Ein Mann mit einem Schnurrbart steht in einer winterlichen Umgebung auf einer schneebedeckten Straße. Im Hintergrund ist ein modernes Gebäude mit der Aufschrift "Charité" sichtbar. Bäume umrahmen die Szene, und Parkplätze sind links und rechts sichtbar.
15.03
2026
08:40
Uhr

Hoffnung am Krankenbett

Ein Seelsorger an Berlins größter Klinik über Trost in der Not

Ein Beitrag von Sabrina Becker

Musik Intro: Ich + Ich Pflaster

Autorin: Wer geht freiwillig dorthin, wo Menschen gerade ihr Schlimmstes erleben? Ivan Vujica tut das. Jeden Tag. Er steht auf Krankenhausfluren, vor Türen, hinter denen alles anders geworden ist. Durch eine Krebsdiagnose. Oder durch den Verlust eines Kindes. Ivan, du klopfst beruflich an diese Türen. Du bist nämlich katholischer Krankenhausseelsorger an der Berliner Charité. Das heißt: Du kommst nicht, um zu untersuchen. Nicht um Diagnosen zu stellen, sondern du schenkst Patientinnen und Patienten Zeit. Und darüber wollen wir sprechen.

Ivan, schön, dass du da bist.

Ivan Vujica: Vielen Dank!

Autorin: Du bist 34 Jahre alt und stammst eigentlich aus Bosnien. Oder?

Ivan Vujica: Genau!

Autorin: Du bist in Sarajevo geboren und kamst mit nur elf Monaten mit deiner Familie nach Deutschland – auf der Flucht vor dem Krieg. Was weißt du noch über diese Zeit? Oder was haben dir auch deine Eltern erzählt? 

Ivan Vujica: Ich kam als Baby noch nach Deutschland – zu meinen Großeltern damals, die waren Gastarbeiter in Münster und bin aufgewachsen, ging auch in Deutschland in die erste Klasse Grundschule. Vom Krieg habe ich in Deutschland selber sehr wenig erlebt, weil meine Eltern haben kaum darüber geredet. Also ich wusste, es ist Krieg aber nicht, welche Parteien da im Krieg sind 

Autorin: Ihr seid dann irgendwann nach dem Krieg zurück nach Bosnien gezogen. Oder?

Ivan Vujica: Genau! Wir waren sechs Jahre ungefähr in Deutschland. Ich ging hier erste Klasse Grundschule und ab der zweiten dann in Bosnien.

Autorin: Du bist aber seit 2018 zurück in Berlin. Was hat dich hierher geführt?

Ivan Vujica: Ich habe in Bosnien meine Schule beendet. Hab dann auch studiert, Theologie, und war auf so einer Findungs- oder einer Suchungsphase, wo ich mich selbst noch einmal finden musste. Und hab mich dann 2018 entschieden nach Berlin zu kommen – nach Deutschland wieder, weil meine Heimat bietet mir keine Perspektive, jungen Leuten generell bietet sie sehr wenig Perspektive.

Autorin: Du hast gerade schon erzählt, du hast Theologie studiert, und hast dann sogar einen Schlenker gemacht ins Kloster – und zwar warst du bei den Trappisten-Mönchen in Tschechien. Warum bist du dann doch kein Ordensmann geworden?

Ivan Vujica: Das war eine Phase, wo ich sozusagen verliebt war in den Orden auch. Die Idee generell, Priester zu werden, gefiel mir sehr. Ich weiß nicht, ob ich damals schon bereit war, ich war noch sozusagen grün hinter den Ohren, und dann habe ich mich entschieden, doch nicht diesen Schritt zu wagen, weil es ist eine Lebensentscheidung, und man muss wirklich mit ganzem Herzen dabei sein, nicht mit halben Herzen.

Autorin: Heute bist du Krankenhausseelsorger – und das mit vollem Herzen, hast du mir gesagt, das ist dein absoluter Berufswunsch, hast du mir gesagt. Warum ist das denn so?

