Eine Gemeindekirchenratssitzung: Eine Gruppe von Personen sitzt an einem Tisch und diskutiert lebhaft. Eine Frau erklärt etwas, während andere aufmerksam zuhören. Auf dem Tisch stehen Getränke und Notizen. Die Atmosphäre wirkt freundlich und kooperativ. Eine Gemeindekirchenratssitzung: Eine Gruppe von Personen sitzt an einem Tisch und diskutiert lebhaft. Eine Frau erklärt etwas, während andere aufmerksam zuhören. Auf dem Tisch stehen Getränke und Notizen. Die Atmosphäre wirkt freundlich und kooperativ.
Eine Gemeindekirchenratssitzung: Eine Gruppe von Personen sitzt an einem Tisch und diskutiert lebhaft. Eine Frau erklärt etwas, während andere aufmerksam zuhören. Auf dem Tisch stehen Getränke und Notizen. Die Atmosphäre wirkt freundlich und kooperativ.
24.08
2025
08:40
Uhr

Gemeinsam Gemeinde gestalten

Gemeindekirchenräte in Stadt und Land

Ein Beitrag von Viktoria Hellwig

Autorin:
Einmal im Monat, an einem Montagabend, treffen sie sich. Sind eine vertraute Gruppe, denn sie sehen sich oft und diskutieren vor allem viel. Es ist keine politische Vereinigung oder Dorfverein, sondern der Gemeindekirchenrat, der sich hier trifft. Die Luft trägt noch den letzten Hauch vom Sommer, während sich die Stimmen im Gemeindesaal verteilen. Auf dem Tisch stehen Kaffeekannen, ein paar Zettel – und eine angenehme Unruhe: Gleich soll die nächste Sitzung des Gemeindekirchenrats beginnen. Zuerst die Haushaltsplanung, dann das Sommerfest – und nicht zu vergessen: die Orgel braucht neue Schindeln. Hinter jedem Satz steht der Gedanke: Wer übernimmt Verantwortung? Wie halten wir unsere Kirche lebendig?

Der Gemeindekirchenrat – kurz GKR – ist das Leitungsgremium einer evangelischen Kirchengemeinde. Hier sitzen gewählte Ehrenamtliche, also Laien und die Pfarrerin oder der Pfarrer gemeinsam am Tisch. Hier wird entschieden über vieles, was das Gemeindeleben prägt: von Finanzen und Gebäuden über Gottesdienstzeiten bis hin zu Festen und Projekten. Der GKR trägt Verantwortung dafür, dass die Gemeinde gut geführt wird – und dass sie verlässlicher Ort für Menschen vor Ort ist. 

Über die letzten Sommerwochen habe ich verschiedene Engagierte getroffen, die sich für ihre Gemeinde so stark machen. Einer ist Frank-Peter Reichardt, er kommt aus dem untersten Zipfel Brandenburgs, dort habe ich ihn auch getroffen:

Ein Mann mit blonden Haaren und Brille steht lächelnd vor einer metallenen Zaunanlage, neben einem Baum. Er trägt ein weißes Hemd und eine Halskette. Im Hintergrund sind Architekturmerkmale eines Gebäudes sichtbar, jedoch unscharf.
Frank Peter Reichardt

Frank-Peter Reichardt 

Ich bin Finsterwalder, gebürtiger Finsterwalder. Meine Familie stammt hier aus Finsterwalde. Drüben in der Kirche hängt zum Beispiel ein Epitaph aus dem Jahr 1647 von einem direkten Vorfahren von mir. Ja, ich bin hier aufgewachsen. Ich habe eine eigene Gärtnerei, die ich aber nur im Nebenerwerb betreibe, und arbeite in der Landwirtschaft, also einem Landwirtschaftlichen Unternehmen. Ich bin verheiratet, habe drei erwachsene Kinder und habe ein Enkelkind. Ich bin seit vielen Jahren hier in der Gemeinde, in der ich groß geworden bin, im Gemeindekirchenrat und bin auch in der Kreis Synode.

Autorin:
Die Kreissynode ist sozusagen das „Parlament“ eines Kirchenkreises in der evangelischen Kirche. Hier kommen Delegierte aus den einzelnen Kirchengemeinden zusammen – meist Mitglieder der Gemeindekirchenräte, dazu Pfarrerinnen und Pfarrer. Gemeinsam beraten und entscheiden sie über Themen, die den ganzen Kirchenkreis betreffen. Doch mich interessiert vor allem, wie der Weg ins Ehrenamt war. Frank-Peter Reichardt berichtet:

Frank-Peter Reichardt

Ich bin natürlich die Christenlehre besucht, Konfirmandenunterricht in der Jungen Gemeinde. Ja, ich war dabei... Vor 18 Jahren, eine Älteste hier aus dem Gemeindekirchenrat kam zu mir und sagt: „Peter, ich bin seit 30 Jahren im Gemeindekirchenrat. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Ich brauche einen Nachfolger. Du musst das machen. Du bist der Richtige.“ Ich habe das nicht als Frage aufgefasst. Für mich war klar: Ich bin jetzt dahingestellt. Gott hat mich hier hingestellt, an den Ort und um für seine Gemeinde da zu sein. Ich weiß bis heute nicht, was genau sein Plan ist dabei, vielleicht deshalb, dass ich mich mit so vielen Sachen beschäftige, in der Hoffnung, dass irgendwo das dabei ist, was er gemeint hat.

