Autorin: Ein Friedhof ist ein Ort der Stille, des Erinnerns und ganz oft auch einer, an dem man sich ganz schön allein fühlt. In Berlin-Hohenschönhausen steht auf einem katholischen Friedhof jetzt etwas, das dort so gar nicht typisch ist: ein goldener Automat. Aber statt Schokoriegeln und süßen Snacks gibt's dort kleine Boxen voller Trost. Kiosk der Kostbarkeiten heißt das Projekt und was dahinter steckt, das erzählt uns heute Carla Böhnstedt, die das Ganze für das Erzbistum Berlin entwickelt hat. Hallo Carla, schön, dass du da bist.
Böhnstedt: Hallo, guten Morgen.
Autorin: Ein goldener Automat auf einem Friedhof, das klingt ja erstmal sehr ungewöhnlich. Wie kam es denn zu der Idee?
Böhnstedt: Ehrlich gesagt war das gar nicht unsere ursprüngliche Idee. Angedacht hatten wir eigentlich eher, angefixt durch die Erfahrung hier in der Stadt, dass es überall Spätis gibt, haben wir gedacht: Hey, wie wäre das eigentlich, wenn wir als Kirche auch so einen pastoralen Späti betreiben würden? Weil wir auf der Suche waren nach etwas, wo wir als Kirche mitten im Leben der Leute dauerhaft ansprechbar erreichbar sein könnten. Das hat sich aber als total schwierig erwiesen, da einen Schritt weiterzukommen. Wir sind vor ganz viele Probleme gestellt worden. Und was uns bei unseren Streifzügen durch die Stadt aber aufgefallen ist, dass überall an wichtigen Verkehrsknotenpunkten, auf Bahnhöfen und sonst wo, Automaten stehen. Für alle möglichen Bedarfe, ob für Pizza oder Ballettschuhe, für Disco-Kugeln, Zahnpasta oder ähnliche Belange. Und das hat unsere Kreativität angekurbelt. Und wir haben uns gefragt: Hey, was würden wir eigentlich als Kirche in solche Automaten reinpacken?
Autorin: Du sagst, es war schnell klar, es soll kein klassisches kirchliches Angebot sein. Kein Gespräch, kein Gottesdienst, sondern ein Automat. Wenn man das so hört, Automat und Kirche, das passt nicht wirklich so zusammen, oder?
Böhnstedt: Ich glaube, dass es total gut zusammenpasst, weil der Automat im Grunde keine klassischen kirchlichen Angebote verdrängen will, sondern eher ergänzen will. Wir haben uns zum Beispiel sehr lange überlegt, wo dieser Prototyp des Automaten stehen soll und sind dann ganz schnell auf den Friedhof gekommen, weil wir gedacht haben, da können wir ungefähr die Bedarfe und die Gefühle der Menschen abschätzen. Da können wir uns eine Idee davon machen, was wir in diese Boxen hineinpacken können.
Autorin: Wie war das dann, als ihr den Automaten zum ersten Mal aufgestellt habt? So goldglänzend dahinter die Weite des Friedhofs, die Kapelle, die vielen Grabsteine. Gab es und gibt es da auch skeptische Blicke?
Böhnstedt: Witzigerweise werden wir ganz häufig, wenn wir den Automaten befüllen, von Besuchern des Friedhofs angesprochen. Und das ist dann häufig so ein: „Darf ich mal fragen, was das hier ist? Das gab es doch bisher noch nicht.“ Und das sind für uns einfach tolle Möglichkeiten, um ganz unkompliziert mit den Besuchern des Friedhofs ins Gespräch zu kommen und die Idee dahinter zu erklären. Und wir merken, dass wir dann das Interesse ganz schnell geweckt haben und viele auch tatsächlich den Automaten dann benutzen.
Autorin: Ich selbst war ja auch auf dem Friedhof und habe mich mit einer Besucherin dort unterhalten. Wir hören mal, was sie gesagt hat.
O-Ton Friedhofsbesucherin: Seit vier Jahren komme ich her, weil mein Junge hier liegt. Der ist an Lungenkrebs gestorben. Ich habe ihn gepflegt zu Hause bis zuletzt und mein Enkel liegt jetzt auch hier seit einem Dreivierteljahr. Ich hab auch was zu stehen, einen Schutzengel habe ich mir gezogen. Der steht jetzt zu Hause bei mir. Der Schutzengel, der passt auf mich auf.
