Eine Frau mit langen, braunen Haaren und einem pinken Blazer sitzt lächelnd an einem Tisch und spricht mit einem Mann, der nicht vollständig sichtbar ist. Sie hält ein Notizbuch und eine Tasse in der Hand. Im Hintergrund sind Regale mit Büchern und Unterlagen zu sehen. Eine Frau mit langen, braunen Haaren und einem pinken Blazer sitzt lächelnd an einem Tisch und spricht mit einem Mann, der nicht vollständig sichtbar ist. Sie hält ein Notizbuch und eine Tasse in der Hand. Im Hintergrund sind Regale mit Büchern und Unterlagen zu sehen.
Eine Frau mit langen, braunen Haaren und einem pinken Blazer sitzt lächelnd an einem Tisch und spricht mit einem Mann, der nicht vollständig sichtbar ist. Sie hält ein Notizbuch und eine Tasse in der Hand. Im Hintergrund sind Regale mit Büchern und Unterlagen zu sehen.
31.08
2025
08:40
Uhr

Kirche auf der Straße

Johannes Rogge im Gespräch mit Sozialarbeiterin Ewelina Lipinska

Ein Beitrag von Johannes Rogge

Autor: Mein heutiger Gast ist Ewelina Lipinska. Sie ist Sozialarbeiterin in der katholischen Kirche und hat eine spannende Lebensgeschichte, die sie von Polen nach Brandenburg geführt hat. Wir sprechen heute über ihren Weg, über ihre Projekte und darüber, warum die katholische Kirche jetzt verstärkt auf Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter wie sie setzt. Herzlich willkommen im Studio, Frau Lipinska! Schön, dass Sie da sind.

Ewelina Lipinska: Schönen guten Morgen.

Autor: Frau Lipinska, Ihr Weg nach Deutschland begann ziemlich ungewöhnlich – mit einer Art Wette, als Sie 13 Jahre alt waren. Erzählen Sie uns doch mal die Geschichte.

Ewelina Lipinska: Das war eigentlich der Anfang meines Abenteuers mit der deutschen Sprache. Ich war 13, und seit ungefähr einem Jahr war meine Familie mit einer deutschen Familie befreundet. Und die sind nach Polen gekommen im Sommer, das war dann auch Sommerferien, zu Besuch, und haben vorgeschlagen, da waren zwei Mädels: ich und noch die Schwester von meinem Schwager. Die haben vorgeschlagen, wenn sie in einem Jahr so gut und schnell Deutsch lernen, dass sie alleine Briefe schreiben können, nehmen wir die eine von den beiden Mädels mit in den Sommerferien nach Deutschland. Und natürlich für mich, Deutschland, haben viele in Polen mit einem Paradies-Land assoziiert und da dachte ich mir warum nicht? Und dann tatsächlich habe ich die Wette gewonnen und bin in dem nächsten Jahr nach Deutschland gefahren für zwei Monate für die Sommerferien. Und das war eigentlich meine erste Berührung mit Deutschland und erste Erfahrungen mit der deutschen Sprache.

Autor: Und sind seitdem eine Art „Grenzgängerin“ zwischen Polen und Deutschland. Sie haben in Polen für deutsche Firmen gearbeitet, oft in Leitungspositionen, und sich dann später für ein Studium der Sozialpädagogik entschieden. Warum wollten Sie unbedingt als Sozialpädagogin arbeiten?

Ewelina Lipinska: Also bis zu diesem Moment, wo ich festgestellt habe, ich möchte in diesem Beruf unbedingt tätig sein, sind ungefähr 15 Jahre verlaufen. Irgendwie aber nach 15, fast 16 Jahren in dem wirtschaftlichen Bereich habe ich festgestellt, das Pädagogische und Soziale in dir ist immer noch stark. Ich habe mich auch ehrenamtlich in vielen Projekten für junge Menschen engagiert, auch ehrenamtlich Nachhilfestunden für Kinder aus sozial schwachen Familien. Und dann habe ich gesagt Du wohnst eigentlich praktisch paar Kilometer von der Grenze. Und dann habe ich gedacht, Du sprichst die Sprache, du hast die Erfahrung. Bewerbe dich einfach an der anderen Seite der Grenze. Und so habe ich ja auch festgestellt, dass ich nicht mehr in dem wirtschaftlichen Bereich arbeiten möchte, sondern was Neues ausprobieren will. Und habe mich da für eine Stelle als Sozialpädagoge in einer Wohngruppe in der Jugendhilfe in Prenzlau beworben. Und die Stelle habe ich auch bekommen.

