Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Raum während einer Andacht oder Zeremonie. Im Vordergrund stehen zwei Kisten mit brennenden Kerzen, die eine ruhige Atmosphäre schaffen. Die Anwesenden halten Gesangsbücher und hören aufmerksam zu. Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Raum während einer Andacht oder Zeremonie. Im Vordergrund stehen zwei Kisten mit brennenden Kerzen, die eine ruhige Atmosphäre schaffen. Die Anwesenden halten Gesangsbücher und hören aufmerksam zu.
Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Raum während einer Andacht oder Zeremonie. Im Vordergrund stehen zwei Kisten mit brennenden Kerzen, die eine ruhige Atmosphäre schaffen. Die Anwesenden halten Gesangsbücher und hören aufmerksam zu.
01.02
2026
08:40
Uhr

Kathedrale der Menschlichkeit

Wenn Kirchen die Türen für Obdachlose öffnen

Ein Beitrag von Michael Kinnen

Autor: Bei mir ist Ulrike Kostka, die Direktorin der Caritas im Erzbistum Berlin, für Berlin und für Brandenburg zuständig. Frau Kostka, Obdachlosigkeit ist ja ein Thema, nicht nur, wenn es draußen kalt ist. Wie hilft die Caritas da? 

Kostka: Zunächst geht es einmal darum, dass die Menschen, die obdachlos sind, sich überhaupt gesehen fühlen, dass sie einfach mit ihrer Geschichte gesehen werden. Und das ist uns ganz wichtig. Und das Nächste ist natürlich konkrete Hilfe, zum Beispiel mit unserer Ambulanz, medizinische Hilfe, aber auch eine Wohnung zu finden. Es gelingt auch immer wieder, Menschen in Wohnung zu bringen. Wir erleben aber auch, dass es ganz stark darum geht, vor allem, dass sie ernst genommen werden. Und das ist eine der wichtigsten Sachen. 

Autor: Das ist ja nicht nur eine Sache von professionellen Menschen, von der Caritas als Organisation. Da kann ja auch jeder und jede einzelne etwas tun. Was würden Sie da empfehlen? Welche Tipps geben Sie als Professionelle für jemanden, der sagt: Obdachlosigkeit ist mir wichtig, aber ich weiß nicht, was ich tun kann. 

Kostka: Vielleicht einfach mal gucken, ob man mit den Leuten ins Gespräch kommt. Also meine Erfahrung ist, dass ganz viele obdachlose Leute unheimlich interessante Menschen sind. Also vielleicht einfach mal gucken, wenn man zum Beispiel regelmäßig jemanden sieht, der vielleicht vor einem Geschäft sitzt, vielleicht einfach mal zu gucken, ob man mal so irgendwie einen Klönschnack halten kann. 

Autor: Das klingt jetzt so einfach. Manche haben aber dann irgendwie vielleicht Hemmungen, jemanden anzusprechen. Ich will ja niemanden jetzt überfordern, auch niemanden überfallen. Was sagen Sie da? 

Kostka: Also vielleicht das eine kann man schon mal machen. Erstmal die Leute überhaupt anschauen und ein Lächeln, das kostet nichts und da braucht man auch nicht reden. Also das ist so eine erste Erfahrung. Und dann vielleicht mal gucken, ob man beim zweiten oder dritten Mal dann doch ins Gespräch kommt. Also das ist schon einfach. Oder mal einen guten Tag wünschen. Das sind so die ersten Schritte. 

Autor: Als professionelle Hilfe der Caritas sind Sie ja auch mit der heiligen Hedwig verbunden. Hedwig ist für Sie die Patronin, die Patronin auch des Erzbistums Berlin. Wie passt denn Hedwig, die 700 Jahre alt ist, heute? 

Kostka: Also die Hedwig war echt klasse, weil die hat nämlich strukturiert und überlegt Hilfe geleistet, nicht nur ad hoc, sondern wirklich langfristig. Und deswegen ist sie auch ein tolles Vorbild. Und Hedwig, ich finde eine Hedwig steckt in jedem von uns, denn Nächstenliebe ist etwas, das kann jeder und insofern kann jeder ein bisschen eine heilige Hedwig sein. 

