Angela Schneider
Es ist so der einzige Anlaufpunkt, den es hier seit langem gibt. … Also wenn Sie von Süden kommen, ist Küstrin/Kietz, also Kuhbrücke, der letzte Ort … mit einem Imbiss und einer Toilette vielleicht. Und dann ist hier Kienitz der nächste Ort. Und der ist im Sommer kühl und man sitzt ruhig und kann entspannen. Also ich hab hier nur glückliche Leute wieder gehen sehen.
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Angela Schneider spricht von der Radwegekirche im Dorf Kienitz im Oderbruch. Sie liegt nur wenige Meter vom Oder-Neiße-Radwanderweg entfernt. Deshalb ist sie für diejenigen, die dort unterwegs sind, ein willkommener und beliebter Ort, um Leib und Seele zu stärken. Dafür bietet die Kienitzer Kirche manche Besonderheit: unter anderem einen hellen freundlichen Kirchsaal und ein Café mit äußerst schmackhaften ausgewählten Speisen und Getränken. Auch der Platz, auf dem die Kirche steht, hat etwas Einladendes. Errichtet wurde sie seinerzeit auf dem sogenannten „Kirchberg“, einem einstigen slawischen Burgwall, am Rande des Dorfes, in Odernähe. Und schließlich zieht die Kirche auch aufgrund ihrer besonderen Geschichte rund um eine Pfarrfrau an. Doch davon später. Die Beliebtheit des Gotteshauses belegen unter anderem die Eintragungen im Gästebuch der Kirche. Angela Schneider liest eine vor:
Angela Schneider
Wir sind dankbar für diese kleine Ruhepause an diesem besinnlichen Ort. Schön zu sehen, mit welchem Ideenreichtum aus einer Kirchenruine etwas Neues entstehen konnte! Für uns eine bleibende Erinnerung.
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Solche Stimmen gibt es viele im Gästebuch. Sie drücken den Dank für die Pause am beschaulichen Ort aus. Aber auch das Staunen darüber, wie einfallsreich und gelungen die im zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Kirche heute gestaltet und genutzt wird. Als Radwegekirche erst seit 2012. Jürgen Müller erläutert, was darunter genauer zu verstehen ist:
Jürgen Müller
Das ist von der evangelischen Kirche eigentlich ein geschützter Begriff. Da gibt’s auch extra letztendlich ein Signet, was man dann bekommt, wenn man das Konzept einreicht und wird dann offiziell als Radwegekirche darf man sich bezeichnen. … Müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein: die Kirche muss offen sein oder es muss klar sein, wo krieg ich den Schlüssel, wenn ich in die Kirche möchte. … Es sollte ein Ort der Einkehr, der Ruhe, der Besinnung sein. Und wenn man auf dem Radweg das Bedürfnis hat, mal ein bisschen zur Ruhe zu kommen, dann sollte eigentlich in so einer Radwegekirche die Möglichkeit bestehen, so einen Raum zu finden. Wir waren in Brandenburg, glaub ich, so mit die erste der Radwegekirchen.
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Jürgen Müller und Angela Schneider waren damals beteiligt an der Umwandlung der Kienitzer Kirche zum Ausspann- und Erfrischungsort für Radfahrer an der Oder. Zeitgleich zur beschlossenen Sanierung und Neugestaltung wollten sie für diese und für die Menschen im Umfeld ein Café einrichten. Als sich kein geeigneter Platz fand, kamen sie auf die Kirche und hatten Glück. Hier konnten sie ihr Vorhaben umsetzen. Die Kirche bekam so neben neu gestalteten Kirchräumen für die Besinnung der pausierenden Radfahrer auch die Grundlage für deren leibliche Stärkung. Heute ist sie darüber hinaus auch ein Ort für Kirchen- und Dorffeste und gelegentliche Lesungen und Konzerte.
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Die Kirche in Kienitz prägt eine Besonderheit: Sie ist im Grunde eine umgebaute Ruine. Wie viele Kirchen und auch Dörfer im Oderbruch wurde sie zum Ende des Zweiten Weltkriegs schwer in Mitleidenschaft gezogen. Jürgen Müller schildert die Umstände, unter denen das geschah:
Jürgen Müller
Am 31. Januar 1945 gab es hier in Kienitz den ersten Brückenkopf der Roten Armee über die Oder. Und danach kamen dann die ganzen Ereignisse um die Seelower Höhen. Also hier war der erste Übergang. … Hier oben gibt’s noch eine Stele, ein Mahnmal. Hier steht im Ort der Panzer, auch als Mahnmal an diese Zeit. Und wir finden heute noch Munition, also man ist heute noch ein Stück weit auch damit konfrontiert, direkt in der Erde. Die Kirche wurde … von der Wehrmacht gesprengt, um keine Orientierungspunkte für die Rote Armee, für die Artillerie zu liefern.
