Sebastian Rybot: Die ersten Male, die ich hier mitgefahren bin, hat man schon ein komisches Gefühl gehabt. Ich habe es gestern auch gemerkt, was für mich besonders ist: Ich bin dankbar nach der Arbeit hier duschen gehen zu können. Das hier war unvorstellbar: Die Leute haben über 12 Stunden gearbeitet, sich irgendwo unter eine warme Dusche zu stellen. Das ergreift mich jedes Mal. Ich habe jetzt auch Gänsehaut.
Autorin: Sebastian Rybot ist Mitglied bei Kolping Berlin, einem katholischen Sozialverband. Mit einer Gruppe von über 30 Teilnehmern ist er in die Gedenkstätte Ravensbrück zu einem Workcamp gefahren.
Ravensbrück. 90 Kilometer nördlich von Berlin. Früher ein Konzentrationslager, heute eine brandenburgische Gedenkstätte. Die Berliner Kolpingjugend organisiert hier seit 30 Jahren Arbeitseinsätze. Sie hacken Sträucher zurück, befreien Wege von Unkraut und tippen alte Briefe im Archiv ab. Alles ehrenamtlich. Alles gegen das Vergessen.
Sebastian Rybot: Seit gut 15 Jahren komme ich jetzt hier her. Ich bin 2009 bei Kolping eingetreten und dann ist man so in die Rolle reingewachsen und hat natürlich von den Älteren die Sachen übernommen. Jetzt ist es meine Aufgabe – nicht mehr Kolpingjugend - die Sachen auch weiterzugeben und dass dieser Ort weiter ein Gedenkort bleibt. Weil wie man im Gelände sieht: Es wächst alles sehr schnell. Die Natur holt sich alles zurück, wenn man das nicht nachhaltig bewirtschaft. Genau! Deswegen ist es wichtig, dass wir zweimal im Jahr da sind.
Autorin: Ravensbrück war das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet. 130.000 Frauen aus ganz Europa wurden hierher deportiert, fast 40.000 überlebten die Lagerhaft nicht. In der Erinnerungskultur spielte der Ort lange kaum eine Rolle. Vielleicht auch, weil hier vor allem Frauen litten und starben. Seit 1995 gibt es die Workcamps von Kolping Berlin. Einer, der von Anfang an dabei ist, ist Adalbert Jurasch, damals Jugendsekretär beim Kolpingwerk Berlin.
Adalbert Jurasch: Vor 30 Jahren gab es hier noch keine Jugendherberge. Die Häuser waren alle in einem furchtbaren Zustand. Die mussten, wie gesagt, alle entkernt werden. Das Gelände war hier total wüst, wo wir hier begonnen haben. Hier standen Baucontainer. Im Grunde genau das Gegenteil von dem, wie es heute hier aussieht. Die ersten Sachen, die wir gemacht haben, dass wir ein paar Jahre mit diesem Haus beschäftigt waren. Gerümpel rausholen, Bauschutt. Wir haben damals auch nicht hier auf dem Gelände übernachtet. Wir haben in der Schule in Fürstenberg übernachtet, auch mal in Zelten.
Autorin: Heute übernachtet die Gruppe in einer schlichten Unterkunft, einer ehemaligen SS-Baracke. Tagsüber wird geschuftet.
Klaus Döhring: Wir haben schon viel gemacht hier. Ich sag, es gibt auf diesen ganzen Flächen hier nicht eine Stelle, wo ich noch nicht war. Die letzten Jahre haben wir eher hinten im Männerlager gearbeitet, da Bäume gefällt. (…) Vor 7 Jahren haben wir hinter der Nähstube die Außenwand von Baumbewuchs befreit bei strömenden Regen. Da schwamm das Wasser in den Schuhen am Sonnabend. Ja, isso!
Autorin: Klaus Döhring fährt seit 15 Jahren zweimal jährlich nach Ravensbrück. Für ihn ist das Workcamp eine Familiensache: Seine Frau Erika sitzt im Archiv der Gedenkstätte und tippt Briefe von Häftlingen ab. Denn die Zeit frisst auch dort die Spuren der Vergangenheit auf: Weil die Tinte verblasst, müssen die handgeschriebenen Briefe digitalisiert werden, um sie für Forschung und Angehörige zu erhalten.
Wer die Briefe liest, erfährt viel von der Situation damals. Das Leben in Ravensbrück war extrem hart und grausam. Wer sich durchsetzen konnte, bekam die besten Schlafplätze innerhalb der Baracken. Viele waren überbelegt, so dass Häftlinge auch auf dem Boden der Latrinen schlafen mussten. Umgeben von Fäkalien. – Parasiten, Krankheiten, keine medizinische Versorgung – das war Alltag. Erika Döhring erfährt viel über das Leid, aber auch über die Träume der Häftlinge, während sie die Briefe abtippt:
Erika Döhring: Sie fragt immer wieder nach ihrem Mann an, es scheint eine ältere Dame zu sein. Bedankt sich für die Sachen, die hier geschickt werden, Sie schreibt von ihren Träumen und Sehnsüchten, dass sie hofft, freigelassen zu werden, dass sie nach Ostpreußen fahren kann. Dass sie Sehnsucht hat nach viel Salat, frisch gepflückten Kirschen.
