25.12
2025
08:40
Uhr

Mehr als fromme Worte

Weihnachtsbotschaft für Anfänger

Ein Beitrag von Alexander Aehlig

Autor: Es ist Anfang Dezember und ich bin in Potsdam auf dem Weihnachtsmarkt in der Brandenburger Straße unterwegs. Dem "Potsdamer Weihnachtszauber" Seit Ende November gibt es hier wieder Unmengen an Glühwein, Stollen, Rostbratwürsten und Erzgebirgischem Fensterschmuck zu kaufen. Zwischen dem Brandenburger Tor auf der einen und der Kirche St. Peter und Paul auf der anderen Seite, kann ich hier wieder hautnah erfahren, was das Weihnachtsfest im weltlichen Sinne ausmacht. Und obwohl die große Propsteikirche unübersehbar über das Getümmel hinweg thront, stelle ich fest, dass der eigentliche Kern von Weihnachten den Menschen eigentlich nur noch schwammig im Gedächtnis geblieben ist.

O-Ton: Den Weihnachtsmann. Schöne Feiertage. Aber was genau weiß ich jetzt auch nicht so genau. Es ist ja kirchlich bestimmt.

O-Ton: Also die Christen glauben, das war die Geburt Jesu Christi. Wer es glaubt, der glaubt daran.

O-Ton: Nein, die Frage musst du mir antworten. Ich weiß es nicht. Du bist christlich. Achso, ja, es ist ein Feiertag.

O-Ton: Ja, so spontan, ne? Weißt du?

Autor: Auch wenn sich über die letzten Jahrzehnte immer mehr Firmen über ihr Weihnachtsgeschäft, Arbeitende über ihren Urlaub und die Kinder über Ferien freuen, feiern wir eigentlich etwas viel Wichtigeres an Weihnachten.

Der Moment, in dem das wahr wurde, was im alten Testament schon früh überliefert wurde: Die Menschwerdung Gottes.

Das mag für uns heute vielleicht fern und altbacken oder auch überholt oder nach einem Märchen klingen, was uns diese Geschichte aber eigentlich sagt, ist, dass es an Weihnachten um viel mehr geht.

Es geht um Gemeinschaft und ums Innehalten. Es geht darum, zwischen den Jahren einen Moment der Ruhe zu finden, sich aus seinem Alltag auszuklinken und sich wieder aufs Wesentliche zu besinnen.

Was vor über 2000 Jahren einen völligen Umbruch bedeutete, den Anfang einer neuen Zeit und bald dann auch die Geburt des Christentums, darf auch heute noch eine - zumindest kleine - Zäsur sein.

In vielen Familien ist das Weihnachtsfest mit ganz eigenen Traditionen verbunden. In meiner Kindheit erinnere ich mich da gerne noch an das kleine Silberglöckchen, das die Bescherung am Abend ankündigte, oder aber auch das ganz klassische Abendessen mit Kartoffelsalat und Wiener Würstchen.

Ein fester Termin am Heiligen Abend war und ist bei mir auch immer noch die Christmette: die Messe in der Weihnachtsnacht. Erstaunlicherweise - so stelle ich es bei meinem Rundgang auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt fest - scheint das doch auch noch bei vielen anderen der Fall zu sein. Unabhängig davon, ob man christlich ist oder nicht. Für die Aufrechterhaltung der eigenen Tradition scheint Kirche dann also doch noch ausreichend zu sein.

O-Ton: Also ich gehe Weihnachten in die Kirche, allerdings erst spät abends, weil der Rummel am Nachmittag, der ist mir zu viel und lässt mich die Weihnachtsbotschaft eigentlich nicht erkennen.

O-Ton: Das Zusammensein eben. Das ist halt so. Und dann ist man da unter Leuten, weil man sonst alleine sitzt. Und dann wird gesungen(...)

O-Ton: Ich gehe in die Kirche, weil ich auch ein bisschen christlich geprägt bin und außerdem gehört das irgendwie dazu, dass man ein bisschen in Stimmung kommt, gehört es auch dazu, dass man am 24. nachmittags oder abends in die Kirche geht. (...)

und dass man das immer so gemacht hat, auch schon als Kind in die Kirche gegangen ist. Insofern für das innere Wohlbefinden und für das innere Gefühl, dass es Weihnachten ist, gehört das dazu und man singt dann "Oh du fröhliche" am Schluss und schon ist Weihnachten.