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Die folgenden schweren Kämpfe, bei denen die Front gleich mehrfach über Kienitz und andere Dörfer der Region hinwegging, machte die Kirche vollends zur Ruine. Nur ihre Grundmauern blieben erhalten. Am Ende des Krieges war Kienitz zu achtzig Prozent zerstört. Zu dieser Not kam eine weitere, weiß Angela Schneider:
Angela Schneider
Es kamen dann nach dem Krieg sehr, sehr viele … von jenseits der Oder, die bis in die sechziger Jahre noch gehofft haben, dass sie wieder zurückkönnen. Also die saßen auf ihren gepackten Koffern in provisorischen Gebäuden und haben, glaub ich, erst Anfang der Sechziger die Hoffnung aufgegeben. Und da sind ganz viele Menschen hier in Kienitz geblieben, die gerade von der anderen Seite der Oder kamen.
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In dieser Lage bot die Kirche Halt. Zumal die Menschen diesseits und jenseits der Oder mehrheitlich evangelische Christen waren. Umso schmerzlicher war es, dass das Kirchengebäude nicht mehr genutzt werden konnte. Das wollte Pfarrer Wilhelm Roder ändern. Von 1951 bis 1953 wurde die Kirche reduziert wieder auf-, aber auch umgebaut. Im vorderen Teil des Kirchenschiffs wurden zwei Etagen eingerichtet. Im Erdgeschoss wurde die Pfarrwohnung eingebaut, im Obergeschoss wurden Gemeinderäume und ein Kirchsaal geschaffen. Der Kirchturmstumpf wurde dabei gesichert. Vom hinteren Teil des Kirchenschiffes mit dem Chorraum blieben nur die Umfassungsmauern mit den großen Rundbögen der Fenster stehen. Er blieb ohne Dach. Eine bewusste Erinnerung an die Schrecken des Krieges.
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Mit dem Umbau der Kirchenruine in Kienitz war es nicht getan. Immer wieder waren Ausbau- und Instandsetzungsarbeiten nötig, um das Provisorium zu erhalten. Dabei wurde Pfarrer Roder von seiner Frau Erna unterstützt, die sich auch nach seinem Tod 1981 um die Bewahrung der Kirche kümmerte. Darin sah sie ihr Lebenswerk. Die dafür nötigen Finanzen brachte sie zum großen Teil auf recht originelle Weise auf. Im Stil der naiven Kunst malte sie Bilder der Oderbruch-Landschaft: Menschen, Tiere und Gebäude - häufig auch die Kienitzer Kirche - und verkaufte sie. Auch Teller und Schieferplatten vom ehemaligen Kirchendach bemalte sie auf diese Weise und veräußerte sie zugunsten der Kirche. An diese ungewöhnliche Pfarrfrau erinnert sich Jürgen Müller:
Jürgen Müller
Da gibt es ein Foto, da steht sie mit ihrer Flöte vor so einer Schafherde und bespielt die. Also, das ist so das Bild von Hirte einerseits, auf der anderen Seite aber auch was sehr Resolutes, so ein sehr resolutes Bild. Das fand ich … sehr vielsagend. Und hat auch so ein bisschen diese Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeit so widergespiegelt in dem Moment.
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Die Flöte war Erna Roders Markenzeichen. Oft saß sie abends auf den Stufen vor der Kirche und spielte darauf. Dass sie einer Schafherde aufspielte, zeigt, wie eng sich die von einem Bauernhof in Schlesien stammende Frau der Natur verbunden fühlte. Zugleich illustriert diese Szene auch ihren eigenwilligen Charakter: eine Mischung aus Güte, Verträumtheit, Erdverbundenheit, Poesie und Durchsetzungskraft. Mit Erna Roders Resolutheit sah sich Angela Schneider als Mitarbeiterin der unteren Denkmalschutzbehörde manches Mal konfrontiert. Nicht immer war sie einverstanden mit den Lösungen, die Erna Roder für die Kienitzer Kirche kurzerhand umsetzte.
Angela Schneider
Unter anderem ist diese schöne Granittreppe vorne weggekommen und eine kleine Betontreppe entstanden. Und das waren so unsere Konfliktpunkte, aber wir sind trotzdem klargekommen. Und … wirklich mein größtes Erlebnis oder mein beeindruckendstes Erlebnis war, als sie mal morgens, als ich aus dem Bett aufstand, bei mir im Hausflur saß und gewartet hat, bis ich aufgewacht bin, weil sie mit mir über diese Treppe reden wollte. … Ich bin in den Flur gekommen und da saß Erna Roder auf der Schuhbank und hat gewartet und hat gesagt: Das ist nicht so schlimm, wenn man am Wochenende mal ein bisschen länger schläft.
