O-Ton: Wir befinden uns ja hier auf der Fischerinsel, einem recht bekannten historischen Platz….
Autorin: Das ist der Archäologe Matthias Antkowiak, im März 2017. Antkowiak führt uns als Gruppe durch die Ausgrabungsstelle nahe der Spree mitten in Berlin. Wir alle stecken gerade Meter tief in Berlins Mittelalter. Kaum zu glauben, denn wenn wir die Köpfe wieder nach oben strecken, rasen an uns achtspurig die Autos vorbei. Und doch sind wir alle fasziniert.
O-Ton: Genau genommen befinden wir uns ja nicht in Berlin, sondern im historischen Cölln an der Spree. Cölln an der Spree wurde das erste Mal erwähnt 1237. Die Stadt Berlin, die jenseits der Spree lag, etwas später, 1244.
Autorin: Diese Zahlen sind allerdings nur die Ersterwähnung auf einer Urkunde. Inzwischen weiß man: Berlin wurde bereits um 1200 gegründet. Die große 750-Jahr-Feier im Jahr 1987 war also eigentlich viel zu spät! Was aber auf jeden Fall stimmt: Kern der Gründung der beiden Städte Berlin und Cölln ist der Mühlendamm, der natürliche Übergang über die Spree. Noch heute heißt er so. Auf der einen Seite der Spree lag das historische Cölln, geschrieben vorne mit C und dann mit zwei ll. Und auf der anderen Spreeseite lag Berlin.
O-Ton: Es waren zwei gleichrangige Städte. Beide hatten Rathäuser, Pfarrkirchen, Stadtmauern und die entsprechenden Märkte. Die Städte wurden erst im Jahre 1709 zusammengelegt zur in Anführungsstrichen Großgemeinde Berlin.
Autorin: Die Doppelstadt Berlin-Cölln ist noch lange nicht das Zentrum der Mark Brandenburg. Das ist damals das heutige Brandenburg an der Havel - über 300 Jahre vor Berlin erstmals erwähnt und gegründet auf einer slawischen Burg. Doch die kleine Siedlung Berlin-Cölln wird bald zu einem lebendigen Handelsplatz. Das Wunder ist: Noch bis in die 1960er Jahre sind die engen mittelalterlichen Strukturen der Doppelstadt gut zu sehen. Ein Zeitzeuge bei der Führung erinnert sich noch an damals.
O-Ton Zeitzeuge: Ein bisschen verfallen sah es schon aus. So kann ich mich erinnern. Das war in den 60er Jahren vor allen Dingen, weil mein Großvater drüben gearbeitet hat, hier in der Brüderstraße und beim DTSB als Pförtner. Und da kam man natürlich mal besuchen hierher.
Autorin: Gewohnt haben hier nach dem Krieg in den engen, alten Häusern eher die nicht so Wohlhabenden, die Armen. Aber wir gehen wieder zurück ins Mittelalter, bis zu 4,5 Meter unter unseren Füßen. Bei jedem Brand, Einsturz oder einer Überschwemmung der Spree hat man einfach die kaputten Häuser auf einen Haufen geschoben. Und dann oben drauf etwas Neues gebaut. Und genauso hat man es noch in den 1960er Jahren gemacht, einfach die 21 Stockwerke hohen Hochhäuser, Grünflächen und Straßen oben drauf gebaut. Hier am Mühlendamm war zu DDR-Zeiten ein Parkplatz. Man möchte fast sagen: zum Glück. Denn so werden die Archäologen reichlich fündig.
O-Ton: Als erstes wurden mal natürlich die oberen Füllschichten abgenommen und dann sieht man hier schon, wie dicht unter der Oberfläche die ersten Mauerkronen anstehen. Es war also relativ schnell klar, dass die gesamte Bebauung, die hier eben bis 1970 dann letztendlich einplaniert wurde, im Untergrund in den Kellergeschossen erhalten war in ihrer Substanz. Also, man hat einfach die Häuser sozusagen zusammengeschoben und dann hier die Keller planiert.
Musik
Autorin: Schauen wir uns doch weiter um im mittelalterlichen Cölln. Die eine Keimzelle des heutigen Berlins. Zentrum der Stadt ist die Petri-Kirche. Petrus gilt als Patron der Fischer, und das waren die Cöllner auch in ihrer Mehrzahl: Fischer. Auch, wenn die Insel – Ironie der Geschichte – erst seit den Hochhäusern „Fischerinsel“ heißt. Und da ist er wieder, unser Zeitzeuge.
