04.01
2026
08:40
Uhr

Das Warten auf Weihnachten

Zu Gast bei der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde in Brandenburg

Ein Beitrag von Michael Kinnen

„Khrystos Rozhdayet’sya - Slavite Yoho!“ - In der Ukraine sagen wir „Christus ist geboren“ und antworten „Geehrt sei er!“

Autor: Christus ist geboren - geehrt und gepriesen sei er!“ - Bis dieser traditionelle Gruß wieder erklingt, müssen die orthodoxen Christinnen und Christen hier in Brandenburg an der Havel aber noch ein paar Tage warten. Der Grund: Die meisten Orthodoxen feiern Weihnachten nach dem julianischen Kalender; der zählt die Tage etwas anders als der bei uns gültige gregorianische Kalender. Und deshalb ist Weihnachten hier erst in der kommenden Woche, am 6. und 7. Januar.

Weihnachten - Das ist ja für viele besonders. Und hier in der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde ganz besonders. Denn mehr als die Hälfte der Gemeinde besteht aus Kriegsgeflüchteten. Auch der Priester der Gemeinde, Dimitrii Dziadevych. Auch Sie mussten vor den russischen Bomben fliehen und kamen vor drei Jahren aus Kherson im Süden der Ukraine nach Deutschland. Wie ist die Situation heute, im vierten Jahr des Krieges?

Dimitrii Dziadevych: Als Flüchtlinge kann ich sagen, einerseits sind wir integriert, andererseits finden wir immer wieder neue Herausforderungen. Wir sind fast alle fertig mit [dem Erlernen der] deutschen Sprache, besser oder schlechter. Jetzt sind wir auf der Suche nach einem Arbeitsplatz oder wir arbeiten schon - So ist einfach das Leben. Und wir wünschen uns nicht, dass es leicht wird, sondern wir wünschen uns, dass wir [darauf] vorbereitet sind.

Autor: Vorbereitet sein. Das ist ja gar nicht so einfach. Vorbereitet auf das, was das Leben so bereithält; aber auch im Kleinen und Konkreten des Alltags. Da gibt es viel zu organisieren. Matthias Patzelt, Sie sind der katholische Pfarrer von Brandenburg an der Havel. Ihre katholische Gemeinde öffnet der Ukrainisch-Orthodoxen Gemeinde die Kirche und Räume, damit die dort Gottesdienste feiern können. Warum machen Sie das?

Dimitrii Dziadevych:  Es ist halt auch eine Zeit großer Unsicherheit. Da kommen Menschen aus der Heimat in die Fremde und müssen sich erstmal orientieren, müssen zaghaft Vertrauen wachsen lassen. Da bin ich überzeugt, dass das auch wachsen wird - weniger organisiert … als [vielmehr] in den kleinen Begegnungen, die entstehen. Und: Es gibt durchaus Kontakte, weil wir auch immer wieder mal Ukrainer bei uns in einem aufgelassenen Kloster untergebracht haben, und die haben einen guten Draht auch zu einzelnen Leuten aus unserer Gemeinde.

Autor: Da gibt es also schon Gastfreundschaft. Und das erinnert ja nicht nur zu Weihnachten auch an die biblische Herbergssuche der Heiligen Familie. Und es passt noch zu einem weiteren Erfahrung hier in Brandenburg an der Havel; Pfarrer Patzelt:

Pfarrer Patzelt: Wir haben nach dem Krieg selber die Not gehabt. Es gab von der Pfarrei Brandenburg aus 13 Außenstationen auf den Dörfern in der Umgebung. Und meistens waren wir zu Gast in evangelischen Kirchen und wurden da auch immer sehr herzlich aufgenommen, was man so aus den Berichten hört. Ich habe selber in meinen ersten Jahren in Brandenburg noch erlebt und jetzt sind wir die Gastgeber. Da merkt man, wie wir als Kirche eben vom Geben und Nehmen leben. Einer trägt des anderen Last und niemand lebt für sich allein. Und auch unser Gotteshaus soll ein Ort sein, wo jeder, der Gott begegnen möchte, zu Hause ist.

Autor: Die katholische Gemeinde öffnet also ihre Kirche für die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde. Verbunden im Glauben. Bei aller Unterschiedlichkeit, nicht zuletzt auch beim Weihnachts-Termin. Herr Pfarrer Dziadevych, was bedeutet denn Weihnachten für Sie und Ihre Gemeinde, vielleicht jetzt gerade in diesem Jahr?

Dimitrii Dziadevych:  Natürlich, Weihnachten ist einer der Feiertage, die sind uns besonders lieb. Und Weihnachten zeigt sich immer mit Freude, mit Geschenken, mit Kindern, mit Liedern, Versammlung der Familie und so weiter. Wir freuen uns darauf, Weihnachten zu feiern. 

