Eine Person hält eine Pentax-Kamera vor ihr Gesicht, bereit, ein Foto zu machen. Die Kamera hat ein klassisches Design mit einem runden Objektiv und ist in Schwarz-Weiß dargestellt.
15.02
2026
08:40
Uhr

Das Geschenk des Augenblicks

Vom Fasten und Feiern

Ein Beitrag von Thekla Schönfeld

Autorin: Schnell ein Selfie machen, ein kurzes Video für Social Media, um diesen Moment einzufangen, das kennen sicher viele von uns. In diesen Faschingstagen feiern überall Menschen zusammen und manch einer wünscht sich vielleicht, die Zeit würde kurz stehenbleiben - denn der Aschermittwoch ist schon in Sicht. Ach, könnte ich den Augenblick doch festhalten, damit er nicht so schnell vergeht!

Mein Name ist Thekla Schönfeld, ich bin Ordensfrau bei den Missionsärztlichen Schwestern, einer katholischen Ordensgemeinschaft. Ich frage mich, wie ich den Augenblick, das Heute wirklich gut leben kann, – in einer Gesellschaft, in der wir unseren Alltag manchmal mit einem Hamsterrad vergleichen, in der die Wachstumsprognosen für das kommende Quartal wichtiger scheinen als das Heute. 

Einen guten Rat finde ich bei Rumi, einem persischen Dichter aus dem Mittelalter. Er sagt: 

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins, (...)
Denn das gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen nur eine Vision.
Das Heute jedoch, recht gelebt, macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück 
und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.
Darum achte gut auf diesen Tag.

Autorin: Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben – dein Leben. Das Gestern ist vergangen, das Morgen noch nicht da. Mir bleibt nur das Heute, um darin zu leben und es zu gestalten. Doch wie geht das, „gut auf den Tag achten“? 

Ich spreche mit Dr. Cornelia Kalz, sie stammt aus Cottbus und gehört wie ich zur Gemeinschaft der Missionsärztlichen Schwestern. Conny ist Zahnärztin und Qi Gong-Lehrerin und sie bietet Oasentage mit Meditation und Bewegung und auch meditatives Bogenschießen an. In ihren Qi-Gong-Kursen erfährt sie oft, mit welchen Erfahrungen oder Wünschen die Menschen zu ihr kommen. 

Dr. Cornelia Kalz: Wenn Menschen zu diesen Kursen oder Oasentagen kommen, dann sehnen sie sich danach, aus der äußeren Alltagsmühle auszusteigen oder dem inneren Gedankenkarussell zu entrinnen. Manche fühlen sich auch ausgebrannt oder haben bereits vielfältige Symptome, mit denen der Körper seine Bedürfnisse signalisiert. Und dann ist es eine bewusste Entscheidung, anders mit sich umzugehen. Und vielleicht ist auch schon die Erkenntnis gereift, ja dass Zeit kostbar ist und dass diese Zeit nicht nur mit Aktivität gefüllt werden möchte, sondern dass es eben auch wichtig ist, Pausen einzuplanen und Zeiten zum Durchatmen. 

Autorin: Als Zahnärztin hat Conny oft erlebt, dass der Körper das ausdrückt, was die Seele fühlt. Sich „durchbeißen“ zu müssen kann Spuren hinterlassen, die nicht nur an den Zähnen sichtbar werden. Der Körper kann mir zeigen, wenn etwas nicht stimmig ist, wenn ich mich überfordere, wenn mir etwas nicht gut tut.

In ihren Kursen möchte Conny den Teilnehmenden ermöglichen, für die Signale des eigenen Körpers aufmerksam zu werden, sich selbst wahrzunehmen, den Alltag zu entschleunigen und zur Ruhe zu kommen. Im Augenblick zu sein, ohne etwas leisten zu müssen. 

Dr. Cornelia Kalz: Viele genießen diese Momente des zweckfreien Daseins und sie üben auch nicht, um ein Ergebnis zu erzielen, sondern um sich in dieser Übung zu spüren und ganz bei sich zu sein, ganz da zu sein. 

Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, weil Körper, Geist und Seele in Einklang finden können. Wir können auch sagen, es wird möglich, ganz bei der Sache zu sein.

