Eine Gruppe von Menschen sitzt im Freien auf einer Wiese, umgeben von Bäumen und Stofffahnen. In der Mitte steht ein Tisch mit einem Kreuz und Blumen. Die Anwesenden wirken an einem feierlichen Anlass oder einer Zeremonie beteiligt.
22.03
2026
08:40
Uhr

Die Bibelerzählerin aus Brandenburg

Ein Beitrag von Angelika Obert

Autorin: 

Das Wetter über der Dorfkirche in Radewege bei Brandenburg ist an diesem Nachmittag fast zu schön, um reinzugehen. Darum beginnt Simone Merkel ihr Programm auch draußen auf der Wiese. Sie erzählt von den Schätzen, die einer finden kann, wenn er sich auf den Weg macht auf einer Straße, die scheinbar nirgendwo hinführt. Und der Liedermacher Johannes Rosenstock singt ein Lied vom Unterwegs sein. Aber weil das Publikum so lange auch wieder nicht stehen mag, geht‘s dann doch in die Kirche – die Bänke füllen sich. Und nun lädt die Erzählerin die Zuhörenden ein, selbst auf Schatzsuche zu gehen auf einem Weg durch ganz verschiedene biblische Geschichten. Eins haben sie aber doch alle gemeinsam: Sie handeln von Menschen, die unterwegs sind. Bileam zum Beispiel. Er wird von fernher herbeigerufen, weil er einen Fluch kennt, der das Volk vertreiben kann, das vor den Toren des Landes Moab lagert.           

Simone Merkel: „Es sind zu viele. Sie haben sich da niedergelassen. Die Frauen, die Männer, die Kinder. Mit Sack und Pack sind sie gekommen. Es sind zu Viele.“     

Autorin: 
Das kommt den Zuhörenden doch irgendwie bekannt vor – dieses „es sind zu Viele“.  Und doch – am Ende werden die Vielen in der biblischen Geschichte nicht verflucht, sondern gesegnet. Denn ein Engel stellt sich dem Bileam und seiner Eselin in den Weg. Als Fluchender wäre er nicht weiter-gekommen. Es ist ein Vergnügen, der zierlichen, freundlichen Erzählerin zuzuhören, deren Augen beim Sprechen nur so blitzen. Am Ende gibt‘s viel Beifall. Offenbar mögen es auch die Erwachsenen, wenn man ihnen die Geschichten aus der Bibel einfach mal spannend erzählt, Simone Merkel meint, für die Erwachsenen seien diese Geschichten ja auch bestimmt:      

Simone Merkel:          
Viele der Bibelgeschichten sind – ich würde sagen – von der Theologie her – überhaupt nicht für Kinder geeignet, gar nicht als erstes für Kinder gedacht und ich habe den Eindruck, dass viele der Erwachsenen vergessen haben, dass es für sie Geschichten sind, dass es große Lebensthemen sind, die da bewegt werden.                                       

Autorin: 
Es ist mit dem Erzählen der biblischen Geschichten dann auch etwas anders als etwa mit dem Märchenerzählen. Das Märchen kann einfach so präsentiert werden. Mit der biblischen Geschichte muss sich die Erzählerin schon auch selbst auseinandersetzen. Sie muss ihr eigenes Thema darin entdecken – und gerade das ist es, was Simone Merkel daran reizt:           

Simone Merkel:
Mich bewegen die Bibelgeschichten selber. Und ich erzähl sie auch für mich selber. Und ich erzähl sie natürlich für die Zuhörerinnen und Zuhörer, die kommen, aber ich erzähle vor allen Dingen auch, was mich daran bewegt. Und – die Märchen sind spannend. Die hör ich mir auch hin und wieder gern an.

Aber das sind nicht die Geschichten, die mich umtreiben, das sind eben die Bibelgeschichten – die Geschichten mit Gott und den Menschen.     

Autorin: 
Geschichten sind immer mehrdeutig wie das Leben selbst. Auch die biblischen Geschichten haben keine eindeutigen Botschaften. Sie erzählen vielmehr von Erfahrungen und lassen Fragen zu. Und so will auch Simone Merkel erzählen – suchend und staunend:       

Simone Merkel:
Mir kommt es darauf an, dass ich die Geschichten so erzähle, dass sie für diejenigen, die zuhören, ich sag mal, Stoff zum Nachdenken geben, dass die Geschichten offenbleiben, dass sie nicht die fertigen Antworten haben und insofern ist das für mich so ein Suchen und – ja, man könnte auch sagen: entdecken, aber ich find es viel schöner, verwundert und erstaunt zu sein – in dem Staunen steckt für mich so viel Freude mit drin, so viel Überraschendes...

