Eine moderne, runde Holzkonstruktion ist im Dämmerlicht beleuchtet. Daneben steht ein ansprechendes Gebäude mit Holzpaneelen. Die Szene vermittelt eine ruhige, architektonisch ansprechende Atmosphäre im Freien. Eine moderne, runde Holzkonstruktion ist im Dämmerlicht beleuchtet. Daneben steht ein ansprechendes Gebäude mit Holzpaneelen. Die Szene vermittelt eine ruhige, architektonisch ansprechende Atmosphäre im Freien.
Eine moderne, runde Holzkonstruktion ist im Dämmerlicht beleuchtet. Daneben steht ein ansprechendes Gebäude mit Holzpaneelen. Die Szene vermittelt eine ruhige, architektonisch ansprechende Atmosphäre im Freien.
06.09
2026
08:40
Uhr

Kirche beständig im Wandel der Zeit – zwischen Erhalt und Umnutzung

Interview mit Kirchenoberbaurat Frank Röger

Ein Beitrag von Jörg Trotzki

Autor:

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ [Mt 16/18]. So steht es im Matthäus-Evangelium. Darin macht Jesus seinen Jünger Simon Petrus zum festen Grundstein für seine Gemeinde. Ein Satz über ein Fundament, das Bestand haben soll. Doch was passiert mit den Häusern dieser Kirche, wenn die Zahl der Menschen, die zu ihr gehören, seit Jahrzehnten zurückgeht?

Gilt das auch heute? Natürlich. Denn alle Christen dürfen sich als Fels – als „Petros“ – sehen. Das von Simon Petrus zuvor ausgesprochene Glaubensbekenntnis – „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ [Mt 16/16] untermauert für evangelische Christen: auf diesem Fundament baut die Kirche den Glauben auf. Den Glauben, den alle gemeinsam tragen. 

Um die ganz irdischen Fundamente kümmert sich Frank Röger. Er ist der Leiter des kirchlichen Bauamts der Evangelischen Kirche Berlin/Brandenburg. Gemeinsam mit Architekten, Bau-Ingenieurinnen und Kunst-Historikerinnen kümmert er sich um rund 1.850 kirchliche Objekte in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz. 

Frank Röger:

Die sind manchmal auch schon sehr alt. Viele kommen aus dem Mittelalter, 12. Jahrhundert, 13. Jahrhundert … haben also schon einige hundert Jahre auf dem Buckel. Man muss sich also regelmäßig um diese Gebäude kümmern. Eigentümer wissen das. Es reicht also nicht, alle zehn Jahre mal zu schauen, was da los ist, sondern (man) muss regelmäßig schauen. Und es ist mittlerweile so, dass 80 Prozent unserer Kirchengebäude in einem sehr guten baulichen Zustand bis guten baulichen Zustand sind. Das ist vor allen Dingen den Dach- und Fachprogrammen nach der Wiedervereinigung zu verdanken, wo in großem Maße viele Kirchengebäude aufgebaut worden sind. 

Autor:

80 Prozent in gutem oder sehr gutem Zustand, das ist zunächst einmal eine positive Bilanz. Gerade in Brandenburg, wenn man unterwegs ist, kann sicher leicht der Eindruck entstehen, dass weit mehr im Argen liegt. Gleichwohl, jedes fünfte Kirchengebäude ist noch nicht grundinstand gesetzt bzw. denkmalgerecht saniert worden. Das sind knapp 400. Bei manchen Kirchen sind es nicht nur Dachziegel oder Fassaden, die Probleme bereiten.

Frank Röger:

Da muss man schon relativ regelmäßig schauen, ob es zu Schäden kommt. Wir haben häufig, dass insbesondere Kirchtürme manchmal statische Probleme haben. Das kommt durch die Baukonstruktion dieser Türme. Häufig waren das Holzfachwerktürme, die dann bspw. in der Renaissance-Zeit verputzt worden sind. Und da kann dann häufig das Holzfachwerk, was dann eingeputzt worden ist, nicht mehr atmen, so dass es zu Fäulen kommt und dann auch zu Tragwerksproblemen. 