Jason Mraz: „Living in the moment“

Autorin: Was hilft, das „Heute recht zu leben“, wie der Dichter Rumi empfiehlt? Yoga, Achtsamkeitsübungen oder Kurse zum mentalen Wohlbefinden -  heute werden uns viele Möglichkeiten angeboten, zur Ruhe oder zu uns selbst zu kommen. Dr. Cornelia Kalz gehört zur Gemeinschaft der Missionsärztlichen Schwestern und ist Lehrerin für Qi Gong, eine Weise, sich mit dem Atem und dem eigenen Körper zu verbinden. 

Dr. Cornelia Kalz: Qigong ist einer der fünf Säulen der traditionellen chinesischen Medizin und hat eine sehr lange Tradition, ähnlich wie Tai Chi, wie Yoga kommt es aus dem fernöstlichen Raum. In dieser Lehre der traditionellen chinesischen Medizin gehen wir ja davon aus, dass die Organe nur gut versorgt sind, wenn das Blut ungehindert fließen kann. Und das wiederum kann nur geschehen, wenn der Körper 

entspannt ist. 

Autorin: Das Qi, so wird die Lebensenergie in dieser Lehre genannt, soll ungehindert durch meinen Körper fließen, ein schöner Gedanke! Indem ich also Qi Gong übe, lösen sich Blockierungen in den Meridianen, den Energiebahnen. Denn nach Auffassung der Traditionellen Chinesischen Medizin entstehen Krankheiten, wenn dieser Energiefluss gestört ist. Qi Gong zu üben ist also auch eine Art der Selbstfürsorge.

Wie kann ich mir nun Qi Gong vorstellen, was passiert dabei? 

Dr. Cornelia Kalz: Die langsamen, runden Bewegungen des Qigong, die sind der Natur abgeschaut 

zum Beispiel dem Wellengang am Strand oder dem Wiegen der Grashalme im Wind. Ich kann mir vorstellen, in der Natur zu stehen. Auf einer Wiese, über die leise der Wind gleitet und ich kann die Arme langsam anheben, so ähnlich wie wenn ein Vogel sich in die Luft erhebt. Langsam in runden, kreisenden Bewegungen, die vielleicht das Anheben im Einatmen und das wieder Absenken mit dem Ausatmen begleiten. Und ich kann mich einschwingen in meinen eigenen Rhythmus, in den Rhythmus meines Atems und kann diese Bewegungen immer wieder wiederholen und dabei immer ruhiger werden. Spüren, wie diese Bewegung mich allmählich immer mehr zu mir selbst führt.

Und im besten Fall bin ich dann mit allen Sinnen in dieser Übung und vergesse vielleicht, was mich sonst noch alles beschäftigt hat.

Autorin: Ich habe es ausprobiert und am Qi Gong-Oasentag teilgenommen. Auch wenn die langsamen Bewegungen anfangs etwas ungewohnt sind, ich nehme wahr, was mein Körper mir sagt, wo ich Anspannung fühle und wo ich Ruhe empfinde. Ich erlebe die fließenden Bewegungen als angenehm und versuche mich ganz auf das Geschehen einzulassen. Doch – meine Gedanken drängen sich immer wieder dazwischen, die nächste Aufgabe, das, was ich vergessen habe … der Kopf lässt sich nicht so einfach abschalten.

Das ist eine ganz normale Erfahrung, sagt Conny. Und alle, die schon einmal meditiert haben, werden ihr Recht geben. Wenn ich wirklich zur Ruhe kommen will, höre ich meine eigenen Gedanken viel lauter als sonst. Ein Tipp von erfahrenen Meditationslehrern: Lass die Gedanken ziehen wie die Wolken, sie kommen und gehen. Ich versuche es, und ich stelle fest: Echte innere Stille ist ein Geschenk.

Neben Qi Gong gibt es auch noch andere Wege, das Heute, das Jetzt bewusst zu erfahren.

Ich gehe zum Beispiel gern spazieren. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen, meine Sinne öffnen, schauen, lauschen – das hilft mir, für eine kleine Zeit Abstand von meinen Aufgaben zu bekommen. Ich tauche ein in die Natur um mich herum, oder betrachte die Häuser und Cafés, an denen ich vorbei spaziere. Lasse meine Gedanken schweifen, atme durch und lasse mich ansprechen von den Dingen, die ich unterwegs entdecke. Ein Eichhörnchen im Baum, ein schönes Detail in einem Fenster, die Musik aus dem vorbeifahrenden Auto. All dies sind Momente des Jetzt. 

