Autorin:
Heute wollen wir hinter die Kulissen der Kirchen blicken. Wer ist da eigentlich noch zu finden, neben denen, die man immer sieht und hört, die immer so laut sind und immer vorne stehen? Heute spreche ich mit Roswitha Sauer, Domküsterin der Sankt Hedwigs- Kathedrale in Berlin. Frau Sauer, was macht eine Küsterin eigentlich?
Roswitha Sauer:
Die meisten verbinden die Küstertätigkeit immer mit der direkten Vor- und Nachbereitung eines Gottesdienstes. Das ist es auch, aber das ist nur so die Spitze des Eisberges. Die Haupttätigkeit liegt darin, die Dinge, die man dann für die Messe hervorholen und ausbreiten und vorbereiten möchte, auch da zu haben - in gutem Zustand, ausreichend dazuhaben, gepflegt, gewartet, eventuell geputzt, repariert, dem Kirchenjahr angemessen. Das ist wie bei einem gut geführten Haushalt: Wenn das Abendessen auf den Tisch kommt, dann ist das wunderbar. Aber was sonst noch alles dazugehört, das sieht man halt nicht. Ähnlich ist es bei der Küstertätigkeit.
Autorin:
Wenn ich an Kirche denke, denke ich auch an Blumen… Wie oft wechseln Sie die Blumen denn eigentlich?
Roswitha Sauer:
Wir wechseln die Blumen einmal die Woche, beziehungsweise zu bestimmten Festtagen. Also, wir beschäftigen eine Floristin, aber die kriegt natürlich die Vorgaben. Ostern haben wir zum Beispiel ein richtiges Programm: Zum Beispiel Palmsonntag, der Einzug Jesu in Jerusalem, mit flammend roten, sehr ausdrucksstarken Blumen für den Einzug Jesu in Jerusalem. Gründonnerstag, wo es um das Abendmahlssakrament ging - war der Altar geschmückt. Osternacht… hatte ich auch mehrere Vasen gewollt, die vom Aufbrechen eines kahlen Zweigs übergingen bis in weiße Blumenpracht, auch mal Fülle in diesem bewusst und dezent dekorierten Raum.
Autorin:
Das klingt ja ganz schön künstlerisch. Sie gestalten das Bühnenbild für die Heilige Messe!?
Roswitha Sauer:
Die letzten Monate seit der Wiedereröffnung mussten wir ja alle erstmal mit dem neuen Gebäude zurechtkommen, ein bisschen testen, ein bisschen mehr testen, verschiedene Dinge ausprobieren, das ist ein bisschen künstlerisch bzw. das ist auch Liturgie. Welchen Raum bietet man an, um etwas zu feiern? Einen leeren, einen geschmückten, einen dunklen, einen hellen? Das ändert sich mit der Zeit und dem Festkreis und Blumen als wichtiger Akzent spielen damit ne Hauptrolle und auch das ist schon Liturgie.
Autorin:
Und dann gibt’s ja auch noch so viele unterschiedliche Gewänder. Welche gibt es denn eigentlich?
Roswitha Sauer:
Da gibt’s das Messgewand, manche sagen noch Kasel, dann gibt’s darunter die Albe, das ist das allgemeine Gewand, was jeder tragen darf, erinnert an die Taufe, dieses lange weiße Gewand. Manch einer muss es schnüren, mit einem Zingulum. Manche nutzen ein Schultertuch, damit kein karierter Kragen dazu zu sehen ist. Dann gibt’s natürlich noch die Stola. Das sind die Zutaten. Wenn ich einen Priester habe, habe ich all diese Dinge einmal. Bei den großen Pontifikalämtern gibt es verschiedene Konzelebranten - früher bis zu zwölf, derzeit meist nur acht. Dann all das, was zu einem Gewand gehört all das achtmal. Und nicht nur irgendwo im Schrank haben, sondern auslegen. So auslegen, dass der Zelebrant oder Konzelebrant nacheinander in die einzelnen Teile schlüpfen kann.
Autorin:
Sie ziehen also bis zu acht Männer an?
Roswitha Sauer:
Die ziehen sich schon alleine an, aber ich sorge dafür, dass das alles so ausgelegt ist, dass ihnen das Anziehen keine Mühe macht. Vielleicht so. Bei älteren schaut man auch mal, dass man eine Hand reicht. Das Wichtigste ist das Aussuchen, die Kleidung anlegen können sie selber. Und dann schaue ich, dass hinten, wo niemand Augen hat, auch alles gut sitzt. Es soll ja alles würdig sein. Man zieht ja andere Gewänder an, weil man der Würde dieses Gottesdienstes entsprechen will.
MUSIK
Autorin:
Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, Domküsterin zu sein?
Roswitha Sauer:
Man hat mich gefragt. Der Dompropst hat mich während der Umbauphase der Kathedrale gefragt, als wir in St. Joseph im Wedding ausgelagert waren, ob ich das übernehmen würde - nur begrenzt auf zwei Jahre - sollte ich meine Kollegin vertreten, die gerade schwanger war.
Autorin:
Und aus den zwei Jahren sind geworden...?
Roswitha Sauer:
Mittlerweile sieben Jahre. Als das Kind erst mal da war, da hat man gemerkt, dass die Dienstzeiten nicht so sehr familienfreundlich sind. Gottesdienste werden dann angesetzt, wenn die anderen Menschen möglichst Zeit haben - vor oder nach deren Arbeit. Das bedeutet die Arbeitszeiten für Küster sind: früh, abends und vor allen Dingen an Sonn- und Feiertagen. Sozial kompatibel ist der Job nicht.
