Heute am Pfingstmontag genießen wir den freien Tag. Aber warum ist heute eigentlich frei und Feiertag? Da war doch irgendwas mit Kirche. Michael Kinnen hat sich in Potsdam Babelsberg bei einer katholischen Firmlingsgruppe auf Spurensuche gemacht. Und was das wieder ist?… erklärt er selbst.
Autor: Pfingstmontag. Pfingsten. Das ist ein gesetzlicher Feiertag. Es ist ein freier Tag - und hat irgendwas mit Kirche zu tun. Ich mache mich jetzt heute mal auf die Suche, was es da genau mit auf sich hat. Und zwar mache ich das in Potsdam Babelsberg. Bei mir ist der Pfarrvikar Raphael Weichlein. Herr Pfarrvikar, was ist denn heute eigentlich? Warum ist heute Feiertag?
Weichlein: Heute ist ein großes Fest. Die Kirche feiert, dass der Heilige Geist auf Jüngerinnen und Jünger herabgekommen ist, auf die Schüler von Jesus. Aber wir glauben, dass es auch eine Geistkraft gibt, die uns erfüllt. Das feiern wir heute exakt 50 Tage nach dem Osterfest.
Autor: „Der Heilige Geist“ - Das ist ja auch so ein schwieriges Wort. Ist das irgendein Gespenst?
Weichlein: Genau, also bestimmt kein Gespenst vielleicht im klischeehaften Sinne. Heute machen sich viele Menschen Gedanken über Energien. Es gibt Energien, die irgendwo vielleicht nicht von dieser Welt stammen, die man nicht messen kann im Sinne der Physik, aber die durchaus etwas mit uns machen. Und ich stelle mir den Heiligen Geist eben als eine Kraft vor, der uns im energetischen Sinne verwandelt und uns offen auch macht zu guten Werken der Versöhnung und vielleicht auch uns sensitiv macht für Dinge, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind.
Autor: Und wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie sagen: Das ist nicht sichtbar, aber es bewirkt irgendwas? - Ich bin jetzt kein Physiker, aber da denke ich an Strom, oder an Wind: Ist das sowas?
Weichlein: Ich persönlich glaube: Immer dort, wo Menschen zueinander finden, ohne sich wiederum abzugrenzen von anderen Personengruppen, ist das bereits eine Wirkung dessen, was wir Heiliger Geist nennen. Dort, wo Versöhnung stattfindet, auch Versöhnung, vielleicht sogar mit der eigenen Lebensgeschichte, gibt es auf einmal Punkte im Leben, wo sich etwas auflöst im guten Sinne des Wortes. Das lässt sich wahrscheinlich nicht mit Methoden der Physik erklären, aber ich denke doch, eine Wirkung ist feststellbar, eben ein anderer Blick; ein neuer Blick aufs eigene Leben; ein neuer Blick auf Beziehungen einzugehen. Und diese Art von Wirkung identifiziere ich persönlich mit dem Wirken Gottes, mit dem Wirken des Heiligen Geistes.
Autor: Wenn Sie heute jetzt Pfingsten zum zweiten Mal schon feiern, nachdem gestern der Pfingstsonntag war und jetzt Pfingstmontag ist… - Sie hatten aber vor kurzem auch noch ein anderes Fest, das ja auch mit Heiligen Geist zu tun hat, nämlich die Firmung.
Weichlein: Genau, es war das Fest der Firmung. Das heißt: In dieser Pfarrei in Potsdam wurden insgesamt 61 Jugendliche so im Alter von 14, 15 Jahren gefirmt, wie wir sagen…
Autor: Was ist das?
Weichlein: Genau… Das... jetzt ein bisschen vom Lateinischen, das kommt von „Confirmare“, das heißt bestärken, besiegeln. Und das ist eine Art der Tauferneuerung. In der Regel werden ja doch in unserem Kulturkreis kleine Kinder getauft. Und es hat sich dann die Praxis entwickelt, im Jugendalter diese Taufe noch mal bewusst zu erneuern mit einer Feier, die wir Firmung nennen. Es ist ein Gottesdienst, bei dem der Bischof, also das heißt der Leiter des Kirchenbezirks oder ein Vertreter kommt und eine Salbung vornimmt an der Stirn: In der Position zwischen den Augen sozusagen, dass wir auch lernen, mit unserem geistigen Auge zu sehen, eben auch feinfühliger zu werden für das, was mit bloßem Auge nicht sichtbar ist. Und wir glauben eben auch, dass durch diese Zeichenhandlung wir dann auch noch mal neu offen werden für das Wirken des Heiligen Geistes, der göttlichen Geistkraft, um Werke der Versöhnung, gute Werke, Früchte des Geistes tun zu können.
