Ein Innenraum mit Sicht auf eine Kletterwand, die mit bunten Griffen ausgestattet ist. Der Raum hat hohe, gewölbte Decken und gemütliche Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ist ein bunter Lichtschein eines Fensters zu erkennen. Die Atmosphäre ist modern und einladend. Ein Innenraum mit Sicht auf eine Kletterwand, die mit bunten Griffen ausgestattet ist. Der Raum hat hohe, gewölbte Decken und gemütliche Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ist ein bunter Lichtschein eines Fensters zu erkennen. Die Atmosphäre ist modern und einladend.
Ein Innenraum mit Sicht auf eine Kletterwand, die mit bunten Griffen ausgestattet ist. Der Raum hat hohe, gewölbte Decken und gemütliche Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ist ein bunter Lichtschein eines Fensters zu erkennen. Die Atmosphäre ist modern und einladend.
14.06
2026
08:40
Uhr

Kirchland

Neue Perspektiven für kirchliche Räume

Ein Beitrag von Viktoria Hellwig

Autorin:
Immer mehr Kirchengemeinden stehen vor einer schwierigen Frage: Was machen wir mit unseren Gebäuden? Die Mitgliederzahlen gehen zurück, Geld wird knapper und viele Kirchen oder Gemeindehäuser sind groß, alt und teuer im Unterhalt. Das betrifft auch Gemeinden in Berlin und Brandenburg.

Gleichzeitig geht es längst nicht nur darum, Gebäude aufzugeben. Viele Gemeinden suchen nach neuen Ideen: Wie können Kirchen auch in Zukunft lebendige Orte bleiben? Als Treffpunkt im Kiez, für soziale Projekte, Kulturangebote oder neue Formen des Zusammenlebens.

Ein Berliner Team aus Architektinnen, Stadtforscherinnen und Prozessgestaltern, das sich mit der Zukunft von Gebäuden, Städten und gemeinschaftlich genutzten Räumen beschäftigt, entwickelt gemeinsam mit evangelischen Gemeinden neue Perspektiven für kirchliche Gebäude. Eine der Initiatorinnen ist die Berliner Architektin Saskia Hebert. Für sie ist die aktuelle Situation der Kirchen auch eine spannende Aufgabe.

Saskia Hebert
Für die Kirche misslich, aber für uns ist das toll, weil da fallen einige Veränderungen oder einige Transformationsprozesse, die es gerade aktuell im Land so gibt, Fallen da in eins. Also es wird ja auch viel über zirkuläres Bauen geredet, über die Nachnutzung, die Nutzung, die graue, die goldene Energie von Gebäuden. Und die Kirche hat ganz viele Gebäude, aber Kirchengebäude gerade sind natürlich spezialisierte, für ihre besondere Funktion errichtete Gebäude. Und gerade die Älteren lassen sich oft nur ganz schwer nutzen. Ich kann schlecht aus einer Kirche ein Wohnhaus machen, das kann ich schon. Aber dann ist die Kirche weg und das Wohnhaus ist genauso teuer wie ein Neubau, sondern es geht eigentlich vor allem darum, immer diese Verhältnismäßigkeit auch zu betrachten und zu gucken, was kann ich eigentlich wo draus machen. Das ist eigentlich eine große Puzzle- und Denksportaufgabe, das Ganze für uns.

Autorin:
Aus dieser Denksportaufgabe ist inzwischen ein ganzes Konzept geworden. Unter dem Namen „Kirchland“ begleitet Heberts Team Gemeinden dabei, ihre Gebäude neu in den Blick zu nehmen und Pläne für die Zukunft zu entwickeln.  Die sog. Gebäudebedarfsplanung:

Saskia Hebert
Und dafür haben wir uns einen Ablauf ausgedacht und bestimmte Bausteine dafür entwickelt. Das ist ein partizipatives Unterfangen und beteiligt sehr, sehr viele Leute. Dauert auch eine ganze Weile, weil: man muss viel wissen, aber hilft sozusagen den Kirchenkreisen, also quasi der mittleren Organisationsebene in der evangelischen Kirche, die eigenen Zuweisungen gezielter zu verteilen. Also weg von der Gießkanne, hin zu konkreten Projekten, wo man sagt: Dieses Gebäude, das brauchen wir in der Zukunft noch eben. Also wir stellen die Frage nach der Zukunft, nach der hoffentlich guten Zukunft und was und welche Gebäude man dafür eigentlich benötigt.