Ivan Vujica: Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich als Pflegehelfer in einer Demenz-WG gearbeitet über zwei Jahre. Und dann habe ich mich quasi verliebt in diese Arbeit, mit Menschen, Menschen sehr nah zu sein, Menschen zuzuhören. Ihnen helfen in gewissen Situationen. Und nach einer Zeit in der Pflege habe ich mich entschieden, einen neuen Beruf zu suchen, irgendwas mit der Kirche, ich wollte das verbinden und bin auf die Stelle der Krankenhausseelsorge gestoßen. Eine Stelle war ausgeschrieben, hab mich beworben.

Autorin: Warum Krankenhaus? Warum war das für dich so klar?

Ivan Vujica: Es war für mich klar für die Menschen da zu sein, die ein Leid haben, die eine schwere Krankheit haben, und die sich vielleicht auch allein fühlen, für die da sein.

Autorin: Wie du das genau machst und wann du gerufen wirst, darüber sprechen wir gleich. Jetzt hören wir erst einmal Kleiner Finger Schwur von Florian Künstler.


Musik: Florian Künstler, Kleiner Finger Schwur

Autorin: Ivan Vujica ist 34 Jahre alt und arbeitet als katholischer Krankenhausseelsorger an der Berliner Charite. Du bist jemand, der zuhört, der da ist – auch wenn es schwer wird. Ivan, wie sieht denn ein typischer Tag für dich in der Klinik aus?

Ivan Vujica: Ein typischer Tag ist: Ich komme erstmal ins Büro und schau, was auf meinem Anrufbeantworter ist. Weil viele Anfragen kommen übers Telefon, vom Palliativteam, von Ärztinnen und Ärzten, vom Pflegepersonal, die dann den Bedarf sehen: Ah, hier könnte der Krankenhausseelsorger oder die Krankenhausseelsorgerin gerufen werden. Und dann hör ich erstmal ab, was da kommt. Und dann startet mein Tag schon, dann sehe ich, wen ich als erstes besuchen kann und gehe auf die Stationen.

Autorin: Darüber hatten wir ja auch schon gesprochen: Was macht für dich gute Seelsorge aus? Du hast vorhin gesagt: Einfach da sein – was heißt das denn?

Ivan Vujica: Gute Seelsorge ist für mich, nicht zu beurteilen und auch nicht zu bewerten. Und auch auf einer Augenhöhe den Menschen zu begegnen. Wir reden auch nicht immer über die Krankheit. Weil bei vielen Patientinnen und Patienten weiß ich noch nicht mal, welche Krankheit sie haben, weil vielen fällt es auch schwer darüber zu reden. Und da ist dann meine Aufgabe, das aufzufangen, was kommt, zuzuhören und für sie da zu sein.

Autorin: Du begleitest Menschen in extrem verletzlichen Momenten, bei schweren Diagnosen, und manchmal auch bei einer stillen Geburt. Du hast mir erzählt, wie der Moment war, als du zum ersten Mal eine solche Begleitung übernehmen solltest – und du hattest anfangs selbst Angst. Angst, wie du den Eltern begegnen solltest. Magst du mal erzählen, was da passiert ist?

Ivan Vujica: Genau! Es ist jedes Mal so, wenn ich vor einem Patientenzimmer stehe, schlägt mein Herz ganz ganz fest, weil man weiß nie, was einen erwartet hinter der Tür. Und es ist auch gut so, diese Aufregung zu haben, weil mein ist kein Roboter, man geht mit Gefühl, man geht mit Empathie zu den Menschen. Mein erster Fall war vor kurzem. Meine Kollegin hatte eine Dienstreise und hat mich gebeten, ein Paar zu begleiten, das kurz vor einer stillen Geburt war und ich hab mich bereit erklärt, diesen Fall zu übernehmen. Und wir hatten auch ein ganz schönes Ritual vorbereitet. Eine Aussegnung für das Kind. So kam es dazu, dass ich meinen ersten Fall übernehmen konnte. Für die Eltern war das ein ganz berührender Moment, das noch einmal ihr Kind sozusagen in Gottes Hände gelegt wurde.

