Autorin:
In den Nachrichten schockieren Zahlen von Kriegstoten oder Opfern von Naturkatastrophen. Der Tod ist doch präsent, oder? Und dennoch ist es etwas anderes, wenn die Wohnung der hochbetagten Nachbarin leergeräumt wird, die erst vor wenigen Tagen ins Krankenhaus gebracht werden musste. Der Arbeitsplatz eines Kollegen bleibt plötzlich leer, oder es gibt in der nahen Familie eine ganz eindeutige Diagnose. Da rückt das Sterben näher. Oft verdrängt, werden Tod und Trauer zum Thema. Hier setzt die Hospiz-Bewegung mit der Begleitung von Schwerstkranken und Sterbenden in ihrer letzten Lebensphase an - und lässt sie und ihre Angehörigen sowie in Medizin und Pflege Tätige nicht allein.
Im Diakonissenhaus Teltow-Lehnin ist der Pfarrer Markus Kolbe Referent für Hospiz- und Palliativarbeit:
Markus Kolbe
Die Versorgung zu Hause durch die Familie, durch die Verwandtschaft, durch einen engen persönlichen Zirkel. Das wird immer weniger, immer seltener. Und deswegen ist eine intensive, gute und umfassende Versorgung mittlerweile für viele zu Hause gar nicht mehr leistbar und der Bedarf steigt. Unsere Gesellschaft wird älter. Die Krankheitsbilder werden auch zahlreicher. Wir merken es ja so, dass zunehmend mehr der Bedarf auch an palliativer Versorgung entsteht. Und ich finde es toll, dass dort auch eine Sensibilität gewachsen ist, dass man sagt, das ist nicht einfach selbstredend, wenn jemand schwerstkrank wird, dass man ihn versucht, irgendwie zu pflegen bis zu seinem letzten Atemzug oder bis zum Tode, sondern dass man sagt, dieser Lebenszeit noch eine bestmögliche und größtmögliche Würde, Wertschätzung und Lebensqualität zu geben.
Autorin:
Im Land Brandenburg gibt es heute über 20 ambulante Hospizdienste an 30 Standorten, mehr als ein Dutzend stationäre Hospize sowie spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche. Schon 1994 nahm der Ambulante Hospizdienst Potsdam-Mittelmark im Kloster Lehnin seine Arbeit auf – damals mit 20 Ehrenamtlichen. 2001 wurde dort Brandenburgs erstes konfessionelles Hospiz eröffnet. Im September diesen Jahres konnte das Diakonissenhaus nach weiteren Häusern in Potsdam, Luckau und Berlin- Mahlsdorf sein fünftes stationäres Hospiz in Prenzlau eröffnen, in enger Zusammenarbeit mit dem dort vor 20 Jahren von engagierten Bürgern gegründeten „Uckermärkischen Hospizverein“.
Markus Kolbe
Der Wunsch, ein stationäres Hospiz hier in Prenzlau zu eröffnen, reicht so weit zurück, wie der Uckermärkische Hospizverein hier in Prenzlau schon seine Arbeit macht. Das war damals wohl der ursprüngliche Wunsch und dann hat man gesagt: „Nein, also erst mal muss ein ambulanter Hospiz- und Palliativdienst auf die Beine gestellt werden.“ Das haben die dann ja auch über die Jahre ganz toll gemacht und sind ja mittlerweile hier in der Uckermark weit verbreitet und in der ambulanten palliativen Versorgung tätig. Und dann wurde auch ein Träger gesucht. Und wir haben hier von Anfang an auch eine ganz große Offenheit erlebt durch die Stadt, durch den Landkreis. Das war schon eine tolle Erfahrung.
Autorin:
In Brandenburgs größtem Landkreis vermitteln 3 Koordinatoren vom Hospizverein eigens ausgebildete ehrenamtliche Sterbebegleiter nach Hause, in Pflegeheime und Krankenhäuser. Eine ist Anett Storch. Die 57jährige aus Lychen lernte den Hospizverein Uckermark kennen, als ihr Schwiegervater vor sieben Jahren im Sterben lag. Noch heute erinnert sich Anett Storch daran, dass die Koordinatorin des Vereins damals bei der Familie am Küchentisch saß:
Anett Storch:
Das erste war, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und wenn man nicht mehr isst und nicht mehr trinkt, möchte man es nicht mehr zusammenhalten.