Autor: Das sagt jetzt ein Erwachsener. Aber es sind ja Jugendliche, die da gefirmt werden, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen.
Weichlein: Genau. Ich hatte schon auch viel Offenheit, auch viel interessierte Fragen von Seiten der Jugendlichen wahrgenommen. Und ich glaube, es ist auch ein bisschen ein Klischee zu sagen, dass jetzt Jugendliche immer nur chillen wollen und nur abhängen. Das wollen sie auch. Aber sie stellen durchaus tiefe Fragen.
Autor: Dann fragen wir doch die, um die es geht hier. Bei mir ist die Ailish: Du bist eine von den Firmlingen hier. Warum lässt du dich firmen?
Ailish: Also ich bin sehr früh mit Gott in Berührung gekommen, einfach durch meine Familie, die sehr gläubig ist. Und ich war einfach schon immer sehr verbunden mit Kirche. Und Ostern und Weihnachten waren wir einfach immer in der Kirche und auch mal sonntags und so. Dann habe ich mich da einfach mal drauf eingelassen und war halt so … ja, okay. Und dann habe ich halt ganz schnell verstanden: Ey, eigentlich gibt es wirklich Gott und das ist wirklich was, was mir hilft, und der mir zuhört, und der immer für mich da ist und mit dem ich halt reden kann, wenn ich halt niemanden habe.
Autor: Ist das was Besonderes in deiner Klasse, in der Schule? Wie reagieren da deine Mitschüler drauf?
Ailish: Also eigentlich ist Religion in dem Sinne jetzt nicht so ein Thema. Es gibt auf jeden Fall keine Ausgrenzung oder irgendwas. Also ich bin eigentlich sehr frei in meinem Glauben. Klar, gibt es manchmal Debatten oder Diskussionen: Warum bist du denn gläubig? Oder auch unter Freunden oft, dass man sagt: Das macht doch alles gar keinen Sinn. Den gibt es doch gar nicht. Und da, glaube ich, ist es einfach wichtig zu verstehen, dass es halt eine private Verbindung mit dir und Gott ist. Also dass das niemanden anderen betrifft und dass jeder halt selber wissen muss, ob er das machen möchte, ob er die Verbindung mit Gott aufbauen möchte. Aber für mich ist es auf jeden Fall wert, das zu tun. Für mich ist Gott eine Person, zu der ich immer kommen kann und Jesus eine Person, auf die ich gucken kann und sagen: okay, so muss ich mich verhalten, so muss ich mich verändern, so kann ich mit Situationen umgehen. Klar, keiner ist so wie Jesus, keiner ist perfekt. Und ich glaube, es ist einfach eine Person, zu der man hingucken kann. Ich zumindest fühle mich so, als wäre es ein Schutz um mich herum. Und man sieht ihn überall. Gott sehe ich in allen Formen, in allen Menschen. Und das ist einfach so eine Gemeinschaft, die man einfach hat und mit der man sich umgibt.
Musik: You can count on me von Bruno Mars
Autor: Heute Morgen geht es beim „Apropos“ am Pfingstmontag um den Heiligen Geist. Das ist das, was die Kirche an Pfingsten feiert. Es geht um die Firmung in Potsdam Babelsberg. Und bei mir ist Pfarrvikar Raphael Weichlein. Herr Pfarrvikar, bei dieser Firmvorbereitung: Sie haben über ein halbes Jahr sich jetzt regelmäßig getroffen mit den Jugendlichen. Worum ging es da?
Weichlein: Ja, generell: Glauben heißt auch, einen Weg zu gehen. Ich will jetzt auch nicht zu weit ausholen, aber in der Bibel haben wir etliche lange Weg-Erzählungen: Der Weg von Abraham und Sarah; der Weg des Volkes Israel durch die Wüste und es gibt noch ganz andere. Auch Jesus selbst ist sehr viel mit seinen Freundinnen und Freunden umhergezogen. Und wenn man so sich auf einen Weg macht, dann spricht man auch über tiefergehende Themen. Und so einen kleinen Weg haben auch wir jetzt gemacht. Wir haben uns getroffen, alle zwei, drei Wochen an einem Sonntag Gottesdienst zusammen gefeiert, auch mit der Gemeinde. Wir haben gemeinsam gegessen, auch das ist urbiblisch. Jesus hat auch selbst viele Gespräche am Tisch gehabt. Aber natürlich haben wir uns auch über Themen ausgetauscht…
Autor: ... zum Beispiel?