Autorin: Ein Schutzengel ist in einer Box versteckt. Das wollen wir natürlich wissen. Was habt ihr in diese kleinen, goldenen Boxen gepackt? Was ist drin und wie kommt es an? Aber zuerst hören wir Musik. LEA mit Wenn du mich lässt.
Musik: LEA, Wenn du mich lässt.
Autorin: Wir haben gerade gehört, wie aus einer ungewöhnlichen Idee ein goldener Automat mitten auf dem Friedhof geworden ist. Der Kiosk der Kostbarkeiten ist nicht nur ein gewöhnlicher Automat, sondern ein Ort, an dem Menschen Trost finden können, ganz ohne Worte. Jetzt wollen wir mal genauer reinschauen, was steckt denn eigentlich in diesen kleinen Boxen und warum berühren sie so viele Menschen? Carla, du hast vorhin schon gesagt, dass jede Box anders ist und die haben alle so schön klingende Namen wie Trostgold oder Weggefährten. Erzähl doch mal, was finden die Menschen, wenn sie so eine Box aus dem Automaten ziehen?
Böhnstedt: Kleine Goldmomente für die Seele, die wir ihnen mit auf den Weg geben wollen, um sie zu trösten und zu ermutigen. Wichtig war uns beim Befüllen der Boxen, dass wir gesagt haben: Es sollen keine Gegenstände sein, die später im Regal verstauben, sondern es sollen kleine Wegbegleiter durch den Alltag sein. Deswegen haben wir uns auch da mit Engagierten aus dem Trauerbereich zusammengesetzt, um überhaupt erst mal zu fragen: Was könnte Trauernden gut tun? Was brauchen sie? Deswegen ist beispielsweise in der Trostgoldbox ein Set mit ganz unterschiedlichen Trauerkarten enthalten, weil uns von ganz vielen Seiten gesagt wurde: Es gibt ganz, ganz wenig schöne, ansprechende, überraschende Karten. Deswegen war das im Grunde die Box, die für uns als allererstes klar war. Dann haben wir da beispielsweise die Bauchgefühle-Box, in der es um das Gefühlschaos geht, in dem man sich als Trauernder befindet. Von Fassungslosigkeit, Wut, Verzweiflung bis hin zu der Hoffnung: Irgendwie muss es für mich weitergehen, irgendwie muss ich einen Weg finden, damit zu leben, weiterzuleben. Deswegen ist da enthalten zum Beispiel ein Wutball, den man drücken, knautschen, an die Wand werfen kann, wenn man es gar nicht mehr aushält vor Verzweiflung und Trauer. Und wir haben auch auf diesen Ball Trotzkraft draufgeschrieben. Manchmal tut es gut, die Wut richtig rauszuknallen, damit man mit ihr besser umgehen kann.
Autorin: Ich habe mir die Boxen ja auch angeschaut und mich berührt total, dass jede Box irgendwie dazu einlädt, etwas zu tun, wie zum Beispiel eine Kerze anzuzünden oder etwas zu pflanzen. Ist das Absicht gewesen, also Trauer nicht nur fühlen, sondern auch irgendwie gestalten?
Böhnstedt: Gestalten und Wegbegleiter sein sozusagen durch den Alltag, dass man sich nicht so alleine fühlt. Wir hatten beispielsweise mal die Situation, dass ein Kollege von einem alten Herrn in einem Supermarkt in Hohenschönhausen angesprochen wurde. Er bat ihn mit sich zu kommen, ging dann außerhalb des Supermarkts zu dem Stand, wo immer die Einkaufswagen wieder angedockt werden und holte da so einen kleinen Engelchip raus, den er meinem Kollegen unter die Nase hielt mit so einem leichten Grinsen und sagte: „Wenn meine Frau das wüsste, dass ich jetzt immer einkaufen gehen muss und mich selber um den Haushalt kümmern muss.“ Das hat nämlich eigentlich sie immer gemacht. Jetzt war aber seine Frau vor einigen Wochen verstorben und er musste seitdem diese Aufgaben übernehmen. Und er erzählte meinem Kollegen, dass es ihm total gut tut, diesen kleinen Engelchip, den er aus einer unserer Boxen hatte, immer bei sich zu haben. Und begleitet zu sein, auch von einer Einkaufstüte, auf der draufsteht: Du musst nicht alles alleine tragen. Und er sagte meinem Kollegen, dass er ganz viel Kraft daraus schöpft, wenn er diese Gegenstände bei sich hat, dass er das Gefühl hat, auf irgendeine Art und Weise guckt seine Frau immer auf ihn und hat selber ein kleines Lächeln im Gesicht, weil er sich sonst immer so gesträubt hat, selber einkaufen zu gehen.
