Zwei Personen stehen vor einem Hintergrund, der ein Polizeimotiv zeigt. Eine Frau trägt ein gestreiftes Hemd und lächelt, während ein Mann mit Brille und Jeansjacke neben ihr steht. Im Hintergrund ist das Logo der Polizei Berlin und der Schriftzug "ZGR - Zentrum für ...". Zwei Personen stehen vor einem Hintergrund, der ein Polizeimotiv zeigt. Eine Frau trägt ein gestreiftes Hemd und lächelt, während ein Mann mit Brille und Jeansjacke neben ihr steht. Im Hintergrund ist das Logo der Polizei Berlin und der Schriftzug "ZGR - Zentrum für ...".
Zwei Personen stehen vor einem Hintergrund, der ein Polizeimotiv zeigt. Eine Frau trägt ein gestreiftes Hemd und lächelt, während ein Mann mit Brille und Jeansjacke neben ihr steht. Im Hintergrund ist das Logo der Polizei Berlin und der Schriftzug "ZGR - Zentrum für ...".
11.10
2026
08:40
Uhr

Begleiten. Beraten. Beistehen

Zu Besuch im neuen Ethikzentrum der Berliner Polizei

Ein Beitrag von Michael Kinnen

Autor: Bei Antenne Brandenburg. Apropos Sonntag geht es heute Morgen um die Polizei. Es geht um die Seelsorge bei der Polizei - und bei mir sind zwei Personen, die Polizeiseelsorger, -Seelsorgerin sind, nämlich Frank-Peter Bitter, katholischer Polizeiseelsorger im Erzbistum Berlin und Corinna Zisselsberger, die evangelische Polizeiseelsorgerin für die Evangelische Kirche Berlin, Brandenburg und Schlesische Oberlausitz. 

Herr Bitter, Sie sind Polizeiseelsorger. Was ist das eigentlich? Sind Sie irgendwie mit Blaulicht und irgendwas mit Kirche - kann ich mir vorstellen, aber was ist ein Polizeiseelsorger? 

Bitter: Also mit Blaulicht und irgendwie Kirche kann man schon sagen, wobei ich natürlich in erster Linie Seelsorger bin für die Polizisten, die selbst in schwierige Situationen kommen, die Nöte und Sorgen haben, aber auch, wo wir miteinander ins Gespräch kommen über ethische Fragen; wo wir (uns) begegnen im Gottesdienst, aber auch bei Feiern wie zum Beispiel zu unserem Michaelsfest, welches jedes Jahr stattfindet. 

Autor: Wieso brauchen Polizistinnen und Polizisten einen eigenen Seelsorger, eigene Seelsorge? Können die nicht einfach in die Kirche kommen? 

Bitter: Ich denke, viele der Polizisten gehen auch sicherlich normal in die Kirche oder gehören auch einer Gemeinde an. Jedoch ist der Dienst des Polizisten oder der Polizistin schon besonders, weil er auch sehr existenziell ist. Polizei ist Träger von Waffen, sind also Gewaltmonopol bei uns in unserer bürgerlichen Gesellschaft - und tragen viel Verantwortung für Recht und Sicherheit. Und das ist für mich jetzt als Außenstehender, zwar in der Polizei seiend, schon eine große Herausforderung, die nicht immer leicht zu tragen ist. Deshalb benötigen Polizeikräfte auch einen besonderen Beistand, auch durch die Kirche. 

Autor: Sie haben eben von belastenden Situationen gesprochen. Was ist das denn zum Beispiel? 

Bitter: Der schlimmste Fall einer Belastung, finde ich, ist immer der Schusswaffengebrauch, den Polizisten teilweise auch tun müssen, wo auch vielleicht auch Menschen sterben. [Oder] Wenn sie an Unfallorte kommen mit vielen Verletzten, mit Toten; wenn sie auf Demonstrationen stehen müssen, neutral sein müssen, auch wenn sie der Meinung sind, dass die Demonstranten sich nicht unbedingt immer auf der freiheitlich demokratischen Grundordnung … deren Boden befinden: Dieses auszuhalten, das finde ich schon sehr schwierig. 

Autor: Und was können Sie da als Kirche, als Seelsorge, als Polizeiseelsorger tun? 

Bitter: Da sein. Wer möchte, dass man sprechen möchte über sich und sein Innerstes… (da) sind wir als Seelsorge, finde ich, gute Ansprechpartner, da wir unter der absoluten Schweigepflicht stehen: Bei uns - wenn Sie zu uns kommen, können Sie einfach reden: über sich, über ihre Probleme, über ihre Ängste und Sorgen; das bleibt bei mir und ist geschützt. 