Autor: Sie haben viele „Hedwige“ bei der Caritas. Wie kann man Hedwig lernen? 

Kostka: Ich glaube einfach auf sich und auf den anderen schauen. Das hat ja jetzt zum Beispiel auch der Stromausfall gezeigt. Auf einmal hingen die Leute nicht an den Handys, sondern haben geguckt, was der Nachbar braucht - und das vielleicht einfach mal wieder zu entdecken. Und ich weiß auch, dass ganz viele das machen. Aber das ist ein erster Schritt.

Autor: Und der weitere Schritt, der Blick in die Zukunft: Was wünschen Sie sich denn, damit die Caritas weiter aktiv Hedwig sein kann? 

Kostka: Was wir schon auch brauchen, ist die Unterstützung weiter von unserem Erzbistum. Also wir sind total dankbar, dass wir die Kirchensteuer bekommen. Die brauchen wir auch weiterhin, um unsere Arbeit machen zu können. Aber natürlich auch, dass einfach viele mitmachen. Also bei uns kann man sich ehrenamtlich engagieren, ob Jung oder Alt, einfach mitmachen, oder auch bei anderen, die sich sozial engagieren: Machen Sie mit, dass unsere Gesellschaft etwas wärmer wird!

Autor: ...und nicht nur bei den Temperaturen, die im Moment gerade draußen sind. 

Kostka: Ganz genau, ja! 

Autor: Bei mir ist jetzt der…

Hartmut: Hartmut! 

Autor: Wir sagen „Du“ zueinander? - (Ich bin) Michael …

Hartmut: Ja, Hartmut, Micha, genau!

Autor: Wie ist denn die Situation im Moment, wenn es draußen so kalt ist für dich? 

Hartmut: Ich habe ja zwar eine Unterkunft, ich wohn‘ bei meiner Untermieterin. Vorher hatte ich in Marienfelde gewohnt, da habe ich sie irgendwie kennengelernt und bin zu ihr gezogen. Seit 2018 wohne ich in Reinickendorf. 

Autor: Und gibt es da auch Hilfe von der Kirche? 

Hartmut: Naja, da in der Wollankstraße gibt es eine Suppenküche, da kann man ja auch hingehen, kann man Sachen bekommen, mit allet drum und dran; kann essen, kann man spielen vormittags…

Autor: Und das ist gut dort?

Hartmut: Ja. 

Autor: Was würdest du dir jetzt wünschen fürs neue Jahr? Was soll denn gut werden in diesem Jahr? 

Hartmut: Ja, wie soll ich denn sagen? Naja mit den ganzen Kriegen und dass das alles vorbei geht. Und und und. 

Autor: Aber das ist ja erstmal weit weg. Was wünschst du dir denn für dich selbst?

Hartmut: Mehr Gesundheit für mich. Ich habe ja nun seit 2018 eine Hüft-OP. Aber an der Hüfte kann es nicht liegen; dat is irgendwas anderes. Gucken wir mal. 

Autor: Da gucken wir mal und drücken die Daumen, dass das neue Jahr für dich auch dann ein bisschen besser läuft. 

Hartmut: Hoffentlich wird dieses Jahr besser als im vorigen Jahr. Voriges Jahr war ich nicht so sehr zufrieden…

Autor: Aber da drücken wir die Daumen, dass das dieses Jahr gut wird. 

Hartmut: Hoffen wir doch!

Autor: Genau, dann alles Gute für das neue Jahr für dich!

Hartmut:... wünsche ich dir auch, Micha!

Musik: „Another Day in Paradise“ (Phil Collins)

Autor: Kirche hilft. Kirche will da sein, gerade wenn Menschen in Not kommen. Da passt das Motto des Welttags der Armen in diesem Jahr. Das lautet biblisch „Du bist meine Hoffnung“. Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, ist bei mir: Wie zeigt sich das konkret, Herr Erzbischof? 