Der nächste Satz war, das Gehör ist das Letzte, was vergeht. Macht es ihm akustisch so schön wie möglich. Und der dritte Satz, der war auch ganz besonders wichtig, uns zu stärken. Also sie hat gesagt: "So wie ich euch erlebe und wie ihr hier mit dem ganzen Thema umgeht, das schafft ihr auch allein." Also es gab keine Ehrenamtliche und keinen Ehrenamtlichen, der uns zur Seite gestellt werden konnte in der Situation, weil es hier in unserer Region ganz wenige gab. Und dann, als die Möglichkeit war, die Sterbebegleitungsausbildung zu machen, hab ich gedacht, das möchte ich machen.
Autorin:
Aus der Erfahrung mit ihrem Schwiegervater ist für Anett Storch ein eigener Weg geworden: Heute schenkt sie schwerkranken und sterbenden Menschen Zeit – und ist für sie und ihre Angehörigen da.
Anett Storch:
Ich kann dann selbst auch entscheiden. Ist das was für mich oder, oder sperrt sich was in mir? Also man wird ja mit einigem konfrontiert. Man wird mit dem Sterbenden konfrontiert, man wird mit den Angehörigen konfrontiert, man wird mit dem Umfeld konfrontiert, mit der Krankheit, also mit dem Zustand des Patienten und so. Also ich hab auch abgelehnt.
Autorin:
Für manche schwerkranke Menschen wird die Versorgung zu Hause irgendwann zu schwierig. Dann kann ein stationäres Hospiz ein Ort sein, an dem sie und ihre Angehörigen begleitet und entlastet werden. Die ehrenamtlichen Begleiter vom Hospizverein übernehmen keine Pflege. Sie kommen so oft wie gewünscht, hören zu, halten die Hand. Und sie erleben mit, wie herausfordernd die häusliche Pflege zum Lebensende für die Angehörigen selbst mit Unterstützung durch Pflegedienste und Palliativmedizin ist. Wurde ein Platz im Hospiz gewünscht, blieb über lange Jahre nur der Weg nach Eberswalde oder nach Mecklenburg-Vorpommern. Diese Lücke füllt nun das Evangelische Hospiz mitten in Prenzlau. Pflegedienstleiterin Anna Böhnke führt stolz durch das neue Haus:
Anna Böhnke
Und das ist auch gut so, weil wir sind ja keine Einrichtung, die sich verstecken muss. Wir sind für die Öffentlichkeit präsent. Und das finde ich auch persönlich sehr wichtig, dass Sterben dazugehört und die Menschen in der Umgebung vielleicht auch mal über ihr eigenes Sterben drüber nachdenken. Wir haben keinen Zaun, es bleibt alles offen, also jeder ist eingeladen auf unserem Gelände.
Anna Böhnke kennt die Altenhilfe. Für die Arbeit im Hospiz hat sie sich trotzdem ganz bewusst entschieden – für eine Begleitung, bei der Zeit und Zuwendung im Mittelpunkt stehen. Alles ist funkelnagelneu, wie auch das Team von Pflegefachkräften, Hauswirtschafterinnen und Hausmeister. Dienstkleidung wie im Krankenhaus trägt hier niemand vom Team. Franziska Schmidt kümmert sich um Küche und Raumpflege:
Franziska Schmidt
Also ich hab vorher schon zehn Jahre im Krankenhaus gearbeitet, in verschiedenen Bereichen, in der Tagesklinik, in psychiatrischen Bereich auch schon. Und die Art und Weise, wie man im Krankenhaus geht, ist manchmal nicht so schön als wenn man ein Umfeld hat, wo man begleitet wird, wo man in den Arm genommen wird, wo man vor allem nicht alleine ist. Ne?
Autorin:
Hier verbringen Menschen ihre letzten Tage. Im Durchschnitt bleiben ihnen und dem Team nur zwei Wochen miteinander – eine kurze Zeit für Nähe, Vertrauen und Abschied.
Darauf einstellen muss sich nun das neue Team in Prenzlau, zu dem auch die Pfarrerin Konstanze Krätschell gehört. Sie wird nun auch die Seelsorge im Hospiz übernehmen:
Konstanze Krätschell
Was brauchen die Menschen, denen ich hier begegne? Brauchen sie Stille? Brauchen sie ein paar Schritte? Brauchen sie meinen Glauben, den ich vielleicht zur Verfügung stellen kann in meinen Worten? Und für mich ist natürlich die Begleitung der Sterbenden ein ganz wesentlicher Bereich, aber eigentlich nicht weniger der Kontakt mit den Mitarbeitern, die hier jeden Tag dieses Sterben begleiten. Und da sehe ich mich genauso in der Verantwortung zu gucken: Wer da Seelsorge braucht, soll sie bekommen können.