Autor: Weihnachten ist ein Familienfest für viele. Jetzt ist womöglich die Familie an einem ganz anderen Ort, nicht in Berlin, nicht in Brandenburg. Was bedeutet das für Sie? 

Dimitrii Dziadevych:  Weihnachten, [ist ein] Fest. Die Ferien in der Schule und Urlaub bei der Arbeit ermöglichen uns, die Familie zu treffen. Und auch wenn die Familie getrennt ist, kann man sie Gott sei Dank online treffen. Denn Weihnachten ist genau das Fest, an dem man besonders auf die Familie achten soll. 

Autor: Weihnachten ist ja auch in der christlichen Tradition das Fest des Friedens. Was bedeutet Ihnen Frieden in dieser Zeit?

Dimitrii Dziadevych: Je weiter weg, desto schwieriger ist es, ohne Frieden zu leben. Alle Ukrainer wünschen sich nur eins: Friede in der Ukraine! Und wir beten immer darum und wir wünschen immer wieder, dass der Krieg in der Ukraine endet.

Musik: Chor der Ukrainisch-orthodoxen Gemeinde Berlin: «В Вифлеємі цеї днини» (übersetzt: „In Betlehem an diesem Tag“ - Ukrainisches Weihnachtslied, Text und Musik von Vitaliy Lys) - erste Strophe

Autor: Das war der Chor der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde in Brandenburg mit einem ukrainischen Weihnachtslied. Nach dem orthodoxen Festkalender feiert die Gemeinde erst am kommenden Mittwoch Weihnachten. Der Priester der Gemeinde ist Dimitrii Dziadevych. Welches Brauchtum gibt es denn in der orthodoxen Kirche zu Weihnachten? Und wie feiern Sie jetzt Weihnachten hier in Brandenburg? 

Dimitrii Dziadevych: Wir feiern natürlich mit Weihnachtsbaum, mit Geschenken, mit Dekorationen. Aber was Neues für uns ist der Adventskalender. Wir hatten das nicht in der Ukraine. Hier können wir die Tradition von Deutschland übernehmen und uns auch darauf freuen. Wir betonen da, dass Weihnachten Weihnachten ist. Und es ist vollkommen egal, an welchem Tag, welche Traditionen es gibt, welcher Kalender. Wir feiern jetzt Weihnachten zweimal, einmal mit den Deutschen, mit den katholischen Leuten und wünschen alles Gute zu Weihnachten - und ein zweites Mal in der Kirche. Es ist einfach gut, dass wir zweimal Weihnachten feiern können.

Autor: Und auch der katholische Pfarrer von Brandenburg an der Havel, Matthias Patzelt, freut sich schon auf das „doppelte Weihnachten“:

Pfarrer Patzelt: Ja, ich bin gespannt. Wir haben es ja so noch nicht erlebt. Was wir erlebt haben, ist Ostern. Wir hatten ja dieses, also im letzten Jahr an einem Termin Ostern: die orthodoxe, die katholische Zeitrechnung. Jetzt feiern wir Weihnachten dicht beieinander. Und wir dürfen jetzt am 7. Januar das auch noch mal erleben. Es wird einiges auch organisatorisch auf uns zukommen. Wo steht unsere Krippe? Wo kann gefeiert werden? Wo stehen die Heiligenbilder? Das werden wir alles absprechen. Aber ich bin auch überzeugt, dass an dem Fest die gleiche Freude rüberkommen wird. 

Autor: Wie sieht denn Ihre Kirche dann aus? Man stellt sich ja vor, orthodoxe Gemeinden, da ist viel Gold, da ist es viel bunter als bei uns womöglich. Wird die Kirche dann umgeräumt?

Pfarrer Patzelt: Also was ein orthodoxer Kirchenraum eigentlich braucht, ist eine sogenannte Ikonostase, eine Bilderwand mit Heiligenbildern, wo der Altarraum abgegrenzt wird als besonderes Heiligtum. Das haben wir natürlich nicht in der katholischen Kirche. Die orthodoxe Gemeinde behilft sich mit zwei großen Bilderwänden: eine Ikone der Gottesmutter und eine Ikone des Heilands. Und die wird vor jedem Gottesdienst aufgestellt und dann wieder auch an die Seite geräumt, sodass, wenn wir den katholischen Gottesdienst feiern, sichtbar erstmal nichts an die orthodoxe Liturgie erinnert. Außer das, was wir riechen, das ist der Weihrauch. Das ist immer sehr angenehm, wenn ich in den Gottesdienstraum dann komme. Man merkt, hier wurde schon gebetet, man kann es riechen und genießen. 

Autor: Und andersrum: Wenn Sie am 25. Dezember schon Weihnachten gefeiert haben und die orthodoxe Gemeinde erst zwei Wochen später, was passiert mit dem geschmückten Weihnachtsbaum? 