Autorin: 
Dabei öffnet sie die alte Geschichten auch für neue Fragen. Für die Erzählung vom König Salomo zum Beispiel erfindet sie eine Rahmenhandlung: Da unterhalten sich Huckleberry Finn und der Sklave Jim darüber, ob Salomo denn wirklich so ein weiser König war.   

Simone Merkel:
Ich versuche, ein Element, ein Motiv zu nehmen, an dem man sozusagen einhaken kann oder wo man dran hängen bleiben kann und wo man dann selbst die Brücke bauen kann für sich selbst und sagen kann: Ach Mensch, der Salomo, da kann man sich auch drüber streiten, ob der nun weise war oder nicht weise. 

Autorin: Die Zuhörenden merken: Diese Erzählerin hat sich was überlegt. Es macht nicht nur Spaß, ihr zu folgen – es bringt auch was. Und das sagen sie dann auch: 

Simone Merkel:
Junge Leute, die haben die Geschichte vom verlorenen Sohn gehört und n junger Mann sagt: Ich kannte die Geschichte schon, seit ich Kind bin – und ich hab sie jetzt ganz anders gehört. Ich hab sie jetzt ganz neu gehört. Oder eine Reaktion in Radewege war: Sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Jetzt hab ich Stoff zum Nachdenken.     

Musik: James Vincent McMorrow Higher Love

Autorin:
Geschichten haben Simone Merkel schon immer begleitet. Sie hatte das Glück, sagt sie, als Kind einer Frau zu begegnen, die mit solcher Leidenschaft erzählte, dass alle an ihren Lippen hingen und darüber die Zeit vergaßen.        

Simone Merkel:
Es war einfach: Sie hatte uns was zu erzählen und das war großartig. Und sie hat uns ernst genommen damit. Ich hab mich so gesehen und beachtet gefühlt und ich wusste: Das will ich auch können, ich will auch erzählen. Das wusste ich als Kind.

Autorin: So ist sie Religionspädagogin geworden – ein Beruf, in dem das Erzählen eine wichtige Rolle spielt.            

Simone Merkel:
Ich hab für meine eigenen Kinder erzählt und in der Arbeit mit Kindern, in Kindergruppen, in der Gemeinde immer erzählt und irgendwann war für mich deutlich: Das gehört für mich noch viel mehr in den Vordergrund meines Lebens. (…)  Und dann war‘s irgendwann so weit, dass ich gesagt hab: Ja, ich bin Bibelerzählerin.        

Autorin:
Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Bevor sie begann, mit eigenen Erzählprogrammen aufzutreten, hat sie sich nach allen Regeln der Kunst darauf vorbereitet:   

Simone Merkel:
Ich hab gelernt von Schauspielerinnen und von Stimmbildnern und natürlich auch theologisch gearbeitet – (…) es ist quasi ein Wachstum auf dem Lebensweg und dazu gehört natürlich auch Übung und Handwerkzeug.    

Autorin:
Für ihr Erzählprojekt ist sie mit einem Preis ausgezeichnet worden: Das freie Erzählen, so befand die Jury, sei ein wichtiger Weg, um die biblische Botschaft lebendig zu erhalten. Lebendig wird sie, weil die Erzählerin nicht einfach nacherzählt, was sie liest, sondern sich mit den Geschichten lange beschäftigt und nach ihrem eigenen Zugang sucht: 

Simone Merkel:
Manchmal dauert es ganz lange und die Erzählung wächst, manchmal geht‘s relativ schnell – manchmal ist es auch ne Mühe für mich und es wird eher ne Erzählung draus, die widerspenstig ist und manche Geschichten erzähl ich auch nicht, weil ich keinen Zugang dazu finde oder weil ich für mich keine Möglichkeit finde, für mich die richtigen Worte zu finden. 

Autorin:
Solche berühmten Geschichte wie die von der Arche Noah hat sie darum auch noch gar nicht erzählt – ein Beinahe-Weltuntergang ist ihr einfach zu viel. Lieber geht sie den scheinbar unspektakulären Menschengeschichten nach, die in der Bibel nur ganz kurz berichtet werden: 

Simone Merkel:
Ich hab kürzlich die Berufung des Levi erzählt, zwei Verse im Markusevangelium – ist ja noch gar keine Geschichte, die man erzählen kann. Aber diesem Levi auf die Spur zu kommen und danach zu suchen: Wie kann das sein? Jesus sah ihn. Er stand auf und folgte ihm nach, das ist alles. Also, was steckt dahinter? Was ist der Levi für n Typ? Was bewegt den? Warum steht der auf? Und aus diesem Suchen heraus wächst dann die Geschichte.