Autorin:
Sie haben auch schon mal in der Kirche übernachtet?
Roswitha Sauer:
Ja, ich habe tatsächlich immer dann übernachtet, wenn ein Gottesdienst abends sehr lang geht und der nächste früh, sehr früh anfängt. Wenn es sich nicht mehr lohnt, nach Hause zu fahren und es lohnt auch nicht, ein Hotel in Anspruch zu nehmen, was mir im Übrigen mein Chef regelmäßig anbietet. In fremden Betten kann ich nicht schlafen, und da muss man dann noch hinlaufen, und bei so kurzen Nächten zählt eigentlich nur Zeit sparen. Also an Ort und Stelle niedersinken, Augen zumachen, bisschen erholen, weitermachen. Und denn, wenn der zweite Teil fertig ist, dann schlafen, dann sich ausruhen. Ja, man weiß ja nie, was passiert!
Autorin:
Sie sind auf alles vorbereitet!
Roswitha Sauer:
Das bin ich. Privat und beruflich.
Autorin:
Sie haben ja mehrere Kirchen jetzt miterlebt, zwei Varianten der Sankt Hedwig, die alte Sankt Hedwig Kathedrale noch als Domführerin erlebt. Wie haben Sie dann die Zeit in St. Josef während des Umbaus erlebt, und jetzt die neue Kathedrale, die Sie am besten kennen, weil Sie dort am meisten Zeit verbringen. Wie ist das für Sie?
Roswitha Sauer:
Außer dem Dompropst vielleicht. Ich kenne sie anders. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen. In Sankt Josef war das fast wie eine Pfarrkirche. Wir haben zwar die großen Gottesdienste dort gefeiert. Nach den Gottesdiensten war die Kirche zu, man konnte sich in Ruhe vorbereiten und nachbereiten. Hat die Kirche auf- und wieder zugeschlossen. Jetzt ist die Kathedrale den ganzen Tag offen, und sie ist als Communio-Raum gestaltet. Ich finde, das funktioniert sehr gut. Die Menschen nehmen diese Kirche an, nutzen sie auch. Also wenn ich arbeiten will und die Kirche ist auf und die Leute bewegen sich durch den Raum, werde ich angesprochen.
Autorin:
Sie werden auch seelsorgerisch angefragt?
Roswitha Sauer:
Ich würde das gar nicht so festlegen. Ich werde einfach angefragt - der, der da ist, wird angesprochen. So kann mans sagen. Und Seelsorge, das ist unser Auftrag sowieso. An jeder Stelle: Seelsorge, Menschsorge, dass es einen interessiert, wie es dem Menschen geht, darum öffnen wir ja auch unsere Kirchen.
Autorin:
Welche Zeit im Jahr ist die heißeste bei Ihnen? Wo ist am meisten los?
Roswitha Sauer:
Alle! Am engsten zusammen ist es sicherlich Ostern, weil die Semana Santa, die Heilige Woche, die hats einfach in sich, weil die sehr viele ganz verschiedene Gottesdienste innerhalb kürzester Zeit bereithält, die man alle vorbereiten muss. Das ist dicht. Weihnachten ist nicht so schlimm, weil das einfach nur mehr größere Gottesdienste sind. Aber die haben nicht so einen eigenen Charakter. Fronleichnam natürlich, weil es außerhalb, auf der Straße ist. Momentan ist es nicht mehr so schwierig, weil wir gehen aus der Kathedrale auf den Bebelplatz. Früher aus Sankt Josef mussten wir die halbe Sakristei per Kurier dorthin fahren lassen, dann dort wieder auspacken, dann eine Sakristei und einen Altarraum bauen.
Autorin:
Eine Pop-Up-Sakristei quasi?
Roswitha Sauer:
Genau. Das gleiche haben wir zur Altarweihe auch gemacht, das möchte ich nicht so bald wiederholen, das war wirklich extrem anstrengend.
MUSIK
Autorin:
Frau Sauer, vielen Dank für das Gespräch. Als letzte Frage vielleicht noch: Sie sind in einer ziemlichen Männerdomäne unterwegs. Wie gehen Sie damit um?
Roswitha Sauer:
Natürlich ist es eine Männerdomäne, und ich bemerke das. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich den Punkt ausmachen sollte, ich bemerkte bei mir manchmal eine Irritation, dass ich manche Dinge sagen muss, die ein männlicher Kollege nicht sagen sollte oder wo es nicht nötig ist. Traditionsgemäß ist es eine Man´s World. Das ist kein böser Wille, das ist einfach so, das ist eine Spielregel. Das fällt mir auf. Aber Ellenbogen entwickeln möchte ich nicht. Ich mag das bei anderen Menschen auch nicht. Ich finde wir sollen den verkünden, der sich wehrlos gemacht hat, der ein Kind geworden ist. Er hätte es auch anders haben können. Und das ist ganz bewusst die Kernbotschaft Gott kommt eben nicht mit Ellenbogen, sondern nackt und bloß und wehrlos. Und ich nehme das Ernst. Ich möchte mir keine Ellenbogen antrainieren, das bedeutet aber auch, dass ich mich manchmal stoße.
MUSIK