Autor: Sie machen die Arbeit nicht alleine. Sie haben auch eine Kollegin von der Evangelischen Kirche, Corinna Zisselsberger. Frau Zisselsberger, was ist denn der Unterschied zwischen der katholischen Polizeiseelsorge und der evangelischen Polizeiseelsorge? Was machen Sie anders als Ihr Kollege?

Zisselsberger: Inhaltlich gibt's da keinen großen Unterschied. Deswegen arbeiten wir ja auch sehr gerne und vertrauensvoll ökumenisch zusammen. Ich glaube, wir legen so ein bisschen unterschiedliche Schwerpunkte. Mein katholischer Kollege geht zum Beispiel sehr gerne pilgern. Ich bin so im Bereich Trauer sehr stark unterwegs. Also das ist auch so ein Herzensthema von mir und das ist auch etwas, wo ich spüre, dass es da 'ne große Dankbarkeit auch dafür gibt, dass Menschen zur Verfügung stehen für die schwierigen Themen im Leben. Und deswegen sehe ich es zum Beispiel auch als Teil unserer Arbeit, dass wir quasi so Brückenbauer sind zwischen der Polizei und der Gesellschaft, weil wir eben selber keine Polizistinnen und Polizisten sind, aber den Alltag, die Erfahrungswerte sehr gut kennen. 

Bitter: Zum Seelsorgebegriff finde ich auch noch wichtig, dass ich ihn auch sehr weit fasse. So biete ich nicht nur Hilfe, Beistand in Krisensituationen an, sondern fühle mich auch als Ansprechpartner für Prävention. So biete ich verschiedene Seminare an für Polizeikräfte, so unter anderem fürs LKA, auch (im Bereich) der Kinderpornografie; zum Thema Stabilität und Balance. Ich biete auch an, das hätte ich nie gedacht: Wochenenden für alleinerziehende Polizeikräfte für Berlin und Brandenburg. Das findet immer in Kirchmöser (nahe) der Stadt Brandenburg statt. Da sind Kinder dabei und die Alleinerziehenden. Also ich finde, wenn man sich nur auf die Krisen und die Einsätze bezieht, hat man sicherlich auch zu tun, aber das wäre mir zu wenig. 

Autor: Wie bereiten Sie sich denn vor auf Ihre Einsätze? Sagen Sie einfach: ‚Ich kann alles und ich guck mal, was kommt?‘ Oder… - Es gibt ja auch für Sie belastende Situationen. 

Bitter: Also erstens kann ich nicht alles. Zweitens, ich glaube, dass ich schon auch vorbereitet gehen muss, aber ich weiß auch nicht, was mich erwartet. Wenn ich zu Trauernden komme, wo ein Polizeiobermeister gestorben ist, weiß ich nicht, wie die, wie die Familie reagiert, wie das ist. Wenn sich ein Sohn, der Polizist war, sich suizidiert hat und ich zu Eltern gehe: Ich weiß nicht, was da auf mich zukommt. Und bevor ich da an die Tür trete und da anklinge und sage: „Hier Polizeiseelsorge", dann sammele ich mich im Auto und spreche ein kurzes Gebet. Und das mache ich dann auch, wenn ich wieder aus der Tür raus bin. Und ich lasse mich aber auch begleiten, weil alles kann ich für mich persönlich nicht mit mir selbst ausmachen. 

Zisselsberger: Ich glaube, man muss innerlich sehr gefestigt sein, diesen Job oder es ist ja mehr als ein Job: diesen Beruf und diese Berufung gut leben zu können. Und das funktioniert eben nur, wenn man seine eigenen Themen kennt und die gut bearbeitet hat, und wenn man regelmäßig in Reflexion geht, wie zum Beispiel in der Supervision. 

Autor: Eine Einrichtung, die jetzt neu entstanden ist, ist das Zentrum für Berufsethik und Reflexion der Polizei. Das ist in Spandau angesiedelt. Da gibt es eine große Ausstellung - und in die gehen wir jetzt auch noch zusammen rein und gucken uns an, was da zu sehen ist.

 

Musik: Herbert Grönemeyer: Mensch

 

Autor: Bei „Apropos Sonntag“, Antenne Brandenburg, geht es heute Morgen um die Polizei, die Polizeiseelsorge. Da haben wir eben drüber gesprochen. Und besonders sind wir jetzt hier im Zentrum für Berufsethik und Reflexion der Polizei Berlin. Die Leiterin vor Ort ist Sabine Kerl. Frau Kerl, Sie sind auch selbst Polizistin. Was ist denn das Besondere hier an diesem Ethikzentrum? 