Musik Lina Maly – Als du gingst
Anna Böhnke
Der Gast sagt uns, wie es langgeht. Und wir passen uns individuell an. Natürlich müssen wir unsere Vorschriften alle einhalten, aber der Gast sagt uns, welchen Bedarf er hat und wie weit wir ihn letztendlich pflegen dürfen.
Autorin:
Gemeinsam tragen, was allein zu schwer ist – unter diesem Motto sieht Anna Böhnke die Arbeit im Hospiz. 18 Pflegefachkräfte können sich intensiv um die Hospizgäste kümmern. Hinter den unheilbar Erkrankten liegt oft ein langer Leidensweg zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen, Operationen und Chemotherapien. Hin und wieder kommt der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Dem hält Pfarrer Markus Kolbe entgegen:
Anna Böhnke
wir wollen ganz bewusst den palliativen Ansatz, also die bestmögliche Lebensqualität in dieser Zeit anbieten. Und unsere Erfahrung ist, dass in den Hospizen, wo manche Gäste kamen und sagen: „Also ich glaube schon, dass ich das bald möchte." Dieses Thema hat sich im Laufe des Aufenthalts verflüchtigt, weil sie gemerkt haben, hier erleben sie noch einmal so eine gute Form der Lebensqualität und sei es eben auch durch eine gute Symptombehandlung. Ja? Oft sind es ja die Schmerzen, die dann das Leben auch so unerträglich machen. Und dass sie gemerkt haben, durch diese Form der Begleitung ist das gar kein Thema mehr.
Aufgenommen wird jeder, der eine entsprechende ärztliche Verordnung hat, ganz egal, mit was für einem kulturellen, nationalen, konfessionellen oder sozialen Hintergrund:
Anna Böhnke
Das ist uns besonders wichtig, dass jeder, der hier ins Haus kommt, willkommen ist. Gleichzeitig ist uns aber auch wichtig, unser Profil zu zeigen, dass wir ein diakonischer Träger sind. Das heißt zum Beispiel auch, dass wir Seelsorge anbieten, dass wir auch uns von den Menschen, die hier versterben, bewusst verabschieden, dass wir Erinnerungsgottesdienste anbieten, dass wir Menschen aussegnen, die hier das Haus verlassen dann. Also dass wir, Rituale, christliche Rituale auch haben und pflegen.
Wir betreuen ja und begleiten den Gast ja wirklich, in seiner letzten Phase und intimsten Phase. Und da möchten wir dann uns halt auch nicht die Gelegenheit nehmen lassen, uns zu verabschieden. Und genauso sollen's halt auch die Angehörigen machen. Viele kommen von weit weg, die es dann vielleicht nicht mehr geschafft haben und die sollen halt die Möglichkeit kriegen.
Autorin:
Ein würdevoller Abschied braucht Raum und eben auch Zeit. Im Prenzlauer Hospiz, für 12 Gäste ausgelegt, gibt es 14 komplett eingerichtete Zimmer. So können Wartende aufgenommen werden und frei gewordene Zimmer müssen nicht sofort geräumt werden. Angehörige können bleiben, Erinnerungen teilen und in Ruhe Abschied nehmen.
Anders als in einem Hospiz dauern ambulante Sterbebegleitungen durch einen Hospizverein oft monatelang. Einmal in der Woche, wenn nötig, auch jeden zweiten Tag, macht Anett Storch ihre Besuche, neben ihrem Alltag als siebenfache Mutter und Großmutter von ersten Enkelkindern
Anett Storch
Es ist nicht so, dass ich sage, in jeder Begleitung ist mir der Tod nah, mein eigener Tod nahe, sondern in jeder Begleitung ist mir eigentlich das Leben plötzlich viel näher, weil ich meine persönliche Situation bewusster wahrnehme, ich nehme alles irgendwie viel näher, viel dichter, viel bewusster wahr. Diese Endlichkeit wird mir eher darüber bewusst. Was auf alle Fälle bleibt, ist die Dankbarkeit, dass ich in so eine große Familie tauchen kann, wo Enkelkinder mich beanspruchen und das pure, pralle Leben eigentlich dann da ist – ich stürze mich gern ins Leben.
Musik Bon Iver – Holocene