Sechs Personen sitzen an einem Tisch, der mit einem roten Tischdecken und verschiedenen Getränken sowie Snacks gedeckt ist. Sie scheinen sich anregend zu unterhalten und genießen die gemeinsame Zeit. Die Atmosphäre wirkt freundlich und entspannt. Sechs Personen sitzen an einem Tisch, der mit einem roten Tischdecken und verschiedenen Getränken sowie Snacks gedeckt ist. Sie scheinen sich anregend zu unterhalten und genießen die gemeinsame Zeit. Die Atmosphäre wirkt freundlich und entspannt.
Sechs Personen sitzen an einem Tisch, der mit einem roten Tischdecken und verschiedenen Getränken sowie Snacks gedeckt ist. Sie scheinen sich anregend zu unterhalten und genießen die gemeinsame Zeit. Die Atmosphäre wirkt freundlich und entspannt.
20.09
2026
08:40
Uhr

Lebendige Bibliothek

Wie die Garnisonkirche Potsdam DDR-Friedensbewegte zu Wort kommen lässt

Autor:
In der Bildungswerkstatt der Garnisonkirche Potsdam geht es an diesem Nachmittag lebhaft zu: Drei ältere Herren sitzen nebeneinander an einem Tisch, die Blicke auf eine Leinwand gerichtet. Dort ist eine weitere Zeitzeugin per Video zugeschaltet. Gemeinsam erinnern sie sich an die Friedensbewegung in der DDR, an selbstgeknetete Raketen und an Aktionen gegen das Wettrüsten.
Die Runde ist Teil eines Projekts, das im Umfeld der Interkulturellen Woche stattfindet: In der „Lebendigen Bibliothek“ erzählen Menschen von ihren persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen. Sie werden mit ihren persönlichen Geschichten zu lebendigen Büchern über die DDR-Friedensbewegung. 
Doch beim Erinnern ist nicht alles sofort wieder da. Einer der Männer kann sich partout nicht mehr an die Knetraketen erinnern. Die Zeitzeugin lässt nicht locker: „Das musst du doch noch wissen!“ Im Raum wird gelacht. Dann wird es still. Denn jetzt geht es um die eigene Biografie – aus welchem Erlebnis im DDR-Friedensengagement soll ein Buch entstehen? Einer der Männer erzählt von seinem Wehrdienst an der Grenze, von der Angst im Ernstfall schießen zu müssen, und von der Bewunderung für jene, die den Dienst an der Waffe verweigerten und dafür in die Strafanstalt Schwedt kamen. 
Gleichzeitig fragt sich der Mann, was er als Konfessionsloser in einer kirchlichen Veranstaltung beitragen kann. Doch genau darum geht es – um unterschiedliche Erfahrungen und darum, sie gemeinsam sichtbar zu machen.
Denn in dem Projekt sollen Menschen ihre persönlichen Erinnerungen an die DDR-Friedensbewegung festhalten. Ihre Geschichten sollen zu einem lebendigen Buch werden. Projektleiterin Hana Hlásková erklärt, was dahintersteckt:

Hana Hlásková:
Also man muss sich das wirklich so lebhaft vorstellen wie der Titel. Menschen öffnen sich wie ein Buch und ein Leser oder Leserin kann in ihnen lesen. Das heißt, diese Bücher erzählen ihre persönliche Geschichte, einen Aspekt aus ihrem Leben, der zu einem bestimmten Thema ausgewählt wird. Und von ihren Erfahrungen, Erlebnissen. Und diese Leserinnen und Leser hören nicht nur so zu, weil man liest, liest man auch nicht nur, man denkt auch nach und einem kommt was im Kopf. Das heißt, sie dürfen aber auch gerade in diesem Gespräch auch Fragen stellen an das Buch und direkt auch eigene Anmerkungen, eigene Resonanzen so äußern. Und das entsteht in so einem kleinen Rahmen, wo man in Austausch auch miteinander tritt. Mit diesem Buch, anhand dieser kleinen Geschichte, die das Buch so einbringt in die Gesprächsrunde.