Autorin:
Auch, wenn sie den Figuren ihre eigene Farbe und Deutung mitgibt, soll die Geschichte immer offenbleiben. Es liegt ihr viel daran, die Zuhörer nicht zu bevormunden:   

Simone Merkel:
Ich erzähle im Vertrauen darauf, dass die Bibelgeschichte alles hat, was wir brauchen. Und ich will mir nicht erlauben, eine Botschaft, ein Korn rauszupicken und es zu benutzen, um es den andern in die Nase zu stecken, sondern ich möchte ihnen gerne die ganze Blüte zeigen und sagen: Guck‘s dir an, riech dran, schmecke, fühle, höre und guck, was du davon gebrauchen kannst. Also: Ich hab nicht die Botschaft, ich bring nur die Geschichte.             

Musik: James Vincent McMorrow Higher Love

Autorin:
Heute, sagt Simone Merkel, kann kein Mensch mehr von sich behaupten, Lösungen parat zu haben für all die komplizierten Fragen des Lebens. Man kann sich nur auf die Suche begeben und Antworten für sich selbst entdecken. Und dabei können Geschichten, die von alten Erfahrungen berichten, sehr anregend sein. So wird das mündliche Erzählen in der Kirche wieder neu entdeckt. Simone Merkel ist nicht nur selbst als Erzählerin unterwegs, sie bietet auch eine Weiterbildung an, bei der man das nötige methodische Handwerkszeug lernen kann:

Simone Merkel:
Motive, die wiederkehren. Sätze, die sich durchaus wiederholen. Die mündliche Sprache ist ne andere als die Schriftsprache und das muss man einfach bewusst einsetzen, dass man mit der Mündlichkeit und auch der Flüchtigkeit der Worte zu tun hat und sich dessen sehr bewusst sein, das ganz bewusst einsetzen.   

Autorin:
Auch Pfarrerinnen und Pfarrer nehmen an der Ausbildung teil, vor allem aber die Ehrenamtlichen, die in den Kirchengemeinden mit jungen und alten Menschen arbeiten.

Sie lernen nicht nur das methodische Handwerk, sie setzen sich auch intensiv damit auseinander, was sie selbst glauben.

Simone Merkel:
Die Frage nach Gott, die Suche nach Gott. Und eben auch das eigene Fragen: Wo finde ich Gott in der Geschichte? Was bedeutet es für mich? Wie kann ich eigentlich, wie will ich, wie kann ich, wie darf ich über Gott sprechen, über Erfahrungen, die Menschen gemacht haben – das ist n ganz großer Teil.   

Autorin:
Und dann gilt es, zu den eigenen Entdeckungen und Überzeugungen ohne Wenn und Aber zu stehen – denn schließlich werden die Erzählerinnen ohne Skript und Pult vor ihrem Publikum stehen und frei sprechen. Dazu gehört Mut. Doch der Mut wird auch belohnt: 

Simone Merkel:
Es gibt ganz viele Rückmeldungen und sie sagen: Da kommt was an. Da kommt was an, das wirkt. Oder sie sagen: Das stärkt mich, ich tu das auch für mich. 

Oder sie sagen: Hast du gemerkt, wie sie mich angeguckt haben und wie sie dabei waren und wie sie aufmerksam waren und das ermutigt dann natürlich und stärkt und hilft dazu weiterzumachen.                      

Autorin:
Erstaunlich ist es schon, dass gerade heute, wo jedermann Zugriff auf Filme und Serien hat, das schlichte, freie Erzählen wieder an Anziehungskraft gewinnt. Woran liegt‘s? Simone Merkel meint: 

Simone Merkel:
Meine einzige Erklärung ist, dass das mündliche Erzählen was mit Beziehung zu tun hat. Ich glaube, die Menschen spüren das, dass da ne Nähe hergestellt wird, die nicht übergriffig ist, die jedem die Distanz lässt, die er oder sie braucht und aber doch ne Nähe da ist, die Beziehung herstellt          

Autorin:
Wer selbst erleben will, wie anregend es ist, sich biblische Geschichten erzählen zu lassen, kann Simone Merkel zuhören. Weitere Termine finden sich im Internet auf der Homepage der Bibelerzählerin. 

Musik: Michael Kiwanuka, Tell Me A Tale