Eine Gruppe von Menschen in orangenen T-Shirts arbeitet an einem Tisch neben einem Lieferwagen. Sie stehen in einer ländlichen Umgebung mit Bergen im Hintergrund. Einige Personen sind mit Schreiben beschäftigt, während andere mit Materialien beschäftigt sind.
27.09
2026
08:40
Uhr

Meine Zeit auf Lesbos

Im Gespräch mit einer freiwilligen Flüchtlingshelferin

Ein Beitrag von Johannes Rogge

Autor:
„Meine Zeit auf der Insel Lesbos" – so war der Artikel überschrieben, den ich zufällig im Pfarrbrief einer katholischen Gemeinde in Brandenburg an der Havel gefunden habe. Und sofort waren die Bilder bei mir wieder da: Moria. Ein Lager, das brennt. Tausende Menschen, die nicht wissen, wohin. Eine Insel im Ausnahmezustand. Moria wurde zum Synonym für das Elend an den europäischen Außengrenzen. Das war im September 2020.

Als Barbara ein Jahr später nach Griechenland kam, war Moria längst Geschichte. Das aber Elend nicht.

Sie hat insgesamt fast ein Jahr als freiwillige Helferin auf zwei griechischen Inseln gearbeitet – sieben Monate auf Chios, später noch einmal vier Monate auf Lesbos. Hauptberuflich ist sie Förderschullehrerin. Aufgewachsen ist sie in Brandenburg an der Havel. Und heute ist sie bei mir zu Gast. Barbara, wir haben verabredet, dass wir „du“ sagen: Herzlich willkommen!

Barbara: 
Hallo Johannes!

Autor:
Barbara, ich würde gerne direkt mittendrin einsteigen. Deine erste Station als freiwillige Helferin war auf der Insel Chios. Wenn du jetzt an diese Insel denkst, welcher Mensch fällt dir zuerst ein?

Barbara:
Das ist eine schöne Frage, weil ich an ganz, ganz viele Menschen denke, auch an Menschen, denen ich vielleicht nur ganz, ganz kurz begegnet bin. Und dann gibt es Menschen, die mich bis heute begleiten. Und einer davon ist Said. Said habe ich im Januar 2022 kennengelernt, als er zu uns mit seinen Freunden in den Shop kam und ich auch im Free-Shop gerade gearbeitet habe. Und irgendwie haben wir uns immer wieder, sind wir uns auf der Insel begegnet bei Spaziergängen, haben uns kurz gesehen. Und dann haben wir schließlich im Mai 2022 gemeinsam mit der Fähre die Insel verlassen. Mit ganz vielen anderen Geflüchteten bin ich nach Thessaloniki gefahren. Und da begann unsere Freundschaft, die bis heute anhält. Wir telefonieren, wir haben zusammen am Telefon Deutsch gelernt. Ich war bei all seinen Interviews beteiligt und wir haben uns gegenseitig unterstützt und begleitet. Und gerade auch als ich auf Lesbos war, haben wir so, so viel telefoniert. Was mir dann im Nachhinein nochmal 2024 sehr geholfen hat.

Autor:
Das heißt, ihr seid bis heute in Kontakt?

Barbara:
Ja, sehr eng sogar.

Autor:
Und wie geht's ihm heute? Was kannst du sagen?

Barbara:
Er macht hier eine Ausbildung. Lebt in einer deutschen Großstadt und ihm geht es wirklich sehr, sehr gut.

Autor:
Du warst als Freiwillige des Vereins „Stelp“ vor Ort. Was genau hast du vor Ort gemacht? Wie kann man sich so deinen Alltag vorstellen? Kannst du uns da mal mitnehmen?

Barbara:
Na klar. Stelp ist ein Verein in Stuttgart. Der entsendet Freiwillige zum Beispiel nach Lesbos oder halt eben nach Chios. Und da hieß mein Verein eigentlich „Offene Arme“, mit dem ich vor Ort war. Und ich habe sieben Monate mit „Offener Arme“ verbracht. Und unter anderem dann auch noch andere Projekte begonnen oder unterstützt. Bei „Offene Arme“ habe ich in einem Warehaus gearbeitet, habe wirklich Kleidung sortiert, Hygieneartikel. Kleidung, also wenn man sich das vorstellt, nach Sommer- und Winterkleidung, nach Kleidung, die man auch wirklich nicht weitergeben kann, genau, Babykleidung sortiert und diese Kleidung wurde dann in unseren Freeshop gebracht und dort haben wir dann die verteilt an die Geflüchteten. Entweder sind wir direkt ans Lager gefahren und haben die vor Ort die Verteilung gemacht, oder die Geflüchteten sind in unseren Freeshop gekommen, gelaufen.

