Eine Frau trägt einen Bauhelm und lächelt freundlich. Sie steht an einem Geländer auf einer Baustelle und trägt eine dunkle Jacke. Der Hintergrund ist hell und unscharf, was auf einen modernen Bau hinweist. Eine Frau trägt einen Bauhelm und lächelt freundlich. Sie steht an einem Geländer auf einer Baustelle und trägt eine dunkle Jacke. Der Hintergrund ist hell und unscharf, was auf einen modernen Bau hinweist.
Eine Frau trägt einen Bauhelm und lächelt freundlich. Sie steht an einem Geländer auf einer Baustelle und trägt eine dunkle Jacke. Der Hintergrund ist hell und unscharf, was auf einen modernen Bau hinweist.
30.11
2025
08:40
Uhr

Ein Jahr nach der Wiedereröffnung

Im Gespräch mit der Dombaumeisterin der Sankt Hedwigs-Kathedrale Elena Cenci

Ein Beitrag von Johannes Rogge

Autor: Herzlich Willkommen hier im Studio, Elena Cenci. Schön, dass Sie da sind. Guten Morgen.

Elena Cenci:Guten Morgen und vielen Dank für die Einladung.

Autor: Frau Cenci, vor ziemlich genau einem Jahr, am 24. November, wurde die Sankt Hedwigs-Kathedrale wiedereröffnet. Da war es dann endlich geschafft, das große Projekt von Ihnen. Gab es denn während der Bauzeit, die ja so ungefähr sechs Jahre gedauert hat - gab es da so einen Moment, wo Sie dachten „Oh Gott, das schaffen wir hier nie“?

Elena Cenci:Ich habe diese Empfindung nicht gehabt, das schaffen wir nie. Interessanterweise war ich immer zuversichtlich - das schaffen wir schon. Unbedingt schaffen wir das. Aber die Frage war, in welcher Art und Weise, wenn wir hier wiedereröffnen können? Aber diese Zuversicht, dass wir das schon hinkriegen, die hatte ich die ganze Zeit. Ich hatte große Sorgen, natürlich. Aber ich war schon überzeugt: Das schaffen wir. Dafür hatten wir einfach zu viel Energie investiert, zu lange gekämpft. Es konnte nicht in einem Fiasko enden. Mir war schon klar, wir werden schon wiedereröffnen. Unbedingt. Auf jeden Fall. Das wird schon klappen.

Autor: Die Umgestaltung der Kathedrale war ja durchaus auch umstritten, gerade am Anfang, als die Pläne veröffentlicht wurden. Moderne Architektur trifft auf historisches Erbe. Sie waren ja nicht ganz am Anfang des Projekts bereits dabei, sind etwas später dazugekommen. Haben Sie trotzdem Gegenwind gespürt in Ihrer Arbeit? Sie waren hauptverantwortlich für die Umgestaltung und für die Sanierung. Haben Sie was von dem Gegenwind mitbekommen?

Elena Cenci: Das Projekt war tatsächlich sehr umstritten. Ich habe einen starken Gegenwind gespürt und mitbekommen. Und exemplarisch ist: Wir erhielten einen Baustopp von der baugenehmigenden Behörde, weil man angenommen hatte damals, wir hätten Maßnahmen durchgeführt, die nicht genehmigt waren. Und in dieser Annahme kam das Schreiben zu uns an einem Freitagnachmittag.

Autor: Murphys Gesetz!

Elena Cenci: Wunderbarer Zeitpunkt. Und insofern ist mir dann wirklich schlagartig klar geworden, in was für ein Projekt ich hineingeraten bin. In dem Moment, wo dieser Brief auf meinem Tisch lag. Man hat schon ziemlich viel unternommen, um dieses Projekt zu verhindern. Muss ich auch sagen. Also ganz massiv Gegenwind war vorhanden.