Ein lächelnder Mann steht vor einem Mikrofon in einem Aufnahmestudio. Er trägt ein blaues Hemd und ist bereit, etwas aufzunehmen. Im Hintergrund sind teilweise unscharfe Akustikpaneele und ein Tisch mit Geräten zu sehen.
Ralf Lamm

Autorin:
Vom ersten Impuls bis zum festen Platz im Gemeindekirchenrat dauert es manchmal gar nicht lang, Frank-Peter Reichardt ist nun schon seit 18 Jahren engagiert dabei. 
In Neubrück/Spree wurde Ralf Lamm von seiner Mutter inspiriert sich bei Kirche zu engagieren und ist in seinem Dorf nun auch schon lange im Gemeindekirchenrat. Er erzählt, dass er und seine Kolleginnen sich vor allem auf Engagement Vieler stützen, anders geht es nicht:

Ralf Lamm
Im Gemeindekirchenrat werden Überlegungen angestellt, die Planung grundsätzliche gemacht. Aber ansonsten ist man ja ständig gefordert im Gemeindekirchenrat: die Veranstaltung hier, dort und bei uns ist immer irgendwas, wo Leute gebraucht werden. Das ist sehr, sehr umfangreich. Aber die große Arbeit, die liegt gerade auf den Ehrenamtlichen. Ich sage immer: Und ich bin sehr, sehr dankbar für jede Hand, die da mitmacht. Und das nicht nur bei den Gottesdiensten. Man such vielleicht mal ein bisschen länger nach dem Platz, wo man gut hinpasst, oder nach der Aufgabe, die für einen gedacht ist.

Musik: Of Monsters and Men - Little Talks

Portrait einer Person mit kurzen, dunklen Haaren und Brille, die in einem blauen Oberteil mit weißen Punkten gekleidet ist. Die Person lächelt freundlich und hat die Arme verschränkt, vor einem einfarbigen, blauen Hintergrund.
Emily Evans

Autorin:

Vom Dorf, zur Kleinstadt, in die Großstadt, überall gibt es die freiwillig Engagierten, die bei Kirche ihre Ideen einbringen. Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg habe ich eine Person aus dem Gemeindekirchenrat getroffen, aus der besonders durch die friedliche Revolution bekannt gewordenen Gemeinde, rund um die Gethsemanekirche.

Emily Evans
Ich heiße Emily Evans, ich bin 45 Jahre alt, ich bin Kunsthistorikerin und lebe in Berlin seit 2008. Ich wollte mehr Leute kennenlernen, ich wollte mehr tun und mitarbeiten und viel mehr mitkriegen, was läuft und wie Entscheidungen getroffen werden. Es muss sich so viel verändern in der Kirche in den nächsten Jahren und das ist wahnsinnig schwierig, aber ich glaube, eine gute Veränderung kann nur im Dialog entstehen. Natürlich gibt es da unterschiedliche Ideen oder Prioritäten, die aufeinanderprallen. Und das ist einfach wahnsinnig interessant. Ich bin auch sehr gespannt, was man alles entscheiden wird auf Gemeindeebene oder auf landeskirchlicher Ebene.

Autorin:
Den gesellschaftlichen Wandel, Kirchenaustritte und viele andere Prozesse beeinflussen Kirche heute und müssen im Gemeindekirchrat als Leitungsgremium aufgenommen und diskutiert werden. Doch diese Verantwortung setzt viele Menschen unter Druck, das erlebte Frank-Peter Reichardt in Finsterwalde immer wieder in seinen Jahren des Engagements: 

Frank-Peter Reichardt

Wenn man Leute anspricht darauf, ob sie nicht Interesse hätten. Und wir suchen ständig nach neuen Kandidaten, dann merkt man schon, dass da so eine gewisse Ehrfurcht vor diesem Amt dann schon da ist. Ob ich mir das zutraue und so diese völlig unnötig ist, weil wie sagt wir sind alles Laien und da muss sich keiner scheuen und jeder hat seine Gaben. Und da kann man so viel Erfahrung einbringen von jedem, das gibt es nicht so, diesen bestimmten Ort, wo man mal halt zusammensitzt und so Rede und Antwort stehen kann. Und das ist etwas, was, was bei uns in der Gemeinde so ein bisschen fehlt, ist so mit Gemeindeversammlungen und so was. Aber das ist was, wo man wirklich meiner Meinung nach drüber nachdenken sollte. Weil wenn die Leute wirklich wissen, was wir machen und wie wir da rangehen, ich denke, dann ist es auch leichter, andere fürs Ehrenamt zu begeistern.