Autorin:
Wie aus diesen Überlegungen konkrete Zukunftspläne werden können, zeigt sich in den Workshops von „Kirchland“. Der Kirchenkreis Spandau war der erste, der den Prozess durchlaufen hat. Superintendent Florian Kunz erinnert sich daran, wie die Gemeinden auf das neue Format reagiert haben:

Florian Kunz: 

Und da war es total schön zu sehen, wie in den verschiedenen Gemeinderegionen dieses spielerische total viel Kreativität freigesetzt hat. Mut gemacht hat, mal verschiedene Variablen auszuprobieren. Und es hat sich gezeigt, dass die Workshops auch die Gemeinden in einer Region manchmal noch enger zusammengebracht haben, weil sie festgestellt haben, wir haben ja dieselben Probleme und Herausforderungen zu lösen mit unseren Gebäuden. Wichtig im Prozess war auch, dass wir

Gebäudeentwicklungen ganzheitlich betrachtet haben. Also es ging uns nicht nur darum zu gucken, was machen wir in zehn Jahren mit unseren Steinen an verschiedenen Orten, sondern damit verband sich auch immer die Frage, wie soll Kirche eigentlich gelebt werden vor Ort in zehn, in zwanzig Jahren und welche räumlichen Voraussetzungen braucht es dann eigentlich dafür? Also die geistliche Dimension bei dem Prozess, die haben wir immer versucht mitzudenken.

Autorin: 
Doch bevor neue Nutzungsideen entstehen können, braucht es vor allem eines: die Bereitschaft, sich mit der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. Viele Gemeinden wissen, dass Veränderungen notwendig sind. Aber wie geht man mit dieser Erkenntnis um? Hebert vergleicht die Situation der Kirche mit einem Modell des Philosophen Anthony Appiah.

Saskia  Hebert
Es gibt von Anthony Appiah „Die fünf Phasen moralischer Transformation“ ist eigentlich ein anderes Feld, aber es geht da sozusagen um die Nachhaltigkeit und den mühsamen Erkenntnisgewinn oder auch gesellschaftliche Veränderung. Und er sagt Ich habe da fünf Phasen. Die erste ist Ignoranz. Also man negiert das Problem, Die zweite ist die Anerkennung des Problems. Aber man sagt, das hat mit mir ja nichts zu tun. Die dritte ist dann die Einsicht Doch das hat was mit mir zu tun, also eine Art Betroffenheit zu entwickeln. Und ich glaube, da sind wir also da sind wir quasi auch kirchenweit, dass wir sehen, da ist ein Problem. Und die Frage ist nur, wenn ich keine Lösungen habe oder keine Vorstellung, wie ich mit dem Problem umgehen soll. Das ist natürlich Rückschritt nach Phase zwei und eins vielleicht einfacher, als sich da irgendwie jeweils kundig zu machen.

Musik: Mike + The Mechanics - Over My Shoulder

Autorin:
Kirchen stehen also vor großen Veränderungen. Doch die Zukunft einzelner Gebäude entscheidet sich selten allein vor Ort. Denn viele Gemeinden schauen zunächst auf ihre eigene Situation: auf die eigene Kirche, den eigenen Gemeindesaal, die eigenen Herausforderungen. Für gemeinsame Lösungen braucht es aber oft einen Blick über den eigenen Kirchturm hinaus.

Saskia Hebert
Das berühmte Kirchturmdenken ist ja kein böser Wille, sondern es ist einfach die Perspektive, die ich als Gemeindemitglied, als Ehrenamtliche oder vielleicht auch als Person habe. Da kenne ich nur meine Gebäude und mache mir natürlich Gedanken darüber, wie ich die besser nutzen kann. Aber ich habe selten das Wissen, was bei den Nachbarn passiert Und was mir auch fehlt, ist ein Überblick über den Sozialraum und quasi städtebauliche Faktoren. Und da kommen wir ins Spiel. Wir erarbeiten viele Grundlagen und können das den Gemeinden dann auch zeigen und nehmen auch verschiedene Perspektiven mit in diesen Prozess. Das ist uns sehr wichtig.

