Autorin:
Es gibt Zeiten, in denen man sich entscheiden muss: Was ist mir wichtig? Wofür stehe ich ein und was trägt mich, wenn es schwierig wird? Darüber spreche ich heute mit zwei Frauen, die in ganz unterschiedlichen Zeiten und auf ganz unterschiedlichen Wegen den gleichen Beruf ergriffen haben. Sie sind beide Gemeindereferentin geworden. Die eine hat ihren Glauben in der DDR gelebt, in einem Staat, der Religion sehr kritisch gegenüberstand. Die andere war 13, als die Mauer fiel, und hat später nach einem sehr persönlichen Einschnitt noch einmal ganz neu gefragt Was trägt eigentlich mein Leben? Hallo, Maria Ronschka und Bernadette Heidekrüger! Schön, dass ihr da seid.
Maria Rontschka:
Danke, dass wir da sein können.
Bernadette Heidekrüger:
Schönen guten Tag.
Autorin:
Maria, Du hast einmal den Satz zu mir gesagt, der mir hängen geblieben ist: „In der Schule war alles gleichgeschaltet. In der Gemeinde wurde auf den Einzelnen geschaut.“ Was hat das für dich als junge Christin in der DDR bedeutet? War die Gemeinde damals für dich einfach ein Ort, an dem du dich wohlgefühlt hast? Oder war sie tatsächlich so eine Art Gegenwelt?
Maria Rontschka:
Es war ein Ort, wo ich mich wohlgefühlt habe, weil wir unter Gleichgesinnten waren. Und das ging ja von klein auf. Die Eltern haben mit uns, sind mit uns in die Kirchengemeinde gegangen und haben uns den Glauben vorgelebt. So war es also auch logisch, dass wir in der Kirchengemeinde so unseren Fuß und Platz hatten. Und das war ein Ort, wo ganz verschiedene Jugendliche aus verschiedenen Stadtteilen dann da waren, wir einen ganz tollen Kaplan hatten, der mit uns sehr viel diskutiert hat. Und in der Schule klar: Die wussten, dass ich Christin bin und manches anders mache. Da war ich doch ein bisschen Außenseiterin. Aber trotzdem haben Sie mich schon als Mensch akzeptiert.
Autorin:
Und du hast mir erzählt, dass sie in der Gemeinde durchaus wussten: Jemand hört mit. Trotzdem habt ihr euren Glauben nicht versteckt. Was hat euch damals den Mut auch dazu gegeben?
Maria Rontschka:
Also zuerst das Beispiel der Eltern, die den Glauben auch konsequent gelebt haben. Mein Vati war Lehrer gewesen und das war auch nicht einfach. Er hat auch viele Einschränkungen hinnehmen müssen. Aber wir haben gespürt, dass der Glaube ist das, was uns trägt, auch wenn wir anders sind. Und die Eltern haben nie uns das Gefühl gegeben, dass wir andere, also dass wir schlechtere Menschen sind oder so was, sondern dass wir, jeder von uns, von den Kindern gute Anlagen haben, die sie versucht haben zu entfalten. Aber eben nicht in diesem sozialistischen System, in dieser Weltanschauung. Da hatten wir eine andere Weltanschauung, also eine christliche, ein christliches Menschenbild.
Autorin:
Bernadette, Du bist ja auch im Ostteil von Berlin groß geworden, und ihr kennt euch, ihr beiden. Erzähl doch mal, woher ihr euch kennt.
Bernadette Heidekrüger:
Ja, als ich nachher Jugendliche war, und das war auch noch vor der Wende, bin ich über die Kirchengemeinde zu einem Sonderkurs gefahren. Das war ein Kurs, wo Jugendliche angeleitet wurden, später mal selbst Kindergruppen zu begleiten. Ja, Maria war meine Jugendleiterin dort in dieser Zeit.