O-Ton: Ich kann mich bloß ganz genau erinnern an die Kirche, die hier drüben stand. Also die Petrikirche. Da kann ich mich erinnern, dass die vom Bombenangriff getroffen war und dass die als Ruine bis in den 60er-Jahren ja noch stand und dann abgerissen wurde.
Sprecher: Gegründet wird die Petri-Kirche von den Domherren in Brandenburg an der Havel, um das Jahr 1230. Die Kirche ist der Mittelpunkt des Lebens in Cölln. Hier werden die Menschen getauft, sie wohnen in den gedrungenen Häusern um die Kirche herum, auf dem Markt vor der Kirche verkaufen und kaufen sie in den Scharren, kleinen Verkaufsständen, was sie zum Leben brauchen: Getreide, Fisch, Wolle oder Kessel aus Metall. Besonders begabte Schüler lernen in der Lateinschule. Wenn das Leben zu Ende geht, finden die Menschen hier auch ihre letzte Ruhe, auf dem Friedhof um die Kirche herum.
Autorin: Bei Ausgrabungen werden sagenhafte 220.000 Objekte gefunden, Geschirr, Schmuck, Spielzeug. Dazu Fundamente der Vorgängerkirchen und der Lateinschule. Und vor allem: fast 4.000 Skelette! Seit diesem Jahr kann man einige der vielen Schätze endlich besichtigen – im innovativen Museum PETRI, mit gläsernen Werkstätten, genau am mittelalterlichen Ort. Ein archäologisches Zentrum zum Mitmachen!
Gehen wir doch noch ein bisschen weiter, in Richtung Schlossplatz. Da, wo in der DDR der Staatsrat tagte und heute eine Privat-Uni ist, da war im Hochmittelalter ein Dominikaner-Kloster. Auch diese Fundamente hat man bei Ausgrabungen frei legen können.
Sprecher: „Die Kirche ist zu fett geworden, zu satt, zu prunkvoll - haben wir Mönche des neu gegründeten Dominikaner-Ordens uns gesagt. Wir wollen wieder arm leben und direkt bei den Menschen, so wie Jesus von Nazareth. Wenn es sein muss, eben auch in Dreck und Schlamm, wie es in unseren mittelalterlichen Städten üblich ist. Den Menschen beistehen in Freud und Leid. Sie zur Umkehr bewegen, wenn sich jemand verlaufen hat. Und ganz wichtig: ihnen Bildung geben! Denn wir können schreiben und lesen. Dafür bekommen wir Mönche hier ein Stück Brot, dort etwas Fleisch oder Fisch. Deshalb nennt man uns auch Bettelmönche.“
Musik
Autorin: Gehen wir doch jetzt auf die andere Seite der Spree, von Cölln ins mittelalterliche Berlin! Auf der einzigen Brücke, die es damals gibt, genau, dem Mühlendamm. Wir laufen geradezu in ein Areal, das irgendwie aus der Zeit gefallen scheint. Noch immer gibt es hier die Klosterstraße. Und tatsächlich: Wenn wir auf einer Treppe rund vier Meter in die Tiefe steigen, stehen wir inmitten der Ruinen der mittelalterlichen Klosterkirche der Franziskaner. Eine unwirkliche Stille und Abgeschiedenheit umfängt uns, die Fläche ist seit dem Krieg frei geblieben.
Sprecher: „Auch wir Franziskaner leben eng mit den Menschen, werden Bettelmönche genannt. Armut im Namen unseres Herrn steht bei uns ganz oben. Sogar unsere Kirche ist ganz schlicht. Unser Gewand, der Habit, ist grau, deshalb wird unser Kloster das Graue Kloster genannt. Auch die Schule, die später hier entsteht, wird Graues Kloster heißen. Wir Franziskaner kümmern uns um Leib und Seele der Menschen um uns herum. Ganz besonders um die Armen und Bedürftigen. Wir nehmen sie in die Arme, die Alten, die Kranken, die Verkrüppelten. So wie es unser Herr Jesus von Nazareth getan hat.“
Autorin: Gleich neben der Ruine der Franziskaner-Kirche steht eine andere Kuriosität, inzwischen freigelegt: die Berliner Mauer! Nein, nicht die, an die Sie jetzt denken! Der Berlin-Historiker Felix Escher erklärt:
O-Ton: Die Stadt war von einer Stadtmauer umgeben. Und von dieser Steinmauer ist wunderbarerweise noch ein Stück erhalten geblieben. Weil dieser Bauteil von beiden Seiten mit Häusern umbaut gewesen ist und zwischen den Häusern noch die Reste der Stadtmauer geschützt überleben konnten.
