Eine schwarz-weiß Fotografie einer Gruppe von fünf Mädchen und fünf Jungen in formeller Kleidung. Sie stehen lächelnd vor einer Wand. Eine Person im Hintergrund ist unkenntlich gemacht. Die Kinder variieren in Größe und Kleidung und scheinen aus einer früheren Zeit zu stammen. Eine schwarz-weiß Fotografie einer Gruppe von fünf Mädchen und fünf Jungen in formeller Kleidung. Sie stehen lächelnd vor einer Wand. Eine Person im Hintergrund ist unkenntlich gemacht. Die Kinder variieren in Größe und Kleidung und scheinen aus einer früheren Zeit zu stammen.
Eine schwarz-weiß Fotografie einer Gruppe von fünf Mädchen und fünf Jungen in formeller Kleidung. Sie stehen lächelnd vor einer Wand. Eine Person im Hintergrund ist unkenntlich gemacht. Die Kinder variieren in Größe und Kleidung und scheinen aus einer früheren Zeit zu stammen.
21.09
2025
08:40
Uhr

Der verschwiegene Großvater

Auf der Suche nach der jüdischen Verwandtschaft

Christine Müller:   

Manchmal hab ich dann einfach nach dem Vater meines Vaters gefragt, also nach meinem leiblichen Großvater, und dann war Schluss mit Erzählen, dann schossen meiner Großmutter Tränen in die Augen und sie hat angefangen zu weinen und dann verstummt man als Kind, ist Schluss, also fragt man nicht. Und meinen Vater hab ich versucht zu fragen und hatte die gleiche Reaktion.

Autor:

Damals, als Christine Müller ihre Großmutter nach dem Großvater befragte, war sie vielleicht sechs. Die Erwachsenen hatten sie dazu selber angeregt. Wie so oft schwelgten sie in Erinnerungen, erzählten Geschichten aus dem Berlin der 20er und 30er Jahre:

Christine Müller:   

Wintergarten, Café Kranzler, Sechs-Tage-Rennen, Box-Kämpfe und wie toll die Leute angezogen waren. Und meine Großmutter erzählte dann auch von den etwas reicheren Damen, die zu Leiser kamen und dort Schuhe gekauft haben, meine Großmutter war Schuhverkäuferin bei Leiser. Da hab ich heute noch Schuhspanner, wo Leiser draufsteht. 

Autor:

Es war eine fröhliche, gemütliche Runde. Man warf sich die Bälle der Erinnerung zu.

Vielleicht am Kaffeetisch oder auf dem Sofa am Wochenende, wenn alle Zeit hatten.

Und immer wieder erwähnten der Vater und die Großmutter auch den Großvater.

Christine Müller:  

Da wurde von Max gesprochen, und wenn von Max gesprochen wurde, wusste ich, dass das Gespräch über meinen Großvater läuft. Und da wurde halt erzählt, was das für ein lustiger Mann war und nett und was er mal da gesagt hat und mal da gesagt hat und so.

Autor:

Neugierig gemacht, fragte sie nach, nach Max, dem fidelen Großvater. Da stürzte die Fröhlichkeit von einer Sekunde zur anderen in sich zusammen, trauriges Schweigen trat an ihre Stelle: abrupt und unkommentiert. Ein Schreck für das kleine Mädchen: Was hatte das zu bedeuten?

Christine Müller: 

Meine Mutter hat mir dann erzählt, dass mein Großvater Jude war und dass wir da aber eigentlich nicht drüber sprechen. Die Oma und der Papa, die wollen nicht, dass Du darüber sprichst, so. Sag nicht, dass Du aus einer jüdischen Familie kommst oder lass Dich nicht als Jude erkennen oder irgendwie so wurde das gesagt. Ich hab mir damals nichts dabei gedacht. Das war ein bisschen bedrohlich, bisschen merkwürdig, aber ich wusste schon intuitiv, ich kann da jetzt nicht weiter bohren.

1. Musik: Aus „Kroke: Seventh trip“: Papillon

Autor:

Es gab ein Geheimnis in der Familie: den jüdischen Großvater, über den nicht gesprochen werden sollte. Vielleicht war es besser so. Es gab ja noch so viel Anderes. Die Eltern liebten sich. Beide Großeltern lebten in Leimbach bei Mansfeld mitten im Dorf. Ringsum Felder, Wiesen, Wald und Berge. Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner. Von den Folgen des Zweiten Weltkrieges war in diesem Idyll Anfang der fünfziger Jahre kaum etwas zu spüren. Und als Christine mit Vater und Mutter noch vor der Schulzeit nach Halle zog, wohnten sie bald wieder in einem Haus mit Garten. Ab der dritten Klasse lernte sie Russisch, an einer besonderen Schule.

Christine Müller: 

Da waren wir alles Kinder von Offizieren vor allen Dingen, also zumindest alles stramme Partei-mitglieder, SED, alles ... Kommunisten, die den Anspruch hatten, ein neues Land zu schaffen. Und wir waren als Kinder ja natürlich auch sehr involviert in die Pioniergeschichte. Ich war natürlich Gruppenratsvorsitzende, das war alles sehr uniform, ja, ich wollte unbedingt diese drei roten Balken an meinem Ärmel haben.

