Klaus-Dieter Ehmke: Manchmal fang ich an der Immanuelkirche an, geh dann an der Synagoge vorbei, am Kollwitzplatz vorbei, an dem Stadtkloster „Segen“ vorbei, dann an dem Auerbachschen Waisenhaus, am jüdischen Friedhof, an dem Altenheim und komm dann zu Herz Jesu. Manchmal hör ich hier auch auf.
Autor: Klaus-Dieter Ehmke macht Stadtführungen der besonderen Art. Sie führen zu Orten und handeln von Themen, die mit Kirchen, Kirchengemeinden und anderen kirchlichen Einrichtungen und Aktivitäten verknüpft sind. Dabei porträtiert er meistens eine Region mit ihren Facetten. Oft führt er durch den Prenzlauer Berg. Und stellt hier, wie gehört, eine evangelische Kirche vor, eine Synagoge, eine geistliche Gemeinschaft, den jüdischen Friedhof und die katholische Kirche Herz Jesu. Phänomene, die nicht nur quasi benachbart sind, sondern auch miteinander in Beziehung standen und teils noch stehen. Er tut dies für eine evangelische Einrichtung, die sich „Crossroads“ nennt.
Klaus-Dieter Ehmke: Crossroads als Büro aus dem Kirchenkreis Stadtmitte ist … noch gar nicht so alt. Ein bisschen jetzt über zwölf Jahre her. Seinerzeit brachte der Superintendent Dr. Berthold Höcke aus Köln so die Situation mit, die Kirchenschätze so ein bisschen mal selbst in die Hand zu nehmen und selbst darzustellen. Und so haben wir dann eine Ausschreibung gemacht für diese Stelle des Kirchen-kreises und haben eine Museologin dafür gewinnen können, die Antje Zimmermann, die dann also diese Arbeit koordiniert. Und haben dann Historiker, … Theologen, … alle möglichen Professionen gebeten, ein Programm zu erstellen, um … jeden Sonntag eine Stadtführung, einen Stadtspaziergang, Gruftenführungen, Kirchenführungen anzubieten…, um sozusagen die eigenen Kirchenschätze so in die eigene Deutungshoheit zu nehmen, sag ich jetzt mal.
Autor: Denn manchmal, meint Ehmke werden kirchliches Leben und kirchliche Geschichte einseitig oder verzerrt dargestellt. Das kirchliche Stadtführungsbüro „Crossroads“ steuert dem positiv entgegen. Der Name steht für das christliche Kreuz, aber auch für die Kreuzungen zwischen Kirchen, Kultur, Kunst, Wirtschaft und Geschichte. So tragen die angebotenen Führungen Namen wie: Als Berlin noch neben Köln lag; Beten und Bier; Der Himmel über Berlin - Ein Spaziergang zu den Drehorten des Films von Wim Wenders; Zwischen Kyrie, KaDeWe und Kurfürstendamm; Widerstand aus Glaubensgründen, Mauerdramen. Sie wandern, beginnend mit dem mittelalterlichen Berlin, durch die Zeiten, verknüpfen Stadtgeschichte, Industriegeschichte, Sozialgeschichte, NS-Widerstand und anderes. Auch bei Herz Jesu kann Klaus-Dieter Ehmke manches davon verbinden. Hier ist aber auch der großartige Bau und seine kunstvolle Ausmalung eine Führung wert.
Klaus-Dieter Ehmke: Das, was … an Kunstschätzen dort zu sehen ist, versuche ich dann mit einzubeziehen. Guck ich immer ein bisschen auch, wie weit … die Bedürfnislage ist. Also wenn Menschen sind, die sehr weit weg von Kirche sind, versuch ich mich da behutsam zu nähern. Aber modifiziere dann auch die Führungen, wenn ich merke, dass dann sozusagen also ein bisschen Sensibilität dafür da ist, dann hol ich nochmal richtig aus. … Heiligengeschichten … sind auch nicht so … bekannt. Aber wenn man dann da nochmal was erzählt, find ich das ganz schön eigentlich auch.
Autor: Klaus Dieter Ehmke erschließt so für weniger und mehr Informierte den Kirchenraum von Herz Jesu und seine dargestellten Symbole, Geschichten und Figuren. Und sorgt so für manches Erstaunen und dann und wann auch für eine neue Sicht auf die Kirchen Berlins.
Musik
Autor: Die Stadtführungen von Crossroads bergen immer wieder Überraschungen. Im Fall von Herz Jesu ist es vor allem das, was in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft hier geschehen ist. Davon erzählt Klaus-Dieter Ehmke. Auch von dem, was Matthias Kohl, Verwalter der Herz-Jesu-Gemeinde, in Erinnerung ruft:
Matthias Kohl: Hier in der Sakristei befindet sich eine Marienfigur. Diese Figur stand in der Klausur der Schwes-tern unserer lieben Frau, im sogenannten Refektorium, also in dem Essensraum, der dann bei diesem Granateinschlag vollständig zerstört wurde. Das Einzige, was erhalten blieb aus diesem Raum und nicht zerstört wurde, war diese Marienfigur. Und in dem Raum daneben war dieses Mädchen, die Sonja Goldwerth, versteckt. Wenn man sich die Figur anschaut, kann man sagen, als ob sie schützend ihre Hände über dieses Mädchen gestreckt hat und dadurch ist ihr nichts passiert.