Autor: Man muss es vielleicht an dieser Stelle noch mal erwähnen: Die Kathedrale war zum Zeitpunkt baufällig im Sinne von, es gab einen Sanierungsstau, man musste wirklich Sachen machen. Aber sie ist ja jetzt auch tatsächlich im Innenraum komplett umgestaltet. Das ist sozusagen auch eine inhaltliche Veränderung, wenn man so möchte. Jetzt ist die Kathedrale ganz anders. Es gibt einen großen Hauptraum. Es gibt nicht mehr den direkten Zugang in die Unterkirche, was mittlerweile eine Krypta ist. Die Kathedrale ist sehr reduziert in ihrer Gestaltung und in strahlendem Weiß. Was hören Sie denn jetzt an Rückmeldungen, wenn Sie in der Kathedrale sind? Ich meine, Sie sind häufig da. Was ist das, was Sie so was Sie so spüren? Spüren Sie auch Gegenwind weiterhin oder ist es eher so, dass die Leute, die in die Kathedrale gehen, eher positiv gestimmt sind? Wie nehmen Sie das wahr?

Eine Frau steht lächelnd auf einem Platz vor einem historischen Gebäude mit einer grünen Kuppel. Sie trägt eine dunkle Jacke und hält einen Schutzhelm in den Händen. Im Hintergrund sind Bauarbeiten sichtbar.

Elena Cenci: Die Besucherinnen und Besucher, die zu uns kommen, sind sehr beeindruckt von diesem Innenraum und ich bekomme positive Feedbacks, durchweg. Natürlich von Kolleginnen und Kollegen, Freunden, aber auch von Menschen, die ich nicht kenne, und von Emails, die ich aber bekomme, von den Menschen, die mir nicht bekannt sind. Und diese Menschen bedanken sich auch bei uns, bei dem ganzen Team, wie schön diese Kathedrale ist und wie schön sie erhalten wird. Liebevolle Emails und ich habe den Eindruck, dass dieser Gegenwind nicht mehr so stark weht wie vor den vor der Fertigstellung.

Autor: Lassen Sie uns noch mal zurückblicken. 2018 wurde die Kathedrale geschlossen. Ich habe es gerade erwähnt. Sie war teilweise baufällig. Aber es gab eben auch vonseiten der Kirche den Wunsch nach liturgischer Erneuerung. Was war denn das, wo man kirchlicherseits gesagt hat, das sind jetzt die wichtigsten Punkte für uns liturgisch also wo man inhaltlich im Kirchenraum etwas machen möchte? Nicht weil man es muss, sondern weil man möchte. Was war da der Kirche wichtig?

Elena Cenci: Grundsätzlich erinnern Sie sich an die große Bodenöffnung in dem Bodenbelag der Oberkirche und diese vertikale Verbindung zur Unterkirche. Diese Bodenöffnung war eine Trennung der Gemeinde, die ja rechts und links vor der Bodenöffnung ihre Plätze gefunden hatte. Hat aber auch die Zelebranten in eine Situation gebracht, dass sie vor diesem, was das große Loch genannt wird, zelebrieren mussten und auch selber auch getrennt waren dadurch von der Gemeinde, die um sie herum war, bzw. rechts und links von ihnen. Man sagt, man versammelt sich um den Altar, um einen Gottesdienst zu feiern. Im Prinzip muss man sich wie die frühchristlichen Rituale das Ganze vorstellen. Man sitzt um eine Mensa herum. Wir sind versammelt, gemeinsam. Das ging natürlich mit dieser großen Öffnung im Fußboden so nicht.

Autor: Das heißt, das war inhaltlich der wichtigste Punkt. Und wenn Sie uns jetzt mal so im Kurzdurchlauf - es wurde natürlich viel gemacht - aber wenn Sie uns mitnehmen, was würden Sie sagen, sind jetzt wirklich die zentralen Änderungen in der neuen Sankt Hedwig Kathedrale? Abgesehen davon, dass natürlich die Bausubstanz erneuert und ertüchtigt wurde, was sind so die wesentlichen Änderungen?

Elena Cenci: Wir haben barrierefreie Räume erschaffen. Das ist eine ganz wichtige Änderung, die auch die Kathedrale zukunftsfähig macht. Aber es ist hier auch eine andere Art der Liturgie möglich. Und das ist vielleicht wirklich die allergrößte Erneuerung in meinen Augen. Eine mutige Veränderung der Liturgie. Es ist eine Liturgie, die auf einer Ebene stattfindet. Es gibt keine Erhöhung des Altars gegenüber der Ebene der Gemeinde. Es gibt keine Erhöhung der Kathedra gegenüber auch der Ebene der feiernden Gemeinde.

Autor: Kathedra muss man kurz erklären, dass das der Bischofssitz, der Bischofssitz. In anderen Kirchen kann man sich das tatsächlich… In anderen Bischofskirchen steht da zum Teil so ein richtiger Thron.