Kerl: Ja, hallo. Erstmal herzlich willkommen im Zentrum für Berufsethik und Reflexion der Polizei Berlin. Das ist hier so eine Art Ausstellung verteilt auf zwei Etagen mit vier Themenräumen. Wir haben hier die Themenräume Mensch sein, Gewalt, extreme Situationen, Tod und Sterben.

Und die Besuchergruppen, werden von einem Moderationsteam begleitet und über Fragen wird versucht, 'ne Reflektion und einen Austausch in der Gruppe anzuregen. 

Autor: Sie sind Teil dieses Moderationsteams und wir stehen jetzt hier vor dem Raum "Mensch sein" und gehen jetzt in diese Ausstellung rein. Was sieht man denn hier? 

Kerl: Genau, wir gehen jetzt hier rein und, man sieht die verschiedenen Themenwände zu verschiedenen Themen aus dem beruflichen Alltag, die gefüllt sind mit berufsethischen Fragen und Spannungsfeldern. 

Autor: Einsatzbelastung sehe ich jetzt zum Beispiel als ersten Schritt. 

Kerl: Genau, da geht's zum Beispiel darum, wie gelingt es trotz der Belastungen, die ja im polizeilichen Alltag vorhanden ist, trotzdem noch professionell seine Rolle auszufüllen? Und Rolle ist ein gutes Stichwort. Hier haben wir nämlich auch das Thema Rolle und da stellt sich zum Beispiel die Frage…

Autor:… zwischen Anspruch und Wirklichkeit steht da auf einer Tafel…

Kerl: Genau. Und es geht aber tatsächlich um verschiedene Rollen, die man als Mensch so innehat, beruflich und privat. Und die Frage ist: Wie viel nehme ich eigentlich von meiner privaten Person mit in den dienstlichen Alltag? Wie viel von mir steckt noch in der Uniform? Welche persönlichen Überzeugungen, Wertvorstellungen nehme ich eigentlich mit in den Beruf? 

Autor: Wir hatten eben schon über das Thema Glaube und Religion gesprochen, Polizeiseelsorge, - und Sie sagen „Menschsein“: Da gehört... der Glaube gehört da ja dazu. Was bedeutet der denn hier bei der Polizei? Was bedeutet der hier in diesem Raum? 

Kerl: Das Zentrum für Berufsethik und Reflexion ist erstmal losgelöst von der Seelsorge. Wir sehen uns als nebeneinander existierende Bereiche und versuchen, das Zentrum großmöglich zu nutzen. Und da spielt die Seelsorge natürlich im Rahmen von Workshops auch eine Rolle.

Autor: Und zum Thema Mensch sein. In dem Raum sind wir ja hier. 

Kerl: Genau. 

Autor: Welche Rolle spielt das da? 

Kerl: Wir reden tatsächlich über Spannungsfelder berufsethischer Art im polizeilichen Alltag und das ist sehr vielfältig. Und, die Seelsorge sollte im Bereich der Seelsorge bleiben. 

Autor: Herr Bitter, Sie sind ja Polizeiseelsorger. Jetzt sind Sie angesprochen. 

Bitter: Ja, ich seh‘ das genauso wie Frau Kerl. Wir als Seelsorge verstehen uns als zusätzliches Hilfsangebot in Fragen des psychosozialen Bereiches, aber auch der Vermittlung von ethischen Werten und Normen. Und ich fand die Idee gut, dass Polizisten und Polizistinnen sich en passant mit Fragen ihrer selbst und von... mit ethischen Fragen beschäftigen, weil das wichtig ist, dass sie Menschen sind und nicht nur Polizisten. Sondern die Menschen in der Uniform sollten sich auch mit sich selbst und mit den Dingen, die sie auch belasten oder auch die sie einfach jeden Tag tun, auch reflektierend beschäftigen, damit sie den Dienst auch in Zufriedenheit und Integrität auch tun können. Und das ist meiner Meinung nach ohne Reflexion nicht möglich. 

Autor: Und auch dafür gibt's dieses Ethikzentrum, dieses Zentrum für Berufsethik und Reflexion. Frau Kerl, ‚en passant‘ war eben das Stichwort. Wir laufen jetzt durch die Ausstellung. Was kann man hier noch sehen? 

