Das Bild zeigt zwei Porträts nebeneinander. Links sieht man ein jugendliches Gesicht mit kurzen Haaren und einem schmucken Mantel. Rechts ist ein weiteres Porträt eines jungen Mannes mit mittellangen, lockigen Haaren und einem gelben Oberteil. Beide verleihen einen nachdenklichen Ausdruck.
07.09
2025
08:40
Uhr

Bettina und Achim – Traumpaar der Romantik?!

Ein Beitrag von Rocco Thiede
Eine Frau steht lächelnd vor einem Altar in einer Kirche. Im Hintergrund ist ein religiöses Kunstwerk sowie eine grüne Fahne mit einem Kreuz und einem Boot sichtbar. Auf dem Tisch liegen eine Bibel und drei Kerzen.
Christina Kampf © Rocco Thiede

Autor: Rocco Thiede

Autor: Christina Kampf stammt aus Franken. Nach ihrer theologischen Ausbildung im Rheinland kam sie 1999 nach Brandenburg. Als Diakonin versteht sie sich als Brückenbauerin in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde im Niederen Fläming, zu der viele Dörfer und Kirchen gehören. Ihre Berufung lebt sie mit Klarheit und Leidenschaft:

 Kristina Kampf:
„Die Wiepersdorfer Dorfkirche steht auf dem Gelände der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf. Der Kirchengrund gehört der Kirchengemeinde, aber alles andere drumherum der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf. An die Kirche anschließend ist der Friedhof der Familie von Arnim.“

Autor:
Hier auf diesem Friedhof liegen Bettina und Achim von Arnim begraben – sie gelten als das Traumpaar der Romantik. Kristina Kampf ist nicht nur Diakonin sondern auch Kirchenmeisterin und für 15 Dörfer mit 12 Kirchen verantwortlich, zu der auch die Wiepersdorfer Dorfkirche gehört. Zu dem prominenten Paar, das hier im Schloß zuhause war, hat sie eine besondere Beziehung:

Kristina Kampf:
„Ich selbst habe Transformationsstudien studiert, öffentliche Theologie und soziale Arbeit. Und da ist natürlich Bettina von Arnim, die eine Sozialkritikerin ihrer Zeit war und auch sehr modern war – auch in ihrer Ehe, dass sie getrennt gelebt haben und sich immer wieder getroffen haben und dennoch sich sehr geliebt haben.“

Kristina Kampf:
„Weil wir als Kirche ja immer von der Liebe reden und sie auch gerne praktizieren wollen – aber eben auch in dem Sinne, dass wir eine Liebe finden für die Menschen, die außerhalb leben. Und diese Liebe soll auch dazu führen, dass wir gerecht handeln und nach Gerechtigkeit suchen – für den Sozialraum, für die Menschen, die hier leben.“
 

Eine lächelnde Frau mit kurzen, braunen Haaren steht im Freien, umgeben von Bäumen. Sie trägt eine weiße Bluse mit buntem Druck und eine Perlenkette. Der Hintergrund zeigt eine grüne Wiese und eine Zaunreihe. Die Stimmung wirkt freundlich und einladend.
Roswitha Karbaum © Rocco Thiede

Autor:

Schloß Wiepersdorf, Sitz der Familie von Arnim, in die Bettina von Arnim, geborene Brentano im Jahr 1811 einheiratete, beherbergt heute ein Museum. Seit 1995 führt Roswitha Karbaum durch die historischen Schloßräume. Sie kennt sich mit der Familiengeschichte bestens aus. Was gar nicht so einfach ist:

Roswitha Karbaum:
„Ich merke schon, Sie haben Schwierigkeiten mit Bettina oder Bettine. Da ist weder das eine noch das andere richtig, denn normalerweise hieß sie Katharina Elisabetta Ludovica Magdalena, geborene Brentano. Und da die italienische Koseform von Elisabetta ‚Elisabetina‘ ist, ist daraus Bettina oder Bettine entstanden. Also, sie hat mal mit Bettini und mal mit Bettina unterschrieben. Wir hier in unserer Region sagen Bettina.“

Autor:
Ich möchte von Frau Karbaum wissen: Waren Bettina und Achim tatsächlich das Traumpaar der Romantik?