Musik: "Oh du fröhliche" 

Autor: Das Weihnachtsfest bringt die Menschen in den Kirchen zusammen - und das ganz unabhängig davon, ob sie regelmäßig Gottesdienste besuchen oder atheistisch geprägt sind. Dadurch rückt die Kirche alljährlich aber auch wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft. Fern von allen sonstigen Kontroversen und Image Schwierigkeiten, bekommt sie ganz von selbst wieder die Möglichkeit, ihre Botschaft an alle Menschen bringen zu können. Dabei spielt die Predigt - ein zentrales Mittel der Verkündigung - eine essentielle Rolle. Sie hat besonders an Weihnachten die Chance, Menschen zu erreichen, sie in ihrer jeweiligen Lebensrealität abzuholen und die kirchliche Hoffnungsbotschaft mit dem weltlichen Zeitgeist zu vereinen.

Damit diese Themen aber auch wirklich ankommen, braucht es für alle etwas anderes. Und vielleicht auch einen Denkanstoß: Muss sich das Konzept Predigt neu erfinden?

Um dieser Frage auf den Grund gehen zu können, bin ich im Februar dieses Jahres auf eine ganz besondere Veranstaltung aufmerksam geworden: das "Predigtbattle". Ausgerichtet vom Erzbistum Berlin und der Evangelischen Kirche

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kurz EKBO, konnte ich in der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin Schöneberg eine sehr erfrischende Art der Verkündigung erfahren.

Vor einer vollen Kirche traten an diesem Abend die evangelische Pfarrerin Marita Lersner und der katholische Pfarrvikar Holger Rehländer in drei Disziplinen gegeneinander an. Vor dem Start der Veranstaltung ergab sich noch ein kleiner Moment, um mit den beiden über die Entstehung des Formats zu sprechen.

Holger Rehländer: (...) Marita und ich, wir sind in einer Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern, die gemeinsam lmprogottesdienste machen. Und irgendwann im laufe eines solchen Gottesdienstes, hatten wir uns gedacht, Mensch, das könnte man ja auch mal nicht so sehr theatralisch mit Theaterpädagogik, sondern auch ein bisschen einfach nur mit Worten machen und auch Predigten improvisieren. Und Marita hat Erfahrung damit, sie hatte schon mal so eine Predigtbattle vorher gemacht gegen den evangelischen Kollegen. Und dann dachte ich auch, was der kann, kann ich auch, dann werde ich sie mal herausfordern.

Marita Lersner: Ich war mal bei einem Piano-Battle. Nach dem Vorbild vom Beatbattle im Hip-Hop haben zwei Flügel gegeneinander gespielt und wir als Publikum durften entscheiden, was wir besser fanden. Und es hat mich so mitgenommen, dass ich dachte, das müsste man doch eigentlich für die Sache Predigt auch anwenden können. Und habe dann das ungefähr zehn Jahre her einen Kollegen gewonnen. Viele Kollegen haben gesagt, nee, das würde ich mich nicht trauen.

Holger Rehländer: Und dann waren wir eben letztes Jahr in St. Michael in Kreuzberg, dort war ich damals tätig und genau, hatten unsere erste ökumenisches Predigtbattle.

Marita Lersner: (...) und dann haben wir allerdings, hat es eine ziemlich große Aufregung damals noch gegeben. Darf man das überhaupt?

(...)

Und so viel Aufmerksamkeit seid ihr nicht viel zu sehr auf euch selbst bezogen. (...)

Aber zehn Jahre später merken wir, dass die Aufregung ausbleibt und die Leute es für möglich halten, dass man mit der Sache Predigt spielen darf. Also da haben sich die Zeiten offensichtlich geändert.

Autor: Das spüre ich auch an diesem Abend. Geprägt von viel Lachen, Applaus und guter Laune führen uns die beiden durch jeweils eine vorbereitete und zwei spontane Predigten. Dabei kommt es vor allem auf Spontanität an, denn: Sie haben nur wenig Zeit, sich einige Notizen zwischen den Runden zu machen, bevor sie wieder ans Mikro müssen. Dass allerdings beide auf höchstem Niveau abliefern und trotz der Schnelle inhaltliche und spirituelle Tiefe hervorbringen, beeindruckt mich an diesem Abend sehr.

 

Predigt Holger Rehländer: Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt?

Was ist das für ein Lied und für eine Haltung fürs Leben? Immer weiterzufragen und sich nicht zu schnell zufrieden zu geben.

