Ein evangelisches Gesangbuch hängt an einem Regal. Der Titel "Evangelisches Gesangbuch" ist deutlich sichtbar. Untertitel wie "Für Gottesdienst, Gebet, Glauben, Leben" sind zu erkennen. Farbige Bänder hängen aus dem Buch hervor, das auf eine religiöse Nutzung hinweist.
03.05
2026
08:40
Uhr

Das neue evangelische Gesangbuch

Ein Beitrag von Jörg Trotzki

Herbert Grönemeyer – Der Mond ist aufgegangen 
Autor:
Es gibt Lieder, die vergisst man nie. „Der Mond ist aufgegangen“ zum Beispiel – oder „Großer Gott, wir loben dich“.  Viele kennen sie, auch ohne regelmäßig in die Kirche zu gehen. Genau solche Lieder stehen im Evangelischen Gesangbuch.
Und das soll jetzt neu gemacht werden. 
Denn: Wo man singt, da lass dich nieder. So sagt man, und so ist es. Was wäre der schönste Gottesdienst ohne Musik, ohne Gesang, ohne Chor, ohne Orgel? 
Mädchenchor: Großer Gott wir loben dich
Die Vorbereitung auf das Gesangbuch dauert nun schon einige Jahre, 2029 soll es – nach jetziger Planung – in den Kirchen sein. Es wird – nach fast 40 Jahren – das aktuelle Gesangbuch ablösen. 
Einer der Macher ist der Kirchenmusiker und Theologe Prof. Dr. Gunter Kennel, seit über 20 Jahren Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Warum ist es Zeit für ein neues Gesangbuch?

Gunter Kennel:
Die Gesangbuch-Geschichte hat uns gelehrt, dass Gesangbücher ungefähr eine Dauer von 30/40 Jahren haben und das ist es einfach dran, ein neues Gesangbuch zu machen, weil sich der Zeitgeist ändert. In der Theologie verändern sich auch bestimmte Sichtweisen. Es sind Themen drin, die vor 40 Jahren noch keine Rolle spielten. Auch die Frage „Einfache Sprache“, Umgang mit Gender-Fragen, Inklusion ... die Lieder – gerade die traditionellen Lieder – arbeiten ja oft mit traditionellen Gottesbildern, und auch die Gottesbilder haben sich in der theologischen Diskussion der letzten Jahre ja auch noch mal verändert oder sind in eine andere Gewichtung gekommen. Und dem versucht auch ein solches Gesangbuch Rechnung zu tragen. 

Autor:
Altes und Neues, Traditionelles und Modernes soll das neue Evangelische Gesangbuch widerspiegeln. Jeder soll sich wiederfinden. Wie kann man einem solchen Anspruch gerecht werden?

Gunter Kennel:
Mit diesem Buch versuchen wir, vielen Fragen und vielen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und nicht kurzfristig auf möglicherweise auch sehr stark geäußerten „Befindlichkeiten“ zu reagieren, sondern wir versuchen, die Bedürfnisse, die dahinter stehen wahrzunehmen und die in einer ausgewogenen Weise zu berücksichtigen, dass eben wir wirklich ein breites Spektrum und eine gute Mischung von Traditionellem und Neuerem haben, von popular geprägter Musik bis hin zu ganz stark noch in der Gregorianik verwurzeltem Singen, also wirklich ein breiter Zugang. Auch die verschiedenen regionalen Singetraditionen sollen eine Rolle spielen, (und) das in ausgewogener Weise bis hin in die Ökumene und in die international vernetzte Welt im christlichen Singen.

Autor:
Auch Themen wie gendergerechte Sprache oder Regionalität spielen eine Rolle. Gerade hier, in Berlin und Brandenburg sowie der schlesischen Oberlausitz gibt es Gemeinden mit einer großen plattdeutschen und sorbischen Tradition. Wie wird das berücksichtigt? Noch einmal Prof. Gunter Kennel. 

Gunter Kennel:
Das neue Gesangbuch soll auch den Minderheitensprachen in Deutschland – das sind ja nicht nur die beiden von ihnen genannten – soll es Rechnung tragen. Das tut es in dem Hauptteil, der sozusagen gemeinsam in Deutschland sein soll, noch nicht in dem Maße, wie wir uns das wünschen (und) wie es sich vor allem die Vertreter:innen der Minderheitensprachen auch wünschen würden, aber gerade weil wir in unserer eigenen Landeskirche hier auch zwei prominente Beispiele solcher Sprachen haben, werden wir in unserem regionalen Teil auch Lieder aus diesen Traditionen berücksichtigen. 
 