Erzbischof Heiner Koch: Zunächst mal, indem wir wirklich vertrauen darauf, gerade da, wo wir vielleicht an unsere Grenzen kommen, dass es einen Grund zur Hoffnung gibt. Und der heißt: Gott. Gott ist unsere Hoffnung. Das andere: Er gibt uns die Kraft und den Mut, auch die Herausforderung, selbst Hoffnung zu sein für andere. Also wer Hoffnung empfängt, der teilt auch Hoffnung. Wir haben das ja gesehen am Beginn des Jahres, wie hoffnungslos es für manche, gerade für Alte und Schwache war, als das Licht ausging, die Heizung nicht mehr lief, wie Menschen beieinander gestanden haben und Hoffnung füreinander geschenkt haben. Und plötzlich wurde das Wort ganz konkret: Wir sind füreinander Hoffnung. 

Autor: Wenn manche sagen, wo war denn die Kirche da ganz konkret? Was antworten Sie da? 

Erzbischof Heiner Koch: Also ich kann nur sagen, ich wohne in dem Bezirk, in dem das Licht und Wasser ausgefallen ist. Ich war die Zeit da, wir haben zwei Klöster evakuiert, die Schwestern untergebracht und unser Kinderdorf. Das war schon das Schwierigste. Und wir haben die Pfarrzentren geöffnet, dass da Leute sich aufwärmen konnten oder sich unterhalten wollten, aber auch ihre Handys aufladen konnten. Also ich glaube, in der Gegend hat es wirklich sehr gut geklappt. Es war ein Grund für Hoffnung. 

Autor: Und Sie haben selbst auch Hoffnung gespürt dann für sich? 

Erzbischof Heiner Koch: Ich habe Hoffnung gespürt, aber interessanterweise noch am meisten von denen, die wirklich betroffen waren, die sagte: Ach, Herr Bischof, so schlimm ist es auch wieder nicht. Also wir haben uns hoffnungsvoll aufgerichtet. 

Autor: Einer, der sich sehr gut auskennt mit der Situation von Obdachlosigkeit in Brandenburg und in Berlin, ist Wolfgang Willsch. Wolfgang Willsch, Sie sind katholischer Diakon, also Seelsorger für obdachlose Menschen. Was erleben Sie da? 

Diakon Willsch: Also, wenn man nach der konkreten Situation fragt, ist es ja so, und das hören Sie, und das wissen Sie, dass wir eigentlich politisch 2030 die Obdachlosigkeit überwunden haben wollten. Als ich das das erste Mal gehört hab, dachte nach, habe ich ja schon mal gehört. So einen Start kenne ich. 

Autor: Und aktuell habe ich gelesen, 5.000 Menschen sind allein in Brandenburg (als obdachlos) registriert, 10.000 in Berlin registriert. Die Dunkelziffer, also die tatsächlich Betroffenen, sind viel, viel, viel mehr. Das sieht dann doch sehr weit entfernt aus. 

Diakon Willsch: Das entfernt sich auch immer weiter. Also wir müssen einfach nur ins Stadtbild schauen. Also wir hatten ja schonmal eine Stadtbilddebatte, die führe ich auch gerne weiter. Der Punkt ist, und das sage ich jetzt aus Perspektive des Seelsorgers, wie gehen wir mit gebrochenen Biografien um? Also wie gehen wir mit Menschen um, die es einfach auch schwer haben, in der Gesellschaft anzudocken; wo Brüche da sind, die tatsächlich auch nicht mehr im Netz sind. Und hier brauchen wir Ansätze; die sind politisch, die sind immer auch von, jetzt spreche ich als Kirche: es braucht Gruppen, es braucht Gemeinden, die sich öffnen. Es brauchen Menschen, die sich öffnen. Wir brauchen aber auch eine Perspektive, eine Perspektive wirklich auf den Bedürftigen. Eine Kirche und eine Gesellschaft ist immer nur so gut, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht. Das sind nicht immer unbedingt die Obdachlosen, das können auch einsame ältere Seniorinnen und Senioren sein, die zu Hause sitzen. 

Sind wir in der Lage, Not zu sehen? Und oft ist man gar nicht handlungsfähig.

Aber auszuhalten und dabei zu sein, da zu sein!

Autor: Not zu sehen, das heißt ja auch, es gibt viele Gesichter von Obdachlosigkeit. Es gibt nicht den einen Obdachlosen. Wie ist da die Situation, vielleicht sogar ganz konkret jetzt, wenn draußen die Temperaturen sehr kalt sind, wie sieht da die Situation für obdachlose Menschen aus?

