Ein verfallenes, einstöckiges Gebäude steht zwischen hohen, grünen Bäumen und Sträuchern. Der Fußweg aus schmalen Steinen führt zur Eingangstür. Die umgebende Landschaft ist wild und ungepflegt, mit hohem Gras und bunten Wildblumen. Ein verfallenes, einstöckiges Gebäude steht zwischen hohen, grünen Bäumen und Sträuchern. Der Fußweg aus schmalen Steinen führt zur Eingangstür. Die umgebende Landschaft ist wild und ungepflegt, mit hohem Gras und bunten Wildblumen.
Ein verfallenes, einstöckiges Gebäude steht zwischen hohen, grünen Bäumen und Sträuchern. Der Fußweg aus schmalen Steinen führt zur Eingangstür. Die umgebende Landschaft ist wild und ungepflegt, mit hohem Gras und bunten Wildblumen.
25.01
2026
08:40
Uhr

Die Dokumentationsstätte und die Kirche

Über die Entstehung der Dokumentationsstätte Jamnitz-Lieberose

Ein Beitrag von Viktoria Hellwig

Ausschnitt Audioweg Jamlitz
Sehen Sie den großen Findlingsstein mit der Aufschrift Arbeitslager Lieberose. Der Stein wurde von einem ungarischen Häftling gefertigt. Er stand am Lagereingang des Konzentrationslagers hier in Jamlitz. Benannt wurde das Lager jedoch wie der Bahnhof. Lieberose.

Zeitzeugen: I dont remember exactly the way we are walking… /Ich und mein Bruder sind in Lieberose angekommen./ Wir sind verschickt geworden./ Wir waren in Lieberose. Nach Lieberose. /300 oder 400 Leute vielleicht.[1]

Autorin:
Das waren Ausschnitte aus dem Audioweg in Jamlitz. Jamlitz ist ein kleines Dorf im Süden Brandenburgs – unscheinbar auf den ersten Blick. Doch der Eindruck trügt: Im 20. Jahrhundert war hier ein Ort von Massenmord, Genozid und Grauen. Ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen befand sich hier.

Ausschnitt Audioweg Jamlitz
Wir Brüder saßen oft auf dem Zaun und haben zugeguckt, wenn sie heim kamen von der Arbeit, war so ein schlürfender Gang. Was sich mir sehr eingeprägt hat, das war der Geruch. Es ist ganz eigenartig, wenn Menschen Hunger haben, Angst haben.  Abgang Tote, jeden Monat ungefähr 400.

Sprecherin: Setzen Sie sich auf die Bank, mit dem Rücken zum Weg, mit Blickrichtung in den Wald. Sehen Sie das große, gemauerte Rudiment auf dem Waldboden? Dies ist einer der Pfeiler vom alten Eingangstor des Konzentrationslagers. An ihm sind täglich Tausende Häftlinge vorübergegangen. 

Autorin:
Heute ist auf dem Gelände des ehemaligen Lagers eine Dokumentationsstätte. Doch das war nicht immer so. Ich machte mich auf Spurensuche und traf Pfarrer Tilmann Kuhn:

Tilmann Kuhn
Ich bin also Tilman Kuhn Pfarrer jetzt hier in Strausberg und war also in Lieberose in meiner ersten Stelle. Das war noch relativ dicht an der Wendezeit dran. Also es waren noch eigentlich die DDR-Verhältnisse durchaus lebendig dort, was so das Miteinander der Menschen anbelangte. Ich bin 1992 dort hingekommen und das hat aber eine durchaus bemerkenswerte Geschichte und der Verantwortungsbereich umfasste auch das Dorf Jamlitz, so Walddorf, wo eigentlich gar nicht viel los ist, aber Jamlitz hatte einen berüchtigten Namen aus der Zeit der ersten Jahre nach Kriegsende, weil dort ein sowjetisches Speziallager errichtet war bzw. genutzt wurde. Errichtet haben es nämlich schon die Nationalsozialisten und haben dort ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen eingerichtet, ursprünglich um da einen SS-Truppenübungsplatz zu etablieren. Und davon war aber nichts mehr zu sehen. Es war nur die Nachricht, dass das gewesen ist. Zu sehen war eine Gedenkstätte aus DDR-Zeiten in Lieberose selber. Und das kam mir schon merkwürdig vor. Die war also an einer Stelle platziert, wo eigentlich gar kein Lager ursprünglich war.

