Autor: Ich stehe vor einer Backsteinkirche an der Havel. Sie ist umringt von einem hübschen Gemeindegarten. Wie hoch wohl der Kirchturm sein mag? Auf der linken Seite des Kircheneingangs finde ich eine kleine Tafel mit Informationen. 35 Meter hoch ist der Kirchturm. Der Baustil nennt sich „neoromanisch“ und geweiht wurde die Kirche 1906. Ich befinde mich vor der Kirche Maria Meeresstern in Werder bei Potsdam. Sie gehört zur Pfarrei Allerheiligen im Potsdamer Land – und ist ein Wallfahrtsort. Bereits seit 1943 findet jedes Jahr Mitte August eine Wallfahrt nach Maria Meeresstern statt. Heute kommen die Pilger fast nur noch mit dem eigenen Auto bis vor die Kirche gefahren. Früher kamen sie nahezu ausschließlich mit der Bahn und zogen dann betend und singend den rund drei Kilometer langen Weg zur Kirche. Darüber und was Menschen bis heute motiviert, an dieser Wallfahrt teilzunehmen, möchte ich gerne mehr erfahren. Aus diesem Grund bin ich mit Pfarrvikar Raphael Weichlein sowie drei Mitgliedern des Kirchengemeinderats verabredet. Wir treffen uns im Gemeindehaus direkt neben der Kirche.
Als erstes spreche ich mit Marie-Luise Heckmann. Sie wohnt schon seit 35 Jahren in der Gemeinde MariaMeeresstern und kennt dementsprechend die jährliche Wallfahrt im August sehr gut. Sie erklärt mir, wie ich mir den Ablauf der Wallfahrt vorzustellen habe.
Marie-Luise Heckmann: Die Wallfahrt beginnt um 11:30 Uhr mit einem Festgottesdienst, zu dem die Gemeinde beziehungsweise die Großgemeinde einen auswärtigen Prediger einlädt. Wir hatten im letzten Jahr das Glück, dass der Weihbischof da war und in diesem Jahr sogar der Erzbischof kommen wird. Aber wir haben oft auch Kleriker eingeladen, die mit unserer Gemeinde irgendwie verbunden sind. Also es ist eigentlich immer so, dass man malMaria unter einem anderen Aspekt, unter einer anderen Sicht-weise hört.
Autor: Maria? Gemeint ist das katholische Hochfest Mariä Himmelfahrt. Jedes Jahr am 15. August wird die Aufnahme Marias, der Mutter Jesu, in den Himmel gefeiert. Deshalb findet auch die Wallfahrt nach Maria Meeresstern immer am ersten Sonntag nach Mariä Himmelfahrt statt. In manchen Gegenden Deutschlands ist dasFest Mariä Himmelfahrt auch als „Büschelfrauentag oder „Unser Frauen Würzweih“ bekannt. Hintergrund ist einalter Brauch der Blumen- und Kräutersegnung. Laut einer Legende befanden sich in Marias Grab wohlriechende Blumen und Kräuter. In vielen Gemeinden werden deshalb bis heuteKräutersträuße während des Gottesdienstes gesegnet. Auch finden Lichtprozessionen zu Ehren statt – wie etwa die Fatima-Schiffsprozession in Lindau.
Franziska Lippert, ebenfalls Kirchengemeinderatsmitglied und seit zehn Jahren ehrenamtlich in der Gemeinde Maria Meeresstern aktiv, ergänzt Marie-Luise Heckmann bei der Beschreibung des Ablaufs der Wallfahrt:
Franziska Lippert: Also mit Maria Meeresstern haben wir ja gleichzeitig auch das Patronatsfest immer an dem Wallfahrtstag, weil wir die Aufnahme Marias in den Himmel feiern und daher gibt es eigentlich Traditionen, die sich überlagern. Also zum einen die Wallfahrtstraditionen, die zum einen durch die Kolpinggruppe stark gepflegt wird, da aus verschiedenen Bereichen aus dem Umland hier von Werder Havel Kolpingmitglieder zu uns pilgern. Die zweite Tradition ist eigentlich die, dass es ja auch unser großes Gemeindefest ist. Das heißt, das ist so der Höhepunkt des Jahres, wo wir auch als Gemeinde noch mal unsere Gemeinschaft hier ja auch genießen, feiern, zusammenkommen, gemeinsam uns gegenseitig Zeit schenken, Gespräche führen und einfach ja diesen Zusammenhalt, den Austausch auch feiern.