Diakon Willsch: Also das ist tatsächlich auch immer wieder ein Spannungsfeld, in dem wir stehen. Wir haben große Zahlen an Obdachlosigkeit, das heißt, der Hilfebedarf ist groß. Wirklich helfen kann man aber, glaube ich, nur, wenn man sich auf einzelne Personen einlässt. Also jemanden zu begleiten: Das ist oft ein jahrzehntelanger Prozess. Das ist oft nicht getan mit Bürgergeld oder was weiß ich. Das sind Nöte, die sind da, da muss geholfen werden. 

Autor: Wie sieht das konkret aus? Was machen Sie da? Was können Sie da machen? 

Diakon Willsch: Zeit nehmen, sprechen, Räume bieten. Das tun wir in der Notübernachtung, wo einfach Vertrauen geschaffen wird, wo jemand einfach ankommen kann - und das annehmen. Also nicht das Erste: ‚Ich helfe dir‘, sondern: Du bist Peter, ich bin Wolfgang und wir begegnen uns auf Augenhöhe und wir geben Zeit. Wir geben uns, wir geben dir Zeit. 

Autor: Wie erfahren denn obdachlose Menschen, dass sie da Hilfe bekommen? Spricht sich das rum oder gehen Sie zu den Menschen hin? Wie sieht das aus?

Diakon Willsch: Also in Berlin haben wir natürlich die Struktur der Kältehilfe. Wir haben tatsächlich hier auch eine relativ gut entwickelte Struktur, wie ich meine. Da erfahren die Leute auch von unserem Projekt. Gleichzeitig gehe ich auch auf die Straße und spreche punktuell immer wieder Leute an, soweit ich das kann. Natürlich hab auch ich Grenzen - jeder von uns hat Grenzen. Wir dürfen hier auch ehrlich sein. Ich darf auch ehrlich sein. Und hier ist eine Grenze, da komme ich vielleicht nicht drüber. Aber jetzt komme ich vom Evangeliumstext: Lazarus lag vor der Wohnungstür, er wurde nicht gesehen. Manchmal stolpern wir über die Not und schauen nicht hin. Das Hinschauen, sich berühren lassen, das ist halt die Aufgabe für uns als Kirche. Und meine Aufgabe als Seelsorger. Die Gesellschaft ist immer auch nur so gut, wie sie sich berühren lässt. Das Miteinander ist nur so gut, wie man sich berühren lässt. Ich sage immer, der Kitt der Gesellschaft, das ist das Mitgefühl.

Autor: Und auch da noch mal ganz konkret: Wenn ich sage: Ja, das berührt mich ja schon, wenn ich das in der Zeitung lese, wenn ich das im Radio höre, aber irgendwie ist das ja doch weit weg für mich. Was kann ich denn ganz konkret tun, wenn ich jetzt nicht der professionelle, hauptamtliche Seelsorger bin, wenn ich einfach als Mensch mich berühren lassen will, damit es nicht nur bei den Worten bleibt. Was kann ich konkret tun? 

Diakon Willsch: Ich behaupte, das ist eine Lüge. Not ist nie weit weg. Not ist immer erstmal auch in mir. Also jeder von uns - auch Sie - tragen in sich Nöte. Das mal zuzugeben! Ich glaube, wir stehen in einer Gesellschaft, wo die Not immer größer wird. Die wird nicht weniger. Das politische Umfeld, ich will nicht sagen katastrophal, aber es ist schon schwierig. Vertrauen! Vertrauen, und zwar nicht blindes oder dummes Vertrauen, sondern auch eine Festigkeit im Vertrauen. Ich glaube schon, dass das die Menschen hier suchen, und dass viele so einen Verlust auch haben. Bei den Obdachlosen sehen wir es: Verloren von oft Familie, von sozialem Umfeld, von Heimat, von Wohnung. Aber dieses Verlorensein, das geht viel tiefer. - Also: Vertrauen, Mut, auch wenn es schlimm aussieht. Irgendwo gibt es doch das Gute oder den Guten. Ein bisschen daran festhalten und drüber reden - über das Gute.

Musik: „Streets of London“ (Ralph Mc Tell)