Elena Cenci: Ja, und ein richtiger Thron hat natürlich auch eine eigene Aussage. Man schaut von unten nach oben auf diesen Thron. Nein, hier sind wir wirklich alle, alle gemeinsam versammelt um den Altar herum und der Erzbischof ist Teil dieser Versammlung. Und wir alle auch. Und dieses Gemeinschaftsgefühl wirkt so stark bei einem Gottesdienst in der Kathedrale. Das ist ein Erlebnis. Und das ist die allergrößte Neuerung in meinen Augen.

Musik: Gregor Meyle, Hier spricht dein Herz

Autor: Heute bei mir zu Gast ist Elena Cenci. Sie ist die Dombaumeisterin der Sankt Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Frau Cenci, Sie sind ja Architektin, gelernte Architektin und haben ja auch schon andere Großprojekte betreut, bevor Sie die Sankt Hedwigs-Kathedrale übernommen haben bzw. deren Sanierung und Umgestaltung. Eine Kathedrale in der Bundeshauptstadt. Wie kommt es eigentlich dazu, dass man so eine Aufgabe bekommt? Und warum wollten Sie die übernehmen?

Elena Cenci: Der Umbau einer Kathedrale in der Hauptstadt Deutschlands, das ist ein Traum! Und das ist auch ein einmaliges Projekt. Ich habe mehr oder weniger von dieser Stelle mitbekommen, dass sie ausgeschrieben wurde. Aber als ich davon mitbekommen habe, habe ich auch wirklich nicht einen Moment gezögert, mich zu bewerben dafür. Und ich bin sehr dankbar, dass es mit der Bewerbung geklappt hat.

Autor: Hatte das denn auch was mit Ihrem Glauben zu tun? Sie haben ja einen wunderbar italienisch klingenden Namen. Sie sind selber Katholikin, also reizt einen das dann auf doppelte Weise? Einmal als Architektin und einmal auch als Katholikin so eine Chance zu bekommen?

Elena Cenci: Es ist tatsächlich der Fall. Ich bin in Italien aufgewachsen, ich bin in einer katholischen Familie auch hineingewachsen und für mich gehören Kirchen zu meinem Leben. Ich bin seit meiner Kindheit in Kirchen nicht nur auch wegen der Gottesdienste, sondern auch so baugeschichtlich aus reinem Interesse oder kunstgeschichtlich. Aber natürlich gehört mein Glauben auch dazu. Eine solche Gelegenheit in Berlin - es ist wirklich sehr seltsam. Berlin ist ja nicht gerade dafür bekannt, eine große katholische Gemeinde zu haben. Insofern ist es ein sehr schöner Zusammenhang, gläubige Katholikin zu sein und dazu auch noch Architektin und dazu auch noch in der Kathedrale tätig zu sein.

Autor: Und hat Sie das auch so durch dieses Projekt durchgetragen, dass Sie das Gefühl hatten: Ich habe hier auch noch mal eine andere Hoffnung in dieses Projekt, dass das schon irgendwie wird?

Elena Cenci: Ja, das wirkt vielleicht pathetisch, aber vielleicht hat das auch nur deswegen geklappt! [lacht]

Autor: Über Herausforderungen haben wir gesprochen. Aber dieser 24. November heute vor ungefähr einem Jahr. Der Tag der Wiedereröffnung. Großer Festgottesdienst. 10 Uhr. Da musste alles erst mal passen. Wie war dieser Moment für Sie?

Elena Cenci: Ja, wir hatten, hatte ich schon vorhin erwähnt, in den Wochen davor wirklich sehr viel Stress gehabt, sehr lange gearbeitet. Und wir haben wirklich alles gegeben, was wir konnten. Und bis zu dem Abend vorher war die Kathedrale voll mit Gerüsten, mit Firmen, die noch an großen Portaltüren gearbeitet haben. Und ehrlich gesagt, es war so knapp! Ich bin am nächsten Morgen aber in die Kathedrale gekommen und ich war in einer Traumwelt. Es war alles sauber, alles aus dem Weg geräumt. Das Licht flutete diese Kathedrale und sie strahlte in diesem hellen Glimmer der Wände und des Natursteins. Und kurz bevor das Pontifikalamt begann, gab mir eine sehr nette Schwester ein, ein kleines Andenken und in diesem Andenken war eingraviert ein „Danke“ und ich habe mich an diesem Andenken die ganze Zeit festgehalten. Während des Gottesdienstes hatte sie meine Manteltasche reingesteckt und ich habe es die ganze Zeit in der Hand gehabt. Und ich glaube, das hat mir wirklich den Halt gegeben, den ich gebraucht habe, denn ich habe mich förmlich aufgelöst auf meinem Stuhl. Ich war so berührt von dem ganzen Geschehen und habe gehofft hoffentlich spricht mich keiner an, ich bin überhaupt nicht in der Lage zu sprechen. Ich saß da und ich habe auch das ganze Revue passieren lassen, was in den letzten sechs Jahren war und war nur glücklich und selig. Es war überwältigend, dieser Gottesdienst für mich!