Und wie viele von uns wurden von solchen Sendungen geprägt und bewegt nach den Lach auf die Sachgeschichten zu warten und sich im Garten einen Bauwagen zu wünschen, mit einem der lustig heißt und der viel weiß und noch mehr wissen will, so wie Willi oder der Tobi, der es checkt und der in der ganzen Welt so viel Neues entdeckt.

Wenn all das uns als Kinder so ausmachte, wann brachte die Welt unser Fragen zum Erliegen?

(...)

Wie kann der Kelch deines Lebens zum Segenskälch werden?

Und was ist Gemeinschaft mit Christus für dich? Ganz konkret, hier auf Erden. Heißt es, gemeinsam zu glauben und zu zweifeln und zu fragen?

Heißt es, neue und alte Wege miteinander zu wagen? Heißt es, Menschen zu haben, bei denen du du sein kannst und entspannst?

Und ist das Brot, das wir brechen, Zeichen auf zu und nicht auseinander zu brechen?

Wie können wir uns ökumenisch gemeinsam stärken und nicht streiten über Realpräsenz oder Gerechtigkeit aus Werken?

Predigt Marita Lersner: (...) Also, wir konzentrieren, wir fokussieren uns auf etwas, was eigentlich lächerlich ist. Aber lächerlich, weil wir einen leidenden Menschen in den Mittelpunkt stellen und meinen, dass das unser Zentrum sein kann, jemand, der gescheitert ist.

Ich sehe darin nicht nur das Lächerliche, sondern ich sehe darin auch das Befreiende, das österliche Lachen, dass wir Menschen sind, die scheitern dürfen, die immer wieder am Ende sind, aber dass damit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Das österliche Sachen setzt da ein, wo die Freundinnen und Freunde von Jesus gemerkt haben, er ist nicht tot, er ist ja noch da und er wirkt in uns und er verbindet uns miteinander und er schickt uns auf den Weg zu den anderen hin und er macht uns Lust mitzumachen, mitzuwirken an der Sache der Gemeinschaft, die ganz klein begonnen hat und sich in alle Welt ausgeweitet hat.

Autor: Diese beiden Ausschnitte nur als kurzen Einblick.

Am Ende geht der Abend unentschieden aus. Gewertet und gepunktet wurde über den Applaus aller Besuchenden. Auch wenn einer der beiden jeweils in einer Kategorie kurz vorne lag, konnte keiner den Abend für sich entscheiden. Holger Rehländer bleibt somit in diesem Format der amtierende Sieger. Dass das aber nicht das Wichtigste an diesem Abend ist, versteht sich von selbst.

Fazit Holger Rehländer: Ich glaube, wir haben beide gut gepredigt oder ähnliche Themen auch gehabt. Also von daher, das passt schon. Wobei ich aber auch sagen muss, ganz ehrlich, durch das Unentschieden ist mir jetzt der Titel auch nicht wirklich genommen worden. Also ich kann nicht sagen, dass ich besiegt wurde, wenn man diesen Sattle-Charakter jetzt ernst nennt.

Autor: Pfarrerin Marita Lersner fasst es so zusammen:

Fazit Marita Lersner: Das war ein wirklich schöner Gottesdienst. Ich habe mich sehr gefreut über eine aufmerksame Gemeinde, die wirklich was hören wollte. Es war nicht nur ein Happening, sondern da war ein Interesse an geistlichem Wort und auch eine Freude an dem spielerischen Format. Aber beides eben miteinander.

(...)

Da waren wir uns einig, dass wir auch wirklich ebenwürdig waren, also auf unterschiedliche Weise. Und manches ist auch Stilsache. Aber ich hatte das Gefühl, dass das Unentschieden vollkommen angemessen ist.

Autor: Ich stelle an diesem Abend vor allem eines fest:

Das Konzept Predigt ist heute mehr als aktuell und zeitgemäß. Es hat die Chance, uns alle in unseren ganz eigenen Lebensrealitäten abzuholen. Das kann, so wie in diesem Battle-Format, völlig unkonventionell und spontan passieren. Aber auch - und das ist vielleicht die Erkenntnis dieses Abends: ganz klassisch. Wichtig ist dabei vor allem, dass man nicht steif auf Tradition beharrt.

Wenn in diesen Tagen nun also viele Menschen in die Kirche kommen, dann sollte es vor allem um eines gehen: Wie erkläre ich die Weihnachtsgeschichte für Anfänger? Oder in Holger Rehländers Worten: Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?

Ein frohes Fest Ihnen allen.

Musik: "Christmas Swing"