25.05
2025
08:40
Uhr

Mein Freund, der Baum…

Von der spirituellen Bedeutung des Waldes

Ein Beitrag von Joachim Opahle

Autor:
Pflanzen und Tiere, Gerüche und Farben des Waldes schenken uns Ruhe, wir spüren uns intensiver mit der Natur verbunden und lassen inneren Ballast los. Der Wald ist ein Kraftort. Sie haben ein Büchlein geschrieben über die „Heilsame Wirkung des Waldes“, Frau Polz-Watzenig, was fasziniert die Menschen am Wald?

Polz Watzenig:
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich denke, das ist ambivalent: das eine ist, dass man weg vom Alltag kommt, …. und es ein Ort des Rückzugs ist, aber auch so ein Ort der Erholung, der Stille, ….. der Frische , ein Andersort.

Autor:
„Andersort“, das klingt schon fast spirituell. Wie kommt man darauf, dem Walderleben eine quasi therapeutische Bedeutung zuzusprechen?

Polz-Watzenig:
Das hat ganz viel mit komplexer Achtsamkeit zu tun….und man ist einfach drauf gekommen, dass es Menschen gibt, die können weder beten noch meditieren, aber sie können in den Wald gehen. Und was dort passiert, ist, dass diese komplexe Achtsamkeit, oder ungerichtete Achtsamkeit die Auswirkung hat, dass der Parasympathikus aktiviert wird und damit Entspannung eintritt. Und das hat eine heilsame Wirkung im Zusammenhang mit Depression- und Angsterkrankungen, weil dort ja Anspannung, Stress, vorherrschend ist. Das heißt, ich erreiche eigentlich noch bevor ich es im eigenen Körper spüre, dass ich in eine Ruhe komme, was sonst oft nicht gelingt. 

Autor:
Die Entdeckung des Waldes als Ruheort und Kraftort, mir scheint, das ist ein Thema, das in jüngster Zeit mehr und mehr Bedeutung gefunden hat. Ist das ein Modetrend oder die Wiederentdeckung einer alten Wahrheit? 

Polz-Watzenig:
Es ist interessant, weil hier eine Parallele zur Romantik festzustellen ist. In der Romantik war das Bedürfnis nach Natur so groß wie nie zuvor, auch dem geschuldet, dass die Bäume abgeholzt wurden, dass Material gebraucht wurde zum Bauen und Arbeiten. Und diese Parallele haben wir jetzt auch, auch wenn genug Waldbestand da ist. Jetzt erfüllt diese….was damals die Industrialisierung erfüllt hat, die Digitalisierung. Dass es so auseinandergeht, dass je mehr wir in digitalen Medien unterwegs sind, desto größer wird dieser Gap und diese Sehnsucht nach Natur, Erholung, Stille, Frische, Einfachheit.

Autor:
Naturzuwendung als Gegenbewegung zu unserer immer mehr technisierten Welt, das leuchtet ein. Gleichzeitig steht es ja eigentlich schlecht um den Wald. Immer wieder gibt es Schreckensmeldungen zu den schlechten Zuständen der Bäume. Kommt die Hinwendung zum Wald vielleicht aus dieser Erfahrung, dass uns mit dem Wald etwas ganz Wertvolles unwiederbringlich verloren gehen könnte, wenn wir nicht gegensteuern?  

Polz-Watzenig:
… dieses Bedürfnis, die Natur unversehrt zu sehen und unbeschadet zu sehen ist groß, und wenn wir jetzt in die Wälder gehen, wo die Fichtenwälder großem Stress ausgesetzt sind und der Borkenkäfer sehr viel zerstört, auch die Hitze, die wir haben, sehr viel zerstört, dann merkt man so, dass das ureigenste, was uns Sicherheit gegeben hat, gefährdet ist, und das erschreckt. 

Autor:
Sie sprechen von der heilsamen Wirkung des Waldes und empfehlen in ihrer therapeutischen Arbeit bestimmte Rituale, etwa das bewusste Eintauchen in den Wald mit allen Sinnen. Oder die sogenannte „Sorgenstein-Übung“, wo man aufgefordert wird, am Rande des Waldes einen Stein zu suchen, dem man seine Sorgen anvertraut und den man dann ganz bewusst am Boden ablegt. Sind diese therapeutischen Übungen zur Wahrnehmung des Waldes vielleicht gar ein Phänomen vorwiegend für gestresste Städter?

Polz-Watzenig:
Gesund wärs allemal. Also ich empfehl auch immer, in den Wald zu gehen. Es gibt Studien, wo es heißt: zwei Stunden in der Woche im Wald sind sehr gesund und erholsam, reicht schon. Aber eben nicht gestresst, also nicht laufend oder irgendwas hörend oder was immer. Es reicht, dieses Eintauchen, dieses Wahrnehmen von ich brems jetzt mal runter als Antistressprogramm. Nur: vielen gelingt das nicht. Also die meisten laufen durch den Wald. 

Autor:
„Mein Freund der Baum ist tot….“ hat die Sängerin Alexandra vor mehr als 50 Jahren in einem zu Herzen gehenden Lied gesungen. Wie erklärt sich eine so gefühlsstarke Beziehung zur Natur? Manche gehen ja soweit, dass sie Bäume regelrecht umarmen, um sich lebendig zu fühlen.. 