Autorin: Das klingt ja nach einer sehr bewegenden Begegnung. Ich möchte gern nochmal drauf schauen, wer sich eine Box ziehen möchte, der muss nur zwei Euro bezahlen. Ganz ehrlich, zwei Euro pro Box, das klingt nach sehr wenig Geld. Warum habt ihr euch für diesen Preis entschieden?
Böhnstedt: Die zwei Euro sollen tatsächlich nur ein symbolischer Preis sein. Uns zwar wichtig, möglichst vielen Trauernden wirklich unser Angebot zugänglich zu machen. Auf der anderen Seite funktioniert aber ein Automat nicht, wenn man nicht irgendwie etwas reinschmeißt. Von daher ist es eine symbolische Summe, die wir auch nur deshalb ermöglichen können, weil unser Projekt von verschiedenen Fördergebern unterstützt wird, denen unser Anliegen ebenso wichtig ist. Und deshalb können wir die Dinge, die natürlich viel, viel teurer sind, zu diesem symbolischen Preis herausgeben. Uns ist aber auch wichtig zu sagen, dass dieses Geld nicht bei uns bleibt, sondern das, was wir am Automaten an Geld einnehmen, geht zu 100 Prozent an die Trauerarbeit der Malteser, weil das ein Arbeitsbereich ist, der notorisch unterfinanziert ist. Und wir dadurch eben unseren Beitrag leisten möchten, dass weiterhin auch gute und wertvolle Arbeit für und mit trauernden Menschen stattfinden kann.
Musik: Coldplay, The Scientist
Autorin: Carla Böhnstedt ist heute bei mir zu Gast im Studio und wir unterhalten uns über den Kiosk der Kostbarkeiten. Carla, du denkst dir für das Erzbistum Berlin innovative Projekte in der Seelsorge aus und hattest die Idee, einen Automaten auf einen Friedhof zu stellen. Einen Automaten, der Trost spendet. Wie haben die Leute reagiert? Gab es Rückmeldungen? Vielleicht sogar Briefe oder Gespräche?
Böhnstedt: Ehrlich gesagt haben wir dieses Projekt von Anfang an total unterschätzt, weil wir haben es Anfang des Jahres im Januar eröffnet, haben gedacht: Es ist schnell dunkel, es ist kalt, es ist Winter. Wir stellen den Automaten mal schon auf, um so ein bisschen erste Erfahrungen zu sammeln und wenn wir Glück haben, geht es dann ab dem Frühjahr richtig los. Das war, glaube ich, der größte Fehler, den wir begangen haben. Denn tatsächlich war es so, dass bereits drei Wochen nach Eröffnung des Automaten unser Kiosk der Kostbarkeiten das allererste Mal richtig ausverkauft war. Wir mussten dann sofort in die zweite Nachbestellung gehen und um Ostern herum haben wir bereits das dritte Mal nachbestellen müssen. Wir haben dabei die Erfahrung gemacht, dass zum einen der Automat sehr gut und sehr stark frequentiert wurde, dass tatsächlich sogar auch Menschen aus dem ganzen Stadtgebiet extra nach Hohenschönhausen gekommen sind, um sich eine Box aus dem Automaten zu ziehen. Teilweise sogar Leute aus Brandenburg angereist sind, weil es per Mund-zu-Mund-Propaganda und natürlich auch über die ganze Berichterstattung sich sehr schnell verbreitet hatte.
Autorin: Also sehr, sehr viele positive Reaktionen, von denen du erzählst. Aber gab es denn auch kritische Stimmen? Also so nach dem Motto, kann man Trost wirklich aus einem Automaten ziehen?