Autor: Das heißt, das Pädagogische war Ihnen schon auch in die Wiege gelegt. Und dann kam irgendwann der Wunsch: Okay, ich möchte mich verändern, ich möchte das vertiefen und nicht in der Wirtschaft bleiben. Dann waren Sie bereits in Deutschland. Wann haben Sie dann gedacht: auch die Kirche könnte für mich ein spannender Arbeitgeber sein?

Ewelina Lipinska: In der Jugendhilfe - Ja, das war eine schöne Zeit, aber auch sehr anstrengend, also für jemanden, der tatsächlich in Deutschland in dem sozialen Bereich anfängt, war das sehr anstrengend für mich. Und irgendwie habe ich schon angefangen zu schauen, wo kann ich eventuell was anderes finden in diesem Bereich. Und meine beste Freundin hat mir einfach diese Anzeige geschickt. Guck mal, das wäre was für dich. Das Projekt Soziale Arbeit in der Pastoral. Da dachte ich ach, jetzt kannst du einfach alles, alles verwenden, was du da in den letzten 17, 16 Jahren Sprache, das Sozialpädagogische, die Erfahrung hier jetzt noch mit Jugendlichen und Projektarbeit. Das klingt einfach super.

Autor: Okay, Sie haben es gerade angesprochen das Projekt Soziale Arbeit in der Pastoral, so heißt das ein bisschen sperrig. Es war oder ist ein Projekt im Erzbistum Berlin. Und Sie waren so eine Art Pionierin. Waren ja, mit bei den ersten dabei. Was steckt denn genau hinter diesem Projekt? Warum gibt es das? Und was steckt dahinter?

Ewelina Lipinska: Das war ein Projekt, im Rahmen eines größeren Projektes Wo Glauben Raum gewinnt. Es ging einfach darum, das sozialraumorientierte pastorale Arbeit einzuführen, zu schauen, inwieweit kann man durch Sozialarbeiter und die Sozialraumorientierung, auch die Kirche für die Gesellschaft öffnen. Wie kann man einfach Kirche auf die Straßen bringen? Wie kann man die Kirche sichtbar machen? Wie kann man auch auf den Bedarf von Menschen, die mit der Kirche nichts zu tun haben, antworten? Das war auch die Idee des Projektes. Durch nicht pastorales, also nicht theologisches Personal irgendwie eine Brücke bauen zwischen der Gesellschaft und der katholischen Kirche.

Autor: Das heißt, das Projekt war angelegt, dass man sagt, okay, man verbindet Kirche mit Priestern, mit Pfarrern, mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die aber eher im Kirchraum sind. Aber natürlich gehen ganz viele Leute da nicht hin und suchen da Antworten und kriegen Antworten auf ihre Fragen, weil sie sich gar nicht in die Kirche trauen. Und trotzdem ist eigentlich die Kirche zu allen Leuten gesandt. Und deswegen war die Überlegung okay, vielleicht auch ein bisschen was Handfestes, dass man auch, was andere Angebote schafft. Sie sind jetzt Sozialarbeiterin in der Pfarrei St. Christophorus Barnim. Das sind hauptsächlich in Buch, Bernau und Eberswalde. Sind Sie unterwegs…     

Ewelina Lipinska: Ein bisschen noch Wandlitz bis fast bis Bad Freienwalde. Das darf man nicht unterschätzen. Wir sind als Pfarrei größer als Berlin.