Autorin:
Wie solche unterschiedlichen Sichtweisen zusammenkommen können, zeigt sich in den Workshops von „Kirchland“. Dort wird nicht nur diskutiert, sondern auch ausprobiert, geplant und durchgespielt, wie kirchliche Räume in Zukunft genutzt werden könnten. Und das Ganze hat einen besonderen Aufbau, fast schon spielerisch. Architektin Saskia Hebert hat die Workshops konzipiert und durchgeführt:

Saskia Hebert
Der Workshop ist ein Strategiespiel. Das haben wir uns ausgedacht, das heißt circa Land regional und in mehreren Runden hat man verschiedene Aufgaben und verschiedene Missionskarten. Also man macht zuerst mal eine Visions und Vorstellungsrunde und erzählt wirklich frei, was man sich wünscht. Dann geht man systematisch so ein paar Strategien der Nutzung und der baulichen Veränderungen durch. Und am Ende dieses Workshops wissen erstens alle, wer die anderen im Raum sind, zweitens, was für Gebäude eigentlich in der Region vorhanden sind. Und drittens hat man so eine grobe Ahnung, wo das hingehen kann. Also da findet natürlich noch nicht das berühmte Abgeben statt, sodass alle sagen ja, hier brauchen wir nicht mehr. Aber es gibt vielleicht so erste Ideen, wo man sagen könnte na gut, es lohnt sich vielleicht, hier weiter nachzuforschen und was wir machen. Dann, in der vierten Phase, machen wir aus all diesen Informationen, die wir gesammelt haben, ein Szenario.

Autorin:
Wie dieser Prozess in der Praxis ankommt, zeigt sich auch im Berliner Kirchenkreis Steglitz. Dort begleitet die Superintendentin Christa Olearius die Entwicklung direkt mit – und erlebt, wie sehr die Diskussionen die Gemeinden verändern.

Christa Olearius 
Mich hat gefreut, dass durch die Workshops mit subsolar* so viel in Bewegung gekommen ist über Gemeindegrenzen hinweg, dass es Workshops gab, dass es Gespräche gab. Und wir sind jetzt noch mittendrin im Prozess, zu überlegen, welche Orte wir weiterhin fördern und wie wir welche Orte entwickeln. Es war kreativ und gemeinschaftlich, mit viel Ideen, aber auch mit Trauer, dass sich viel verändern wird und dass nicht immer alles so bleiben wird, wie es ist.

Und meine Aufgabe als Superintendenten sehe ich vor allem darin, Abschiede gut zu begleiten, aber auch viel Lust auf Neues zu machen und vielleicht auch auf Ungewohntes zu machen.

Autorin:
Doch der kreative Prozess führt am Ende auch zu schwierigen Entscheidungen. Nicht jedes Gebäude wird künftig in kirchlicher Hand bleiben können. Diese Erfahrung hat man auch in Spandau gemacht:

Florian Kunz
Was mich sehr beeindruckt hat, ist, dass viele Gemeinden wirklich auch den Mut gehabt haben zu sagen, wir müssen uns von Gebäuden trennen und die können wir künftig nicht mehr selber nutzen. Und einige stehen da jetzt wirklich auch in den Startlöchern und haben ganz genaue Ideen, wie sie mit ihrem Gebäudeensemble weiterverfahren. Andere sehen das schon noch als eine sehr große Aufgabe, die sie selber nicht bewältigen können. Und da wird es die Herausforderung sein zu gucken, gibt es eigentlich Partner in Diakonie oder im Sozialraum, mit denen man gemeinsam so ein Projekt angehen kann.