Roswitha Karbaum:
„Ich würde sagen, sie haben eine tolle Ehe geführt. Bettina und Achim sind ja 1814 nach Wiepersdorf gezogen – aus ökonomischen Gründen. Achim hatte keine Anstellung in Berlin. Es waren zwei Kinder da, und man musste ja sehen, dass die Familie versorgt wurde.“

Autor:
Doch dabei blieb es nicht, denn Bettina merkte schnell, dass das Landleben für sie nicht das Richtige war. Das Paar begann eine für damalige Verhältnisse fortschrittliche Ehe zu führen:

Roswitha Karbaum:
„Sie bevorzugte die Großstadt, und dorthin zog sie dann auch 1817 wieder. Das bedeutete, das Paar hat getrennt gelebt – von einigen Besuchen abgesehen. Bettina in Berlin, Achim hier in Wiepersdorf. Man traf sich zwar dann wieder – entweder hier in Wiepersdorf oder in Berlin –, aber es war eine getrennte Zeit, die sie dann hatten. Und zur damaligen Zeit getrennt zu leben, das bedeutete schon wirklich große Herausforderungen. Und natürlich musste dem auch zugestimmt werden. Und dass Achim das zugelassen hat – Hut ab.“

Autor:
Bettina und Achim waren nicht nur an zwei verschiedenen Orten zuhause – auch in der Frage der Religionszugehörigkeit ging das Paar verschiedene Wege. Weil beide unterschiedliche Konfessionen hatten, musste auch bei der Kindererziehung eine pragmatische Lösung her. Bettina war:

Roswitha Karbaum:
„Katholisch, genau. Und Achim evangelisch. Dementsprechend wurden auch die Kinder erzogen. Sie hatten sieben Kinder – vier Jungs und drei Mädchen. Das bedeutete: Die Jungs wurden evangelisch, die Mädchen katholisch erzogen.“

Autor:
Zwei Liebende, die andere Wege gingen als damals üblich. Das ging natürlich nicht immer konfliktfrei zu. Das oft getrennt lebende Paar hat einen regen Briefwechsel hinterlassen, aus dem hervorgeht, dass auch in diesem Fall Streit zu dieser Paarbeziehung dazugehörte:

Roswitha Karbaum:
„Das war natürlich auch eine Herausforderung. Wenn man sich diesen Briefwechsel durchliest, sieht man, dass die Kindererziehung ein Punkt war, an dem sich beide gerieben haben. Denn Achim wollte eine strenge Erziehung, Bettina dagegen eine recht lockere und freie – so wie Bettina eben auch dachte: frei denken.“

MUSIK: Phudys „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“ 

Eine ältere Frau mit schulterlangen, braunen Haaren sitzt auf einem Sofa und hält einen gerahmten, ovalen Zeichnung mit dem Porträt eines jungen Mädchens in den Händen. Sie trägt ein rotes Oberteil und lächelt freundlich.
Petra Heymach © Rocco Thiede

Autor:

Die Familie von Arnim ist weit verzweigt. Nachfahren gibt es bis heute. Zu ihnen gehört Petra Heymach. Sie selber stammt aus Hessen. Ihre Mutter war eine Urenkelin des berühmten Dichterpaares der Romantik, Achim und Bettina von Arnim. Ihre Kindheit verbrachte sie wie das Paar auf Schloss Wiepersdorf. Erst als Erwachsene beginnt Petra Heymach, sich mit diesem Teil der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen:   

Petra Heymach:
„So ab 18 habe ich mich dann sehr viel mehr dafür interessiert. Und als ich selbst nach Berlin zog, um dort Lehrerin zu sein – in Kreuzberg – habe ich einen Verein in der Zeitung gesehen: die Bettina-von-Arnim-Oberschule. Da habe ich gedacht, ach, da machst du mal mit, und dann fing ich da an, für die auch Vorträge zu machen mit dem Kollegium.“

Autor:
Auch für Petra Heymach war die Ehe ihrer berühmten Vorfahren alles andere als gewöhnlich:

Petra Heymach:
„Also das war mit Sicherheit eine sehr ungewöhnliche Ehe, zumal beide ja irgendwann den Entschluss gefasst hatten – gemeinschaftlich –, dass sie nicht unter einem Dach zusammenwohnen. Achim von Arnim – mehr einer Not gehorchend – wollte hier die Güter im Ländchen Bärwalde bewirtschaften, weil sie ihm ja über seine Großmutter zugedacht worden waren.“