Autor: Ja, also ein Riesengebiet. Und jetzt fragen sich natürlich die Leute Okay, was macht jetzt eine Sozialarbeiterin auf so einem großen Gebiet? Eine Sozialarbeiterin der Kirche? Können Sie mal schildern, wie sieht denn so ein Alltag bei Ihnen aus? Was machen Sie ganz genau?

Ewelina Lipinska: Also ich kann natürlich nur für mich sprechen, weil jede Sozialarbeiterstelle unterscheidet sich je nachdem, wo man als Sozialarbeiter tätig ist.

Autor: Gut, das ist klar, weil Sie ja auch gesagt haben, es geht immer um den konkreten Sozialraum, also um die konkrete Stadt, das konkrete Umland, wo die Kirche eben tätig ist. Und dementsprechend muss es sich unterscheiden, wenn ich Sie richtig verstanden habe.

Ewelina Lipinska: Genau. Ich bin tatsächlich in einem ländlichen Raum. Ich fange meinen Tag um 9:00 oder 10:00 Uhr, je nachdem, was für Termine da im Kalender stehen. Und ich reise viel. Also tatsächlich Ich bin eine Sozialarbeiterin, die die meiste Zeit im Auto verbringt. Bei mir ist der Schwerpunkt jetzt in dieser Pfarrei vor allem Fallberatung, also Einzelfallberatung. Das ist vor allem Wegweiser Beratung. Zu mir kommen Menschen, die eine bestimmte Notlage haben und suchen einfach Unterstützung, Hilfe. Ich bin natürlich nicht imstande, alle Probleme zu lösen. Und es wäre auch nicht machbar mit der Zeit, die ich zur Verfügung habe, mit meinen Kräften. Deswegen versuche ich ja auch in meiner Arbeitszeit ganz viele Kontakte zu knüpfen. Also Netzwerkarbeit ist eine zweite wichtige Säule meiner Arbeit, weil ohne diese Kontakte mit Beratungsstellen, mit Institutionen, mit Einrichtungen für obdachlose Menschen, Suchtberatungen, Frauenhäuser und Flüchtlingsheimen, wäre ich nicht imstande, den Menschen zu helfen.

Autor: Das heißt, Sie müssen vermitteln.

Ewelina Lipinska: Genau. Ich vermittle vor allem. Ein wichtiger Schwerpunkt in meiner Arbeit ist ja auch Migrationsbereich. Ich spreche selber ein paar Sprachen. Meine Muttersprache ist Polnisch. Ich spreche auch Russisch, spreche auch Englisch. Durch meine Geschichte mit Ukraine-Hilfe und diese Nähe: Ukrainische Sprache und russische Sprache und polnische Sprache haben ganz viele Gemeinsamkeiten, verstehe ich jetzt auch Ukrainisch und spreche teilweise gut. Da melden sich ja auch Migranten bei mir.

Autor: Ja. Wie kommen denn die Leute zu Ihnen? Sie haben gesagt, sie machen im Prinzip im Moment viel Einzelfallberatung. Wie kommen die Leute zu ihnen und was sind so die Klassiker? Damit man sich mal vorstellen kann.

Ewelina Lipinska: Also es gibt zwei Klassiker. Natürlich wissen die Leute aus unserer Gemeinde, aus unserer Pfarrei, dass ich da bin und damals, als ich angefangen habe, für mich sozusagen Werbung zu machen, ich habe mich ja auch in den Gottesdiensten vorgestellt, in verschiedenen Gremien, habe ich auch gesagt: Wenn Sie jemanden kennen, wenn Sie einen Nachbarn haben, wenn Sie wissen, da ist jemand, der in einer Notlage lebt, können Sie die Person ruhig zu mir schicken oder rufen Sie mich an, gemeinsam finden wir eine Lösung. Diese Sätze stehen auch auf diesem Flyer, den ich auch immer verteile. Also das ist der erste Weg und der Zweite ist natürlich Kontakt mit Institutionen, weil naja, in den letzten fünf Jahren hat sich ein bisschen herauskristallisiert, wo bin ich eigentlich gut, wo sind meine Stärken? Und deswegen ich versuche ja auch ein bisschen mit den Einrichtungen zu arbeiten, wo ich weiß, da kann ich auch gut helfen, da kann ich ja auch gut vermitteln. Also entweder durch die Gemeindemitglieder oder durch die Institutionen. Es gibt ja natürlich auch Felder, wo die Leute einfach klopfen am Pfarrhaus. Ich hatte zwei schwierige Fälle gehabt von obdachlosen Menschen mit Migrationshintergrund. Die haben sich einfach bei uns gemeldet.