Autor:
Und was hat so überwogen im Alltag? Dass du mit ganz viel Leid konfrontiert warst oder dass du helfen konntest und dich irgendwie selbstwirksam gefühlt hast?

Barbara:
Am Anfang war ich sehr viel im Warehaus erstmal und war mit den Kleidungen beschäftigt. Ich habe erstmal gar nicht mitbekommen, so richtig, was vor Ort alles passiert. Bis dann, gleich im Oktober 2021, ein Schiffsunglück vor Chios passierte und da war man mittendrin. Also vier Personen, vier Geflüchtete sind gestorben und da haben wir uns als Freiwillige wirklich am Meer getroffen und haben ganz anders darüber getrauert, sind damit konfrontiert worden, was vor der griechischen Küste direkt passiert.

Autor:
Und Wie war so das Miteinander? Also hattest du das Gefühl, dass dir ganz viel Dankbarkeit irgendwie entgegenkommt? Oder war es irgendwie eine sehr angespannte Situation? Wie kann man sich das vorstellen?

Barbara:
Beides oder alles ganz viele, viele verschiedene Emotionen. Man muss sich das ja vorstellen, dass die geflüchteten Menschen direkt dort landen, mit Booten landen. Und die schwerst traumatisiert sind, verletzt sind, auf ihrer Route Menschen auch verloren haben. Es ging gar nicht darum, eigentlich, was sie mir geben in dem Moment, sondern dass ich wirklich die Erstversorgung mit übernehme durch Kleidung, Hygieneartikel, einfach ein Lächeln, was wir schenken konnten. Und nach und nach entstanden dann durch die sieben Monate, die ich vor Ort war, auch in anderen Organisationen mitgeholfen haben, viel engere Kontakte.

Autor:
Du bist hier in Brandenburg, arbeitest du als Förderschullehrerin. Wie kommt man denn auf einmal dann auf eine griechische Insel und hilft dort sieben Monate geflüchteten Menschen? Kannst du uns mal mitnehmen, wie das passiert ist?

Barbara:
Ja, ich versuch's mal. Ist wirklich ein längerer Weg. Also meine innere Einstellung hat sich verändert. Ich habe viel mehr hingesehen, zugehört, habe Rassismus erlebt, ob in der Schule oder auf der Straße, im Bus. Ich kann mich an ganz viele Situationen so erinnern, die mich wirklich wütend, traurig machten, mich enttäuschten. Ich wusste gar nicht, wohin so richtig damit. Und dann passierte wirklich ja auch Moria. Also was für mich auch, du hast es eingangs erwähnt, was jetzt auch sechs Jahre wirklich her ist, sehr, sehr ausschlaggebend. Also da hat für mich auch nochmal begonnen, mich mehr mit der Situation in Griechenland zu beschäftigen, mit Lagern. Und das war wirklich für mich mein Punkt, du musst was tun, du kannst mehr tun! Sowohl hier in Deutschland, aber auch wirklich ins Ausland gehen, was ich dann auch getan habe.

Autor:
Im Vorgespräch ist mir ein Satz von dir in Erinnerung geblieben. Du hast gesagt: „Ich verstehe einfach nicht, wie man Menschen ausschließen kann.“ Ist das bis heute dein Gefühl und ist das so ein ganz zentraler Satz bei dir?

Barbara:
Ja, es ist sehr, sehr, sehr tragend für mich, weil ich finde das richtig schlimm, verletzend. Es geht um Menschen, Mitmenschen. Keiner gehört ausgeschlossen. Und der Satz sagt so viel für mich aus. Ich verstehe nicht, wie man Menschen ausschließen kann. In unserer Gesellschaft, in der Schule, egal wo ich hingucke, ob in Deutschland, in verschiedenen Ländern. Es geht einfach um uns, um Menschen, um Begegnungen. Und der Kern sind wir Menschen und das Miteinander.

Autor:
Und was hast du erlebt, was passiert, wenn man Menschen, die ausgeschlossen werden, wenn man die auf einmal im positiven Sinne einschließt? Also mit hineinnimmt, was passiert dann?

Barbara:
Wir alle möchten ja eingeschlossen und mitgenommen werden und jedem die Chance dafür geben. Es geht um uns alle dabei. Und ich finde, dass es schön ist, wenn man da ein Stück mitbewirkt. Ob es über die Sprache lernen zu geht, ob wir wirklich miteinander singen, tanzen. Ja, uns bewegen, anfreunden. Da passiert so viel menschlich.

