Autorin:
Zehn Jahre Ehe. Das sind auch zehn Jahre voller Erinnerungen. Sven Kretschmer und Tim Kretschmer-Schmidt haben vor zehn Jahren kirchlich geheiratet und ihr Hochzeitstag ist für die beiden bis heute ein ganz besonderer. Am 12. August 2016 haben sie sich in der Berliner Marienkirche trauen lassen, als das erste Paar nach der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Zehn Jahre später erinnern sie sich noch sehr genau an diesen Tag.
Sven Kretschmer: Der Tag war perfekt. Der Gottesdienst. Die Musik. Die Freunde, die dabei waren. Das Licht. Das war so ein wunderschönes Gefühl. Wir waren in der Kirche und ich dachte, man kann es gar nicht festhalten, dieses Gefühl. Und auch nicht in Bildern wahrscheinlich. Was ich da sehe, wenn ich dasitze. Und es war. Ja, es war alles. Alles war golden, alles strahlte. Und das war auch noch mal so toll. Das war alles noch mal genauso machen.
Tim Kretschmer-Schmidt: Ja schön. Also wir erinnern uns tatsächlich immer noch gerne an diese Hochzeit zurück. Und Hochzeitstag ist für uns auch immer noch dieser, der 12. August. Also da denken wir auch beide immer noch dran.
Sven Kretschmer: Genau, die kirchliche Hochzeit, die war auch wichtiger für uns. Das hat dann auch wieder eine neue Realität geschaffen. Also auch diese Bilder, die es dann gab, jetzt manchmal immer noch auftauchen, wo man eben sieht, ist es eben schön, wenn zwei Menschen, die sich lieben, heiraten. Und vielleicht war das auch ein Schritt, der da mit dazu beigetragen hat, dass sich das staatlich dann auch geändert hat.
Autorin:
Der Beschluss der Synode fiel 2016 – ein Jahr bevor die „Ehe für alle“ in Deutschland überhaupt gesetzlich eingeführt wurde. Innerhalb der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgs war das ein Moment, auf den viele lange hingearbeitet hatten.
Sven Kretschmer: Es war spannend. Der Synodenbeschluss. Da hat man schon so ein bisschen mitgefiebert, ob es dann kommt, so dass das entschieden wurde und dachte man schon so, vielleicht gibt es da Regionen in der Landeskirche, die da eben vielleicht nicht so offen sind. Aber dann kam von überall das Ja zu diesem Beschluss. Das war eine große Freude.
Tim Kretschmer-Schmidt: Und sonst war eigentlich ein großes Einvernehmen auch da und auch ein Mitnehmen. Also klar zu machen, dass jetzt keine Torte, wenn ich da ein Stück abschneide, kriegt jemand was weniger, sondern das ist einfach was, wo alle Getauften dürfen diesen Segen bekommen. Und es geht ja nicht primär in der Gemeinde um eine Identität, die von der Sexualität oder von der sexuellen Orientierung bestimmt ist, sondern die von Christus bestimmt ist und die bekommen wir ja durch die Taufe.
Autorin:
Die Synode entschied 2016, die kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Begründet wurde das auch theologisch: Ehe wird dabei nicht vom Geschlecht her gedacht, sondern von der Verbindlichkeit zweier Menschen, die ihr Leben miteinander teilen und unter Gottes Segen stellen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.
Musik: Thats what I want – Lil Nas X
Autorin:
Der Weg zur Öffnung kirchlicher Trauungen war für gleichgeschlechtliche Paare kein kurzer und kein geradliniger. Er ist verbunden mit Erfahrungen von Ausschluss, Unsichtbarkeit und Ablehnung. Für viele queere Menschen bedeutete Kirche lange Zeit nicht Zugehörigkeit, sondern Distanz und viele haben sich deshalb bewusst von ihr abgewandt. Pfarrerin Ulrike Telschow erinnert sich an ihren eigenen Weg in den kirchlichen Dienst.
Ulrike Telschow
Als ich angefangen habe zu studieren, das war 2006, wurde mir auch immer noch gesagt, so unter der Hand, dass: Ich sollte, nicht in den Beruf gehen als queere Person. So was wollen wir hier nicht haben. Und dann hat sich gegen Ende des Studiums, das war dann so um 15/16 herausgestellt, dass ich Veränderungen der Personalabteilung ergeben haben. Und mit einem Mal war ich dann herzlich willkommen. Das war einfach schon eine große Veränderung in der EKBO, dass sie gesagt haben: Wir wollen, dass das queere Leute auch hier bei uns sind und das ist nicht mehr das Thema, sondern wir suchen einfach gutes Pfarrpersonal und fertig.