Autorin:
Wir haben gerade gehört, auch für dich hat deine katholische Gemeinde eine große Rolle gespielt. Und als die Mauer fiel und sich plötzlich alles veränderte. Da warst du gerade einmal 13 Jahre jung, also irgendwie am Beginn der Pubertät. Was erinnerst du aus dieser Zeit Besonders?
Bernadette Heidekrüger:
Ich war ungefähr, glaube ich, 8. Klasse zu dieser Zeit. Und für mich war ganz klar: Ich habe gar keinen Berufswunsch in Richtung Abitur oder in Richtung Studium mir gewünscht oder erdacht, weil ich wusste, dass es für mich als Christin gar nicht möglich ist. Und die größte Herausforderung zu der Zeit war, mich auf einmal damit zu beschäftigen, welche Möglichkeiten ich jetzt habe als Christin. Ich bin nicht mehr eingeschränkt, ich kann mich entfalten. Und das war, glaube ich, eine ganz große Herausforderung für mich in der Zeit.
Autorin:
Dazu hören wir gleich mehr. Zwei Lebensgeschichten, zwei Generationen und trotzdem eine gemeinsame Erfahrung. Der Glaube war nicht einfach nur etwas, was dazugehört hat. Er hat das Leben und die eigene Identität geprägt. Doch inwiefern auch der Glaube nach Schicksalsschlägen in Frage gestellt werden kann, das hören wir gleich. Jetzt hören wir erst mal Joris mit Herz über Kopf.
Musik Joris Herz über Kopf
Autorin:
Heute bei mir zu Gast im Studio sind Maria und Bernadette. Sie sind beide Gemeindereferentinnen. Und wir sprechen darüber, was uns im Leben trägt, über Glauben, über Entscheidungen und darüber, was passiert, wenn sich das Leben plötzlich verändert. Bernadette, du bist Gemeindereferentin und arbeitest in der Kirche. Aber was macht man denn da eigentlich so genau?
Bernadette Heidekrüger:
Ja, in der Gemeinde gibt es ganz viele Aufgaben, die immer mit den Menschen zu tun haben. Mein Hauptfeld sind Kinder und Jugendliche und Familien. Die begleite ich. Wir gestalten gemeinsam Gottesdienste. Wir gestalten gemeinsam Freizeiten. Ja, und mein Beruf ist es eigentlich, bei den Menschen zu sein und mit ihnen die Fragen des Lebens zu besprechen und zu leben.
Autorin:
Du bist aber Quereinsteigerin. Das heißt, bevor du Gemeindereferentin geworden bist, hast du was ganz anderes gemacht. Erzähl uns das doch mal!
Bernadette Heidekrüger
Ja, Ich war Kauffrau für Uhren und Schmuck. Ich habe beim Juwelier gearbeitet, habe dort meine Ausbildung gemacht und bin dann im kaufmännischen Bereich noch ein bisschen weiter unterwegs gewesen. Ja, und das war mein erster Beruf.
Autorin:
Und dann gab es diesen Moment in deinem Leben, der dich ja ziemlich aus der Spur gebracht hat. Bewaffnete Männer haben die Schmuckhandlung überfallen, in der du gearbeitet hast. Danach warst du ein Jahr zu Hause und irgendwann hast du dir eine ziemlich grundsätzliche Frage gestellt: Wofür stehe ich eigentlich ein? Kannst du uns aus dieser Zeit erzählen?
Bernadette Heidekrüger:
Diese grundsätzliche Frage, die hat sich dann gestellt: Was ist das Leben denn wert? Wofür lebe ich? Und ich möchte nicht für Uhren und Schmuck oder für Juwelen mein Leben lassen. Ja, mich zu fragen: Was trägt mich in diesem Leben? Und ich musste feststellen: Das ist wirklich mein Glauben. Das sind die Menschen, die mich begleiten und die Menschen, die das Fundament sind, wenn ich aus der Fassung komme. Ja, und dann habe ich mich gefragt: Was ist denn das, was ich auch gut kann? Wo fühle ich mich wohl und was möchte ich nach dieser Zeit des Suchens auch wieder zurückgeben? Und ich habe ehrenamtlich in der Gemeinde gearbeitet und auch da war wieder ein Mensch, der gesagt hat: „Ja, Bernadette, kannst du dir das nicht vorstellen, das auch beruflich zu machen?“
Autorin:
Maria, wusstest du, dass das Bernadette das erlebt hat? Diesen Überfall?
