Das Bistum Lebus an der Oder feiert 900jähriges Jubiläum. Wie kam es zu seiner Gründung, wie hat es sich durch die Jahrhunderte hinweg verändert und was sind seine Besonderheiten? Gunnar Lammert-Türk hat sich auf die Suche gemacht und mit Manfred Hunger, dem katholischen Pfarrer Jan Wronski und Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreises Frank Schürer-Behrmann über die Geschichte, die Probleme und die Chancen gesprochen.
Manfred Hunger: Wir sind hier in der Bischofsburg und schauen rüber über die Oder. Ungefähr um das Jahr Tausend herum hatBolesław Chrobry, das ist ein ganz berühmter Heerführer, Herzog und König von Polen, Lebus und auch alle anderen Burgen an der Oder erobert. Alle Burgen wurden geschliffen, also abgerissen und nur die Burg von Lebus wurde wiedererrichtet, und zwar als eine sogenannte Kastellanei-Burg, das heißt als Verwaltungssitz seines westlichsten Regierungsbezirkes, und hier hatte er seine Burgbesatzung.
Autor: Manfred Hunger führt über den Burgberg von Lebus. Heute eher unbedeutend, hat das Städtchen in Brandenburg doch eine große Vergangenheit. Nirgendwo sonst ließ sich die Oder früher so gut überqueren wie hier. So war der Ortlange Zeit ein Handelsknotenpunkt - im Mittelalter eine Station auf einem Weg, der sich über mehr als tausend Kilometer von Köpenick bis in das mittelalterliche Reich der Kiewer Rus erstreckte. Die Burg schützte diesen Handelsknoten. Und zugleich betonte sie den Anspruch des polnischen Herzogs Bolesław auf dieses Gebiet westlich der Oder. Gut hundert Jahre, nachdem er die Burg errichtet hatte, bekräftigte sein Namensvetter, Herzog Bolesław III., diesen Anspruch. Und gründete vor gut 900 Jahren auf dem Burgberg einen Bischofssitz - das Bistum Lebus. An die Burg und den Bischofssitz erinnern heute Eisenkonstruktionen und Streifen aus Steinen, die den Umriss und den Standort von Gebäuden, Brücken und Mauern markieren.
Manfred Hunger: An dieser Stelle hier war die Kathedrale, hier unter diesem dunklen Pflasterstreifen sind die Mauern, dieGrundmauern des Chorraumes der Kirche, ungefähr neuneinhalb Meter auseinander, und Vergleiche haben erbracht, dass diese Kirche damals durchaus mit anderen vergleichbar gewesen war in Größe und Bedeutung, also durchausein prächtiges Bauwerk gewesen sein muss.
Autor: Die Kathedrale ersetzte die bescheidene Adalbert-Kapelle, die der Begründer der Burg hier hatte errichten lassen. Denn als Bischofskirche war diese nicht groß und nicht glanzvoll genug. Das Gebiet des Bistums erstreckte sich auf beiden Seiten der mittleren Oder. Es unterstand dem Erzbistum Gnesen auf der östlichen, der polnischen, Seite. Dasführte zu Spannungen, denn auf das westlich gelegene Gebiet mit der Burg und der Stadt Lebus machte auch dasErzbistum Magdeburg Ansprüche geltend. Und die Brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten wollten ebenfalls mitreden. Trotz dieser Auseinandersetzungen war das Gebiet des Bistums ein Raum des Austauschs zwischen Polen und Deutschen. Und ist es bis heute. Das gilt auch für die knapp zwanzig Kilometer von Lebusgelegene Stadt Frankfurt, die damals zum Bistum Lebus gehörte. Pfarrer Jan Wronski ist dort in der katholischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz tätig, zu der Deutsche und Polen gehören. Er sagt:
Jan Wronski: Es liegt uns am Herzen, die Menschen zu integrieren. Daher versuchen wir immer mehr Angebote auch auf Polnisch, dass man, auch wenn wir die Kinder einladen, alle Informationen, die geschickt werden, schreiben wir in zweiSprachen, damit die Menschen sich in die Kirche wie zuhause fühlen. Letztendlich ist ein Haus Gottes. Und man fühlt sich zuhause, wenn man auch angenommen ist.
Autor: In den letzten Jahren sind immer mehr Polen nach Frankfurt gekommen; viele, weil sie hier Arbeit gefunden haben.Mittlerweile liegt ihr Anteil an der Kirchengemeinde bei fünfzig Prozent. Und die Zahl der deutsch-polnischen Ehen und Familien ist deutlich gewachsen. Das hat die Gemeinde verjüngt. Aber es gibt auch Probleme, die durch unterschiedliche kulturelle Gewohnheiten und Mentalitäten entstehen. Hinzukommt, dass ein Großteil der Polen in die polnische Nachbarstadt Słubice zum Gottesdienst geht. Auch deshalb strebt Pfarrer Wronski eine enge Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde dort und der in Frankfurt an der Oder an. Er ist erst ein Jahr hier und will mehr Gelegenheiten zum gegenseitigen Kennenlernen von Deutschen und Polen schaffen, damit das Vertrauen und die Vertrautheit untereinander wachsen.