Autor: Neben dem Raum auf dem Gemeindegelände, in dem sie Zuflucht fand, schlug im März 1945 eine Bombe ein und zerstörte ihn, bis auf die Marienfigur. Auch Sonja Goldwerth kam nicht zu Schaden. Im selben Haus auf dem Gelände von Herz Jesu befand sich zu dieser Zeit das Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin, das Juden katholischen Glaubens unterstützte. Seine Geschäftsführerin Margarete Sommer hatte Sonja Goldwerth im Sommer 1944 in ihrem Haus in Kleinmachnow versteckt. Als die Nachbarn aufmerksam wurden, bat sie den Ordenskonvent der Schwestern unserer lieben Frau, das Mädchen zu verstecken. Aber es gab noch andere solche Aktionen in Herz Jesu:
Matthias Kohl: Unter der Sakristei wurde vom Pfarrer der Karl Müller versteckt und unter dem Heizungskeller der Erich Wolff vom Kaplan. Erst nach dem Krieg haben sich eben Pfarrer und der Kaplan unterhalten und der Pfarrer sagt zu seinem Kaplan: Du, jetzt kann ich’s dir ja sagen. Während des Krieges hab ich jemandem in der Illegalität geholfen. Der war die ganze Zeit im Sakristeikeller versteckt. Nur der Küster und ich wussten darum. Und dann sagt der Kaplan: Das ist ja unglaublich. Genau zu der Zeit habe ich den Erich Wolff im Heizungskeller versteckt. Und keiner von uns wusste vom anderen.
Autor: Karl Müllers Versteck grenzte an den Luftschutzkeller, der in Herz Jesu eingerichtet werden musste. Um den mit Luft zu versorgen, musste ab und an ein Aggregat per Hand bedient werden, das den Luftaustausch regelte. Das taten die zwei Söhne des damaligen Organisten bei Herz Jesu. Und sangen dabei. Das hörte Karl Müller in seinem Versteck. Nach der Wende wurde der Raum Besuchern gezeigt und ihnen erzählt, was sich hier ereignet hatte. Da sagte einer der Besucher, er wisse, wer in dem Luftschutzkeller gesungen habe und was gesungen worden sei.
Matthias Kohl: Und zwar war er der Sohn des damaligen Organisten. (4’45’’ – 5’12’’) Der Mann, der hier uns sagte, dass er weiß, was gesungen wurde, war auch dann mal eingeteilt, das waren so Dreißig-Minuten-Schichten, mit seinem Bruder. Und als Söhne von Kirchenmusikern sind sie ja musikalisch. Und er weiß, dass sie gesungen haben, wenn sie diesen Dienst verrichteten des Drehens des Aggregats. Und dann hat der uns hier auch noch vorgesungen, weil er es noch ganz genau wusste, was er damals mit seinem Bruder gesungen hatte.
Musik
Autor: Neben Herz Jesu ist das Hedwigskrankenhaus in der Großen Hamburger Straße eines der Objekte, das Klaus-Dieter Ehmke gern und intensiv vorstellt. Auch hier wurden Juden versteckt, organisiert vom Arzt Erhard Lux und der Fürsorgerin Marianne Hapig, unterstützt von den in der Krankenpflege hier tätigen Ordensschwestern, den Borromäerinnen. Klaus-Dieter Ehmke erinnert auch an deren Tätigkeit und Eigenart. Er gibt einen kleinen Eindruck über die Art seiner Führung:
Klaus-Dieter Ehmke: Ich fange eigentlich immer im Innenhof an und versuche … den Leuten klarzumachen, was für eine besondere Atmosphäre das ist. Diesen Riesengingkobaum sehen, diesen Agatha-Brunnen zu sehen. Ich geh immer so vor, dass ich erstmal das Stammhaus erzähle. Dann versuch ich ein bisschen … die anderen Gebäude, … wann was gebaut wurde. Dann erzähl ich, dass auf dem jetzigen OP-Trakt oder Röntgen-Trakt früher eine Synagoge gestanden hat. Das die gar nicht richtig bekannt war. Dann zauber ich immer dieses Bild der ehemaligen Fachwerksynagoge da raus.