Musik: Imagine Dragons – Thunder

Autorin: 
Wenn man mit Kirchenkreisen über ihre Gebäude spricht, geht es am Ende um mehr als nur um Immobilien. Kirchen prägen Ortsbilder, sie bewahren Erinnerungen und sind für viele Menschen eng mit ihrer eigenen Lebensgeschichte verbunden. Gerade deshalb lösen Veränderungen oft starke Gefühle aus. Für Saskia Hebert liegt darin aber auch eine große Chance:

Saskia Hebert
Kirchen sind Identifikationsorte und müssen eben auch anderen Leuten am Herzen liegen. Und tun sie auch. Sie sind da vielleicht noch getauft worden und dann später ausgetreten. Aber es ist natürlich ein Ort, der irgendwie mit der Familiengeschichte oder mit der Ortsgeschichte verbunden ist. Und niemand hat gerne in seiner Kirche die Traktorgarage. Sondern man möchte ja da auch Zugang haben. Als Dorfgemeinschaft zum Beispiel, ne. Das liegt immer super zentral im Dorf, auch ob es jetzt Städte sind oder Dorfgemeinden, das geht alle an, das ist ja eben auch die Hoffnung, dass man über diese Prozesse mehr Leute findet, die mittun wollen und darüber auch ja nicht nur neue Ideen, sondern auch neue Mitstreiter gewinnt. Geld ist immer ein Problem, aber auch das. Also mit einer guten Idee findet sich's noch eher, als wenn man gar keine hat.

 

 

 

Mercato Mayfair in der St Mark's Kirche, London. Eine gemütliche Innenraumansicht eines Cafés mit mehreren Holztischen und Stühlen. Im Hintergrund befindet sich eine Theke mit einem Barista, der Getränke zubereitet. Helle Lichter und Pflanzen verleihen dem Raum eine einladende Atmosphäre.
Sherriff Centre in der St. James Church in West Hampstead.

Autorin:
Kirchen verändern sich – und mit ihnen die Orte, die sie prägen. Aus Gemeindehäusern, Kirchen und anderen Gebäuden werden zunehmend Räume, die neu gedacht werden müssen. Zwischen Abschied und Aufbruch bleibt die Frage, wie viel Kirche künftig im Alltag der Menschen noch sichtbar und erlebbar sein kann.

Saskia Hebert
Ich war in London in drei Kirchen, die was verändert haben und in Brüssel auch. Und das waren die schönsten Orte, die ich auf diesem Urlaub besucht habe. Natürlich kann man auch in Museen gehen oder shoppen, aber man kann auch sich tolle Orte anschauen, die offen sind, die einen willkommen heißen, wo man einfach reinlaufen kann. Meistens gibt es dann noch einen Kaffee und man kann Zeit verbringen ohne Konsumzwang

Kirchenübernachtung in der Markus-Kirche im KO/KON. Ein mehrstöckiges Holzhaus steht in einem Kirchenraum. Es hat eine glatte, silberne Abdeckung und verschiedene Farben in den Vorhängen. Eine Treppe führt nach oben, wo sich Schlafbereiche befinden.
Kirchenübernachtung in der Markus-Kirche im KO/KON

Und ich fand diese Orte alle wahnsinnig toll. Und wir fangen ja nicht erst an, wir sind ja mitten in diesem Prozess und andere sind schon weiter. Wenn ich mir vorstelle, das jetzt auf Berlin und Brandenburg zu übertragen wird, dann freue ich mich auf die Exkursionen, die ich dann machen kann. In zehn Jahren. Und vielleicht treffe ich da ganz viele andere Menschen, die auch sich ähnlich interessieren oder einfach Leute, die da ihrem Hobby nachgehen und einfach dabei zufrieden und glücklich sind. Das wäre doch schon ganz schön.

Autorin:
Am Ende bleibt die Kirche natürlich im Dorf. Aber vielleicht mit einer neuen Idee bewohnt. Als Nachbarschaftstreff, Kulturort, Beratungsstelle oder gemeinschaftlich genutzter Raum. Wie die Kirchengebäude in Berlin und Brandenburg künftig aussehen und genutzt werden, ist noch offen. Die Entscheidungen darüber fallen jetzt. Klar ist nur: Es geht dabei nicht allein um Steine und Quadratmeter. Sondern um die Frage, welche Rolle Kirche künftig im Leben der Menschen spielen kann.
 

Musik: Hozier – Take me to church