Musik
Autor: Für Frankfurt an der Oder sind nicht nur das Zusammenleben von Deutschen und Polen prägend, sondern auch dieKooperation zwischen der katholischen Kirchengemeinde hier und der in Słubice. Seit einiger Zeit gibt es darüber hinaus gemeinsame Projekte und Aktivitäten von Katholiken und Protestanten. Frank Schürer-Behrmann, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Oderland-Spree, nennt Beispiele:
Frank Schürer-Behrmann: Ein besonderer Anlass ist immer der Dreikönigstag. Da lädt die katholische Gemeinde hier zunächst zur Messe unddann zum Weihnachtsliedersingen und Zusammensein auch die Słubicer Gemeinden und die evangelische Gemeinde ein. Wir haben einerseits auf deutscher Seite eine sehr lange und sehr intensive Zusammenarbeit zwischen der katholischen und der evangelischen Gemeinde, zum Beispiel gibt es hier wirklich seit vierzig Jahren nicht einen katholischen Chor und einen evangelischen Chor, sondern eine ökumenische Kantorei, die auf sehr hohem Niveau tolle Werke präsentiert, also die Bachschen Passionen, aber die gleichzeitig auch in der katholischen Osternacht singt.
Autor: Das ökumenische Zusammenwirken beschränkt sich nicht auf die Musik. In sozialen Themen tauschen sich katholische Caritas und evangelische Diakonie aus. Am Pfingstmontag lädt die evangelische Gemeinde zu einem ökumenischen Gottesdienst ein, bei dem ein polnischer katholischer Geistlicher predigt. Einmal im Jahr fahrenevangelische und katholische Christen aus Frankfurt zum polnischen Bischofssitz in Gorzow zum Gottesdienst imRahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Und seit 2019 gibt es auch einen Austausch auf höchster kirchlicher Ebene.
Frank Schürer-Behrmann: Das sind die ökumenischen Bischofstreffen an Oder und Neiße, wo deutsche und polnische, katholische und evangelische Bischöfe zusammenkommen für einen Tag und miteinander Gottesdienst feiern, im Gespräch sind. Wirhatten jetzt drei. Wir waren einmal in Frankfurt, wir waren einmal in Szczecin, also Stettin und einmal in Wroclaw.
Autor: Vier kirchliche Verwaltungseinheiten sind es, die heute auf dem Gebiet des mittelalterlichen Bistums Lebus Kontakt miteinander haben und mal mehr, mal weniger zusammenwirken: auf deutscher Seite, links der Oder: das Katholische Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz; aufpolnischer Seite, rechts der Oder: das Katholische Bistum Gorźow-Zielona Góra und das Evangelische Bistum Breslau. So wird eine alte deutsch- polnische Landschaft beiderseits der Oder wiederentdeckt und das Zusammenleben von Deutschen und Polen hier neu belebt.
Musik
Autor: Das mittelalterliche Bistum Lebus hörte 1598 auf zu existieren. Und die für seine Bewohner lange Zeit verbindendeArt des christlichen Glaubens wurde durch die Reformation in Frage gestellt. Aber nach wie vor waren die Menschen beiderseits der Oder miteinander verbunden und lebten unter derselben politischen Verwaltung. Das änderte sich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nun wurden die einstigen Gebiete des Bistums Lebus beiderseits der Oder durch eine Staatsgrenze voneinander getrennt. Superintendent Schürer-Behrmann skizziert die Situation:
Frank Schürer-Behrmann: Auf der Ost-Seite war es natürlich ein völliger Neuanfang der neuen polnischen Bevölkerung, die ja ihrerseits vielfach vertrieben war aus den polnischen Ostgebieten. Und auf der West-Seite war es ja so, dass viele der Vertriebenen gar nicht weit gegangen sind. In Frankfurt sind Leute vom Ostufer aufs Westufer gezogen und haben dann auf ihre alten Wohnungen, die inzwischen nun das polnische Słubice waren, geguckt. Und auch in den Dörfern kenn ich Menschen, die aus einem Dorf östlich der Oder in ein Dorf westlich der Oder gezogen sind.