Autor:
Zurück im Vorbereitungsraum: Die Zeitzeugen feilen an ihren Buchcovern – sie suchen Titel, Bilder und arbeiten an kurzen Klappentexten. Sie sind Teil des Projekts „Vom Transparent zur Stimme“. Der Titel spielt auf die Transparente an, mit denen einst bei Demonstrationen und Friedensmärschen in der DDR protestiert wurde. Das Projekt wird von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam getragen und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Im Mittelpunkt steht ein Ereignis, das heute kaum noch bekannt ist: der Olof-Palme-Friedensmarsch von 1987.    
Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme setzte sich für Entspannungspolitik im Kalten Krieg ein. 1986 wurde er ermordet. Ein Jahr später zog ein internationaler Friedensmarsch in seinem Namen von Schweden über beide deutschen Staaten und Österreich bis in die Tschechoslowakei. Er dauerte fast zwanzig Tage, mit unzähligen Veranstaltungen. Auch Potsdam war eine Station. Doch welche Rolle spielte dabei die Garnisonkirche, deren Ruine 1968 gesprengt worden war? Hana Hlásková über die historischen Wurzeln:

Hana Hlásková:
Nach dem Krieg, nachdem wofür dieser Ort stand, müssen wir das aufarbeiten und auch für Frieden beten. Nun, wir sind in der Zeit der SED-Diktatur, die hat es mit den Kirchen nicht am Hut, hat eine andere Ideologie und auch so eine zerstörte preußische Militärkirche ist ein Dorn im Auge. Deswegen wird entschieden, die Garnison hier zu sprengen. Die Gemeinde wird enteignet und zieht hier nicht weit von der ehemaligen Garnisonkirche ins Gemeindehaus. Und dort fängt sie so eine Basisarbeit zu machen in den 70er, 80er Jahren, die auch dazu führt, dass der sogenannte Friedenskreis gegründet wird. Und dieser Friedenskreis beteiligte sich am Olof-Palme-Friedensmarsch. Das heißt, wir haben einmal auch diese historische Verbindung, dass die ehemalige Gemeinde aus dieser alten Garnisonkirche nach dem Krieg an dem Friedensmarsch sich beteiligt hat.

Musik: Scorpions – „Wind of Change“

Autor:
Die Geschichte der Garnisonkirchengemeinde verbindet sich hier mit der Geschichte der DDR-Friedensbewegung. Aus der vertriebenen Gemeinde heraus entstand der Friedenskreis, der sich am Olof-Palme-Friedensmarsch beteiligte. An diese Verbindung knüpft das heutige Projekt an: Es will nicht nur an den Friedensmarsch erinnern, sondern auch danach fragen, wer damals gehört wurde – und wer nicht.
Das Projekt spricht bewusst von „vielen Stimmen für den Frieden“. Denn die SED beanspruchte für sich, auch beim Thema Frieden die maßgebliche Stimme zu sein. Für die Kirche und andere gesellschaftliche Gruppen blieb kaum Raum, erklärt Projektmitarbeiterin Hannah-Maria Liedtke:

Hannah-Maria Liedtke:
Und das war schon das Besondere in der DDR, dass dieser Alleinvertretungsanspruch und diese Machtposition, die die SED eingenommen hat, eben auch für das Thema Frieden stand und das war bezeichnend, dass auch zu dem Thema die Kirche nichts sagen sollte. Da ist das irgendwie so massiv zu sehen, dass Kirche so an den Rand gedrängt wurden und Christen und Christinnen komplett ausgegrenzt waren aus der Gesellschaft, wenn nicht mal bei einem Thema Frieden die Kompetenz der Kirche oder der Religion genutzt wird und eine Einbeziehung stattfindet. Und das ist so diese Stimme, eine Stimme haben, gehört werden, so also greift eigentlich auch so das heutige Engagement von Gruppen, die sich so also als Minderheit in der Gesellschaft existieren und auch immer darum kämpfen, gehört zu werden, eine Stimme zu haben und so.

Autor:
Am 17. September öffnete die Lebendige Bibliothek in der Garnisonkirche ihre Türen – im Umfeld der Interkulturellen Woche unter dem Motto „dafür!: Haltung zeigen, Stimme erheben.“ Die Menschen, die an diesem Abend zum lebendigen Buch wurden, brachten ganz unterschiedliche Perspektiven mit: Darunter ein ehemaliger Gemeindepädagoge aus dem Friedenskreis, ein ehemaliger Mitarbeiter eines staatlichen Tiefbaubetriebs der DDR und jemand aus einer sozialistischen Parteifamilie, der über Freunde zur Jungen Gemeinde fand. Ein Hobbyfotograf, dessen Bilder heute Postkarten sind – er ist derselbe, der eingangs von seinem Wehrdienst an der Grenze und seinen Zweifeln als Konfessionsloser erzählte. Ein West-Berliner, der die Perspektive des Partner-Friedenskreises Zehlendorf einbringt. Hinzu kamen Stimmen aus der Gegenwart: eine ukrainische Künstlerin, die der Toten des Kiewer Maidan gedenkt, und eine Aktivistin für politische Gefangene in Belarus. Doch eine Perspektive fehlte:

Hannah-Maria Liedtke:
Was nicht geglückt ist, ist tatsächlich jemanden von der staatlichen Seite, damals staatlichen Seite, zu finden, der oder die erzählen würde, hier aus Potsdam nicht. Aber das ist ganz schwierig bisher. Und es kommt natürlich auch dazu, es ist fast 40 Jahre her, also gerade von den staatlichen Akteuren sind halt viele verstorben, weil die einfach zu alt waren damals schon, also in einem höheren Alter waren und nicht mehr leben oder sich auch nicht mehr erinnern können.

Autor:
Das sind Momente, wo Zeitzeugenarbeit an Grenzen stößt. Gleichzeitig will das Projekt bewusst über die DDR hinausblicken: Was kann die Erinnerung an den Friedensmarsch für Menschen bedeuten, die heute für Frieden, Freiheit und Demokratie kämpfen?

Hannah-Maria Liedtke:
Wenn wir diese Geschichte vom Olaf-Palme-Friedensmarsch aufarbeiten, schauen wir ja, welche Unterstützung gab es dann im Kalten Krieg von Menschen, die in einer Demokratie gelebt haben, für Menschen, die eben nicht in einer Demokratie gelebt haben. Also welchen Support, sagt man heute, welche Solidarität hat es gegeben? Und dass wir einfach schauen, also das herausfinden und schauen, wenn wir jetzt alle in einer Demokratie leben, für wen geben wir heute Support? Also wer braucht denn heute unsere Unterstützung? Und da geht halt der Blick nach Belarus, in die Ukraine, in die Türkei, wo Leute im Exil sind oder halt inhaftiert sind. Genau. Und eben keine Stimme haben.

Musik: Sting - Fragile

Autor: 
Erinnerungen weiterzugeben setzt voraus, dass man sie selbst noch greifen kann. Um Symbole und Erfahrungen weiterzugeben, muss man sie erst einmal bewahren. Was erhofften sich die Organisatorinnen von der Begegnung im September?

Hana Hlásková:
Also ich glaube, es war wichtig, dass die Bücher sich wohlfühlen bei der Veranstaltung auch, weil das in der Tat, wir haben darüber gesprochen, man muss erst mal sich das vorstellen, dann werden und an dem Abend wirklich auch sagen: Es wurde angenommen, was ich hier erzählt habe und die Menschen haben gerne in mir gelesen. Also wohlfühlende Bücher, das ist die oberste Priorität, was ich mir wirklich wünschen würde. Und das Zweite ist, dass sich eben Gespräche öffnen, dass interessierte Menschen kommen zu dieser Veranstaltung und dass sie nicht unbedingt nur mit Antworten nach Hause gehen, nach dem Motto, jetzt weiß ich einfach mal mehr über die Zeit zu den 80er Jahren oder auch über diesen Friedensmarsch, sondern vielleicht mit Fragen, die sie auch mitnehmen, weil das möchten wir, wir möchten Menschen irritieren und anregen, noch weiter zu denken, nicht nur irgendwie, jetzt weiß ich alles, erledigt, Schluss.

Autor: 
Eine solche Begegnung kann auch die eigenen Grenzen sichtbar machen. Hannah-Maria Liedtke beschäftigt dabei besonders die Frage, wie Menschen miteinander ins Gespräch kommen, wenn sie sich sonst vor allem in ihren eigenen sozialen Kreisen bewegen.

Hannah-Maria Liedtke:
Also man sagt, spricht ja so viel von den eigenen Blasen, in denen man sich bewegt. Das ist ja alarmierend.

Autor:
Die „Lebendige Bibliothek“ will solche Begegnungen ermöglichen: Menschen erzählen ihre Geschichten – und andere nehmen sich Zeit, ihnen zuzuhören. Am 17. September verwandelte sich die Garnisonkirche in Potsdam so zu einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch kamen. Wer sich dort ein lebendiges Buch ausleiht, geht am Ende vielleicht mit mehr Fragen nach Hause, als er mitgebracht hat.

Musik: David Guetta, Alphaville & Ava Max – „Forever Young“