Kerl: Wir laufen jetzt, wenn man mit dem Thema Mensch sein fertig ist, würden wir jetzt in den Raum Gewalt treten. Hier hat jeder Raum eine unterschiedliche Farbgebung, so abgestimmt aufs Thema. Hier beim Raum ‚Mensch Sein‘ haben wir einen orangefarbenen oder goldfarbenen Untergrund. Jetzt gehen wir ins Themenfeld Gewalt und da haben wir jetzt einen roten Boden quasi. 

Autor: Blutrot?

Kerl: Nicht blutrot, auf keinen Fall, aber schon dem Thema Rechnung getragen. Gewalt ist ja… Da stecken Emotionen, Potenzial drin. Und ja, jetzt sind wir hier im Themenraum Gewalt. Hier in der Mitte sieht man ein Hamburger Gitter. 

Autor: Das ist eine Absperrung. Bei einer Demo kennt man das. 

Kerl: Genau, das wird in Berlin ganz häufig verwendet für Absperrmaßnahmen und es ist ein bisschen umgebaut worden. Man hat hier ein Regal rangeschmiedet. Auf der einen Seite finden sich Gegenstände, die wir als Polizei einsetzen, um Gewalt anzuwenden und auf der anderen Seite sind Gegenstände, die das Gegenüber gegenüber der Polizei anwendet. 

Autor: Also ich sehe einen Helm, ich sehe einen Schlagstock, wenn man das so nennt. Ich sehe Handschellen... 

Kerl: Genau. Und auf der anderen Seite auch ganz viele Hieb-und Stichwerkzeuge. 

Autor: Ein Messer... 

Kerl: Ja, genau. Und hier kann man beispielsweise die Frage stellen: Gibt's gute Gewalt? Gibt's schlechte Gewalt? Sind wir die Guten? Sind wir die Bösen? Also wenn man jetzt mal so plakativ sprechen möchte. 

Was wir hier auch noch stellen die Frage: Was verbindet uns in der Polizei alle? Und das ist tatsächlich das Thema Gewalt in jeglicher Form. Wir erfahren Gewalt auf der Straße, also wir sehen Gewalt, wir erleben selber Gewalt, wir sind Zielscheibe und wenden auch Gewalt an.

Autor: Gewalt ist doch Routine? - steht hier. 

Kerl: Genau, es ist jetzt die Frage: Man sitzt abends am Abendbrotstisch und erzählt seiner Familie vom Tag. Man erzählt es ganz ruhig und die Familie kriegt große Augen und fragt dich: "Was? Das war dein Arbeitstag?" Und dann muss man sagen: „Ja." Also wie verändert sich eigentlich der Blick auf Gewalt vom Beginn des Einstiegs in den Polizeidienst, bis man paar Jahre dabei ist? Also was verändert sich da eigentlich? 

Autor: Welche Reaktionen hören Sie denn von Polizistinnen und Polizisten, die hier durch die Ausstellung gehen? Sind die dann still und gehen schweigend raus oder wie geht's dann weiter? Was sind die Reaktionen? 

Kerl: Auch das ist sehr verschieden. Manche sind sehr nachdenklich und manche können auch ihre Gedanken in Worte fassen. Wir hören dann ganz oft, dass die vier bis sechs Stunden, die die Leute hier sind, sehr kurzweilig sind; dass es als wertschätzendes Angebot wahrgenommen wird und dass es schön ist, hier Zeit zum Austausch zu bekommen. Ja. Was mir noch wichtig wäre zu sagen: Wenn man hier so durch die Räume läuft, das betrifft ja voll den polizeilichen Alltag. Also die Themen können auch berühren. Und wenn wir merken, dass jemand mehr als berührt ist, dann haben wir auch Möglichkeiten, noch an weitere Unterstützungsangebote der Behörde weiterzuleiten. Wir haben hier beispielsweise im Nachbarhaus den sozialpsychologischen Dienst, die Einsatznachsorge und wir haben hier selbst auch im Haus die Polizeiseelsorge. Und da schaue ich einfach noch mal hier an meine Seite.…

Autor: Der Herr Bitter. Der Polizeiseelsorger vom Erzbistum. 

Bitter: Ja, ich denke, dass ich als Seelsorger hier auch in diesem Bereich gut platziert bin, auch wenn ich viel unterwegs bin. Ich fühle mich da als Angebot neben den Angeboten, die die Behörde auch anbietet. Und hier und da bin ich dann auch für Menschen da, die einfach reden wollen und das in einem geschützten Rahmen. Da glaube ich, ist die Seelsorge, Polizeiseelsorge der richtige Ansprechpartner.

 

Musik: Alphaville: Carry on your flag