Autor:

Doch die größere Herausforderung liegt inzwischen nicht unbedingt in der Bausubstanz. Sie liegt in der Frage, wer diese Gebäude künftig noch braucht. Denn Brandenburger lieben ihre Kirchen. Sie sind die Identifikation der Gemeinde schlechthin, auch wenn an vielen Sonntagen die Gottesdienste nur spärlich besucht sind, sie gehören zum Ortsbild, zur Geschichte und zum Selbstverständnis der Dörfer. Das zeigt sich auch in der Arbeit des Bauamts der evangelischen Kirche Berlin/Brandenburg. Dessen Leiter Frank Röger erlebt immer wieder, wie groß das Interesse vor Ort ist, die Kirchen zu erhalten und für die Zukunft zu bewahren …

Frank Röger:

Ja, das Interesse ist sehr groß, diese Dorfkirchen zu erhalten, und zwar nicht nur bei uns Christen – also, hier bei den Protestanten, die in Brandenburg leben – sondern von der gesamten Dorfgemeinschaft, die sich dort befindet. Häufig gründen sich auch Fördervereine, wenn ein Kirchengebäude in Not gerät. Und das Ziel ist es, diese Gebäude für die dörfliche Gemeinschaft zu erhalten, weil diese Gebäude sind natürlich identitätsstiftend. Sie sind Heimat, sie sind Erkennungszeichen des Ortes. Meistens haben sie ja immer besondere Türme, eine besondere Ausformung des Kirchenschiffes. (Sie) sind die größten, ältesten und auch zentral gelegensten Gebäude innerhalb so einer Gemeinde. Und das ist wichtig für die ganze Dorfgemeinschaft, dass das Gebäude für die Gemeinde erhalten bleibt. 

Autor:

So schön und so ehrgeizig dies alles klingt, - andere Zahlen sprechen eine andere Sprache. Stand Anfang 2026 gibt es gut 745.000 Kirchenmitglieder in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz in der evangelischen Kirche. Vor dreißig Jahren waren es über 1,2 Millionen Menschen. Als Gründe für den Austritt wurden in einer nicht-repräsentativen Umfrage des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte, dem größten auf dem Gebiet der EKBO, mehrheitlich finanzielle Motive genannt. Deutlich seltener wurden negative persönliche Erlebnisse mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer genannt. Und auch der Übertritt zu anderen Religionsgemeinschaften spiele kaum eine Rolle, heißt es weiter. Gleichwohl, - was tun mit dieser Bestandsanalyse?

Frank Röger:

Das ist ein ganz wichtiges Thema. Der kirchliche Gebäudebestand ist über die Jahrhunderte gewachsen. Aber, wir habe es ja schon seit über dreißig Jahren – in „West-Berlin“ seit über 50 Jahren – dass die Mitgliederzahlen sinken. Der Gebäudebestand ist allerdings nicht gesunken in dieser Zeit. Und dies führt häufig zu großen Überforderungen von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen. Wir haben einfach viel zu viel Gebäude für unsere Mitgliederanzahl. Und das Verhältnis wird sich ja weiter noch verschlechtern. Das heißt, wir müssen uns konkret darum kümmern, was wir mit diesen Gebäuden machen, die wir eigentlich selbst nicht mehr benötigen für Gottesdienste oder die nur noch ganz, ganz selten genutzt werden; weil der Aufwand, diese Gebäude zu erhalten ist groß. Und da ist natürlich das Thema Umnutzung/Mitnutzung ein ganz bedeutendes Thema.  

Musik – Cassandra Steen – Stadt

Autor:

Die Liste entwidmeter Kirchen in Brandenburg und Sachsen – auf dem Gebiet der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Ober-lausitz ist lang. In Altlandsberg bspw. wurde die Kirche wegen Bauschäden verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut. In Cottbus wird die einstige Schlosskirche seit 2015 als Synagoge von den jüdischen Geschwistern genutzt, und in Milow nahe der Grenze zu Sachsen-Anhalt ist in der ehemaligen schöne barocke Patronatskirche nun eine Sparkassen-Filiale. 

Einige Kirchen verlieren also ihre ursprüngliche Funktion – und bekommen eine neue. Das kann gelingen, wenn eine Dorfgemeinschaft ihr Gebäude nicht aufgeben will. Es kann aber auch bedeuten, dass eine Kirche ganz verschwindet. In den letzten Jahrzehnten mussten auch mehrere Kirchen dem vorrückenden Braunkohle-Abbau in Brandenburg weichen oder wurden aus politischen Gründen gesprengt. Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Versöhnungskirche auf dem Berliner Mauerstreifen und die Garnisonkirche in Potsdam. 

In Berlin entstand nach der Wende die „Kapelle der Versöhnung“. In Potsdam wurde der Turm der Garnisonkirche nach historischen Plänen wieder aufgebaut und im Sommer 2024 – wenn auch umstritten – feierlich wiedereröffnet. 

Die evangelische Landeskirche begleitet diesen Transformations-Prozess und sucht dabei nach Lösungen für Gebäude, die als Kirchen nicht mehr gebraucht werden. Erhalt oder Umwidmung – das muss kein Widerspruch sein, weiß auch Frank Röger...