Autorin:
Man muss kein Profi sein, jeder bringt seine eigenen Gaben und Erfahrungen ein, sagt Frank Peter Reichardt. Emily Evans, erst seit drei Jahren dabei, bestätigt das: Für sie war der GKR auch ein Ort, an dem sie sich einbringen kann, ohne gleich im Rampenlicht zu stehen. Und oft ist es gerade diese Ansprache von langjährigen Mitgliedern, die den Einstieg erleichtert – eine kleine Einladung, die großes Engagement möglich macht.
Ehrenamt im Gemeindekirchenrat heißt also nicht nur Planen und Organisieren, sondern auch, Räume zu schaffen, in denen Menschen wachsen, diskutieren und sich wohlfühlen können.

Emily Evans
Mich im GKR zu engagieren, hat mir zugesagt, zum Teil, weil ich eher schüchtern bin vor anderen Leuten. Also sowas wie regelmäßig vor anderen vorzulesen oder eine Gruppe zu organisieren, da zögere ich tatsächlich ein bisschen, mich da vorne hinzustellen. Im GKR geht es sehr um Diskussion, man setzt sich mit dem ganzen Stoff auseinander. Da fühle ich mich persönlich einfach ein bisschen mehr wohl. Das ist keine ganz so ausgestellte Tätigkeit. Tatsächlich wäre ich aber nicht auf die Idee gekommen, den GKR zu kandidieren, bis ich angesprochen wurde von der Pfarrerin.

Musik: Elton John - I'm Still Standing

Helmut Theo Herbert 
Wie die verscheidenen Menschen Wie in den Dörfern, nicht nur in Lühsdorf, überall ein christliches Leben gelebt, gestaltet wird und auch ein großes Interesse da ist: Wie geht es dir eigentlich? Wie machst du das denn? Und das ist ganz wunderbar und wichtig ist Kirche zu leben, ganz einfach zu leben. Ein Einschnitt war durch das Gemeinde Struktur Gesetz, dass wir uns 15 Ortskirchen zusammengeschlossen haben, mit Sitz in Treuenbrietzen und jetzt eine evangelische Gesamtkirchengemeinde gebildet haben, deren Vorsitzender im Gemeindekirchenrat ich sein darf. Und da gerade noch mal sehr, sehr schöne Erfahrungen mach.

Autorin:
Das war Helmut Theo Herbert aus Lühsdorf, einem kleinen Dorf in Potsdam-Mittelmark. In seinem Dorf kam er zunächst nur am Wochenende zu Besuch, wurde irgendwann dann engagiert bei der Sanierung der Dorfkirche zu helfen und schließlich in den Gemeindekirchenrat gewählt. Für ihn auch klares Engagement fürs Dorf.

Frank Peter Reichardt sagt auch für ihn ist das Ehrenamt und Engagement elementar:

Frank-Peter Reichardt

Ich tue hier das, was ich für wichtig halte. Wichtig, nicht für mich. Ich tue das für meine Gemeinde, also für andere Menschen. Viele davon sind mir überhaupt nicht bekannt. Und ich sehe darin einen Sinn für mein Leben, für andere da zu sein. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass dann mal andere für einen da sind, wenn man sie braucht. Und ich denke, das ist nichts, was, was man auf Kirche beschränken muss. Das ist etwas, was an so vielen Stellen in unserer Gesellschaft so verloren gegangen ist. Einfach so, diese Empathie, das kann genauso gut in einem Dorfclub oder bei der Feuerwehr sein, den Leuten zur Seite stehen und zeigen, dass das gut ist, was sie da tun.

Autorin:
Den Menschen zeigen, es hat einen Sinn was ich mache und du kannst es auch! Das ist das Credo, was ich von allen Engagierten Menschen gehört habe. Egal ob Stadt oder Land, sie wollen ihre Gemeinde gestalten und offen machen für andere. Dieses Engagement beschränkt sich nicht auf Kirche. Es kann überall gelebt werden:

Emily Evans

Ich wünsche mir, dass die Kirche oder die Gemeinde ein Ort wird, wo die Leute das Gefühl haben, ich kann hier echt was beitragen. Es kann auch ganz klein sein, es kann auch mal ganz groß sein. Aber dass man über das Engagement Leute sieht, Leute kennt, das Gefühl hat, ich habe was gemacht. Ich glaube, das muss zukünftig der Fall sein, wenn wir die Orte und die Gemeinden erhalten wollen. Zusammen mit anderen ist es immer schöner.

Musik: Lana del Rey – Say Yes to Heaven