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Neben solch freundlicher Hartnäckigkeit war Erna Roder eine von Herzen soziale Frau. Ihre Wohnung stand allen offen. In einer Person war sie Jugendclub, Christenlehre, Sozialstation und Trösterin. Kümmerte sich um Kinder, Alte, Kranke und Alkoholiker. Allen Problemen gegenüber aufgeschlossen. Als Krankenschwester und Pfarrfrau nicht nur in medizinischen Dingen bewandert, sondern auch pflanzen- und in hohem Maß seelenkundig. Dabei lebte sie sehr bescheiden, kochte sich unter anderem von den Brennnesseln auf dem Kirchengrundstück ihre Suppe. So lernten sie auch die Radfahrer kennen, denen sie sich ebenso zuwandte wie den Leuten vom Dorf. Und manchmal spannte sie sie gleich in ihre Arbeit ein. Im Gästebuch erinnern sich manche an sie:
Angela Schneider
Wir sind zutiefst bewegt über diesen Ort. Wir haben Erna Roder noch persönlich gekannt. Waren über zwanzig Jahre nicht hier. In unserer Wohnküche hängt ein Bild vom Letschiner Kirchturm auf Schiefer gemalt. Danke, danke, danke für diesen Ruhemoment hier!
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Erst ein paar Jahre nach Erna Roders Tod wurde die Kienitzer Kirche unter Einbeziehung eines Cafés neugestaltet. Der Respekt vor ihr und ihrer Eigenwilligkeit waren dafür ausschlaggebend.
Es war aber auch höchste Zeit, sowohl in Bezug auf eine nötig gewordene Sanierung als auch auf zeitgemäße Ausstattung und Gestaltung. Die Struktur des Provisoriums blieb dabei erhalten. Im vorderen Teil der Kirche wurde unten die Wohnung modernisiert. Wie das Obergeschoss verändert wurde, beschreibt Angela Schneider:
Angela Schneider
Hier oben waren drei Räume: ein kleiner Kirchsaal und dann rechts und links eine Winterkirche und noch so ein kleines Gemeindebüro. Und das war alles dann doch ganz schön in die Jahre gekommen. Und wir haben gedacht, wenn wir hier neue Kirche wollen und Kirche sanieren und die Leute gern herkommen, dann muss es hell und groß und freundlich sein. Und dann haben wir versucht, das hier umzusetzen. Ganz besonders finden wir … den Altar und Lesepult und Taufe. Die sind von dem Bad Freienwalder Künstler Axel Anklam. Der Fisch da oben ist eine Leihgabe … von der Künstlerin Sophie Natuschke, die hier im Oderbruch auch lebt.
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Der hängende Fisch im Kirchsaal erinnert an die nahe Oder und die Landschaft des Oderbruchs, die Erna Roder so geliebt und so oft in ihren Bildern festgehalten hat. Ihr ist nun eine kleine Ausstellung im Vorraum des Kirchsaals gewidmet. Dort sind auch ein paar der von ihr bemalten Schieferplatten des alten Kirchendachs zu sehen. Noch immer ist der hintere Teil der Kirche ohne Dach. Aber nicht mehr ungenutzt. Und er wirkt auch nicht mehr wie eine mahnende Erinnerung an die Schrecken des Krieges. Zwischen den hell getünchten Grundmauern, die das Sonnenlicht reflektieren, bedeckt grüner Rasen den Boden. Auf Bänken und an Tischen sitzen Einheimische und Radtouristen, speisen, spannen aus, träumen. Sehen Himmelsblau, Wolkenweiß und das Grün von Büschen und Bäumen über sich und durch die Rundbögen der einstigen Kirchenfenster. Wer hier verweilt, ist begeistert von diesem idyllischen Ort, weiß Jürgen Müller:
Jürgen Müller
Von dieser besonderen Mischung: dieses offene Kirchenschiff. Man hat den Himmel, Himmel und Erde. Dann ist da noch im Kirchenschiff der Apfelbaum, den Erna Roder mal gepflanzt hat, der wächst und gedeiht da auch.
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Und erinnert an die Frau, die so unermüdlich für den Erhalt der Kienitzer Kirche tätig war. Sie hätte vermutlich heute gern im Garten des Cafés gesessen. Aus dem Provisorium der umgebauten Kirchenruine ist ein attraktiver Platz zum Ausspannen und Auftanken geworden, der zugleich ein Kulturdenkmal der besonderen Art ist. Hier zu verweilen, tut wohl, findet auch die derzeitige Betreiberin des Cafés, Sandra Zank:
Sandra Zank
Neunundneunzig Komma neun Prozent finden es total toll hier. Also finden den Ort einfach total schön, zum Verweilen und zum Sicherholen und einen schönen Kuchen essen und so. Manche haben es total eilig und sind dann zehn Minuten hier, trinken halt nur ein kaltes Getränk … und andere bleiben dann schon mal anderthalb Stunden und lesen hier oder spielen. Also ich hab ja auch immer hier ein paar Spiele. Also das machen häufig dann Familien mit Kindern, die spielen halt dann auch einfach erstmal eine Runde. Einzelne Frauen schnappen sich ein Buch und lesen.
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