Weichlein: ...woher das Böse eigentlich kommt. Das sind sehr tiefe Fragen. Das war relativ am Anfang. Beispiele des Guten, Beispiele des Bösen und dass jeder Mensch auch in sich diese zwei Pole trägt, wie wir glauben. Aber dass es sich eben lohnt, auch sich dem Guten zu öffnen, das hat auch viel mit dem Wirken der Geistkraft zu tun. Dann waren ganz andere Themen: Wir hatten uns Gedanken gemacht, was aus geschichtlicher, historischer Sicht für oder gegen gewisse Erzählungen in der Bibel, im Evangelium spricht. Da war ein Geschichtslehrer hier bei uns, der aber auf Grundlage von historischen Zeugnissen da auch versucht hat, Fragen zu beantworten. Wir hatten einen jungen Jesuiten, das heißt einen jungen Priester, da, der auf sehr persönliche Art und Weise gesprochen hat, was ihn bewogen hat, diesen Weg, auch diesen Beruf, diesen Berufungsweg einzuschlagen. Wir hatten Themen gemacht, auch über Schöpfungsverantwortung: Was heißt es eigentlich, dass wir glauben, dass Gott alles ins Dasein gerufen hat und das unsere Welt erhellt, unsere Welt von innen erneuert. Und wir hatten auch einen Mediziner, einen Arzt hier auch zugleich Gemeindemitglied, der über eine sehr ernste, aber zugleich auch wichtige Thematik mit den Jugendlichen ins Gespräch gekommen ist: Was bedeutet es, gesund zu sein? Was bedeutet es, krank zu sein? Und tatsächlich auch, was geschieht beim Altern? Auch beim Sterben? Und er hat aus medizinischer und christlicher Sicht auch über das Thema Sterben und Tod geredet. Und das ist auch tatsächlich auf großes Interesse von Seiten der Jugendlichen gestoßen.
Autor: Jetzt könnte man meinen, das klingt alles sehr theoretisch, dass das wie ein Unterricht war, dass das wie eine Belehrung war. Sie haben aber auch was ganz Praktisches gemacht, nämlich ein Sozialpraktikum. Was war das eigentlich genau?
Weichlein: Jeder Jugendliche war eingeladen, einen halben Tag an einem Samstag sich einem karitativ sozialen Projekt zu widmen. Es war die Möglichkeit, in einer Einrichtung für suchtkranke Jugendliche hier in Brandenburg bei Nauen dabei zu sein, wo auch die Jugendlichen auch ganz persönliche Geschichten kennengelernt hatten von anderen Jugendlichen. Es war die Möglichkeit, an einer Suppenküche mitzuwirken der Mutter Teresa Schwestern in Berlin Kreuzberg. Es bestand die Möglichkeit, hier in Potsdam bei der Potsdamer Tafel mitzuhelfen und auch das Hospiz hier in Potsdam Hermannswerder zu besuchen - also natürlich auch mit einer vorbereitenden Einheit. Und: Der Kirchenputz, der stand auch noch als Option an, denn auch eine Kirche reinigt sich auch nicht von alleine. Und auch hier hatten sich etliche Jugendliche bereit erklärt.
Autor: Und wie passt das alles zum Heiligen Geist, zu diesem Aufbruch, den Sie da eben beschrieben haben? Wenn man die Kirche putzen lässt - dazu muss man keine Firmlinge haben... Wie passt das zusammen für Sie?
Weichlein: Naja, der Heilige Geist wirkt vielleicht auch manchmal an Orten, an denen man ihn nicht sofort vermutet. Also natürlich kann die Kirche auch sonst jemand putzen. Aber es geht auch darum, konkret eine Kirchengemeinde von innen kennenzulernen, auch mit anderen Gemeindemitgliedern dann auch ins Gespräch zu kommen. Und das ist für uns Christen auch wichtig, dass Glauben nie eine rein individuelle Sache ist, sondern immer eben Weggemeinschaft auch mit anderen. Und das sind Ältere, das sind Jüngere, das sind Männer, das sind Frauen, das sind aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Und ich meine, wenn man auch mal einen halben Tag an einem Kirchenputz beteiligt, denke ich, lernt man auch nochmal eine christliche Gemeinde aus einer ganz anderen und neuen Perspektive kennen.