Böhnstedt: Wenige, wirklich wenige kritische Nachfragen. So nach dem Motto, kann Kirche wirklich Trost verkaufen? Ist das sinnvoll, wenn Kirche Trost verkauft? Deswegen war es uns ganz wichtig, deutlich zu machen, dass wir zum einen weder die klassischen Trauerangebote verdrängen wollen und erst recht geht es nicht darum, Trost verkaufen zu wollen. Es geht vielmehr darum, auch den Menschen ein Angebot unterbreiten zu können, die sagen: „Hey, mir ist im Moment das einfach noch zu viel, mich auf ein Gespräch, mich auf eine Begleitung einzulassen. So weit bin ich noch nicht, das ertrage ich noch nicht. Aber es würde mir unendlich guttun, zu spüren, dass da jemand an mich gedacht hat.“ Das ist zum Beispiel auch eine Rückmeldung, die wir ganz häufig bekommen, dass uns Menschen zurückmelden, diese Trauerboxen sind so liebevoll gepackt, die sind so wertig. Das hat mir so gutgetan, das Gefühl zu haben, da hat sich jemand in mich und meine Lage hineinversetzt.
Autorin: Der Kiosk der Kostbarkeiten ist schon weit über Berlin und Brandenburg hinaus bekannt geworden, hast du gerade erzählt, und er zieht weiter Kreise. Wie es mit dem Projekt weitergeht, das hören wir nach einer kurzen Pause, aber zuerst kommt hier Johannes Oerding mit Kreise.
Musik: Johannes Oerding, Kreise
Autorin: Carla Böhnstedt ist heute bei mir zu Gast im Studio. Carla, du hast gemeinsam mit einer Projektgruppe den Kiosk der Kostbarkeiten entwickelt. Einen Automaten, der auf einem Friedhof steht und aus dem sich trauernde kleine Trostpäckchen ziehen können. Wenn jetzt jemand zuhört und selbst gerade jemanden verloren hat, was wünschst du ihm oder ihr?
Böhnstedt: Was mir in den letzten Wochen häufig Trauernde erzählt haben am Automaten, ist, dass sie die Erfahrung machen, dass sie sich häufig alleine fühlen, weil viele Menschen aus dem näheren Umfeld nur ganz schwer mit der Trauer umgehen können. Es betrifft jeden existenziell. Hilfreich ist für diese Menschen, es zu spüren, da ist aber trotzdem jemand, der hört mir zu, der hält meine Trauer aus. Das wünsche ich allen Trauernden, dass sie kleine Goldmomente für die Seele bekommen, wo sie merken: Da hat jemand an mich gedacht. Da steht mir jemand zur Seite. Da darf ich das Gefühl haben, ich bin nicht alleine, mir hilft jemand durch diese schwierige Phase hindurch.
Autorin: Und diese Botschaft, von der du gerade gesprochen hast, du bist nicht allein, die rührt ja auch aus deinem Glauben heraus, oder?
Böhnstedt: Das, was mir als Glaubende Kraft und Hoffnung gibt, zu wissen, dass ich später nicht ins Nichts stürze, sondern dass ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hände hinein, sage ich mal. Ja, das mag kitschig klingen, aber für mich geht es tatsächlich, wenn wir von Sterben und Tod reden, da geht es wirklich ums Eingemachte. Und da hilft mir mein christlicher Glaube ungemein, dass ich weiß, ich stürze da nicht ins Nichts. Ich stürze in Gottes Hände.
Autorin: Trost aus dem Automaten, das klingt erstmal ungewöhnlich, aber vielleicht ist es genau das. Eine kleine Geste, die mitten im Alltag sagt, du bist nicht allein. Danke dir, Carla, für dieses Gespräch.
Böhnstedt: Danke, dass ich hier sein durfte.
Autorin: Und wenn Sie neugierig geworden sind: Den goldenen Kiosk der Kostbarkeiten finden Sie auf dem katholischen Friedhof St. Hedwig in Berlin-Hohenschönhausen. Das war Apropos Sonntag, einen friedlichen Sonntag und einen kleinen Lichtblick für die kommende Novemberwoche.
Musik: Coldplay, The Scientist