Autor: Jetzt ist die Kathedrale seit einem Jahr in Betrieb. Frau Cenci, wie hat sich denn die Nutzung der Kathedrale aus Ihrer Sicht verändert? Kommen jetzt andere Menschen in die Kathedrale als vorher? Würden Sie sagen, dass die Veränderung des Äußeren dazu geführt hat, dass sich so eine neue Kathedrale etabliert hat?

Elena Cenci: Ich denke, das Konzept ist tatsächlich aufgegangen, dass wir einen Raum erschaffen habe, der den Menschen die Vermittlung gibt, sie sind willkommen! Diese große Kuppel, die den Innenraum umspannt. Sie hat so eine, eine gewisse Spiritualität, die sie vermittelt. Man fühlt sich wohl, auch wenn man nicht an Gott glaubt. Aber es ist ein Raum, der einlädt zum Verweilen. Und ich stelle auch fest, gerade wenn wir Veranstaltungen wie den Tag des offenen Denkmals durchführen und Menschen zu uns kommen, an ihren Fragen. Es sind ja nicht alle Menschen, die unbedingt gläubig sind oder die Kathedrale vielleicht auch nicht von vorher kannten. Wir sind auch zu viele Touristen, die zu uns kommen und viele Fragen stellen. Wir sprechen also unterschiedliche Menschen an und das ist schön, weil das wirklich ein offener Raum ist, der so ein bisschen diese, ja diese Vielfalt unserer Gesellschaft auch widerspiegelt.

Autor: Und was würden Sie jemandem sagen, der überlegt, sich die umgestaltete Kathedrale mal anzuschauen? Was sollte man denn auf gar keinen Fall verpassen, wenn man jetzt zum Beispiel aus Brandenburg sagt: Wir machen einen Ausflug und gucken uns das Ganze mal an?

Elena Cenci: Auf keinen Fall verpassen sollte man ein Gottesdienst in der Kathedrale. Vielleicht wirklich ein Pontifikalamt, weil das ja sehr beeindruckend ist und man sollte nicht ein Orgelkonzert verpassen. Wir haben eine sehr schöne Orgel, die ja auch vor dem Umbau dort war und wieder eingebaut wurde und auch in dieser Gestaltung mit umgestaltet wurde, mit dem Chor der Sankt Hedwigs-Kathedrale. Das sollte man nicht verpassen und ich finde persönlich, dass sehr viel über die Raumakustik im Voraus gesprochen wurde. Und viele hatten große Bedenken die Raumakustik wäre womöglich nicht so gut oder es würde hallen und man würde sich nicht so gut hören beim Musizieren. Ich finde persönlich die Akustik himmlisch in der Kathedrale. Ich kann sie mir nicht besser vorstellen - für die Musik. Und für die Sprachverständlichkeit haben wir eine gut funktionierende elektroakustische Anlage, die Sie suchen werden im Raum. Aber ich bin mir sicher, Sie werden sie nicht finden.

Autor: Genau. Ein gut gehütetes Geheimnis. Und das mit der Musik kann ich tatsächlich bestätigen. Das ist in jedem Fall ein Erlebnis. Also vielen herzlichen Dank für das Gespräch und für diese spannenden Einblicke vor und hinter die Kulissen. Und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, gilt natürlich die herzliche Einladung. Also schauen Sie gerne mal vorbei. Machen Sie sich selbst ein Bild. Kommen Sie gerne zum Gottesdienst, zu einem Konzert vorbei. Es lohnt sich wirklich. In diesem Sinne Ihnen allen einen schönen Sonntag.