Polz-Watzenig:
Ich denk mir; alles was gut ist kann nie zuviel sein. …. Und dieses, wir nennen es in der integrativen Therapie „Zwischenleiblichkeit“, und in dieses zwischenleibliche Geschehen mit Lebewesen zu gehen, und Bäume sind auch Lebewesen, kann Angst machen, aber kann auch sehr, über Parasymphatikus, entspannen, beruhigen, gut tun.

Musik: Alexandra | Mein Freund der Baum ist tot

Autor:
Ich bin im Gespräch mit der Psychotherapeutin Astrid-Polz-Watzenig über die heilsame Wirkung des Waldes: Der Wald ist der Freund des Menschen, den man für die Therapie entdecken kann. Das ist das eine. Nun gibt es aber, und gab es immer schon auch den Wald als Ort der Furcht, der Dunkelheit, der Gefahr. Man erinnert sich zum Beispiel an die Märchen, wo im Wald die Räuber sind, oder der Wolf lauert, wo man sich verlaufen kann. Welche Bedeutung hat für Sie diese dunkle Seite des Waldes?

Polz-Watzenig:
Zum einen ist ja die Entstehungszeit der Märchen in einer Zeit, wo wir noch Urwälder hatten…. Also wir haben keine Urwälder mehr im europäischen Kontext, oder kaum, weil alles schon domestiziert wurde, und das heißt: ich wusste nicht, was mich im Wald erwartet. Und als Ort der Märchen wars natürlich immer so: im Wald da sind die Räuber, aber der Wald ist auch der Ort, wenn ich da an Brüderchen und Schwesterchen denke, wo Transformation gelingen kann, wo Veränderung, Verwandlung gelingen kann, eben über diese Ruhe, diesen Rückzug, dieses Rausgehen…. Weil dort dann erst Veränderung passieren kann.

Autor:
Stichwort Veränderung und Verwandlung: Es wundert nicht, dass Wälder und auch einzelne Bäume in den Weltanschauungen und Religionen eine große Rolle spielen, als so etwas wie „heilige Orte“, wo Kräfte walten und etwas mit mir geschieht, was mir vorher gar nicht so bewusst war. Oftmals sind Bäume auch Sitz der Götter. Wir erinnern uns zum Beispiel daran, dass der Missionar Bonifatius die Eiche des germanischen Gottes Donar umgehauen hat, weil er das für Aberglauben hielt. Es ist ihm nicht gut bekommen, wie man weiß: Die Germanen haben sich das nicht gefallen lassen und seinerseits den christlichen Missionar getötet. Aber konkret gefragt: Woher kommt es, dass Bäume als Sitz von Göttern oder himmlischen Mächten angesehen werden?

Polz-Watzenig:
Also im Katholischen ist die Ehrfurcht vor den Bäumen nicht allzu groß, da wird Geld gemacht mit Holz. Aber wenn man so die anderen Religionen anschaut, dann hat das ganz viel damit zu tun, auch mit den alten Religionen, aus Ägypten kommend, was für Heiligtümer Bäume sind, weil sie so lang überdauern, weil sie Jahrhunderte überdauern. Und das ist ein anderes Empfinden von der eigenen Endlichkeit, wenn ich weiß: der war schon da und der wird noch da sein, wenn ich schon gegangen bin. ….

Autor:
Auch in den seelsorgerlichen Angeboten der Kirchen kann man zurzeit eine besondere Hinwendung zur Natur beobachten. Naturwanderungen, besondere Walderfahrungen und ähnliche Veranstaltungen werden angeboten und finden Interessenten. In Eberswalde gab es eine Einladung unter dem Motto „Lass jubeln alle Bäume“, ein Zitat aus einem biblischen Psalm. Die Kirche, in dem Fall die katholische, will damit ins Bewusstsein rufen, dass den Wäldern gegenwärtig wenig Grund zum Jubeln gegeben wird. Wie schätzen Sie dieses naturzugewandte Engagement der Kirchen ein?

Polz-Watzenig:
Die Pastoral sollte die Furcht ablegen, Kirchen zu verlassen. Und wenn man einen Tag der Schöpfung macht, würde ich gut finden, wenn man vielleicht rein geht in den Wald mit den Leuten und sie einfach mal wahrnehmen lässt, was dort ist. Und man wird gemeinsam bemerken, dass diese Vielfalt der Schöpfung, mit den vielen Geräuschen, Gerüchen, mit dieser unglaublichen Schönheit, mit diesem Licht…. Nicht umsonst, das Vorbild der Kathedralen in der Gotik waren die Buchenwälder…. Wenn man das alles mal wahrnimmt, dann kann man einfach nur gemeinsam dankbar sein dafür, dass die Schöpfung noch immer so is wie sie is, auch wenn sie bedroht ist. 

Autor:
Auch Buchenwälder können Kathedralen sein….. Über die therapeutische und spirituelle Bedeutung des Waldes habe ich gesprochen mit der Therapeutin Astrid Polz-Watzenig aus Graz. Vielen Dank für das Gespräch!

Musik: „Halt, das ist unser Wald“ aus Film: Die Schule der magischen Tiere 3