Cornelia Kalz kennt noch eine weitere, ganz einfache Möglichkeit, sich mit dem Augenblick zu verbinden.

Dr. Cornelia Kalz:  Wenn ich im Alltag mir kurze Momente Zeit nehme, um einfach wahrzunehmen, wie ich jetzt gerade da bin, ob meine Füße auf dem Boden stehen, ob mein Atem fließen kann. Vielleicht kann ich auch meine Hände sanft auf meinen Bauch legen, um ganz bei mir zu sein.

Aber auch, um einfach mal durchzuatmen und eine klitzekleine Pause im Alltag zu machen, dann kann das hilfreich sein. Und dabei hilft mir halt immer wieder, mich mit meinem Körper zu verbinden. Der Körper, der wirklich mein Partner ist in meinem Leben und mit meinem Körper bin ich ja immer verbunden, der ist ja immer da. Dann brauche ich kein Hilfsmittel, sondern dann bin ich einfach ganz, ganz da.

Musik: “Alles ist jetzt” von Bosse

Autorin: Alles hat seine Zeit. Das sagt schon der biblische „Prediger“ 300 Jahre vor Christi Geburt.

Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit: Geborenwerden und Sterben, Pflanzen und Ausreißen, (…) Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen, (…) Umarmen und Loslassen (…) Schweigen und Reden, (…)

Autorin: In diesen Tagen feiern viele Menschen ausgelassen auf den Straßen Karneval. Es ist die Zeit zum Feiern. Gleichzeitig wissen wir, dass nach dem Fest der Alltag wiederkommt, für Christen beginnt bald die Fastenzeit, für Muslime der Fastenmonat Ramadan. 

Feiern und genießen in dem Wissen, dass die Zeit dafür begrenzt ist, und sie dennoch ganz auskosten, ganz im Hier und Jetzt sein, wie geht das in guter Weise?

Die heilige Teresa von Avila[4] lebte im 16. Jahrhundert in Spanien. Von ihr stammt der Satz „Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn – Wenn Fasten, dann Fasten“. Sie rät, beim Feiern kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es in einem „angemessenen“ Rahmen bleibt. Wenn danach Fasten dran ist, dann möge man dies ebenso konsequent tun. Keine halben Sachen, höre ich daraus.

Doch wenn ich die Weltsituation betrachte, frage ich mich: Kann man an diesen Tagen feiern, wenn es anderen Menschen schlecht geht, wenn an anderen Orten der Welt Hunger und Krieg vorherrschen?

Cornelia Kalz ist Mitglied der Missionsärztlichen Schwestern und Qi Gong Lehrerin und sie versucht eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Dr. Cornelia Kalz: Jeder und jede ist ja in eine bestimmte Lebensrealität hineingeboren und geht auch in einer bestimmten Lebensrealität seinen Weg und dafür darf ich auch dankbar sein für die Momente, die mir geschenkt sind. Und ich darf das dankbar annehmen dort zu leben, wo ich wo ich hingestellt bin und mit den Menschen, mit denen ich verbunden bin, zusammen zu sein. Das ist eben auch das Hier und Jetzt. 

Ich glaube, dass wenn wir gemeinsam feiern und Freude gemeinsam erleben, dass das eine Kraftquelle werden kann und auch sein kann, um dann auch wieder im Alltag Situationen zu bestehen, die herausfordernd die manchmal auch quälend sind und denen wir uns dann auch wieder mit aller Kraft stellen können. 

Autorin: Es scheint also heilsam, ganz präsent zu sein, sich nicht nur im Gestern aufzuhalten oder schon im Morgen zu leben, - es besteht die Gefahr, das eigene Heute zu verpassen. Ich lerne aus den Erfahrungen meiner Vergangenheit. Und auch die Zukunft will geplant sein – ja, und doch ist das Heute meine einzige Zeit, die ich wirklich leben kann, in der ich gerade bin.

„Zeit ist immer jetzt.“ Das sagte mir neulich meine 84-jährige Mitschwester. „Du kannst den Augenblich nicht festhalten. Aber wenn du möchtest, dass er nicht einfach so verrinnt, musst du ihm eine besondere Bedeutung geben, dann bleibt er dir in Erinnerung.“

Musik: Willie Nelson: Always now