Autor:
Musik und Tanz ist ein gutes Stichwort. Du hast nämlich auch ein Musikstück mitgebracht. Und zwar Fast Car von Tracy Chapman. Magst du mal ein, zwei Sätze sagen, warum du dieses Stück mitgebracht hast, was du mit ihm verbindest?

Barbara:
Ich habe das Lied mitgebracht, damit man mal die Atmosphäre erlebt. Also wir Freiwillige zusammen mit den geflüchteten Menschen, haben einfach wirklich uns getroffen, haben zusammen gefeiert, gegessen, haben Musik gemacht, Musik gehört, auch viel getanzt. Und die Stimmung, die da drüber kam, transportieren die Lieder auch für mich. Und das war eins, dass Greta auf der Gitarre ganz häufig gespielt hat und wir saßen eigentlich ums Feuer oder saßen auf einer Bank oder am Strand und haben dazu alle gesungen.

Autor:
Dann hören wir da jetzt mal rein.

 

Musik: Tracy Chapman: Fast Car

 

Autor:
Das war Fast Car von Tracy Chapman. Ausgesucht von meinem Gast Barbara, sie hat fast ein Jahr lang als freiwillige Helferin Geflüchtete auf zwei griechischen Inseln versorgt. Das war in den Jahren 2021 warst du auf Chios, 2024 auf Lesbos und du engagierst dich bis heute in dem Bereich. Und wir sprechen darüber am ersten Tag der interkulturellen Woche, die heute beginnt. Barbara, jetzt haben uns einige Leute zugehört und sagen vielleicht großen Respekt, alle Achtung, was du da gemacht hast. Sagen vielleicht auch, das würden sie sich selber gar nicht zutrauen. Und gleichzeitig ist da so ein Unbehagen. Im Sinne von „Wir können aber nicht allen helfen“ und „wir können auch nicht alle Menschen aufnehmen. Das übersteigt unsere Ressourcen.“ Was antwortest du diesen Menschen?

Barbara:
Ich verstehe erstmal diese Sorge, diese Ängste, diese Bedenken. Ich muss wirklich sagen, dass ich mich da auch nicht ausnehme von Ängsten und Sorgen und finde das auch berechtigt, diese anzusprechen. Ganz grundsätzlich erstmal: die haben Platz. Doch für mich steht der Mensch im Mittelpunkt. Ich sehe und wir sprechen von Menschen. Und da sollte mehr möglich sein.

Autor:
Jetzt bist du ja nicht in der Verantwortung, eine politische Lösung herbeizuführen. Das ist sicherlich auch eine große Herausforderung, aber die Themen werden weiterhin sehr kontrovers und auch hart debattiert. Gleichzeitig sagst du, es geht immer um den konkreten Menschen. Du hast vor Ort ganz viel Elend erlebt. Du hast Menschen erlebt, die alles verloren haben, die einen Neuanfang wagen. Du hast auch erlebt, wie Menschen sterben, die auf der Suche oder auf dem Weg in ein neues Leben tatsächlich ihr Leben verlieren. Das ist schon ziemlich heftig. Und ich habe mich gefragt, woher nimmst du die Kraft, damit umzugehen?

Barbara:
Zuerst einmal wirklich aus meinem Glauben. Ich bin christlich aufgewachsen, ich glaube an Gott, bin Christin und aus meinem Glauben schöpfe ich sehr, sehr viel Kraft. Und habe auch in meinem Glauben oder in der Gemeinde immer ganz viel Gemeinschaft erlebt. Und die Gemeinschaft, die habe ich dort nochmal viel enger und verbundener in Griechenland, auf Chios oder auf Lesbos erlebt. Und aus der habe ich nochmal viel, viel mehr Kraft und Hoffnung geschöpft, da dort wirklich ja aus dem Menschen heraus, aus unserer Gemeinschaft heraus ganz, ganz viel entstanden ist und entstehen kann.

Autor:
Du hast mir im Vorgespräch gesagt, dass die Würde des Menschen - tatsächlich Artikel 1 unseres Grundgesetzes - für dich auch ein ganz, ganz wesentlicher Punkt ist, dass diese Würde einfach Da ist und dass die bestehen bleibt und dass die unantastbar ist, so wie es im Grundgesetz steht. Und vielleicht würdest du ja auch als Christin sagen, die von Gott verliehen oder von Gott gegeben, geschenkt ist. Hat das was miteinander zu tun für dich?