Autorin:
Dabei geht’s auch um Repräsentation: Telschow hat sich selbst für die Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin und Brandenburgs aufstellen lassen, um queere Perspektiven in kirchlichen Entscheidungsstrukturen zu stärken.
Ulrike Telschow
Also einmal geht es darum, dass Menschen repräsentiert sind in der Landessynode, die eben auch marginalisierten Gruppen angehören, sodass die Landessynode selber überhaupt vielfältiger wird. Das war mir ein persönliches Anliegen, und das hat ganz gut korrespondiert mit unserer Superintendentin, die ja explizit auch gesagt hat, sie wünscht sich sowieso mehr Diversity überall und begrüßt das auch bei den Bewerbungen für die Landessynode. Und dann habe ich da ganz klar gesagt, dass ich als queere Person da gerne reingehen möchte und dann eben auch für queere Anliegen einstehe. Und wurde dann auch fast einstimmig gewählt.
Autorin:
Die Veränderungen zeigen sich für Pfarrerin Ulrike Telschow nicht nur auf synodaler Ebene. Auch in den Gemeinden hat sie sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht – von Zurückhaltung bis zu großer Offenheit.
Ulrike Telschow
In meiner Vikariatsgemeinde selber, aber da war auch ein schwuler Pfarrer. Aber da war es dann eher so Don’t ask, don’t tell. Du konntest da schon sein, aber mach es nicht so wahnsinnig viel zum Thema.
Und dann kam ich in meine Gemeinde, um mit meiner Frau dann Borgsdorf-Pinnow und die haben sofort uns beide reingenommen. Und als wir dann ein Kind bekommen hatten, war irgendwie gar kein Halten mehr. Also da waren wir dann die Mamas von diesem Kind und das Kind is niedlich. Und also da war so eine ganz andere Erfahrung. Da habe ich einfach eine große Offenheit erlebt. Also da haben viele Leute Kinder, die queer sind, auch ein paar queere Erwachsene.
Musik: Kitschkrieg - Du bist gut genug
Autorin:
Zehn Jahre nach der Öffnung der kirchlichen Trauung für gleichgeschlechtliche Paare in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zeigt sich der Wandel vor allem im kirchlichen Alltag und in unterschiedlichen Gemeinden in der Region. Dabei spielen auch Pfarrerinnen und Pfarrer eine Rolle, die diese Entwicklungen in ihrer Arbeit mit aufnehmen – in Gottesdiensten, Predigten und seelsorgerlichen Gesprächen, genauso wie in kirchlichen Gremien. Wie sich diese Veränderungen im Kontakt mit Menschen zeigen, beschreibt Pfarrerin Ulrike Telschow.
Ulrike Telschow
Auch wenn ich in anderen Gemeinden predige und wo es dann auch um queere Themen ging. Und dann kommen ganz viele zu mir, schon am Ausgang mit Tränen einerseits, die dann auch so ein bisschen Zuwendung brauchen, weil sie das so berührt, dass sie endlich gesehen werden. Und zum anderen viele, die einfach Danke sagen. Und das gleiche spiegelt sich halt in meiner Gemeinde, in dem die Leute mitbekommen, dass da ein Safe Space ist, dass ich das zum Thema mache und sie auch mit ihren Themen zu mir kommen können. Kaum mehr als am Anfang. Hat da auch jemand gesagt in Borgsdorf gibt es so was nicht. Ich kann mittlerweile gar nicht mehr zählen.
Autorin:
Queeres Gemeindeleben ist Teil der Kirche – aber seine Sichtbarkeit und Anerkennung sind das Ergebnis langer Prozesse, die nicht nur auf offizieller Ebene mit Beschlüssen geführt wurden, sondern auch auf persönlicher Ebene.
Gemeindepädagoge Tim Kretschmer-Schmidt gehört zu den Menschen, die die Entwicklungen in der Kirche über viele Jahre hinweg selbst erlebt haben – lange bevor es die kirchliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare offiziell gab.