Frank Röger:

Ja, es gibt viele Umnutzungsmöglichkeiten. Viele Gebäude sind auch schon umgenutzt worden, im städtischen Kontext natürlich. Typische Beispiele in dörflichen Regionen sind, dass Kirchen, die an Pilgerwegen sind, dass dort Schlafmöglichkeiten – bspw. in Kirchtürmen – angeboten werden für die Pilger, die dort sind. Es werden Kirchengebäude genutzt von Fördervereinen. Wir sind aktuell in Berlin dabei, auch eine Kirche zu einer Sportkirche umzuwidmen. Dort soll mit dem Inklusionssportverein „Pfeffersport“ die Möglichkeit gegeben werden in dieser Kinder- und Jugendkirche auch Sportveranstaltungen abzuhalten. 

Autor:

Das Gebiet der Landeskirche ist groß. Es reicht über Berlin und Brandenburg hinaus bis ins sächsische Görlitz an der Neiße. Nach der Wende verlor die östlichste Stadt Deutschlands an der polnischen Grenze weit über 20.000 Einwohner. Was passiert also mit einer Kirche, wenn immer weniger Menschen da sind?

Frank Röger:

Ja, das ist ein schönes Beispiel. Die Innenstadtgemeinde Görlitz verfügt über vier große Stadtkirchen, benötigt aber aufgrund ihrer Mitgliederzahl und – weil Görlitz ja eine kleine Stadt ist – nur eine Kirche. Das heißt, diese Kirchen-gemeinde hat sich Gedanken gemacht, welche Kirche sie für ihre gottesdienstlichen Zwecke halt nutzen will und hat sich entschieden für die Peterskirche. Die Peterskirche ist die schöne große Kirche am Neiße-Ufer, aber die bedeutendere und die ältere Kirche ist die Dreifaltigkeitskirche. Sie ist entsprungen aus einem ehemaligen Zisterzienser-Kloster und liegt direkt am Obermarkt. Die bauliche Substanz ist sehr, sehr schlecht. Und wir haben lange gesucht, um Fördermittelgeber zu finden, um dieses bedeutende Gebäude – wo auch die schlesische Kunst sehr schön im Innenraum dargestellt ist – besser geschützt wird und keine Gefahren mehr von dem Gebäude ausgehen. Dieses ist uns vor fünf Jahren gelungen, in dem wir Förderungen bekommen haben vom Bund – über Denkmalprogramme - und vom Land Sachsen. Wir packen dazu noch einen Eigenanteil von rund 500.000 Euro, so dass aktuell die denkmalgerechte Sanierung der Außenhülle der Dreifaltigkeitskirche geschehen kann. 

Autor:

Wenn einmal alles fertig ist, soll die Dreifaltigkeitskirche ein Begegnungsort für alle werden. Sie soll nicht nur das schlesische Kulturgut vertreten, sondern erster Anlaufpunkt für den Tourismus sein. Ob und wie einmal alles kommen wird, hängt auch – wie so oft – von den politischen Entscheidungen und der Finanzierung ab. Dennoch ist die Evangelische Kirche optimistisch, genau auf diese Art zum Erhalt der Gebäude einen entscheidenden Impuls zu setzen.

Das Beispiel Görlitz zeigt: Für die Zukunft der Kirchen geht es längst nicht mehr nur um Gottesdienste. Es geht darum, welche Rolle die Gebäude künftig für die Gesellschaft und Menschen spielen können. Einen Neubau von Kirchen hält Frank Röger dabei eher für zweitrangig, aber nicht für ausgeschlossen …  

Frank Röger:

Wir haben natürlich jetzt die Situation aufgrund des Bevölkerungszuwachses vor allen Dingen um Berlin – im sogenannten Speckgürtel – dass in manchen Bereichen doch kirchliche Angebote nachgefragt werden, wo wir uns Gedanken machen müssen, zum Beispiel Krampnitz. Das ist ein ehemaliges Kasernengelände in der Nähe von Potsdam. Dort sollen 15.000 Wohneinheiten entstehen für bis zu 30.000 Bewohnern. Und dort muss man sich dann schon Gedanken machen, wie kann denn Kirche in solchen Neubau-Arealen auch vertreten sein? Und darum versuchen wir uns, auch zu kümmern, wobei der Neubau im Wesentlichen die absolute Ausnahme darstellt. 

Autor:

Kirche lebt, solange Menschen ihre Kirchengebäude – von Wittstock bis nach Görlitz, von Angermünde bis nach Zossen mit Leben füllen. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz kann und will diesen Wandel begleiten und ihren Beitrag dazu leisten, dass die Kirchen auch in Zukunft ihren Platz in den Gemeinden behalten. 

 

Musik – Klangstein feat. Hannah Magenta – My Cathedral