 

Autor:

Auch in der Siedlung, in der Christine wohnte, lebten nur Gleichgesinnte, besser versorgt als der Rest der Bevölkerung, fernab von den Verhältnissen, wie sie sonst in der DDR herrschten. Aber selbst in dieser Abgeschlossenheit ließ ihr das Geheimnis um den Großvater keine Ruhe.

Christine Müller: 

Ich habe dann irgendwann diese Sterbeurkunden gefunden im Nachtschrank, als Kind guckt man ja mal ein bisschen bei den Eltern, was gibt es da so für Sachen, und das fand ich schon sehr geheimnisvoll. Das war die Sterbeurkunde aus Sachsenhausen auf Glas als Dia.

Autor 6:

Im Nachtschrank des Vaters lag meist Schokolade. Aber es lag eben noch anderes dort. Hatte sie das Geheimnis nun ergründet? Sie entzifferte die lapidare Mitteilung auf der Sterbeurkunde aus dem KZ Oranienburg: Am 1. August 1942, hieß es dort, sei der Großvater an den Folgen einer Herz- und Kreislaufschwäche ausgelöst durch Ruhr im Krankenhaus gestorben. Christine konnte diese schreckliche Entdeckung nicht auf sich beruhen lassen. Auch wenn sie schweigen sollte. Noch einmal versuchte sie, etwas zu erfahren.

Christine Müller: 

Ich hab das meiner Mutter erzählt, ihr das gezeigt, auch meinem Vater. Mein Vater fing an zu weinen und da musste ich es wieder an Ort und Stelle legen und hab es nur immer noch mal heimlich mir angeguckt.

2. Musik: Aus „Kroke: Seventh trip“: river of shadows

Autor:

Der Großvater – ums Leben gekommen im KZ. Und die Familie schwieg. Und wieder wurde auch Christine, die Enkelin, zum Schweigen genötigt. Aber die Sterbeurkunde war ein zu starker Fakt. Konzentrationslager Sachsenhausen – das sagte dem jungen Mädchen etwas. Nichts darüber, was es mit dem Judesein des Großvaters auf sich hatte, es war etwas Anderes. In der Schule wurde damals viel von der Nazi-Zeit erzählt, vom Widerstand, vor allem von dem der Kommunisten. Manchmal kamen welche und sprachen von ihren Erlebnissen in Nazi-Gefängnissen. Es gab Filme über sie, die waren wie Krimis. Und die kommunistischen Widerstandskämpfer waren oft im Konzentrationslager gestorben oder umgebracht worden. Für viele junge Menschen, für solche wie Christine, waren es Helden. Und so ... 

 Christine Müller:  

... hab ich mir natürlich was zusammengereimt und habe mir eine richtig tolle Geschichte aufgebaut: mein armer Großvater Widerstandskämpfer gegen Hitler, das fand ich damals toll. Und da konnte ich eben auch sagen, ich hab hier so was zuhause gefunden und mein Großvater, den haben sie umgebracht im KZ, der hat auch gelitten und so. 

Autor:

Sie hatte sich eine Geschichte zurechtgelegt, die den Schmerz der Großmutter und des Vaters erklären mochte. War es die wahre Geschichte? Das war nicht entscheidend. Es war überhaupt eine und sie passte in die abgeschlossene Welt, in der sie lebte. Als sie später als junge Lehrerin ins wirkliche DDR-Leben kam, erhielt diese Welt Risse. 1984 reiste sie nach Westberlin aus. Im Mai 1989 starb ihr Vater, die Mutter im gleichen Monat 1992. Im selben Jahr besuchte Christine den jüdischen Friedhof in Weißensee. Sie erfuhr, dass ihr Großvater dort bestattet worden war und fand die Stelle. Es vergingen Jahre, bis sie sich wieder mit dem Familiengeheimnis befasste. 2005 beschloss sie, einen Stolperstein für den Großvater verlegen zu lassen. In diesem Zusammenhang fragte sie beim Entschädigungsamt nach, ob jemand nach ihrem Großvater geforscht habe.

Christine Müller:  

Und dann kam die Entdeckung, dass der Bruder meines Großvaters von Tel Aviv aus, seinen Bruder gesucht hat. Bis 1965 gibt es eine Korrespondenz. Und das hat mich wirklich umgehauen. Anders kann ich es nicht sagen. Davon wusste ich überhaupt gar nichts und da kommt ja dann so viel rein: Hat das mein Vater gewusst, meine Großmutter gewusst, wie geht das eigentlich über-haupt? Das musste ich erstmal verdauen. Irgendwann bin ich nachts aufgewacht und habe gedacht, also wenn der 65, ist ja schon in meinem Bewusstseinsalter, noch mit Berlin korrespondiert und seinen Bruder sucht, dann muss der ja auch Angehörige haben, also muss es ja wohl Verwandtschaft geben. Das hat mich in der Nacht aus dem Bett getrieben, ja, das kam so wie der Blitz in mein Hirn, und hab ich gedacht, also das muss ich jetzt rauskriegen.

