Autorin
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 ist Krieg in Europa wieder zur realen Bedrohung geworden. Die Bundeswehr erfasst seit 2026 zunächst alle Wehrpflichtigen ab dem Geburtsjahrgang 2008 und lädt sie zur sogenannten „Musterung“ ein. Für viele ist es die erste Gewissensentscheidung: Dienst an der Waffe – oder Verweigerung? Der Theologe Jan Kingreen ist Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche. Er koordiniert die Beratungsangebote für Jugendliche, die sich jetzt damit auseinandersetzen müssen.
Jan Kingreen
Wir haben uns Gedanken gemacht, wie können wir mit dem Thema umgehen, was offensichtlich für viele existenziell ist und was für viele drückt. Wir spannen Räume auf, in denen Menschen, die Rat suchen, das sind junge Männer, 2008er Jahrgang, sind aber auch Mütter, sind Väter, sind Familien, sind auch Frauen teilweise, wo die für sich klären können, wie sie mit diesem Brief umgehen, wie sie mit dieser Frage umgehen. Und wir gehen eben damit so um, dass wir sagen, dass wir Menschen ermöglichen, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, ob man da mitmachen möchte oder nicht.
Autorin
Das Beratungsangebot der Evangelischen Kirche ist ergebnisoffen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob sie bereit wären, eine Waffe in die Hand zu nehmen und auf jemanden zu schießen, und zugleich das Risiko einzugehen, selbst verletzt oder sogar getötet zu werden. Jan Kingreen ist dankbar, dass die Bundeswehr mittlerweile auf frühere Fangfragen zur Verteidigung der eigenen Familie verzichtet.
Jan Kingreen
Ich habe einen riesigen Respekt davor, dass Menschen sich dafür entscheiden, dieses Land notfalls mit ihrem Leben zu verteidigen. Und damit ja auch nicht nur die
Freiheit, die wir alle genießen, sondern auch zum Beispiel das Recht auf
Kriegsdienstverweigerung zu verteidigen. Weil das geht in anderen Ländern
so nicht. Und das geht eben nur, weil wir in diesem freiheitlich
geprägten Land leben.
Autorin
Auch die Friedensethik der Evangelischen Kirche in Deutschland hat sich verändert: Ihre Denkschrift von 2025 betont den Schutz vor Gewalt, schließt aber auch Nothilfe durch Waffenlieferung und die Investition in Verteidigung sowie eine verantwortungsvolle Sicherheitspolitik mit ein. Wehrdienst und Zivildienst gelten ethisch als gleichrangig. Auch deshalb ist das Beratungsangebot der Evangelischen Kirche, wie der Theologe Jan Kingreen betont, bewusst ergebnisoffen angelegt.
Jan Kingreen
Die Gespräche sind immer oder in der Regel immer biografisch aufgebaut.
D.h. Ich frage konkret, was hat dich geprägt? Was für eine Rolle spielt Gewalt in deinem alltäglichen Leben, in deinem schulischen Kontext, in deiner Familie? Und dann sind das sehr tiefe Themen. Deswegen sind das auch Gespräche, die unter Umständen mal anderthalb Stunden dauern können, weil man natürlich ganz tief in das Leben eines anderen Menschen einsteigt. Diese Nachvollziehbarkeit, die kann man eben nicht über eine besonders geschliffene ethische Argumentation herstellen, sondern nur über‘s eigene biografische Begründen und dem überhaupt nachspürt,
was ist es denn eigentlich, wenn du dir vorstellst, du müsstest auf jemanden schießen und du sagst, ich kann das nicht, was ist denn das dann eigentlich? Dieses Ich kann das nicht. Also wo ist denn da der Wert? Und wie kommt der zustande?
MUSIK
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Wehrpflichtig nach deutschem Recht sind in der Bundesrepublik alle männlichen Staatsbürger ab 18 bis zu 60 Jahren. Seit Januar 2026 wird die Wehrtüchtigkeit zunächst ab dem Geburtsjahrgang 2008 erfasst, also der heute 18jährigen. Die Musterung soll ab dem nächsten Jahr erfolgen. Feodor gehört zu den Jugendlichen, die in diesem Jahr Post von der Bundeswehr bekommen haben:
Feodor
Genau, die Post habe ich ziemlich zügig nach meinem Geburtstag, ich glaube zwei Tage später bekommen. Da war dann eben dieser Link mit dem QR -Code zu dem Fragebogen und dem Hinweis, dass es eben verpflichtend sei. Dann habe ich das ausgefüllt. Das waren so, ja, halt so Fragen wie alt, wie groß, wie dick oder dünn. Sprachkenntnisse und die letzte Frage war dann eben, ob man sich vorstellen kann zu dienen. Und dann musste man so eine Skala ziehen von überhaupt nicht oder
man ist schon Soldat, war das so ein Spektrum. Und dann habe ich eben
angegeben, dass ich mir das überhaupt nicht vorstellen kann.