Autorin:
Der Pfarrer fängt an zu recherchieren, spricht mit den Leuten vor Ort und traf auf den Historiker Andreas Weigelt. Beide waren sich schnell einig: Die Geschichte des Lagers musste umfassend dokumentiert werden.

Tilmann Kuhn
Wir fanden zueinander und waren dann relativ schnell der Meinung, müssen im Grunde genommen dafür Sorge tragen, dass diese Lagergeschichte dokumentiert wird. Wir waren uns auch sehr wohl schon bewusst, dass das, was in Lieberose geschaffen worden war, einen Gedenkstättencharakter hatte, aber das war im Grunde genommen alles DDR-Perspektive. Die haben die Lagergeschichte letztlich okkupiert für ihre antifaschistische Orientierung, unter dieser Überschrift lief das Ganze. Damit werden also bestimmte Dinge ausgeblendet und zwar ganz besonders die Geschichte, dass das Lager ja nicht nur ein Konzentrationsaußenlager gewesen ist, sondern auch ein sowjetisches Speziallager. Darüber durfte in der DDR gar nicht geredet werden. Und die da Insassen gewesen sind und dann später entlassen wurden, mussten alle unterschreiben, dass sie schweigen über die Geschichte dieses in dem sie selber gesessen haben. Und dieses Schweigen hat sich eigentlich fortgesetzt.  Es war nur untergründig von manchen zu hören, da war ja auch ein Sowjetisches Speziallager. 

Musik: Patrick Watson - Ode to Vivian 

Autorin:
Es ist kurz nach der Wende, vieles ist im Umbruch und so auch die Gedenkstätten. Historiker Weigelt und Pfarrer Kuhn im südlichen Brandenburg machen sich für das Errichten einer neuen Dokumentationsstätte stark. Doch der Weg war nicht so einfach:

Dr. Andreas Weigelt
Als klar war, dass das Land und auch der Bund den Gedenkort in Jamlitz sehen und dort eine Gedenkstätte schaffen wollten, hat die Kirchengemeinde die Trägerschaft 1999 übernommen für die Schaffung einer Gedenkstätte in Jamlitz, was beinhaltete die Forschung, Dokumentation, Gedenkveranstaltungen, aber auch die Schaffung eines Platzes, der von jedermann besuchbar ist, was es dort nicht gab. Da hängt eine komplizierte Gedenkgeschichte zusammen, die 1971 begann, als bei Jamlitz ein Massengrab gefunden wurde, mit weniger als der Hälfte, der im Februar 1945 ermordeten, kranken Häftlinge, die überwiegend Juden waren, aus ganz Europa. Und das war der Grund, warum in der DDR dieser Gedenkort nicht in Jamlitz errichtet wurde, sondern in Lieberose. An, wenn man so will, einem künstlichen Ort neben dem Ortsfriedhof, wo heute noch diese Gedenkstätte besteht. Es war natürlich erst mal überhaupt ein Gedenken, das es vorher nicht gab. Aber es war ein sehr eingeschränktes Gedenken.

Autorin:
Eine Dokumentationsstätte unter kirchlicher Trägerschaft. Es sollte jedoch kein christliches Gedenken werden, sondern ein Ort an dem der vielen verschiedenen Opfergruppen gedacht werden kann. Denn nach dem Außenlager wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht ein Speziallager errichtet. Andreas Weigelt hat intensiv zu Jamlitz geforscht, promoviert und ist heute Leiter der Gedenkstätte. Er macht eine wichtige Differenzierung der Lager deutlich:

Dr. Andreas Weigelt
Die Speziallager als ein Teil der gesamtalliierten Entnazifizierung. Es gab solche Lager ja auch in den anderen Besatzungszonen, amerikanischen, britischen, französischen ganz besonders viele, diente der Ausschaltung der ehemals aktiven Nationalsozialisten aus dieser besiegten Gesellschaft, die bis fünf nach zwölf gegen die Alliierten gekämpft hat. Und es war eine der Politiken, der gemeinsamen Politik der Alliierten, die kleinen, sagen wir mal, aktiven Nazis, denen man nicht konkrete Verbrechen vorwarf, ohne weitere Gründe in Internierungslagern von der Gesellschaft zu isolieren. Das war gemeinsames Ziel. Es hat sich dann in den beiden oder in den verschiedenen Besatzungszonen unterschiedlich entwickelt.