 

3. Musik: Wedding Song – Avishai Cohen

Autor 9:

Christine macht sich auf die Suche. Findet die Adresse, wo der Sohn des Bruders ihres Großvaters, der Cousin ihres Vaters, wohnt, Moshe Ben Porat. Im November 2008 fährt sie nach Israel und trifft ihre neue alte Familie. 25 neue Familienmitglieder hat sie nun, davon allein vier Kusinen in ihrem Alter. Die Erregung und die Freude bei der ersten Begegnung sind überwältigend. Aber auch Schmerz und Trauer brechen sich Bahn.

Christine Müller: 

Wir haben auch viel geweint, haben uns die Fotos angeschaut und dann festgestellt, dass wir fünf Frauen eine gemeinsame Urgroßmutter hatten, von der ich eben bis dahin überhaupt nichts wusste. Und das ist für mich auch so ein bisschen belastend und hat mich wütend gemacht, dass mein Vater mir das nicht erzählt hat. Er muss doch gewusst haben, dass er eine Großmutter in Israel hatte, wieso hat er das nicht gesagt? Ich kann ihn nicht fragen, aber für ihn ist es auch eine große vertane Chance und es ist für mich und meinen Bruder, glaube ich, auch eine vertane Chance, wir hätten ganz anders aufwachsen können. Da darf ich überhaupt nicht drüber nachdenken, das ärgert mich so richtig. 

Autor :

Trauer, Wut und Enttäuschung weichen nicht, trotz der Freude über die jüdische Verwandtschaft. Wie anders hätte das Leben aussehen können, wenn die eigenen Eltern, wenn die Großmutter damals nicht geschwiegen hätten? Weiter als die kleine DDR, offener, an Kenntnis reicher. Im Nachhinein versteht Christine: Sie hatte damals als Kind nicht nur den Großvater gesucht, der wohl gar kein Widerstandskämpfer war. Er wurde vermutlich aus Rache getötet, wie andere Juden auch, nachdem die jüdischen Untergrundkämpfer um Herbert Baum einen Anschlag auf die Naziausstellung „Das Sowjetparadies“ verübt hatten. Es war ihr um den Vater gegangen, über dessen Leid und Not sie gern mit ihm gesprochen hätte. Ihr Vater, der in der NS-Zeit das Gymnasium verlassen musste und dann Bäcker wurde. Der mehrere Wochen in Berlin im Gestapogefängnis saß und im November 1944 ins Zwangsarbeitslager der Organisation Todt kam. Der sich zum Kriegsende zur Mutter durchschlug, heiratete und Kinder hatte: Christine und ihren Bruder. Der evangelisch getauft worden war, wohl, um ihn damals zu schützen. Christine war auch getauft, aber atheistisch erzogen worden. Als ihr Sohn lebensgefährlich erkrankte, betete sie, ohne zu wissen, wie. Und sie erfuhr von den Eltern, dass auch sie gebetet hatten. Jüdisch, in hebräischer Sprache. Sie selbst fand schließlich zur evangelischen Kirche. Und nun?

11. O-Ton: Christine Müller: 

Ich war zu Gottesdiensten in der Synagoge. Ich hab zwar nicht viel verstanden, weil Vieles Hebräisch war, aber mir hat das Ritual sehr gut gefallen. Meine Familie, die ich gefunden habe in Israel, ist nicht religiös. Sie halten viele Traditionen ein, so weit es in den Lebensrhythmus passt. Ich kann es einfach nicht sagen. Ich fühle mich zugehörig, schon, zu beiden Seiten, und so wird es wahrscheinlich bleiben. Ich werde nicht konvertieren. Aber ich interessiere mich für die jüdischen Feiertage, die weiß ich, ich schicke Gratulationen nach Israel, ich kriege von dort Gratulationen. 

Autor 11:

Es bleibt eine Zerrissenheit, das Erbe einer schrecklichen Vergangenheit und das Erbe des Schweigens danach. Und so bleibt auch die aus Leid geborene Schuld des Vaters an Christine. Eine

Schuld, die nicht mehr vergeben werden kann, weil der andere nicht mehr lebt. Solche Schuld bringen Juden am großen Versöhnungstag Yom Kippur vor Gott. Und Christen? Christine Müller wird weiter nach der Bewältigung ihrer inneren Zerrissenheit suchen. Vielleicht lässt sie einmal das Kaddisch, das Juden zum Totengedenken beten, für den Großvater und den Vater sprechen. Vielleicht kann sie in den Psalmen, die Juden und Christen als gemeinsame Tradition bis heute verbindet, Trost und Worte finden, die ihr damals als Kind verwehrt blieben, weil über den Großvater und seine Geschichte, die auch ihre ist, einfach nicht gesprochen wurde. 

4. Musik: Ravel: Kaddish – Jean-Marc Phillips-Varjabédian