Autorin: Weißer Sonntag – so heißt der heutige Sonntag in der katholischen Kirche. Das ist ein uralter Begriff, er kommt noch aus der Antike. Der Weiße Sonntag ist so etwas wie ein Kraft-Tank-Tag durch Berührung. Wer damals, im Römischen Reich vor rund 2000 Jahren dazu gehören will, zu dieser Gruppe, die sich zu Rabbi Jesus von Nazareth bekennt - der lässt sich taufen.
Autorin: Die erwachsenen Täuflinge werden damals in der Osternacht getauft. Untertauchen mit dem ganzen Körper, in einem Bach, einem Fluss oder in einem See. Drei Mal. Ganz körperlich-sinnlich, mit Leib und Seele, waschen die Täuflinge ihr altes Leben ab und lassen es hinter sich. Mancher ist danach geradezu übermütig, erleichtert, befreit! Und damit auch alle diesen besonderen Neuanfang sehen können, tragen die Frisch-Getauften in der Antike eine Woche lang ein reines, weißes Gewand. Bis zum nächsten Sonntag, genau, dem Weißen Sonntag!
Schönes sinnliches Erleben, umwerfende körperliche Erlebnisse prägen sich tief ein, oft erinnert man sich noch sehr lange daran. Was zählt, ist die Berührung unseres Körpers – egal, ob von einem Natur-Element wie Wasser, einem Gegenstand, einem Tier oder einem anderen Menschen. Aber warum ist das so? Damit beschäftigt sich sogar die Wissenschaft. Martin Grunwald ist Leiter des Haptik-Forschungslabor an der Uni Leipzig. Hier wird das Thema Mensch und Berührung erforscht.
Grunwald: Menschen haben ein innewohnendes Bedürfnis zu gegebenem Anlass, zu gegebener Zeit, die Körper, die dreidimensionalen Körper in direkten Kontakt mit einem anderen Körper zu bringen. Das ist eigentlich ein wundersames Verhalten. Stellen Sie sich vor, andere Wesen, Außerirdische würden uns beobachten…
Autorin: Tja, so nüchtern drückt es ein Wissenschaftler aus. Aber seltsam ist unser Drang nach Berührung und Körperkontakt ja tatsächlich. Beim Sport oder bei Trauerfällen wird das noch deutlicher. Wir fallen uns um den Hals, nehmen uns in den Arm oder drücken uns zumindest mitfühlend die Hand. Bei Babys sind Körperberührungen sogar elementar. Ohne Berührung kein Wachstum. Und das ist auch bei praktisch allen Säugetieren so: Gehirn- und Körperzellen entwickeln sich nur mit Körperberührung.
Grunwald: Dann gibt es noch viele andere Effekte, nicht nur die Wachstumseffekte, sondern die körperliche Entspannung, die Regulation von Emotionen kann man mit Körperberührungen sehr gut hinbekommen. Und wir haben eine ganze Reihe positiver Immunreaktionen, die nur und ausschließlich durch Körperberührungen stimuliert werden.
Autorin: Körperberührungen - vom richtigen Menschen zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosis – sie beruhigen, entspannen, stärken, heilen und lassen uns wachsen. Dafür sind die vielen Sensoren in unserer Haut verantwortlich, aber auch in Muskeln, Sehnen und Bindegewebe. Die Sensoren leiten Signale ans Gehirn. Und das schüttet dann ordentlich aus: Bindungshormone. Oder das Glückshormon Serotonin. Gleichzeitig sinkt das Stresshormon Cortisol. Kein Wunder, dass Berührung einfach gut tut und sogar gesund machen kann.
Der Berührungssinn, der Tastsinn ist der älteste Sinn überhaupt. Er ist praktisch schon beim gerade gezeugten Embryo vorhanden, weit vor Ohren und Augen. Und auch in der gesamten Tierwelt ist der Tastsinn der Basis-Sinn. Das fasziniert sogar den Wissenschaftler.