Musik: Patrick Watson - Ode to Vivian 

Autorin:
Außenlager, Speziallager, Transporte, Todesmarsch. Es sind viele Themen und viel Leiden, was sich an diesem kleinen Ort staut. Und eine große Frage. Wie kann man all das unter einen Hut bringen? Das war eine der größten Herausforderungen, wie mir Pfarrer Kuhn berichtet:

Tilmann Kuhn
Klar war, dass wenn man sich daran macht, dass man alle Opfer, Verbände oder Gruppen berücksichtigen muss. Und das betrifft als Vertreter der jüdischen Opfer des Nationalsozialistischen Lagers den Zentralrat der Juden und in der Opferperspektive der ehemaligen Insassen des sowjetischen Speziallagers, die diese Gruppe der ehemaligen Insassen, die aber miteinander nicht reden konnten. Und dazu kam dann im Grunde genommen noch das Interesse der dort heute Lebenden. Und diese drei Ebenen waren eigentlich unvereinbar. Und da haben wir als Kirchengemeinde gesagt, wenn hier niemand die an einen Tisch bringen kann, dann sind wir als Kirchengemeinde vor Ort immerhin gut genug, um so einen quasi runden Tisch zu führen und einzuladen und gesprächsweise zu erarbeiten, wie können wir im Grunde genommen dieser mehrschichtigen historischen Lage gerecht werden.

Musik: Schindlers Liste unterlegen für ein paar Sekunden, dann aufziehen.

Autorin: Zur historischen Lage in Jamlitz kann der Audioweg aufschluss geben. Hier ein weiterer Auschnitt:

Ausschnitt Audioweg Jamlitz
Die kommen beide so angeradelt. Und da sehen sie an einem Baum, da lag einer, der war schon halb tot.  Tante sieht das und nimmt und schmeißt die Kirschen hin. So, jetzt haben die sich dahingeschmissen und dann die Kirschen. Die hatten ja mehr Streu und Kies hier, Sand. Und auf einmal kommt die Feldgendarmerie: Da haben wir gesagt, Kettenhunde. Und da haben die beiden von oben runter nieder gemacht und haben gesagt: „Noch einmal und ihr seid auch bei der Truppe ja ab, da habt ihr morgen auch die Klamotten an.“

Musik: John Williams - Schindlers Liste Theme

Autorin:

Anfang der 90er Jahren tut sich viel, Menschen suchten neue Jobs, fanden sich in einem neuen System zurecht und an neuen Orten. In Jamlitz entstand nun Stück für Stück die Gedenkstätte, getragen von der Kirchengemeinde vor Ort. Es sollte keine kirchliche Gedenkstätte sein, sagt Historiker und heutiger Leiter Dr. Andreas Weigelt. Bis heute hat sich viel gewandelt:

Dr. Andreas Weigelt
Es gab auch innerhalb der Gedenkstättenpolitik Probleme, aber das ist sozusagen eine kurze Phase gewesen. Letztlich hat sich das Land und der Bund entschieden, übernehmen diesen Gedenkort, übernehmen den Gedenkort von der Kirchengemeinde in die Stiftung. Dadurch wird der Gedenkort sozusagen dauerhaft evaluiert. Er wird gesichert, es gibt Personal. Ich hatte immer mal Projektmittel und konnte inhaltlich einiges vorantreiben, Bücher schreiben. Wir haben diese Freiluftausstellungen gemacht in Jamlitz in Kooperation mit der Stiftung, mit den jüdischen und nach 45er Opferverbänden. Aber es war klar, es kann keine endgültige Trägerschaft sein und finanziell konnte die Kirche das auch nicht gründlich, also kein Personal einstellen.

Autorin:

Heute ist die Dokumentationsstätte Jamlitz Teil der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Damit ist ihre Arbeit langfristig gesichert – personell, finanziell und wissenschaftlich. Was als kirchliches Engagement begann, ist inzwischen staatliche Verantwortung geworden. Doch die besondere Geschichte dieses Ortes, die Nähe von Kirche, Dorf und Lager, bleibt spürbar. Gedenken in Jamlitz bedeutet aber nicht nur Rückblick. Es bedeutet auch Gegenwart. Und es bedeutet, Menschen einzubeziehen, die selbst Brüche in ihren Biografien tragen.