 „Und er kannte Bettina ja schon sehr lange zuvor – über seinen Herzensbruder Clemens Brentano, mit dem er ja bekanntermaßen die Volksliedersammlung ‚Des Knaben Wunderhorn‘ herausgegeben hatte. Und das war eigentlich in meinen Augen recht romantisch, diese Zusammenkünfte. Dann hat er ihr völlig unverblümt kundgetan, er müsse heiraten, um eben dieses Erbe antreten zu können, und wüsste niemand lieber als gerade sie. Sie hat sich dann ein bisschen geziert – das war aber so ihre Koketterie und ihre Art – und hat dann eingewilligt. Dann hat sich der Alltag beider bemächtigt.“

Autor:
Es ging dem Traumpaar der Romantik also wie vielen Liebespaaren: Irgendwann holt einen der Alltag ein. Nicht selten weicht ursprüngliche Liebe dann der Gewohnheit. Wie dieses Paar tickte, kann man dem Briefwechsel der beiden Schriftsteller entnehmen. Sie fanden einen Weg aus der lähmenden Gewohnheit:

Petra Heymach:
„…, wie der Alltag sie eben nicht zerfressen hat, sondern immer wieder die Toleranz obsiegte und das Verständnis füreinander. Bettina hätte sich in Berlin zwar mehr gewünscht, dass ihr Mann sich um das geistig-kulturelle Leben kümmert und selbst auch schriftstellerisch tätig ist – und nicht nur, wie sie es nannte, auf dem Land ‚verbauert‘. Doch sie haben immer wieder zueinander gefunden. Ich denke, sie war keine einfache Ehepartnerin. Sie haben immerhin sieben gemeinsame Kinder gehabt.“

Autor:
Eine Großfamilie also. Was heute bei vielen Paaren üblich ist – dass der Mann seiner Frau bei der Geburt der Kinder beisteht – war damals die Ausnahme. Auch hier erweist sich das Paar als sehr modern:

Petra Heymach:
„Er war bei fast allen Geburten – wenn ich richtig informiert bin – in Berlin dabei. Und sie beschreibt, dass die glücklichsten Jahre eigentlich in Berlin waren, wo sie ein kleines Häuschen hatte. Da gibt es einen netten Brief an Goethe, wo sie das beschreibt. Ich lese aus diesen Briefen sehr viel Toleranz und Verständnis – auch Kritik. Es ging oft um die Frage: Was ist die geeignete Erziehung der Kinder? Welchen Privatlehrer soll man nehmen? In welche Schule soll das Kind gehen? Sie hatte eine sehr freiheitliche Ansicht – das war sehr modern für ihre Zeit –, während er da sehr viel konservativer dachte.“

Autor:
Das berühmte Traumpaar der Romantik wusste also auch, dass Liebe einem nicht einfach in den Schoß fällt, sondern auch Einsatz und Arbeit bedeutet. Aber es gab auch wirklich romantische Szenen dieser Ehe, besonders am Anfang:

Petra Heymach:
„Was man ja schon spürt – schon der Beginn der Ehe, die heimlich geschieht, wo sie dann jemanden als Trauzeugen, der ihnen unbekannt war, von der Straße holen und sehr viel Gefallen daran hatten, dass niemand Bescheid wusste, dass sie bereits verheiratet sind. Und er dann, als sie bei Savignys im Hause wohnte, sich heimlich hoch zu ihr schlich und das Bett mit Rosenblättern gefüllt wurde – jedenfalls so ist es überliefert. Also der Beginn war sicherlich romantisch.“

MUSIK Phudys Teil 2

Autor:
Auf Schloss Wiepersdorf im Niederen Fläming verbrachte das Paar Bettina und Achim von Arnim gemeinsam die ersten Ehejahre. Hier auf dem Friedhof liegen beide begraben. Sie galten als das Traumpaar der Romantik. Zurecht, wie ich finde. Auch, wenn nicht alles romantisch war, wie in jeder Beziehung.