Autor: Wieder ergibt sich ein Bezug zu jüdischen Menschen, von denen viele im Umfeld wohnten. Die Fachwerksynagoge war eine provisorische Synagoge, an deren Stelle später die prächtige in der Oranienburger Straße errichtet wurde, angrenzend an das Gelände des Hedwigskrankenhauses. Hier hatten die Borromäerinnen einen Garten und eine Klausur, wo sie sich aufhielten, wenn sie nicht in der Krankenpflege arbeiteten. Und ihre Kapelle, die bis heute besteht. Ihr widmet Klaus-Dieter Ehmke besondere Aufmerksamkeit:
Klaus-Dieter Ehmke: Dann erzähl ich eigentlich immer diese Geschichte mit dem Kreuz, dem Kruzifix, das … über dem Altarraum hängt. Dass das diese besondere Geschichte ist von einer jüdischen Kunstsammlerfamilie, die vor der Deportation in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Ordensschwestern diesen Corpus geschenkt haben aus ihrer Kunstsammlung, weil sie wussten, dass wird alles kurz und klein gehauen und sie dann abtransportiert werden oder vielleicht die Flucht gelingt.
Autor: Seit seiner Gründung war das Krankenhaus immer ein Ort voller Geschichten. So nahmen die Borromäerinnen zwei Jahre nach Errichtung einer ersten provisorischen Krankenstation in den Tagen der 1848er-Erhebung ihnen feindlich gesonnene Revolutionäre auf, die verwundet waren und pflegten sie. Auch andere überraschende Bezüge zur jeweiligen Zeit und zum Umfeld des Krankenhauses lassen sich finden. Es gibt aber auch Überraschungen während der Führungen. Für Klaus-Dieter Ehmke, der dem Hedwigskrankenhaus seit Jahren verbunden ist, weil er als Medizinstudent und auch als Arzt hier einige Zeit verbracht hat, mitunter sehr schöne. Von einer erzählt er:
Klaus-Dieter Ehmke: Da erzähl ich gerade von meiner Stationsschwester Schwester Edelfrieda und dass ich als Student immer edle Schwester Frieda zu ihr gesagt habe, und da zieht doch eine Frau ein Buch aus der Tasche und sagte: … Gucken Sie mal, hier ist ein Buch, was ich hier an der Pforte vom Hedwigkrankenhaus mal vor drei Jahren mitgenommen habe für eine kleine Spende. Und da gucken Sie mal, was hier drin steht: Eigentum Schwester Edelfrieda. Und das schenk ich Ihnen jetzt.
Musik
Autor: Auch aus der DDR-Zeit kann Klaus-Dieter Ehmke bei seinen Führungen Interessantes und Kurioses berichten. Als hochqualifizierte urologische Facheinrichtung wurde das Hedwigskrankenhaus auch von Funktionären und hohen Chargen der DDR-Regierung in Anspruch genommen. Die fühlten sich im katholischen Umfeld zwar etwas unbehaglich, schätzten aber die Behandlung ihrer Krankheiten. Und manchmal versuchten sie offensichtlich ihre politische Haltung zu verbergen:
Klaus-Dieter Ehmke: Irgendwann fand ich mal … vor der Pforte ein Parteiabzeichen. … Und dann sagte mir … mein Kollege: Ach, das kannst du öfter haben. … Und da hab ich gesagt: Na, das glaub ich jetzt nicht. Ich meine, wie findet man denn hier vor der Pforte des Hedwigkrankenhauses … Parteiabzeichen der SED? Wenige Wochen später fand ich ein zweites Mal ein Parteiabzeichen.
Autor: Nach der Wende, als Ärzte aus dem Westteil der Stadt ins Hedwigskrankenhaus kamen, gab es wiederum Begebenheiten kurioser Art, die noch mit der DDR-Zeit in Verbindung standen.
So besprach eine Ärztin aus dem Franziskuskrankenhaus in Charlottenburg bei der Morgenbesprechung mit ihren Ostkollegen die Neuzugänge.
Klaus-Dieter Ehmke: Und stellte einen älteren, leicht verwirrten Herrn Stoph, Willi vor. Und wir natürlich, alles prustete und grinste und so. Leicht verwirrt, Stoph Willi. Und die Kollegin war ganz verunsichert, … weil wir alle so prusteten und grinsten oder so. Und dann sagte sie: Ist der hier im Hause schon bekannt? … Dann hat der Chefarzt das Geheimnis natürlich gelüftet, dass das Willi Stoph und wer Willi Stoph war. Und da sagt sie: Na, das konnte ich doch nicht wissen.
Autor: Der ehemalige Staatschef der DDR, der schon zur Zeit seiner Regierung oft etwas seltsam wirkte, war also nach der Wende im Hedwigskrankenhaus als Patient aufgenommen worden. Es sind freilich nicht nur solche Kuriosa, die den Teilnehmern der Führungen die Kirchenlandschaft Berlins nahebringen. Aber sie tragen mit dazu bei. „Crossroads" hat sich den Beinamen gegeben „Berlin mit anderen Augen“. Die vielfältigen Überkreuzungen zwischen den Kirchen und ihren Einrichtungen und der Stadt und ihrer Geschichte sind damit gemeint. Klaus-Dieter Ehmke denkt:
Klaus-Dieter Ehmke: Da ist eben auch für viele Leute eine Möglichkeit, sich Kirche wieder zu nähern, die eigentlich sozusagen von Kirche relativ fern sind, sich aber sozusagen über diesen kulturellen Aspekt wieder kirchlichem Leben und kirchlichen Schätzen nähern wollen.
Musik