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Feodor studiert Theologie in Berlin. Seine Entscheidung, den Dienst an der Waffe zu verweigern, steht bereits länger fest – auch geprägt durch die Erzählungen seines Vaters. Sollte es zur Wiedereinführung der Wehrpflicht kommen, wäre er grundsätzlich bereit, Zivildienst zu leisten:
Feodor
Ich finde, dass es natürlich so etwas gibt wie so eine Art staatsbürgerliche Pflicht.
Also man muss dem Staat was beitragen als Bürger, dafür hat man ja auch gewisse Rechte, aber eben wie gesagt auch diese Pflichten. Und ich muss sagen, ich finde diese Entscheidung gar nicht mal so schlecht. Diese moralische Entscheidung könnte ich in den Krieg ziehen oder könnte ich das nicht und muss es auch dann
begründen. Und dann finde ich das ja nicht unbedingt ablehnenswert, dann
einen anderen Dienst zu leisten.
Autorin
Der 20jährige Florian lebt in Berlin-Spandau und studiert Oboe im Hauptfach in Berlin. Er bekennt:
Florian
Ich bin Jahrgang 2006, ich habe noch keine Post bekommen, zum Glück, wie ich finde. Ich habe mich auch viel informiert im Internet dazu, habe mir einige Talkshows angeguckt und sehr sehr viele Meinungen dazu gehört. Aber letztendlich bin ich doch dankbar, dass ich diesen Brief noch nicht im Briefkasten hatte.
Ich würde in Anspruch nehmen, dass ich verweigern könnte, damit wäre ja auch ein verpflichtendes Soziales Jahr verbunden, was ich sehr bereit wäre in Kauf zu nehmen. Ich finde das sehr wichtig, dass man seinen Teil zur Gesellschaft mit beiträgt, nur ich finde, das muss nicht mit der Waffe in der Hand sein.
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In den Beratungen der Jugendlichen durch die Evangelische Kirche spielt auch die mögliche Wiedereinführung des verpflichtenden Zivildienstes eine Rolle, sagt der Friedensbeauftragte Jan Kingreen. Als Theologiestudent war er von der Wehrpflicht befreit, andernfalls hätte sich vor 20 Jahren gegen den Dienst an der Waffe entschieden.
Jan Kingreen
Als 18 -Jähriger hätte ich vermutlich verweigert, das stimmt schon, und hätte Zivildienst gemacht. Als heute 38 -Jähriger weiß ich es gar nicht so genau.
Da sind wir ja mitten im Thema. Also bin ich bereit, ein Jahr meines Lebens oder sechs bis neun Monate meines Lebens für einen Dienst zur Verfügung zu stellen, von dem die ganze Gesellschaft was hat. In der neuen Friedensdenkschrift, die
2025 erschien, wird eben die Frage gestellt, ich paraphrasiere,
bin ich bereit, mich in die Pflicht nehmen zu lassen und dann
eine Gleichrangigkeit eines Zivildienstes oder eines Dienstes an der
Waffe hergestellt? Wobei die Friedensdenkschrift, und
da bin ich sehr mit ihr überein, immer das Prä bei der Freiwilligkeit
zieht. Und wenn man darüber redet, muss man mit denjenigen reden, die davon betroffen sind. Denn oft sitzen mir Jugendliche oder junge Erwachsene gegenüber, die sagen, wieso soll ich diesem Staat was zurückgeben, wenn ich von ihm nichts bekommen habe. Die sind alle noch stark durch die Corona-Pandemie geprägt und da kann man ja drüber reden.
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Kingreen erlebt bei Jugendlichen immer wieder ein erschüttertes Vertrauen in den Staat. Feodor beschreibt, warum sich viele seiner Generation vernachlässigt fühlen.
Feodor
Man hatte das Gefühl, es wurde nicht explizit auch mal gedacht, wie ist das
für Jugendliche. Es war ein, okay, wir müssen jetzt alle mal zusammenhalten. Aber auch in der Nachbehandlung, ich denke, das ist zum Beispiel daran, wie sich die psychologischen und psychotherapeutischen Plätze in Deutschland entwickeln. Das ist ja keine gute Entwicklung, dass sowas nicht bedacht worden ist zu Langzeitfolgen. Das ist ein zentraler Punkt in meinen Jahrgängen. Wir sind ja jetzt seit sieben Jahren in der Debatte um das Klima, die mal stärker, mal weniger stark ist. Und als drittes, was ich denke, ein ganz großer Punkt, die Rente. Das ist so eine Ballung von Vernachlässigung meiner Generation in der Politik, wo man dann irgendwann sagt, okay, wenn dieser Staat, meine Generation so behandelt, so vernachlässigt, dann sehen einige auch nicht mehr ein, ihr Leben im Zweifel zu geben für diese Gemeinschaft und diesen Staat.