Autorin: Seit 30 Jahren ist es eine Tradition: Die Berliner Kolpingjugend will die Erinnerung an die Schrecken im Konzentrationslager Ravensbrück wachhalten. Dafür hat sie sich zu Arbeitseinsätzen verpflichtet. Mit der Gedenkstätte hat sie deshalb einen Kooperationsvertrag geschlossen.
Daniel Buchholz (mit Sohn): Gerade die Techniker, die hier vor Ort sind, mit zwei bis drei Leuten, die sind schon dankbar, dass wir hier kommen. Es gibt auch andere Workcamps, die hier arbeiten. Aber Kolping hat schon den Ruf, dass wir relativ effizient sind und viel tun. Die Gedenkstätte, die wissen wohl auch um unsere Arbeit und schätzen das auch sehr. Es gab auch mal die ehemalige Leiterin, die gesagt hat, wir haben hier gute Spuren hinterlassen. Dass sie auch kein vergleichbares Engagement kennt wie Kolping das hier vor Ort hat. Dass wir generationsübergreifend seit mittlerweile 30 Jahren hier sind. Uns hier vor Ort engagieren.
Sohn von Daniel Buchholz: Papa! Papa!
Daniel Buchholz: Wie mein Sohn zum Beispiel, der hier auch schon fleißig ist. Hier bitteschön! Der ist mit vier Jahren fleißig. Meine Mutter ist mit 80 Jahren dabei. Ich bin dazwischen. Ist wirklich generationsübergreifend. Und was ganz besonderes!
Autorin: Die Teilnehmer des Workcamps erleben hier Geschichte hautnah. Und das, was sie hier leisten, schweißt zusammen:
Adalbert Jurasch: Auch wenn es wirklich ein furchtbarer Ort ist, ist es erstmal schön, dass wir einmal diese Begegnung haben. Zum anderen setzen wir ein Zeichen gegen das Vergessen. Wir wissen ja selber, dass es die Überlebenden im Grunde es bald nicht mehr geben wird. Also kaum Menschen an diese schrecklichen Ereignisse hier im KZ oder die den Holocaust überlebt haben, geben wird. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass junge Menschen sich mit diesem Thema auseinandersetzen.
Autorin: Adalbert Jurasch ist seit Beginn der Workcamps von Kolping dabei. Kolping – das ist ein katholischer Sozialverband, gegründet 1849 von Adolph Kolping. Ziel ist es, Gemeinschaft zu stärken, Verantwortung zu übernehmen – und christliche Werte mit Leben zu füllen. Neben den Arbeitseinsätzen und den thematischen Angeboten wie Führungen über das Gelände steht deshalb auch ein Gottesdienst auf dem Programm.
„Wer Mut zeigt, macht Mut“ – so hat es Adolph Kolping formuliert, der Gründer des Verbandes. Für die Kolpingjugend Berlin zählt das Engagement in Ravensbrück zu ihrem Auftrag: Verantwortung übernehmen und Generationen ins Gespräch bringen.
Sophie Dziaszyk: Ich wünsche mir, dass es hier immer weiter geht. Auch wenn wir sehr viele ältere Teilnehmer haben, kommt ja auch immer wieder die Jugend nach. Dass die Jugend auch so motiviert bleibt, und dass die Jugend sagt: Das finden wir voll wichtig, hier weiterzumachen, damit auch die nächste Generation sieht, was das für ein Ort war und dass so was nie wieder passieren kann - gerade bei dem, was in der Welt heute so los ist.
Autorin: Sagt Sophie Dziaszyk, die Diözesanleiterin bei Kolping Berlin ist. Für so viel Engagement gibt und gab es bereits viel Anerkennung: Die Kolpingjugend hat unter anderem das Band für Mut und Verständigung für ihren langjährigen Einsatz in der Gedenkstätte erhalten.
Adalbert Jurasch: Das ist auch eine Anerkennung für die Teilnehmer, die hier mitmachen, dass die sehen, dass wird auch gesellschaftlich anerkannt. Es ist ja so, die arbeiten unentgeltlich auf dem Gelände, ehrenamtlich, im Grunde zahlen die für ihre Arbeit, die sie hier tun. Wir als Verband können uns das leider nicht leisten, dass wir sagen die Unterkunft bezahlen wir und ihr leistet eure Arbeit. Deswegen erhoffen wir uns mehr Anerkennung und Institutionen, die sagen: Wir unterstützen dieses Projekt auch finanziell.
Autorin: Seit drei Jahrzehnten hält die Kolpingjugend Berlin die Erinnerung in Ravensbrück lebendig. Still, beharrlich, mit vielen Händen. Damit sichtbar bleibt, was nicht vergessen werden darf.