Grunwald: Insbesondere, dass es sozusagen keinen Organismus gibt, der ohne ein irgendwie geartetes Mechano-Tast-Sinnes-System existieren könnte. Also, sowohl Amöben, also einzellige Organismen, als auch höher komplexe Wesen verfügen also elementar über ein Tast-Sinnes-System. 9,04 Die anderen Sinne wurden ja auch Fern-Sinnen genannt. Also, man muss nicht unbedingt in sozialen Gesellschaften sehen können, aber ein Organismus, der nicht fühlen kann, der ist zum Sterben verurteilt.
Musik: Leonard Cohen „A Thousand Kisses Deep“
Autorin: Biologisch gesehen ist der Nah-Sinn Tasten unser wichtigster Sinneskanal! Auch ein Erwachsener fasst sich mehrere Hundert Mal am Tag noch selbst ins Gesicht. Vermutlich eine Urgebärde zur Beruhigung, schon Embryonen machen es im Mutterbauch, wenn die Mutter gestresst ist. Auch bei Frühgeborenen gibt es ein vielsagendes Phänomen, sagt Martin Grunwald.
Grunwald: Frühgeborene, insbesondere sehr Frühgeborene, neigen zu sogenannten Atemstillständen, Apnoephasen. Und diese Apnoephasen, wenn die nicht beendet werden, dann versterben die Kinder. Also, bei Alarm, rennen dann die Schwestern zu diesem Inkubator, öffnen ihn und massieren ganz leicht oder auch stärker die Fußsohle des Frühgeborenen. Und dieser körperliche Reiz setzt dann sozusagen wieder das gesamte Lebenssystem in Schwung, und die Kinder atmen dann in der Regel wieder selber.
Autorin: Berührung weckt Leben! Deshalb geht es auch im katholischen Gottesdienst viel um Berührung. Noch heute werden Kinder und Erwachsene mit Wasser getauft, wenn auch meist nicht mehr im offenen Wasser. Gott selbst ist in einer Messe anwesend, jeder kann es fühlen und schmecken – in der geweihten Oblate. An bestimmten Stellen im Gottesdienst gehen viele auf die Knie – um besser zu fühlen, was nicht in Worte zu fassen ist: dieser unbegreifliche Gott! Kranke und Sterbende bekommen in einem stärkenden Ritual ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet, mit wohlduftendem, gesegnetem Olivenöl. Und noch viel, viel mehr Berührung im Gottesdienst….
Der Wanderprediger Jesus von Nazareth hat es vorgemacht. Landauf, landab hat er sogar viele Menschen von ihren Krankheiten geheilt. Er hat ihnen die Hand aufgelegt. Solche Heiler und Heilerinnen gab es in der Antike viele, aber wohl niemand hat die Menschen so umfassend geheilt wie Jesus – an Körper, Geist und Seele. Solche Berührung wirkt wie Kraftübertragung. Die Kirche nennt diese Kraft „Heiliger Geist“.
Musik: Ben Becker „Bridge Over Troubled Water“
Autorin: 21. Jahrhundert - Ein Mann sitzt mit seiner Frau in einem Restaurant. Schauen sie sich tief in die Augen? Sprechen sie miteinander? Halten sie Händchen? Nein, jeder ist innig mit seinem Handy beschäftigt. Ist das schlimm? Gelegentlich sicher nicht. Auf die Dauer wohl schon. Säugetiere wie wir Menschen brauchen eben den direkten, körperlichen Kontakt. Sonst werden sie unglücklich, vielleicht sogar depressiv. Das Handy kann zwar ablenken, aber nicht so glücklich machen wie der Direkt-Kontakt zu einem Menschen: Jemand nimmt mich wahr, jemand liebt mich! Für Kinder ist das noch wichtiger: schützende Nähe, stärkende, liebevolle Worte. Und trotzdem verbringen wir so enorm viel Zeit mit unserem Handy! Und verlernen zunehmend das Fühlen mit den Händen.