Autor: Manche Deutsche, die zuvor auf der Ostseite der Oder zuhause waren, lebten nun auf der Westseite, nicht weit von ihrer alten Heimat entfernt, die nun zu Polen gehörte. Dort wiederum lebten nun Polen, die ihrerseits vielfach ihre weiter östlich gelegene Heimat hatten verlassen müssen. Die Staatsgrenze zwischen der DDR und Polen trenntefortan den westlichen Teil des einstigen Bistums Lebus vom östlichen. Der jahrhundertealte deutsch-polnischeCharakter der Region verlor sich. Zur Zeit des Bistums Lebus sah das anders aus. Etwas über hundert Jahre war sein Westteil in polnischer Hand. Dann holte der Herzog von Schlesien deutsche Siedler in dieses Gebiet. Und die Markgrafen von Brandenburg rückten mit ihren Gebietseroberungen näher. Auch der Druck von Seiten des Erzbistums Magdeburg ließ nicht nach. Das hatte Folgen, erklärt Manfred Hunger:
Manfred Hunger: Der Herzog von Schlesien hat die eine Hälfte dem Erzbischof von Magdeburg vermacht. Die zweite Hälfte, ungefähr anderthalb Jahre später, bekam dann der Markgraf von Brandenburg, weil der Herzog wieder Schwierigkeiten hatte, Hilfe brauchte, militärische und wirtschaftliche Hilfe. Seit dieser Zeit - ungefähr 1250 - ist Lebus deutsch gewesen,hatte also die Burg Lebus im Norden einen Burghauptmann des Markgrafen von Brandenburg, im Süden auf dem Domberg einen Burghauptmann des Erzbischofs von Magdeburg und dazwischen saß der katholische Bischof.
Autor: So war das Gebiet des Bistums westlich der Oder nun in deutscher Hand: in der des Erzbischofs von Magdeburg und der des Brandenburger Markgrafen und beide hatten jeweils eine Burg in Lebus. Der Bischof von Lebus eingeklemmt dazwischen. Hinzu kam, dass er dem Erzbischof von Gnesen in Polen unterstellt war. Als die Spannungen unerträglich wurden, zog er über die Oder nach Göritz auf die polnische Seite, nur ein paar Kilometer von Lebus entfernt. Etwa fünfzig Jahre blieb er dort. Bis der Brandenburger Markgraf in Auseinandersetzung mit dem polnischen König den Bischofssitz und die Kathedrale von Göritz zerstören ließ. Da kehrte er nach Lebus zurück. Nur für kurze Zeit. Denn:
Manfred Hunger: Als die nächsten militärischen Auseinandersetzungen kamen mit Kaiser Karl IV., da haben die Soldaten dort ihrePferde untergestellt in der Kathedrale. Und da galt nach katholischem Brauch die Kirche als entweiht und durfte nicht mehr als Kirche genutzt werden. Und damit war dieser dritte Standort auch passé. Und so ist dann schließlich Fürstenwalde ins Gespräch gekommen.
Autor: Hier, am letzten Sitz des Bischofs von Lebus, wird am 28. September das neunhundertjährige Jubiläum des Bistums festlich begangen. Im Fürstenwalder Dom findet dann ein deutsch-polnischer ökumenischer Gottesdienst statt. Teilnehmen werden für die westliche, die deutsche Oderseite: Erzbischof Heiner Koch für das Katholische Erzbistum Berlin und Bischof Christian Stäblein für die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz; fürdie östliche, die polnische Oderseite: Bischof Tadeusz Lityński für das Katholische Bistum Gorźow-Zielona Góra undBischof Marcin Orawski für das Evangelische Bistum Breslau oder Wrocław. Superintendent Schürer- Behrmann wird dabei sein.
Frank Schürer-Behrmann: Wir haben ja dann als Motto dieses: „Aus der gemeinsamen Quelle schöpfen“, aus dem Epheserbrief das Motto „Das Band des Friedens knüpfen“ gewählt, um zu sagen, dass das, auch wenn es in der Welt manchmal nicht ganz in dieserRichtung geht, für uns aber die Richtung ist, in der wir weiter unterwegs sein wollen.
Autor: Der festliche Gottesdienst ist der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Aktivitäten zum Gedenken an das neunhundertjährige Jubiläum. Es gab bereits einen ökumenischen Gottesdienst in Lebus und Ausflüge der Frankfurter Katholiken und Protestanten dorthin. Zwei wissenschaftliche Tagungen zum Thema fanden statt. Eine Wanderausstellung erinnert an die Geschichte des Bistums. Und an das Zusammenleben von Polen und Deutschen imeinstigen Bistumsgebiet, das für Frankfurt an der Oder so wichtig ist. Deshalb sagt Superintendent Schürer-Behrmann:
Frank Schürer-Behrmann: Wir haben ja wirklich einen gemeinsamen Ursprung, und das sag ich auch als evangelischer Verantwortlicher hier inder Region: Unsere Geschichte als Christen beginnt hier nicht mit der Reformation, sie beginnt mit der Gründung des Bistums 1124, und darauf beziehen wir uns gemeinsam und das fordert uns auch gemeinsam heraus.
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