Maria Rontschka:
Nein, das wusste ich nicht. Aber was mich natürlich freut, ist, dass du dich erinnert hast an dein Erleben in der Kirchengemeinde, auch dein Engagement. Dass das eben trägt. Dass es auch einen ganz besonderen Wert hat.
Bernadette Heidekrüger
Ja, es war auch immer die Gemeinschaft, die man spüren durfte. Es war immer jemand da, der vielleicht einen Blick hatte, der gefragt hat: Wie geht es dir denn? Wir waren niemals alleine unterwegs. Und das finde ich in Gemeinden ein ganz kostbares Gut.
Autorin:
Maria, bei dir war der Weg zur Gemeindereferentin ja ganz anders. Und trotzdem ging es auch um eine Entscheidung. Du wusstest, in der DDR kannst du manche Berufe nicht ergreifen, weil du als Christin gelebt hast.
Maria Rontschka:
Das stimmt. Ich hatte keine Jugendweihe gemacht, war in der Kirche engagiert. Also war ein Fachschulstudium überhaupt nicht möglich, geschweige denn zum Beispiel auch mit Kindern zu arbeiten als Erzieherin. Ich hatte nicht die richtige Einstellung für den Staat. Ja, und deshalb habe ich zwar auch einen Beruf gelernt, in einem kirchlichen Krankenhaus. Das war möglich. Ich war Laborantin und habe mich dann erst entschieden, den kirchlichen Beruf aufzunehmen. Es war natürlich auch eine Entscheidung zu wissen in diesem Beruf. Damals hieß das noch Seelsorgehelferin. Sollte man möglichst alleine leben, um verfügbar zu sein. Und dass man ganz für die Menschen da ist. Und das ist eine persönliche Entscheidung, die man am Anfang trifft. Aber das muss ja mit Leben gefüllt werden. Und für mich im Nachhinein für mich war es eine gute Entscheidung, eine bewusste Entscheidung, mit der ich ja bis heute auch lebe. Ich bin weiterhin allein lebend, aber trotzdem nicht allein lebend, weil ich Gemeinschaft habe und Gemeinschaft erlebe, einen Freundeskreis habe.
Autorin:
Es sind ganz unterschiedliche Situationen, haben wir gerade gehört. Von Maria und auch von Bernadette, in denen Menschen merken: Ich muss wissen, worauf ich mich verlassen kann. Darüber sprechen wir gleich weiter. Jetzt gibt es aber erst mal Musik. Wir hören Andreas Bourani auf anderen Wegen.
Musik Andreas Bourani Auf anderen Wegen
Autorin:
Wir sprechen heute über Glauben, der bleibt und darüber, was Menschen trägt. Bei mir sind Bernadette und Maria. Sie haben sich ganz bewusst für einen Beruf in der Kirche entschieden und sind beide Gemeindereferentin geworden. Maria, Du hast in unserem Vorgespräch einen Satz gesagt: „Wer glaubt, ist nicht allein.“ Was meinst du damit? Geht es dabei vor allem um die Gemeinschaft oder auch um die Hoffnung, dass da noch jemand ist, selbst wenn man selbst nicht mehr weiter weiß.