Musik 01 – Vocal Concert Dresden – Du meine Seele, singe

Autor:
Klar ist: Niemand soll zu kurz kommen. Wenn von einem „Großen Wurf“ die Rede sein darf, wird sich dieser nicht nur in gedruckter Form darstellen, sondern auch in digitaler Form. Das Evangelische Gesangbuch soll zwar deutschlandweit in den Kirchen ausliegen, aber regionale Besonderheiten sollen vor allem in digitaler Form berücksichtigt werden, sagt Gunter Kennel …

Gunter Kennel:
Diese Datenbank kann dann in unterschiedlicher Art und Weise benutzt und auch ausgelesen werden. Es wird eine – etwas salopp gesagt – Profi-Version geben für diejenigen, die Gottesdienste gestalten, die vielleicht die Lieder oder bestimmte Texte mit dem Beamer an eine Projektionsfläche werfen oder die Liederzettel machen, und überhaupt, bei der eigenen Vorbereitung wird es diese Version ermöglichen, dass man also bei der Liedsuche, bei der Zusammenstellung von Strophen, möglicherweise beim Austausch von Melodien und anderen Möglichkeiten, die die digitale Welt ja ganz besonders bietet, dann auch up-to-date ist.

Autor:
Und natürlich ist auch eine App geplant.
Für alle, die Gottesdienste vorbereiten – und für alle, die einfach gern singen. Im Kern steht eine große Datenbank: Sie hilft bei der Liedsuche, beim Zusammenstellen von Strophen und eröffnet neue Möglichkeiten, etwa Melodien zu variieren oder Inhalte flexibel zu kombinieren. Für Prof. Dr. Gunter Kennel – den Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz - ist die Datenbank eine Herzensangelegenheit. Für ihn ist das nur konsequent: Die digitale Lebenswelt gehört längst zum Alltag.
Warum also nicht auch zum Gesangbuch?

Musik 01 – Dirk Michaelis – All´ meine Lieder

Nach fast 40 Jahren soll ein neues Evangelisches Gesangbuch erscheinen. Nicht nur in gedruckter, sondern auch in digitaler Form. Zahlreiche Gemeinde haben das Buch – in stark gekürzter Form – bereits erproben können. Zu dieser Erprobungsgemeinde gehörte auch die Evangelische Grunewaldgemeinde mit Pfarrer Jochen Michalek. Nicht nur das Buch sei gut gelungen, meint er, auch die Gemeinde war angetan.

Jochen Michalek
Wir haben festgestellt, dass es spannende Lieder in dem Buch gibt, die wir noch nicht kennen, dass wir vieles wieder entdecken können, was wir gerne singen, eben in der Advents- und Weihnachtszeit, und wir haben das Buch gut nutzen können. Ich bin selber ein Freund von neuen Liedern, entdecke immer gerne neue Lieder und mache das auch gerne mit der Gemeinde zusammen. Die Gemeinde hat mit Neugierde drauf reagiert. Und entscheidend ist immer, wie wird es eingeführt. Und da wir einen Kantor haben, der an dieser Stelle vieles kann und motivieren kann, ist das ganz wunderbar. Also, die Lieder werden dann so eingeführt, dass man tatsächlich möglichst gut hineinfindet.

Autor:
Dabei nimmt der Kantor eine Schlüsselstellung ein. Matthias Schmelmer von der Grunewaldgemeinde hat – in positivstem Sinne des Wortes – mit seiner Gemeinde und dem neuen Evangelischen Gesangbuch experimentiert.

Matthias Schmelmer
Wir haben in der Zeit, als wir Erprobungsgemeinde waren, verschiedenste Formate gemacht. Wir habe es teilweise in Chorproben einfach mal durchgesungen, querdurch, (das) was uns aufgefallen ist, was wir schon immer mal singen wollten, haben wir gesungen. Wir haben es in Gottesdienste regelmäßig eingebaut. Also, adie Gemeinde hat das Buch – das war ja der Sinn einer Erprobungsgemeinde – auch wirklich haptisch in der Hand gehabt, konnte auch kucken, kann man es auch lesen, ist es groß genug oder nicht, kann sich die Gestaltung ankucken, kann kucken, wie finde ich eigentlich die Lieder … dann haben wir es im Pfarrkonvent gesungen, in verschiedensten Formaten zur Adventszeit – Adventsliedersingen – auch da immer wieder mal ausprobiert, was gibt es an neuen Adventsliedern in dem Buch. Das war auch eine schöne Erfahrung, eine schöne Entdeckung. 
Der Prozess für das neue Evangelische Gesangbuch ist noch nicht abgeschlossen. Jetzt geht es in die nächste Phase. Die ersten Erfahrungen sind – so der Eindruck – positiv. Ein Workshop soll nun die kommenden Sicht- und Handlungsweisen komplettieren. Dann müssen die Rückmeldungen – nicht nur der 30 Gemeinden der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, sondern aller 600 Gemeinden deutschlandweit ausgewertet werden. Doch was lange währt, wird gut, da sind sich alle einig. Da steckt viel Erfahrung und viel Liebe im neuen Evangelischen Gesangbuch. Man darf sicher schon von einer kleinen Revolution sprechen, denn das neue Gesangbuch der Evangelischen Kirche Deutschland wird mit seiner digitalen Datenbank und einer App unseren Lieder-Klassiker ins digitale Zeitalter bringen. Ein wenig Geduld ist gefragt, bis alle es in den Händen halten und auf dem Bildschirm sehen können. Geplant ist aktuell, dass es zur Adventszeit 2029 erscheint. Und vielleicht passt es kaum besser als heute:
Am Sonntag Cantate – „Singt!“

Schlussmusik – PUR – Hör gut zu