Autor: Und … Besonderheit! - Sie haben einen Film gedreht.
Weichlein: Ja, also für sehr viele Menschen ist es ja vielleicht nicht sofort klar, was es eigentlich heißt, sich firmen zu lassen - oder worum es bei einer Firmung gehen kann. Deswegen war die Anfrage, auch hier etwas enger zuschauen zu dürfen. Und zwar für den schulischen Kontext wurde ein Dokumentarfilm gedreht über unseren Firmenkurs. Sie waren bei einer Einheit dabei, auch dann beim Firmgottesdienst selbst. Es gibt ja auch sehr viele verschiedene Übergangsrituale in der Teenagerzeit, wie gesagt, von den christlichen Kirchen ist eben die Praxis der katholischen Firmung und der evangelischen Konfirmation.
Autor: Hier in Brandenburg ist vielleicht eher, was man damit verbindet: die Jugendweihe. Und das heißt, die Firmung ist dann sowas wie Jugendweihe auf katholisch?
Weichlein: Wenn man es sehr einfach sagen will, ja. Allerdings gab es die Firmung schon vor der Jugendweihe.
Autor: Das heißt, sie haben die älteren Rechte. Nochmal zurück zu dem Film. An wen richtet der sich und was wird da gesagt in diesem Film?
Weichlein: Dieser Film soll eben Einblick gewähren in unterschiedliche Rituale, Feiern der Wenden zur Jugendzeit, aber jetzt speziell im Hinblick auf das Angebot der großen christlichen Kirchen. Also der Film heißt: „Firmung und Konfirmation“.
Autor: Eine von den Firmlingen hier ist die Ailish. Ailish, da kommst du ja auch vor. Wie war das denn für dich?
Ailish: Ich fand es auf jeden Fall interessant. Ich rede gerne mit Leuten und verbreite auch gerne meine Seite von Sachen und sage auch gerne, wie ich Sachen finde, weil ich finde, dass ich da eine sehr ehrliche Meinung dazu habe - und wenn mir was nicht gefällt, dann sage ich das auch. Ich fand es sehr toll, dass ich da mitmachen durfte und fand es auch sehr interessant, mal so zu sehen, okay, vielleicht kann ich anderen Leuten zum Glauben helfen und meinen Glauben quasi erklären und versuchen zu sagen: Ey, probiert es doch mal aus! Man kann ja nichts verlieren deswegen. Ja, das fand ich sehr schön.
Autor: Ailish, eine Besonderheit hier im Erzbistum Berlin ist ja, dass man sich zur Firmung einen Heiligen, eine Heilige aussucht als Patron für die Firmung. Wen hast du dir da ausgesucht?
Ailish: Katharina von Siena…
Autor: ...und warum die gerade?
Ailish: Also, ich hatte mich in ihren Charakter und so reingelesen, hatte halt überlegt: Ok, wen nehme ich denn? Vielleicht eher jemand, der zu mir passt, als etwas, was die getan haben? Und da habe ich dann halt sie gefunden, eine Person, die sehr mutig war und sich sehr für ihre Rechte eingesetzt hat, sich nicht hat unterkriegen lassen, auch für Rechte für Frauen und so. Und das fand ich sehr richtig und sehr wichtig. Und sie hat sich eben nichts sagen lassen. Und das fand ich einfach sehr schön. Und sie ist auch voll mit Herz, also ein sehr lieber Mensch mit sehr viel Liebe. Und das würde ich sagen, beschreibt mich sehr. Deswegen fand ich das sehr schön mit ihr.
Autor: Und von dieser Katharina von Siena stammt auch ein Zitat, das - wenn es auch aus dem 14. Jahrhundert ist, sehr gut auch heute zum Wirken der Geistkraft, dieser Power, und auch zur Firmung passt: „Gebt euch nicht mit Kleinem zufrieden! Gott erwartet Großes!“, sagt die Heilige Katharina. Und das ist ja auch eine schöne Botschaft zu Pfingsten.
Musik: Egal, was kommt, es wird gut, sowieso von Mark Forster