Musik: Lemon Drop von Raynes 

Autor: Heute ist Ewelina Lipinska bei mir zu Gast, Sozialarbeiterin unter anderem in den Städten Bernau und Eberswalde, aber auch in dem gesamten Bereich drum rum. Frau Lipinska, zum Abschluss vielleicht noch ein kurzer Blick nach vorne. Sie planen in Eberswalde ein sogenanntes Schöpfungszentrum. Das ist ein ziemlich innovatives Projekt mitten in der Stadt. Was können wir uns denn darunter vorstellen?

Ewelina Lipinska: Schöpfungszentrum entsteht eigentlich, ja nicht Notlage, aber irgendwie ist es ja auch ein Muss, weil wir haben da in Eberswalde ein ziemlich altes Gemeindezentrum. Da muss was Neues entstehen. Aber das Schöpfungszentrum soll ja auch mit sich ein bisschen frischen Wind bringen. Das soll ja auch in der Zukunft nicht nur ein neues Gemeindezentrum für die Gemeindemitglieder in Eberswalde sein, sondern sollen da auch Angebote für Bewohner von der Stadt Eberswalde stattfinden, spirituelle Angebote, aber auch soziale Angebote.

Autor: Das heißt, es ist ein tatsächlich nachhaltiger Bau, was zum einen schon kompliziert genug ist. Das andere ist auch dort wird es ja, glaube ich, eine Form von Kooperation geben, auch mit der Hochschule. Das Thema Nachhaltigkeit, Ökologie, Umweltschutz Sie haben es gerade angesprochen. Das heißt, auch dort ist dieser Ansatz, jetzt nicht nur auf den Kirchturm zu gucken, sondern tatsächlich auch den Sozialraum und ein Thema, was alle bewegt, nicht nur, die getauft sind.

Ewelina Lipinska: Das ist irgendwie selbstverständlich, weil die (Hoch)Schule tatsächlich unser direkter Nachbar ist.

Autor: Wenn Sie jetzt auf all Ihre Projekte und die vielen Begegnungen blicken, was gibt Ihnen denn persönlich Kraft und was motiviert Sie für die Arbeit?

Ewelina Lipinska: Ich denke, die Menschen. ich weiß, es klingt vielleicht sehr pathetisch, aber tatsächlich die Menschen. Und oft muss ich ja auch nicht jahrelang oder monatelang auf eine Rückmeldung, Feedback oder Ergebnis meiner Arbeit warten. Es ist einerseits manchmal sehr stressig, weil man muss tatsächlich bereit sein in vielen Konfliktsituationen. Wenn ich zum Beispiel Klienten habe mit psychischen Erkrankungen oder wirklich in akuten Situationen, die gab es ja auch, da muss ich eigentlich schnell und ganz klar handeln. Aber am Ende, wenn ich sehe, es hat sich gelohnt, den Stress, dass du da alle Termine verschieben musstest, weil da einem Menschen oder einer Familie geholfen werden konnte, das ist irgendwie für mich ein Signal: Du tust was Gutes und du bist hier auch richtig.

Autor: Vielen Dank, Ewelina Lipinska! Danke, dass Sie heute hier zu Gast waren und für diese spannenden Einblicke. Für Ihre Projekte, für das viele Gute, was Sie tun, und für die Zukunft wünsche ich Ihnen natürlich alles Gute. Und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, danke ich für Ihr Interesse und wünsche Ihnen noch einen gesegneten Sonntag.