Autorin: Auch die urig-altertümliche Gastwirtschaft „Zur letzten Instanz“ steht hier in einem historischen Haus. Man kann hier sogar mittelalterlich essen und trinken. Aber wir ziehen weiter – zur Nikolai-Kirche im Nikolai-Viertel. Diese Kirche war tatsächlich die Hauptkirche des mittelalterlichen Berlins. Wenn man an ihrer imposanten Eingangsfassade steht, blickt man hoch an einer etliche Meter hohen steilen Wand. Eine Wand aus Handball großen soliden märkischen Feldsteinen aus der Eiszeit hoch. Dieser untere Teil der Kirche ist tatsächlich noch das originale, spätromanische Fundament! Doch nach dem Krieg sieht die Kirche ziemlich trostlos aus.
O-Ton: Die Nikolai-Kirche ist stark zerstört, das Dach ist vollständig abgebrannt, die Gewölbe stürzen in der Folgezeit noch ein. Über 50% von Alt-Berlin war zerstört und beschädigt.
Autorin: Heute steht die Nikolai-Kirche schmuck und wie selbstverständlich mitten im Nikolai-Viertel, als Museum und Konzertsaal. Wie früher ist sie eng umbaut von kleinen Häusern. Fast sieht man überhaupt nicht mehr, dass das Nikolai-Viertel eigentlich eine Kunst-Altstadt ist – gebaut in den 1980er Jahren zur 750 Jahr-Feier. Es ist ein Puzzle aus einigen restaurierten Altbauten, etlichen neu gebauten Bürgerhäusern in mehr oder weniger traditioneller Bauweise. Und auch aus aus anderen Teilen Berlins verschobenen historischen Gebäuden - wie das bekannte Gasthaus „Zum Nussbaum“. Die schmalen Straßen und Gassen sind größtenteils gepflastert, auf historischem Grundriss. Und so fühlt es sich irgendwie doch an wie heimeliges Mittelalter, mitten im großstädtischen Berlin.
Musik
Autorin: Ach, es gäbe ja noch einiges mehr anzusehen vom mittelalterlichen Berlin. Die wunderbar erhaltene Heilig-Geist-Kapelle etwa, zu DDR-Zeiten Mensa für hungrige Studenten. Oder das Denkmal der Heiligen Gertrud an der Gertraudenbrücke, sie gründete ein Spital. Daher der Name Spittelmarkt, bis heute. Und dann vor allem, neben dem Fernsehturm, ein wunderbares Exemplar Märkischer Backsteingotik:
O-Ton: Geblieben ist aus der mittelalterlichen Stadt die zweite Pfarrkirche von Alt-Berlin, die Marienkirche. Sie war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dicht umbaut. Sie hat den Zweiten Weltkrieg wunderbarerweise nur mit geringen Schäden überstanden.
Autorin: Auch der Sockel der Marienkirche ist aus Brandenburger Feldsteinen gebaut, davor steht ein kleines, roh behauenes Steinkreuz aus dem Hochmittelalter, das Sühnekreuz. Fahren Sie doch mal hin und schauen Sie, was Bernau damit zu tun hat! Und wenn Sie schon mal da sind: Schauen Sie sich gleich im Vorraum der Kirche den „Berliner Totentanz“ an, einen der größten und vollständigsten nördlich der Alpen. Ein schaurig-schönes Wandgemälde aus der Zeit des „Schwarzes Todes“: der Pest. Rund 22 Meter lang ist es und zwei Meter hoch, gemalt vermutlich von einem Franziskaner-Mönch. Ein Tanz zwischen Leben und Tod. Das Mittelalter lebt in der alten Mark Brandenburg!
Musik
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Zum weiteren Entdecken:
Literatur:
Steffi Kühnel: „Civitas Berolinensis“, Vergangenheits-Verlag
Museen:
Zentrum PETRI (Berlin)
Märkisches Museum (Berlin)
Pauli-Kloster (Brandenburg an der Havel)