagen die zweite Quelle ein Fässchen Öl, das für die Menorah eigentlich für einen Tag gut gewesen wäre und dann eben oh Wunder acht Tage lang brannte. Und jetzt sieht man dann die Parallele zwischen den acht Tagen Ölkrüglein und acht Tagen feiern. Und interessant ist natürlich auch, dass die Rabbiner diesen Gewaltexzess nicht zum Feiertag gemacht haben, sondern zum Feiertag das Wunder, das Licht Wunder gemacht haben. Also לֹ֤א בְחַ֙יִל֙ וְלֹ֣א בְכֹ֔חַ: Nicht durch Gewalt und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, sprich der Herr Zebaoth. Das ist auch die Haftara, die an dem Tag gelesen wird.
Autorin:
In mittelalterlichen rabbinischen Quellen erhielt das Fest eine weitere Bedeutung. Dort wurde die Erinnerung an das Ölwunder mit der Erzählung von der Befreiung jüdischer Frauen aus Unterdrückung verbunden und so mit der biblischen Figur Judit. Dadurch entwickelte sich Chanukka nicht nur zu einem Gedenken an den Tempel und das Wunder, sondern auch zu einem Fest, das die Stärke und Rolle der Frauen im jüdischen Leben hervorhebt.[2]
Musik: Hanukkah Prayer
Autorin:
Doch Chanukka ist nicht nur ein Blick in die Geschichte – es ist für viele in Deutschland heute auch ein sehr persönliches Fest, das warm und familiär sein soll. Mittlerweile stellt es für viele eine Herausforderung dar sichtbar zu feiern. Ben Bigger erinnert sich an seine Kindheit – und wie selbstverständlich damals gefeiert und das Licht geteilt wurde.
Ben Bigger
Ja, also Chanukka bedeutet für mich im Regelfall eigentlich zusammen zu sein mit der Familie, meine Sufganiyot backen. Es ist nun mal das Lichterfest und gerade im Dezember ist es etwas, was ganz schön ist. Meine Mutter hat immer sehr viel Wert daraufgelegt, dass meine Schwester und ich gemeinsam auch die Kerzen angezündet haben. Die Chanukkia würde am Fenster stehen und würde jetzt sichtbar für alle, weil das Licht soll, geteilt werden. Aktuell glaube ich, dass die meisten da noch mal doppelt und dreifach drüber nachdenken, wo sie jetzt gerade ihre Chanukkia hinstellen.
Autorin:
Und genau das ist die Zwickmühle: Sichtbarkeit – das ist ein zentrales Thema dieses Festes. Die Chanukkia soll nicht im Wohnzimmer versteckt bleiben. Sie soll rausblicken, nach draußen leuchten. Eine religiöse Pflicht, eine Mizwa, wie Shelly Meyer erklärt:
Shelly Meyer
Wie eigentlich bei allen jüdischen Feiertagen gibt es Mizwot. Das sind die Gebote, die man sozusagen traditionell einzuhalten hat. Darunter fällt zum Beispiel, dass man in Öl getunktes essen soll oder Gebratenes oder Frittiertes essen soll. Zu anderen ist auch eine Mitzwa das Licht zu verbreiten, also dass man das Licht nicht nur bei sich zu Hause zündet, sondern auch an öffentlichen Orten und das Licht nicht nur mit dem jüdischen Umfeld teilt, sondern auch mit der gesamten Gesellschaft, weil wir ja wollen, dass alle von dem Licht Wunder was mitbekommen.
Autorin:
Ein Anspruch, der in diesem Jahr für viele jüdische Gemeinden schwerer geworden ist. Dieses „Nach-außen-Tragen“ ist für viele jüdische Menschen heute nicht nur schwieriger, sondern mit Angst verbunden. Deutschlandweit steigen die Zahlen antisemitischer Vorfälle im Vergleich zu den Vorjahren. Und vor einer Woche erst der verheerende Anschlag in Sydney.
Jüdische Gemeinden passen ihre Sicherheitskonzepte an und prüfen genau, ob und wie eine öffentliche Feier möglich ist. Das verändert auch ein Lichterfest. Es belastet …
Ben Bigger
... dass bei jeder öffentlichen Veranstaltung doppelt und dreifach drüber nachgedacht wird. Muss das sein? Und wenn wir es machen, inwieweit können wir für Sicherheit gewährleisten? Und gleichzeitig ist es so, Chanukka ist ein sehr öffentliches Fest, weil: wir wollen eben das Licht mit allen teilen. Das Fest der Lichter, die Veranstaltung, die es über die letzten Jahre gegeben hat, die wird es in der Form vermutlich nicht geben. Dennoch wollen wir irgendwo zeigen, dass wir uns nicht komplett verstecken müssen. Aber es ist immer natürlich ein zweiter Hintergedanke mit dabei.