Autorin: Aussegnung: Was heißt das? Was wird da gemacht?

Ivan Vujica: Bei stillen Geburten haben wir dann ein spezielles Ritual, wo wir noch einmal mit Rosenöl ein Kreuz auf die Stirn machen, das Kind segnen, und auch die Eltern segnen, dass sie Kraft haben für diesen schweren Moment und dass sie auch und dass sie auch Kraft voneinander schöpfen können.

Autorin: Ich stelle mir das wahnsinnig schwer vor – auch für dich als Seelsorger. Was hat dir selber in dem Moment geholfen, auch deine Angst zu überwinden? Du hast gerade gesagt: Ich steh dann da vor der Tür mit klopfendem Herzen, woher nimmst du dann auch die Kraft da rein zu gehen?

Ivan Vujica: Ich glaube ganz fest, dass Gott mich in diesen Momenten begleitet und mich nicht alleine lässt. Und was mir noch einmal die Sicherheit für die Patientinnen und Patienten gibt: Ich habe meine eigene Frömmigkeit entwickelt, dass ich noch einmal am Abend für sie bete und sie somit in Gottes Händen lasse. Ich kann niemanden heilen, Gott ist der, der heilt, der Trost gibt. Somit bin ich dann auch in Sicherheit für mich, ihnen geht es dann, hoffe ich in Gottes Händen dann auch gut.

Autorin: Deinen Glauben an Gott, den teilen viele Menschen in Berlin und Brandenburg nicht. Viele Menschen hier haben mit Kirche wenig zu tun. Wie du damit umgehst, dass hören wir gleich. Doch erstmal kommt hier Pflaster von Ich + Ich.

Musik: Ich + Ich, Pflaster

Autorin: Ivan Vujica ist katholischer Krankenhausseelsorger an der Berliner Charité. Wenn du dich vorstellst, dann sagen viele Patientinnen und Patienten erst einmal zu dir: Mit Kirche habe ich nichts am Hut. Spielt es in deiner Arbeit überhaupt eine Rolle, ob jemand an Gott glaubt?

Ivan Vujica: Wenn ich zum Beispiel vom Palliativteam gerufen werde, dann weiß ich nicht, welchen Glauben die Patientin oder der Patient hat, zu dem ich gerufen werde. Nur sehr wenige sind dann auch Katholiken und sehr viele sind Nicht-Christen oder Atheisten, die ich dann begleite. Viele reden dann auch nicht über den Glauben, viele brauchen dann jemanden, der für sie da ist, der zuhört, der sie besucht. Weil leider habe ich auch die Erfahrung, dass manche Patienten gar nicht besucht werden. Keine Familie mehr haben und dann ist der Seelsorger die Bezugsperson, die da ist.

Autorin: Du hast mir ja auch erzählt, weil du gerade schon drüber gesprochen hast, was du dann machst: zuhören, da sein, mit den Patienten reden. Aber manche wollen ja auch gar nicht reden oder?

Ivan Vujica: Genau! Manchen fällt es auch schwer zu reden. Und dann muss man sehen, im eigenen Herzen spüren, was würde für die Person jetzt passen. Ich hatte einen Patienten – jüngerer Mann mit einem Hirntumor, der konnte kaum reden, war auch sehr depressiv. Ich habe dann aus meinem Bauchgefühl irgendwie gefragt: Wie wäre es denn mit Uno-Karten spielen? Und der war dann ganz begeistert. Wir haben dann jedes Mal, wenn ich ihn besucht habe, haben wir erstmal ein paar Runden UNO gespielt. Und da konnte ich auch erstmal sehen, er lacht auch er lächelt, er freut sich. Danach haben wir immer zusammen gebetet. Er wollte, dass wir zusammen beten, hat die Kommunion empfangen und das waren dann unsere Besuche . Das dauerte meist so eine Stunde. Und er war dann immer glücklich, als ich da war. Einfach Kartenspielen kann auch Menschen sehr gut tun, weil sie wissen, hier ist jemand, der nicht über Krankheit spricht, der nicht über Medizin spricht, der nicht über Therapie spricht, sondern der einfach nur da ist und da sein will.