Pfarrer Patzelt: Der bleibt stehen. Ob sie den Baum dann beleuchten oder nicht, das kann die Gemeinde selber entscheiden. Unsere Krippe wird natürlich sichtbar sein. Da greift dann so ein bisschen Advent und Weihnachten ineinander und das müssen wir einfach auch ausprobieren. Ich bin gespannt, wie das das erste Mal laufen wird. 

Autor: Weihnachten ist ja bei uns so, dass man sich viel wünscht. Es gibt Wunschzettel für Kinder. Was wünschen Sie denn der orthodoxen Gemeinde, Ihren Gästen zu Weihnachten? 

Pfarrer Patzelt: Ich wünsche ihnen, dass sie ein bisschen Heimat erfahren. Weihnachten ist ja auch das Fest der Herbergsuche und des Herbergs-Findens. Und ich wünsche ihnen, dass sie davon etwas finden im Glauben, der uns ja auch verbindet, aber auch in dem Miteinander in der ukrainischen Community, dass sie da durch das, was sie miteinander essen und trinken, singen - die Musik wird ganz entscheidend sein - ein bisschen Heimat in der Fremde finden. 

Musik: „Добрий вечір тобі, пане господарю“ von Tina Karol (übersetzt: „Guten Abend, Herr Gastgeber!“; Ukrainisches Weihnachtslied) 

Autor: „Guten Abend, Herr Gastgeber“, so heißt das eben gehörte ukrainische Weihnachtslied übersetzt. Gastfreundschaft ist nicht nur zu Weihnachten zentral. Denn in der Weihnachtsgeschichte geht es ja um Herbergssuche, um Flucht und darum, wie Gott zu den Menschen kommt. In Brandenburg an der Havel ist die Gastfreundschaft gelebte Praxis zwischen der katholischen und der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde. Sie teilen sich die Kirche für ihre Gottesdienste; nicht nur zu Weihnachten. Wie sieht das konkret aus? 

Pfarrer Patzelt: Also am Sonntag ist es so, dass jeder natürlich seine Zeit hat. Die orthodoxe Gemeinde: So gegen sieben Uhr trudeln die ersten ein. Um zehn Uhr muss das Gotteshaus wieder frei sein, weil dann diejenigen, die unseren Gottesdienst vorbereiten, in Aktion treten. 10:30 Uhr haben wir unsere Messe.

In der Zeit sammeln sich dann die orthodoxen Gläubigen im Gemeindehaus, haben da ein Kaffeetrinken, essen zusammen; mit den Kindern wird gespielt, auch ein bisschen Katechese, Glaubensunterweisung. Es wird von Monat zu Monat wuseliger im Gemeindehaus. Man merkt, sie fühlen sich wohl, und es ist einfach: Da, wo man sich begegnet, zu spüren, ein Wohlwollen, Dankbarkeit und wir freuen uns, dass wir Heimat geben können. 

Autor: Andrii Kulikovskyi gehört zur ukrainisch-orthodoxen Gemeinde. Sie wohnen schon seit zehn Jahren in Berlin; im vergangenen Jahr haben Sie sich taufen lassen. Was verbinden Sie mit Weihnachten? Vielleicht auch ein besonderer Geschmack oder Geruch, der Sie daran erinnert?

Andrii Kulikovskyi: Ich glaube, der Geruch und Geschmack wird Mandarinen sein. Ich habe die westliche deutsche Kultur übernommen. Deswegen gibt es auch Geschenke, Weihnachtsbaum, Schmuck, Nikolaus..…

Und Sie haben noch eine Besonderheit entdeckt.

Andrii Kulikovskyi: Weihnachten bedeutet in diesem Jahr für mich etwas Neues, weil ich das vorher immer als Tradition am 24. Dezember mit meiner Familie gefeiert habe - als Bewohner von Deutschland. Und jetzt feiere ich auch so richtige Weihnachten am 7. Januar mit [meiner] Kirche. Bei uns feiert man mehr Ostern, aber trotzdem ist Weihnachten bei uns auch als Tag des Friedens so was Schönes.  

Autor: Ja, der Wunsch ist uns wohl allen gemeinsam. Weihnachten - das Fest des Friedens. Das hoffen wir alle - für die Ukraine und für alle weltweit. Und so ist auch die Weihnachtsbotschaft und Sehnsucht immer aktuell, wie sie die Engel in der Weihnachtsgeschichte verkünden: Friede auf Erden! - Das gilt auch heute, ganz gleich, in welcher Sprache - und wohl zu jedem Datum: Friede auf Erden!

 „Khrystos Rozhdayet’sya - Slavite Yoho!“

Musik: Carol of the Bells („Shedrik“ - Ukrainisches Weihnachtslied, bearbeitet von John Williams)