Maria Rontschka:
Beides. Gemeinschaft ist immer das, was man erlebt. In der Familie, wo der Glaube eine Rolle spielt, da hat man das mitbekommen und auch heute noch im Gottesdienst, dass man sagt alleine singen und beten. Ja, das kann man natürlich. Aber gemeinsam macht das einfach viel, viel mehr. Eine viel, viel, viel größere Kraft. Oder wenn man Menschen trösten kann, wenn ein Trauerfall ist, sie einfach in den Arm nimmt und auch zusprechen kann. Du bist in dieser Zeit nicht allein. Gott sieht, Gott kennt. Also eigentlich braucht man zum Glauben immer Menschen, die mit glauben, die es vorleben. Und da ändert sich die Situation für einen selber. Man bekommt das mit, gibt es auch weiter und hofft, dass man in schwierigen Lebenssituationen eben auch durch den Glauben von anderen gestärkt wird. Durch eine Umarmung oder einen Zuspruch.
Autorin:
Bernadette, du arbeitest ja heute mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Und du hast gesagt, dass du dich durch deine eigene Geschichte ziemlich gut für die Zukunft gerüstet fühlst. Was aus deiner Geschichte hilft dir heute ganz konkret in deiner Arbeit?
Bernadette Heidekrüger:
Also mir hilft eigentlich heute auch immer noch mutig zu sagen, was meine Haltung ist, welche auf welche Werte ich besonders achten möchte und die mir wichtig sind, dass wir die miteinander teilen. In dem ich war früher hat in der Schule auch allein als Christin unter den anderen und wurde oftmals angefragt: Was ist das denn? Warum glaubst du denn? Und was ist das Besondere für dich dadran und Antwort geben zu müssen. Also Haltung zu zeigen, auszusprechen, was mir wichtig ist und keine Sorge zu haben, was die anderen davon denken. Ich war eh Außenseiter. Das macht mich stark und mutig, auch dabei zu bleiben. Und die innerliche, also dieses Hineinwachsen auch und die Dankbarkeit, die ich erfahren durfte, dass mich das innerlich stark machen, dass mich das auch in schwierigen Momenten trägt.
Autorin:
Ja, Maria, du hast ja lange auch in der Jugendseelsorge gearbeitet. Wie blickst du gerade so auf aktuelle Tendenzen, dass es auch unter Jugendlichen immer polarisierender zugeht? Macht dir das Sorgen?
Maria Rontschka:
Ja, es macht mir schon auch Sorgen, weil es wichtig ist, dass die Jugendlichen, die brauchen ja ein Fundament, woraus sie argumentieren können, woraus sie mit anderen in Beziehung gehen können. Und aufeinander zugehen heißt ja auch, ein bestimmtes Menschenbild zu haben. Und das macht mir schon Sorgen, dass das ein bisschen verloren geht. Vor allen Dingen, wenn sehr populistisch auf die Jugendlichen zugegangen wird und da eine Meinung gegeben wird, die sagt: „Das ist so und das ist richtig! Und diese Menschen sind wertvoll und andere nicht. Die gehören zu uns, sie gehören nicht zu uns.“ Und da ist auch unser christlicher Glaube, der das Menschenbild hat, dass alle von Gott geliebt sind, dass jeder Mensch seine eigenen Fähigkeiten hat und dass es aber auch so sein darf und dass wir uns gut ergänzen und dass die Offenheit hoffentlich bleibt, auf die anderen zuzugehen. Zuzuhören, was die anderen bewegt. Die Frage ist: Wie kann Kirche ein Raum bleiben, dass dort eben auch diese persönliche Entwicklung auch gestärkt wird, auch die Meinungsbildung angeregt wird?
Autorin:
Wir haben gehört, die Welt verändert sich, Menschen verändern sich. Auch der eigene Glaube verändert sich vielleicht. Aber manches kann dabei tiefer werden. Eine Hoffnung, eine Haltung und die Erfahrung, nicht allein zu sein. Vielen Dank euch beiden für das Gespräch.
Maria Rontschka:
Bitte schön.
Bernadette Heidekrüger:
Sehr gerne.
Autorin:
Vielen Dank und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, wünsche ich einen schönen Sonntag und dass wir uns alle miteinander auch getragen fühlen können in der neuen Woche, aber auch darüber hinaus. Jetzt gibt es noch die Fantastischen Vier mit Clueso zusammen.
Musik Die Fantastischen Vier & Clueso: Zusammen