Tim Kretschmer-Schmidt: Wir hatten ja in den 90er Jahren wirklich harte Kämpfe, so diese Zuversicht, dass das irgendwann mal möglich ist. Ehe für alle in allen Landeskirchen. Das hat uns einfach getrieben. Die Frage war halt immer nur wann? Und dann? Dann ging's doch schnell. Manche haben gesagt Ach, das erleben wir nicht mehr. Also hätte ich auch gedacht, so. Aber dass die Kirche so mit dem Wagen auf den CSD, mit Regenbogenflaggen, dass dieser Pride Mann einfach auch mal Thema ist und zelebriert wird, dass es mehr und mehr queere Gottesdienste gibt.
Ich glaube, dass sich zumindest ich rede jetzt mal von unserer Landeskirche schon viel getan hat. Auch dass dieser Vorbehalt weggefallen ist, dass Pfarrerinnen halt sagen Nein sagen können oder oder der Chor das ablehnen kann. Dass es einfach klar ist Ja, das ist halt eine Kasualien wie jeder andere auch. Und das finde ich halt sehr wichtig.
Autorin
Viele dieser Veränderungen wurden kirchlich durch Entscheidungen der Landessynode der ev. Kirche im Jahr 2016 möglich gemacht und auch theologisch begründet. Im Zentrum steht dabei ein erweitertes Verständnis biblischer Texte. Die Schöpfungserzählungen etwa werden nicht als Festlegung auf ein bestimmtes Ehemodell gelesen, sondern als Ausdruck der Geschöpflichkeit aller Menschen und ihrer Fähigkeit zu Beziehung und Verantwortung. Die Trauung wird dabei beschrieben als Gottesdienst, in dem „Gottes Wort verkündigt, die Fürbitte der Gemeinde gesprochen und der Segen zugesprochen“[1] wird – unabhängig von der sexuellen Orientierung der Paare.
Neben kirchenrechtlichen und theologischen Entwicklungen stellt sich auch die Frage, wie Kirche im Alltag konkret gelebt wird – und welche Stimmen und Erfahrungen dort Raum haben. Pfarrerin Ulrike Telschow sagt dazu:
Ulrike Telschow
Ich habe ja selber für mich überlegt, dass ich die Kirche den anderen nicht überlassen will. Und ich glaube, dass die Kirche sehr viel Potenzial hat und auch sehr viele Menschen dort sind, die nach vorne denken und progressiv und offen sind. Ein Leben im Glauben mit Gott, das einfach aufzugeben, weil da eben auch Menschen sind, die auch nicht so ganz bibelfest sind mit ihrer Ablehnung bestimmten Gruppen gegenüber. Denen können wir die Kirche nicht überlassen. Also dafür haben wir zu viele schöne Orte, schöne Veranstaltungen, schöne Gruppen miteinander und auch einen wichtigen Auftrag. Gerade so in der Arbeit für marginalisierte Gruppen, also von Geflüchteten bis zu Queers. Das ist unsere grundlegende Aufgabe.
Autorin:
Kirche zeigt sich nicht allein in Beschlüssen und Ordnungen, sondern dort, wo Menschen sie konkret leben und gestalten. Dort wird sie zu einem Ort der Zugehörigkeit, wo Vielfalt mitgedacht und Unterschiedlichkeiten mitgemeint sind. Aus Tradition wird so gelebte, inklusive Praxis.
Zehn Jahre „Ehe für alle“ stehen deshalb auch für zehn Jahre kirchlicher Realität – und für den Anspruch, dass Liebe in ihrer Vielfalt auch kirchlich sichtbar und anerkannt sein kann. Ein Beispiel dafür sind Tim Kretschmer-Schmidt und Sven Kretschmer, die vor zehn Jahren kirchlich geheiratet haben. Für die beiden ist es ein Jubiläum mit Höhen und Tiefen, ein Tag, der bis heute nachwirkt.
Tim Kretschmer-Schmidt: Ich möchte jetzt noch mal wirklich alle Paare ermutigen. Macht es. Das ist einfach eine tolle Stärkung, richtig geil, romantisch und man hat lange Zeit wirklich eine schöne Erinnerung. Ich habe immer gesagt, das es nicht der schönste Tag in unserem Leben, aber es ist einer von ganz, ganz vielen schönsten Tagen in unserem Leben. Zu wissen, das ist einfach was auch in schwierigen Zeiten noch mal eine schöne Erinnerung ist.
Musik: Home – Edward Sharpe & The Magnetic Zeros
[1] Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO):
Vorlage der Kirchenleitung „agendarische und kirchenrechtliche Umsetzung der Gleichstellung von Gottesdiensten zur Segnung zweier Menschen in eingetragener Lebenspartnerschaft mit Traugottesdiensten“, der Tagung vom 8.–9. April 2016, Berlin.