Autor: Hinter der Wallfahrt nach Maria Meeresstern verbergen sich also verschiedene Aspekte: Tradition, Glaubeund Gemeinschaft. Zur Tradition der Wallfahrt kann mir Dieter Heckmann noch mehr erzählen, der nicht nurGemeinderatsmit-glied ist, sondern auch als Archivar das Pfarrarchiv führt. Er erzählt mir, wer der Stifter der Wallfahrt ist:
Dieter Heckmann: Dieser Stifter, er hieß Paul Dolata, war ein Buchhändler aus Brandenburg und dessen Sohnwohnte in Berlin und ich habe den noch kennengelernt und er hat mir einige Unterlagen von seinem Vater zur Verfügung gestellt für unser Archiv. Paul Dolata, der Vater also, hatte Weltkriegserfahrungen, Senfgas in Flandern und hatte große gesundheitliche Probleme mit der Atmung, mit der Lunge und hatte hier in Werder ein Erlebnis gehabt. Da gab es in der Zwischenkriegszeit Karl-May-Festspiele und da ging es ihm sehr, sehr schlecht, er hatteAtemnot gehabt und hatte, als er sich ganz krank fühlte, noch bei dieser Atemnot, hat er sich vorgenommen, also wenn ich hier rauskomme, gesundheitlich einigermaßen wieder auf die Reihe komme, dann stifte ich eine Wallfahrt.Und er hat das auch getan. […] Und da lief das ganze ja fast wie ein Selbstläufer, denn er kam zuerst mal mit einer kleinen Gruppe von Wallfahrern aus Brandenburg selbst. Und das hatte sich so weit herumgesprochen, dass Leute mit dem Zug gekommen sind, also mehrere Waggons voll. Das war dann ein großer Aufzug, vom Bahnhof bishierher an die Kirche. […] Eine große Menschenmenge war das und die haben dann hier im Grunde genommengebetet und haben so die ersten Schritte getan für eine Verstetigung dieser Wallfahrt.
Autor: Ein persönliches Gelübde des Buchhändlers Paul Dolata legte also 1943 den Grundstein für die Wallfahrt nach Maria Meeresstern. Das zeigt, wie wichtig bis heute der traditionelle Ursprung der Wallfahrt ist. Darüber hinaushaben sich laut Dieter Heckmann aber auch zeitweise andere Traditionen entwickelt, die auf politische Ursachen zurückzuführen sind:
Dieter Heckmann: Dann ist eine unfreiwillige Tradition durch die beiden Diktaturen entstanden. Denn es gab ja viele Leute, die haben dadurch während der NS, aber auch vor allem während der Verfolgung oder ja, Beäugungdurch die Staatssicherheit in der DDR-Zeit, haben die Leute dann gewissermaßen dadurch auch ihre Standhaftigkeit zur Schau tragen wollen, im wahrsten Sinne des Wortes, durch Prozessionen. Das hatte die Staatsmacht versucht zu verhindernund das gelang aber nicht ganz. Und insofern gibt es also mehrere Traditionen, die sich daraus speisten, sodass wir heute noch neben dem, was der innere Glaube der Leute hervorbringt – da kann man natürlich nicht in die Herzen reingucken, was die Leute eigentlich bewegt – sodass wir dazu auch noch so 'ne Art politischer Hintergrund haben.
Musik
Autor: Wallfahrten: Traditionen verbinden die Menschen miteinander und schaffen gemeinsame Erlebnisse. Das giltauch für die alljährliche Wallfahrt nach Maria Meeresstern anlässlich Mariä Himmelfahrt. Wie wichtig dabei auch diesoziale Dimension ist, erklärt mir Franziska Lippert:
Franziska Lippert: Na, das Schöne an unserer Wall-fahrt und Kombination halt mit dem Fest ist, dass alleGenerationen zusammenkommen. Also, es ist immer ganz toll, wenn sag ich mal, wir aus der mittleren Generation, also sagen wir 50 bis 60, dann für den Aufbau und für Kuchenbacken und so verantwortlich sind, dann aber auch dieÄlteren später mit dazukommen und auch mal beim Abwaschen mit anpacken und die Kin-der dann immer ganzfreudig dabei sind, wenn sie auch beim Kuchenbasar mal selber die Kasse führen dürfen, den Kaffee ausgeben dürfen und den Kuchen dann noch am Ende fleißig an Mann und Frau bringen. Und das ist schon immer eine Freude, wennalle so zusammenkommen und auch irgendwie jeder so seinen Platz findet und das sich so gegenseitig dadurch auch bereichert.