Das hat inzwischen ganz ungeahnte Folgen: Die Tastfähigkeiten von zukünftigen Physiotherapeuten, angehenden Chirurgen oder Tierärzten gehen nachweislich zurück. Klicken, Wischen, Nachrichten schreiben ist für den menschlichen Organismus eben zu einseitig. Manche Unis schicken ihre Studenten und Studentinnen sogar schon zu Näh- oder Handwerkskursen. Denn Tasten ist das A und O, nicht nur für einen zukünftigen Tierarzt.
Grunwald: Also so ein Veterinärmediziner, der kann nun nicht jede Kuh ins fMRT oder ins CT schieben. Relativ schnell an Ort und Stelle muss der diagnostische Prozess vollzogen werden, und die Details erspare ich Ihnen. Jedenfalls ist das eine sehr interessante und ausschließlich tastsinnesbezogene diagnostische Maßnahme, die der Arzt oder die Ärztin da im Inneren des Körpers vollbringen muss.
Autorin: Schnell muss dieses Tasten in den Eingeweiden der Kuh gehen. Und gleichzeitig vorsichtig, mit sensiblen Fingerspitzen. Sonst leidet das Tier unnötig. Gilt übrigens auch für Pferde, Hunde, Katzen oder Meerschweinchen.
Musik: Ben Becker „Hurt“
Autorin: Digitale Technik, das Handy wird wohl nicht mehr verschwinden. Und die meisten Menschen wollen das auch gar nicht. Aber glücklich wollen wir ja auch sein! Wir könnten die einseitige Beschäftigung doch wieder ergänzen, sagt Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband.
Delgado: Selber machen! Also ich habe im Internet einen Artikel gelesen, Reparieren macht schlau und glücklich und ist halt oft auch eine manuelle Tätigkeit. Ob man Sachen im Garten anpflanzt, Blumenerde oder andere Erde anfasst, ob man irgendwas Handwerkliches tut. Strickt. Also einfach nicht denken, ich muss jetzt noch 30 WhatsApp-Nachrichten beantworten, sondern denken, nein, ich muss jetzt meine Finger und meinen Körper bewegen und mit der Welt in Berührung treten.
Autorin: Auch angenehme Berührung von Menschen hilft natürlich. Und wenn mal keiner da ist? Dann eben Berührung durch Wasser, durch eine Kuscheldecke, durch warme Sonnenstrahlen… Oder durch Kunst! Immer mehr Museen bieten Führungen für Sehbehinderte an. Davon haben auch Nicht-Blinde viel!
O-Ton Delgado: Normalerweise werden da in zwei Stunden drei bis fünf Werke behandelt oder besprochen und eben auch angefasst, wenn es möglich ist. Und das ist eben ein ganz intensiver Zugang mit wenigen Beispielen, aber es ist eben nicht weniger oder langsamer, sondern intensiver und tiefgehender. Und viele, die sehen können, finden solche Zugänge zur Kunst jetzt in dem Fall dann auch sehr spannend.
Autorin: Unser Wahrnehmungs-Psychologe Martin Grunwald hat noch einen besonderen Trick auf Lager: Nicht ausschließlich mit Handy, iPad oder Laptop schreiben. Sondern ruhig auch weiter mit der Hand!
Grunwald: Man weiß einfach, der komplexere Schreibvorgang ist der bessere biologische Vorgang. Also, Sie merken sich einfach die Dinge, die sie mit Schreibschriftform geschrieben haben, besser und es ist einfach ein komplexer psychomotorischer Vorgang.
Autorin: Schreiben ist eben ein extrem haptischer Vorgang, vom Greifen des Stifts bis zur Mikrovibration auf dem Papier. Und ganz nebenbei lässt die Verbindung von Hand und Gehirn rasant neue Gehirnzellen wachsen. Wir bleiben jung und schlau!
Berührung, schöne körperliche Erlebnisse machen einfach glücklich. Auch deshalb wurden die ersten Christen und Christinnen ganz mit Wasser getauft. In einem Tauchbecken, einem Bach, einem Fluss oder in einem See. Mit dem ganzen Körper eingetaucht, drei Mal – „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.
Musik: Leonard Cohen „Hallelujah“