Autorin:
Chanukka – ein Fest, das Mut machen soll, denn es erzählt von vergangenen Siegen. Vom Überleben und vom Wiederaufbau. Ein kleines Licht, das jedes Jahr sagt: Wir sind da. Wir sind sichtbar. In diesem Jahr liegen Advent und Chanukka eng beieinander: zwei Feste mitten in einer dunklen Jahreszeit. Aber ihre Ausrichtung ist unterschiedlich. Chanukka schaut zurück auf das, was war. Der Advent richtet sich jedoch in seiner Erwartung anders aus, es feiert nicht unbedingt Vergangenes, sondern bereitet vor, soll Erwartungen groß machen. Auf die Verheißung aufmerksam machen: Da kommt etwas!
In den frühen christlichen Gemeinden war der Advent übrigens eine Fastenzeit – ähnlich wie die 40 Tage vor Ostern. Auch die Form, wie wir Advent heute kennen, hat sich erst im Laufe vieler Jahrhunderte entwickelt. Mancherorts waren es fünf, manchmal sechs Wochen. In den orthodoxen Kirchen dauert der Advent bis heute sechs Wochen.
Und heute, am vierten Advent, hören wir im Philipperbrief: „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ (Phil 4,4-5) Dieser Sonntag ist anders als die ersten drei. Es geht nicht mehr nur ums Warten und Vorbereiten. Die Vorfreude tritt hervor – die Freude darauf, dass das Fest nun wirklich nahe ist.
Musik: Tochter Zion – Thomanerchor Leipzig
Autorin:
Und wenn Ihnen diese Melodie vertraut vorkommt – das hat einen guten Grund. Tochter Zion gehört fest zur christlichen Adventszeit. Aber genau dieselbe Melodie erklingt auch im jüdischen Chanukkafest. Dort heißt das Lied Hawa narima – „Wohlan, lasst uns erheben“. Ein und dieselbe Melodie, die zwei völlig unterschiedliche Traditionen miteinander verbindet.[3]
Neben den Liedern des Lichterfestes gehört auch noch etwas ganz anderes unbedingt zur Chanukka-Tradition dazu: der Dreidel. Das ist ein kleiner vierkantiger Kreisel – ein typisches Chanukkaspiel, vor allem für Kinder. Auf jeder Seite steht ein hebräischer Buchstabe. Zusammen bilden sie die Anfangsbuchstaben des Satzes „Nes gadol haja scham“ – Ein großes Wunder geschah dort. Was es mit diesem Kreisel und dem Wunder auf sich hat, das erklärt Rabbi Andreas Nachama:
Andreas Nachama:
Das ist ein Spielinstrument. Da sind vier Buchstaben und diese Buchstaben, die da drauf sind, haben eben eine, sagen wir mal, nette Bedeutung. נס גדול היה שם (Nes gadol haja scham) also das ist die Abkürzung. Das Spielen war eigentlich nur der der Punkt: Solange wie die Kerzen nicht runter gebrannt sind, soll man sich von ihnen nicht abwenden. Natürlich aus unterschiedlichen Gründen, aber natürlich auch, damit man das Wunder sieht. Und was macht man dabei? Man spielt solche Spiele oder man isst diese Pfannkuchen oder man unterhält sich miteinander. Natürlich, bei acht Tagen ist mal das eine und mal das andere. Aber Kinder, solange man klein ist, will man natürlich immer irgendwie spielen, damit es so ein besonderes Spielinstrument auch noch gibt. Ja, dann ist es natürlich gut.
Autorin:
Ob Chanukka oder Advent – zwei Lichterfeste, die mitten in der dunklen Jahreszeit leuchten. Das eine erinnert an vergangene Wunder und an die Kraft, die aus Mut und Zusammenhalt entsteht. Das andere bereitet vor, lässt uns auf etwas Neues hoffen und öffnet unsere Herzen für Freude und Erwartung.
Wenn in diesen Tagen Kerzen entzündet werden, dann ist das kein selbstverständlicher Akt. Es ist ein bewusstes Zeichen: ein Zeichen von Widerstand, Trotz und Mut. Ein Zeichen dafür, dass wir erinnern, warten und hoffen. Und dass wir dieses kleine, verletzliche Licht trotzdem nicht aus der Hand geben. Dieses Licht bleibt ein Zeichen gegen die Finsternis.
Musik: Christmas lights – Coldplay
[1] J. Jean Ajdler: The Order of Lighting the Hanukkah Candles: The Evolution of a Custom and the Influence of the Publication of the Shulhan Arukh, in: Hakirah. 20. September 2017, abgerufen am 11. Dezember 2025.
[2] Monique Jucquois-Delpierre, Hg. Female Figures in Art and Media – Frauenfiguren in Kunst und Medien. Peter Lang, 2011, S. 300ff.
[3] Klaus Herrmann: Aufklärung, Emanzipation, Akkulturation und Zionismus. Chanukka im Wandel der Zeiten. In: Musik in der religiösen Erfahrung, hg. von Rainer Kampling & Andreas Hölscher, Peter Lang Verlag, Berlin/Frankfurt am Main 2014, S. 165ff.