Autorin
Parallel zu der Fragebogen-Aktion der Bundeswehr zur Feststellung der Wehrfähigkeit verschickt die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz Postkarten mit dem Titel „Zur Bundeswehr oder nicht? Deine Entscheidung“ um für ihr Beratungsangebot und die Möglichkeit, sich unabhängig zu informieren. Diese werden an betroffene Kirchenmitglieder verschickt, liegen in Gemeinden aus und werden in Jugendzentren verteilt, um möglichst viele, auch kirchenferne Betroffene, zu erreichen. Florian ist wie Feodor durch seine Familie christlich geprägt. Ein solches Beratungsangebot findet er grundsätzlich richtig.
Florian
Ich habe sehr viel gelesen, geschaut, einige Talkshows natürlich auch gesehen. Und versucht, mir Bilder von der Lage zu machen, ich habe aber mich noch nicht wirklich beeinflussen lassen von einem bestimmten Meinungsmacher, seitens der Kirche auf keinen Fall, da habe ich bis jetzt noch keinen Kontakt gehabt, was das angeht.
Autorin
Pfarrer Jan Kingreen sieht gerade angesichts unterschiedlicher Meinungen den Wert des Gesprächs.
Jan Kingreen
Und dann kann man ja drüber sprechen, was ist dir wichtig in diesem Land,
was fördert das Zusammenleben, was denkst du, welche Werte kann man
verteidigen miteinander, auf welche Weise auch immer. Dieses im Gespräch bleiben, ich glaube, das könnten wir als Gesellschaft noch deutlich mehr üben.
Autorin
Eine Broschüre von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden informiert über ethische Fragen als auch zu Sachthemen und informiert über die rechtliche Situation. Dass sie aus der Friedensbewegung kommt, ist laut Kingreen erkennbar. Entscheidend sei, Jugendlichen die eigene Haltung nicht aufzudrücken.
Jan Kingreen
Ergebnisoffen heißt ja nicht haltungslos. Und ich glaube nur, wichtig ist es in diesen Beratungen, sondern zu gucken, was ist beim Gegenüber? Wo sind seine Fragen? Wo sind ihre Fragen? Wo sind seine Werte? Wie kann man gemeinsam einen dann auch für das Gegenüber glaubhaften Weg beschreiten? Weil kein Mensch hat mehr Interesse daran, dass Kirchen anderen Menschen sagen, was sie in ethischen Fragen denken sollen.
Autorin
Der Bedarf an Information und Beratung ist groß, im Vergleich zu 2025 hat sich die Zahl der Anfragen in diesem Jahr verdoppelt. 50 Personen befinden sich derzeit in einer von der Evangelischen Kirche angebotenen Fortbildung zu ehrenamtlich Beratenden. Auch wenn die Zahl der amtlichen Kirchenmitglieder weiter abnimmt, kann die Kirche als unabhängiger Player in der Konkurrenz der Beratungsangebote zur Wehrpflicht immer noch bestehen, ist Jan Kingreen überzeugt:
Jan Kingreen
Wenn man das dann unterlegt, so wie wir es gerade machen, mit einer wirklich qualifizierten, dauerhaft evaluierten und mentorierten Ausbildung, haben wir da einen Punkt, den andere so nicht haben.
Autorin
Für die Jugendlichen Feodor und Florian steht ihre Entscheidung, im Pflichtfall den Dienst an der Waffe zu verweigern, bereits fest. Einem Gesprächsangebot, sich grundsätzlich noch einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen, würden sie sich jedoch nicht verschließen. Der 20jährige Florian betont:
Florian
Ich würde auf jeden Fall, wenn es ein Angebot gibt, darauf zukommen, dass ich mich beraten lasse. Meine Entscheidung ist auf jeden Fall, dass ich nicht an der Waffe dienen möchte, ich möchte aber trotzdem nicht in die Schublade gesteckt werden, dass ich nicht bereit bin dazu etwas für diese Gesellschaft zu tun. Nur muss dieser Beitrag nicht in Form von einem Dienst an der Waffe sein.
Autorin
Feodor hat als Teamer in Konfirmandengruppen seiner Charlottenburger Gemeinde gearbeitet und sich 2025 in den Gemeindekirchenrat wählen lassen. Angesichts des Ausgangs der Landtagswahlen im September, nach denen erstmals die Übernahme der Regierungsmacht durch die rechte AfD droht, sieht der 18jährige die Kirche noch stärker in der Pflicht, Jugendliche unabhängig in ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen:
Feodor
Man muss immer vor Augen haben, dass die nächste Regierung ja anders sein könnte als die jetzige, um das mal etwas neutraler zu formulieren. Und dann muss man sagen, könnte ich dann so einer Regierung im Zweifel noch dienen, wenn ich jetzt schon drin bin? Und dann wäre, glaube ich, die Rolle der Kirche oder der Kirchen nochmal eine andere, nämlich zu sagen, wir stellen uns schützend vor diejenigen, die das nicht wollen.
MUSIK