Dr. Andreas Weigelt

In dem ehemaligen Bahnhof in Jamlitz, der seit 1996 stillgelegt war, hat 2012 ein Berliner Hilfsverein Caruna e.V., eine Bildungsstätte gegründet und eine Wohngemeinschaft für ehemalige Straßenkinder, geleitet von Anett Quint. Wir haben gemeinsam die Gedenkstättenarbeit eigentlich weiterentwickelt. Wir haben in den letzten Jahren auch ehemalige Straßenkinder zu Gedenkstättenassistenten ausgebildet, Führungen zu machen, also zur Historie des KZ-Außenlagers. Und das ist Idee eines Hörwegs entstanden, der aber jetzt nicht nur ein Lager oder beide Lager in den Blick nimmt, sondern die gesamte Dorfgeschichte der letzten 100 Jahre. Also im Moment ist der Hörweg nicht begehbar, weil es da Grundstücksfragen zu klären gibt, die nachträglich aufgetaucht sind. Da sind wir aber dran.

Autorin:
Der ehemalige Bahnhof wird so zu einem Ort doppelter Bewegung: Früher kamen hier Häftlinge an – heute kommen junge Menschen, um zu bleiben, zu lernen, Verantwortung zu übernehmen. Erinnerung wird hier nicht nur bewahrt, sondern weitergegeben. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit in Jamlitz liegt auf den sogenannten „vergessenen Opfern“.

Dr. Andreas Weigelt
Im Oktober in Cottbus planen wir im Museum eine Ausstellung: „Die Verleugneten“ wird dort gezeigt. Das machen wir in Kooperation, Justus-Delbrück-Haus, Stiftung Museum Cottbus Die Universität ist da auch involviert. Und da werden Biografien mit gezeigt werden. Man kann dort immer einige Stationen erweitern, so ist dieses Ausstellungskonzept. Werden wir Biografien nicht von jüdischen Häftlingen zeigen, sondern von Häftlingen, die zu den so genannten Asozialen, Berufsverbrechern, Homosexuellen gehören, die von den Nazis drangsaliert wurden und die in Jamlitz Häftlinge waren. Auch der Versuch sozusagen in die Gesellschaft hineinzuwirken, die hier in der Umgebung ist. Cottbus ist so ein Schwerpunkt der Zusammenarbeit für uns.

Autorin:
Es geht um Opfergruppen, die selbst nach 1945 kaum Anerkennung fanden. Menschen, deren Leid nicht in das lange vorherrschende Bild passte. Erinnerung ist kein abgeschlossener Zustand – sie bleibt in Bewegung. Pfarrer Kuhn lebt und arbeitet nun schon lange nicht mehr in Jamlitz-Lieberose. Als ich ihn frage, ob er im Rückblick stolz darauf sei, was dort geschaffen wurde, sagt er:

Tilmann Kuhn
...mit dieser Jamlitz-Geschichte will ich mir den Stolz einfach nicht aufkommen lassen. Es ist nicht mein Leiden und damit ist es eigentlich auch meine unmittelbare Geschichte, aber es ist meine Verantwortung, mit dieser Geschichte umzugehen. Vielleicht konnte ich dazu bisschen beitragen. 

Autorin:
Jamlitz ist ein Ort, der nichts beschönigt. Kein abgeschlossener Erinnerungsraum, sondern ein offener. Ein Ort, der fragt, wie Gesellschaft mit ihrer Geschichte umgeht – und wer Verantwortung übernimmt, wenn das Schweigen endet. 

Musik: Edith Whiskers - Lights are on  


 

Weiterführende Links:
“Im Wald und auf der Heide. Die Schicksale des Dorfes Jamlitz.”, Ein Jahrhunderthörspiel von Kai-Uwe Kohlschmidt und Andreas Weigelt © Eine Produktion des KARUNA e.V. 2014. Neuauflage 2022 im Auftrag der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Land
https://audioweg-jamlitz.de/ 

Gedenkstätte Jamnitz- Lieberose: https://die-lager-jamlitz.de/ 


[1] Ausschnitt aus: „Im Wald und auf der Heide – Die Schicksale des Dorfes Jamlitz“, Audioweg zur Geschichte des Ortes (KARUNA e.V., Justus-Delbrück-Haus & Evangelische Kirchengemeinde Lieberose und Land, 2014/2022).