Partnerschaften und Ehen sind nicht immer auf Rosen gebettet. Besonders wenn Kinder kommen und der Alltag den ersten Liebesrausch zunichtemacht, geraten Paare oft in Krisen. Bei den von Arnims war es nicht anders. Petra Heymach, deren Mutter eine Urenkelin des Paares war, hat sich mit der Familiengeschichte der von Arnims beschäftigt. Sie hat herausgefunden, dass die Liebe der beiden auch deshalb hielt, weil sie nicht den Konventionen entsprach:

Petra Heymach:
„Hier musste der Alltag gemeinsam bewältigt werden. Das haben sie für die damalige Zeit ganz gut hinbekommen – eben weil sie sich gegenseitig den Freiraum ließen. Also, Bettina hier festzunageln – hätte ich jetzt mal salopp gesagt – oder hier vor Ort zu bestimmen, dass sie nur hier bleibt, hätte sie sicherlich auf Dauer kreuzunglücklich gemacht. Ich denke, dieses Leben in zwei verschiedenen Gegenden war der Garant dafür, dass sie sich auch immer wieder aufeinander freuten. Wenn man bedenkt, dass da auch fast jedes Mal wieder ein Kind herauskam – was so nicht geplant war – und er auch sehr viel Angst um sie hatte, wenn sie dann wieder schwanger war – das war zu der Zeit auch körperlich gesehen eine nicht ungefährliche Situation.“

Autor:
Auch ungewöhnlich für die damalige Zeit war die konfessionsverschiedene Ehe der beiden: eine Katholikin heiratete einen Protestanten. Heute kein Problem, damals eher außergewöhnlich.

Petra Heymach:
„Es soll ja Ehen geben, die gar nicht zustande kommen, wenn man unterschiedlicher Konfession ist. Und es scheint hier immer irgendwie ein gutes Arrangement gegeben zu haben.“

Autor:
Für Petra Heymach sind die erhaltenen Briefe ihrer berühmten Vorfahren jedenfalls mehr als germanistische Studienobjekte für Wissenschaftler – sie haben ihrem Leben einen tiefen Sinn gegeben:

Petra Heymach:
„Und das ist der Reiz dieser Alltagsbriefe. Und dass wir die heute noch in größtmöglicher Vollständigkeit haben, ist natürlich ein Kleinod. Eine ganz tolle Sache, weil man eben auch sehr viel von der Historie erfährt, die man in den Geschichtsbüchern nicht vorfindet – und auch das Verhältnis zu den Zeitgenossen. Ich finde das alles ungeheuer bereichernd, wenn es so nah an einem dran ist. Wenn die Möglichkeit besteht, sich damit zu identifizieren – oder wenn es sogar aus der eigenen Familie stammt –, dann ist das eine sehr intensive Sache, die mein Leben durchaus sehr bereichert.“

Autor:
Wenn man vom Traumpaar der Romantik spricht, von diesen beiden prominenten Persönlichkeiten – was bleibt da als Fazit, wollte ich von der ehemaligen Museumsleiterin von Schloß Wiepersdorf,  Roswitha Karbaum, wissen:

Roswitha Karbaum:
„Also ich würde sagen, beide haben sich ihre Freiheit gelassen und sich nicht in die Zwänge der Zeit einengen lassen, sondern sie haben beide füreinander dafür gesorgt, dass jeder seine Freiheit haben konnte. Und das war ein großes Plus. Man kann nicht von der heutigen Zeit ausgehen, sondern man muss sich zurückversetzen in die damalige Zeit. Es war nicht normal, dass ein Ehepaar getrennt lebte und die Frau sich entfalten konnte. Im Gegenteil – oftmals war man in den Zwängen der Ehe gefangen und die Männer haben sich verwirklicht. Bettina hat dafür gesorgt, dass Achim arbeiten und schreiben konnte. Bettina im Gegenzug hat sich um die Erziehung der Kinder gekümmert – in Berlin. Und ich finde, das ist schon etwas ganz Besonderes, dass diese Ehe so unkonventionell war.“

Autor:
Auch die Diakonin der Kirchengemeinde Wiepersdorf Kristina Kampf sieht das Leben und Lieben von Bettina und Achim von Arnim als sehr modern an. Ein Besuch vom Schloss lohnt. In der Orangerie gibt es ein Café, der Park lädt zum Spazieren ein und fast ist es so, als kämen einem die beiden da entgegen: das berühmte Dichterpaar, das vorgemacht hat, wie Liebe auch im Alltag romantisch bleiben kann:

Kristina Kampf:
„Also auch, dass diese traditionellen Formen von Ehe aufgebrochen werden – und dass man nicht ständig zusammenwohnt oder dieses alte traditionelle Bild bedient. Eine große Liebe ist … oder vielleicht gerade deshalb.“ (lacht)