Autor: Ich verstehe nun, dass die Wallfahrt nach Maria Meeresstern mehr ist als eine Pilgerfahrt. Sie verbindet dieverschiedenen Generationen miteinander. Geschichten über den Ursprung der Wallfahrt werden weitergegeben. Gleichzeitig befindet sie sich auch stets in einem Wandel, wie mir Marie-Luise Heckmann berichtet.
Marie-Luise Heckmann: Und wir hatten sehr lange auch Rosenkranzfrömmigkeit, die immer noch auch in Restbeständen da ist. Als wir vor 30 Jahren, also Anfang der 90er Jahre, in die Gemeinde kamen, war das noch stärker. Da gab es noch die Vinzens-Brüder und die Elisabeth-Schwestern, die ganz stark diesen Rosenkranz gebetet haben.
Autor: Heute stehen eher die Gemeinschaft, der Halt und der gegenseitige Austausch im Vordergrund der Wallfahrt. Neue Generationen bringen neue Ideen mit und so wurde auch im vergangenen Jahr die an Mariä Himmelfahrt weit verbreitete Tradition des Kräuterbüschelbindens aufgegriffen, wie mir Franziska Lippert berichtet:
Franziska Lippert: Und so hatten wir tatsächlich im letzten Jahr dieses Kräuterbüschelbinden auch nachmittags mit angeboten. Das hat auch auf ganz, ganz viel Zustimmung gestoßen, gerade weil wir das noch verbunden hatten, auch mit der Hildegard von Bingen und ihren Attributen, die sie den Kräutern zugeschrieben hat, um auch noch mal zu schauen, ok, was sind persönliche Themen, welches Kraut kann wo Linderung bringen und das auch wieder noch ein bisschen zu übertragen. Also weg von der rein physischen Heilung, auch auf die seelische Heilung, die man auch erfahren kann.
Und ja, so sieht man, dass ja vielleicht einfach Dinge im Moment auch in Fluktuation und in Übergängen sind, sodass auch diese Wallfahrt sich im Moment auch in so einer Übergangs-phase befindet, dass alte Dinge vielleicht nicht mehr so stark fokussiert werden, dafür neue Dinge mehr Raum bekommen und das ist ein ganz tolles Spannungsfeld auch im Moment für diese, ja schon starke Tradition des Pilgerns, die sich hier so ein bisschen verändert und auch freier auch interpretiert wird.
Autor: Tradition und Gemeinschaft, Wandel und Beständigkeit. All diese Aspekte der Wallfahrt nach Maria Meeresstern sind mit dem Glauben verbunden. Wallfahrten sind oft Ausdruck der Dankbarkeit, Buße oder Bitte. Pilger nehmen sich Zeit für Gebet, Meditation und Reflexion. Die Wallfahrt bietet Abstand von Routine und Stress. Pilger haben Raum, über Leben, Entscheidungen oder persönliche Herausforderungen nachzudenken. Das sieht auch Raphael Weichlein so, Pfarrvikar der Pfarrei Allerheiligen:
Raphael Weichlein: Und Pilgern ist für mich auch ein Zustand, in dem ich mich auch der Fremdheit aussetze, insofern, dass ich eben nicht zu Hause auf der Couch bin, sondern eben unterwegs und pilgern ist ja lateinisch, Peregrinus ist der Fremde auch, also der unterwegs ist, der nicht sesshaft ist. Und für mich ist es auch ein schönes Bild, was es heißt, ein glaubender Mensch zu sein, eben nicht festgefahren irgendwo, sondern sich zu bewegen im geistigen Sinne, aber mitunter hilft es dann eben auch, sich auch physisch auf einen Weg zu machen, um etwas hinter sich zu lassen und neue Horizonte zu entdecken.
Autor: Was motiviert die Menschen also heute noch, an der Wallfahrt nach Maria Meeresstern teilzunehmen? Es ist das Zusammenspiel von Traditionen und Veränderungen, die den Glauben an Gott lebendig werden lässt. Ruhe undAbstand vom Alltag sowie Erlebnisse mit der Glaubensgemeinschaft erfüllen die Pilger jedes Jahr immer wieder aufs Neue. Auch heute um 11:30 Uhr findet die Wallfahrt wieder statt.
Musik
____________________________________________
Musik: Elvis Presley – „If I Can Dream“
Vince Guaraldi Trio „Cast Your Fate To The Wind“