Barbara:
Ja, auf jeden Fall. Es geht um uns Menschen, um die Würde jedes einzelnen Menschen und die Hoffnung, die darin auch steckt. Was wir wirklich im Einzelnen, im Gemeinsamen bewegen können und im Miteinander.

Autor:
Und ist das auch für dich der Auftrag, dann die Würde eines jeden auch irgendwie ja, zu schützen oder zumindest zu versuchen, zu helfen, dass sie halt nicht mit Füßen getreten wird?

Barbara:
Ja, unbedingt Und da würde ich mir viel, viel mehr Mitwirkung oder viel mehr Engagement oder auch von seitens der Institution, Kirche viel mehr Einsatz wünschen.

Autor:
Was macht dir denn Hoffnung nach all dem, was du gesehen hast? Gibt's da Sachen?

Barbara:
Ja, es ist nicht immer leicht, nur an Hoffnung anzuknüpfen, da ich auch viele dunkle Bilder immer auch mit mir trage oder auch vieles, was man gar nicht vergessen kann. Aber einfach Emotionen. Also ich konnte ganz viel Hoffnung auch durch die ganzen Emotionen erleben, ertragen und sehe wirklich die ganzen Verbindungen, die dadurch entstanden sind. Die sich bis heute in mein Leben ziehen und diese Hoffnungen, die wir im Kleinen dort einfach nur erleben konnten, auf dieser kleinen Insel, dass die sich eigentlich hoffentlich auch weiterträgt.

Autor:
Ist auch so ein Lebensweg von Said auch so ein Hoffnungsweg? Also, dass dieser Neuanfang geklappt hat und er jetzt auf so einem guten Weg ist und ihr ja auch, also auch eure Freundschaft ja irgendwie Teil oder daraus resultiert ist, ist das auch vielleicht so ein Hoffnungsweg?

Barbara:
Schön, dass du gerade nochmal an Said denkst. Ja, das hilft mir sehr gerade wieder an ihn zu denken. Und ich merke so, er trägt noch ganz viel Leid mit sich und worüber wir auch immer und immer wieder reden und in diese in seine Geschichte reingehen, in meine Geschichte aber genauso. Und da ist wirklich ein gemeinsamer Weg entstanden. Ja, auf jeden Fall. Also wenn ich Saids Weg sehe, dann darf ich einfach lächeln.

Autor:
Heute beginnt die Interkulturelle Woche – bundesweit in über 760 Städten und Gemeinden und rund 6.000 Veranstaltungen. Das Motto lautet in diesem Jahr: „dafür". Für Zusammenhalt, für Vielfalt, für Demokratie.

Barbara, das Motto ist ja recht knapp gehalten: „Dafür“. Die Veranstalter sagen, das sei ein Gegenpol zu denen, die im Moment ganz laut krakelen und hauptsächlich ‚Dagegen!' rufen. Wofür bist du?

Barbara:
Zuerst einmal gefällt mir dieses Dafür so, so, so sehr, da es so viel anspricht, so viel Positivität mit sich bringt und trägt. Und ich bin dafür. Ich bin dafür, dass wir uns mehr sehen, dass wir uns mehr zuhören, dass wir uns gegenseitig helfen können, dass wir füreinander einfach da sind. Das ist mein dafür. Man kann anpacken, helfen und etwas tun.

Autor:
Und in diesem Dafür-Sein, in dem Anpacken und in dem Etwas-Tun - man muss ja dafür nicht unbedingt nach Griechenland fliegen und diesen Einsatz zeigen, wie du es gemacht hast, Das geht, glaube ich, auch schon im Kleinen - Aber mein Eindruck nach diesem Gespräch ist auch, dass man selber ganz viel bekommt in dem Moment, wo man gibt.

Barbara:
Ja, das ist tatsächlich so.

Autor:
Und das ist ja vielleicht auch was ganz Ermutigende… Liebe Barbara, ich danke dir ganz herzlich für das Gespräch. Danke für deine Zeit und auch deine Offenheit, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast und Ihnen liebe Hörerinnen und Hörer, vielen Dank für Ihr Interesse. Die Interkulturelle Woche läuft in dieser Woche bundesweit, auch bei uns in Berlin und Brandenburg gibt es Veranstaltungen. Nähere Infos dazu finden Sie unter www.interkulturellewoche.de

Herzlichen Dank für Ihr Interesse und einen schönen Sonntag!