Autorin: Was du mir gesagt hast, ist: Seelsorge, das funktioniert für dich nicht ohne Gott. Wie meinst du das?

Ivan Vujica: In erster Linie ist Gott, der mir Kraft gibt, diesen Beruf auch zu machen. Seelsorge ohne Gott, auch wenn ich Patientientinnen und Patienten besuche, die nicht an Gott glauben, glaube ich schon, dass ich in Gottes Auftrag da bin.

Autorin: Du hattest aber mal eine Patientin, die da auch sehr vehement widersprochen hat.

Ivan Vujica: Genau, man begegnet verschiedenen Menschen. Ich hatte eine Patientin, die sehr gläubig war, und die mit ihr im selben Zimmer war, war einenicht-gläubige enttäuschte Frau, von Kirche sehr enttäuschte Frau. Und als ich im Zimmer war, fing sie an zu reden und meinte: Gott gibt es ja nicht, sonst würde er nicht dieses ganze Leid in der Welt zu lassen. Ich bat ihr dann noch einmal an, mit ihr ein Gespräch zu führen. Sie lehnte das ab, also man muss wirklich auch bereit sein solchen Menschen im Krankenhaus zu begegnen. Nicht alle sind einem wohlgesonnen. Manche sind sehr strikt gegen Glauben und denken, als Krankenhausseelsorger hätte man da nichts zu suchen im Krankenhaus. Aber für die anderen, die es wirklich wollen, die sind auch sehr wohlgesonnen und sind glücklich, dass der Seelsorger da ist und das sind nicht nur Christinnen und Christen. Das sind auch Muslime, die uns rufen und wollen, dass wir da sind. Atheisten und Agnostiker, alle möglichen anderen Religionen oder Weltanschauungen, rufen uns und sind dann sehr glücklich, dass wir da sind. 

Autorin: Wie stehen denn die Ärzte und das Pflegepersonal zu euch? 

Ivan Vujica: Viele sind auch sehr glücklich, dass wir da sind, rufen uns auch. Und wenn sie sehen, dass wir, nach zwei Minuten schon auf der Station sind, sind sie sehr glücklich, dass wir bei den Patientinnen und Patienten da sind – und erzählen das dann auch weiter und so werden wir auch bekannter. Nicht alle wissen, dass wir da sind. Und leider das Personal, manche wissen gar nicht, dass wir auch für die da sind. 

Autorin: Ja, was wünschst du dir für die Zukunft der Krankenhausseelsorge?

Ivan Vujica: Was ich mir wünsche. Dass sich mehr Menschen dafür begeistern, dass wir von mehr Menschen wahrgenommen werden. Da müssen wir selber ein bisschen mehr Werbung machen, in dem Sinne, dass Menschen wissen, wir sind wirklich für alle da nicht, nicht nur für Katholiken und Christen generell, für alle Menschen sind wir da.

Autorin: Ivan, du sagst: Da wo der Mensch leidet, ist Gott am nächsten. Ich finde, das spürt man in deiner Art, Seelsorger zu sein. Und du sagst auch: Vielleicht sind es nicht die großen Antworten, sondern einfach Zuhören und Dasein – und manchmal auch mal Karten spielen mit dem anderen, wenn Worte fehlen. Danke, Ivan, für deine Arbeit. Und für das tolle Gespräch.

Ivan Vujica: Vielen Dank! (lacht)

Autorin: Das war „Apropos Sonntag“ zum Thema Krankenhausseelsorge. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag – und Menschen an Ihrer Seite, die bleiben – auch wenn es mal schwer wird.

Musik: Wir sind Helden, Ein Elefant für dich