Autor: Platz ist ja bekanntlich in der kleinsten Hütte. Aber auch in der kleinsten Kirche Brandenburgs? Und ob! 2x4 Meter ist die „Tiny Church“ der evangelischen Kirchengemeinde Friedersdorf-Kablow in Brandenburg. Eine Kirche auf vier Rädern, die als Anhänger von Ort zu Ort unterwegs sein kann.
Die Idee dahinter: Gemeinsam etwas schaffen, gemeinsam unterwegs sein, Generationen verbinden, Gottesdienst an ungewöhnlichen Orten feiern und dabei die Kirche eben nicht nur im Dorf lassen, sagt Pfarrer Sven Tiepner, der mit seiner Gemeinde eine Kirche auf einem Tiny-Trailer gebaut hat, mit vier Rädern selbstverständlich, überall dort, wo zwei oder drei in Seinem Namen sich versammeln. Pfarrer Sven Tiepner hat zwei Kirchengemeinden mit insgesamt 14 Orten, die dazu gehören. Er erinnert sich noch gut an das Kopfzerbrechen, das am Anfang der Planungen für die Mobile Kirche stand …
Sven Tiepner: Das Schwierigste aus meiner Sicht war gemeinsam zu planen, wie will man eine Kirche haben, wie soll sie aussehen, wie soll sie sein. Und wenn man zusammen an einem Tisch sitzt, gibt es auch immer viele verschiedene Meinungen. Und wir haben gemerkt, was einzelnen wichtig ist. Manch einem war wichtig, wir mögen doch Bleiglasfenster reinmachen in diese Kirche, damit es mehr noch nach Kirche aussieht. Und andere widersprachen dem wieder und sagten, es ist doch wunderschön, wenn wir mit dieser Kirche in der Natur stehen und auch den Himmel sehen können, der über uns schein und die Sonne reinscheint. Also, das sind dann auch geschmackliche Fragen aufeinander getroffen, und es galt immer Kompromisse zu finden, von größeren Dingen wie dem Altar und wie der auszusehen hat, bis kleineren Dingen wie die Lampe, die da einfach ist.
Autor: Ohne fachliche Begleitung wäre das Projekt nicht umzusetzen gewesen, betont Pfarrer Tiepner. Die kleine Kirche musste ja auch für den Straßenverkehr zugelassen werden. Unterstützung kam aus Mittenwalde. „Holz-Hannes“ konnte als Partner gewonnen werden und unter seiner Anleitung konnten u.a. der Fußboden verlegt und der Bau des Kirchturms realisiert werden.
Viele Meinungen also, auch viele Anforderungen, aber ein Wunsch: Kirche soll sich auf den Weg machen. Als die Tiny Church schließlich fertig war, wurde deutlich, worauf es eigentlich ankommt, sagt Sven Tiepner:
Sven Tiepner: Und das war auch ein Weg einfach zu finden, welche Kirche passt zu uns und wie einigen wir uns. Und ich denke, dass ist dann auch gelungen, und das freut mein Herz, dass wir uns da auch irgendwie einigen konnten, dass wir was Schönes gebaut haben, wo alle mit gut leben können, was alle gut finden. Und nun müssen wir das immer weiter mit einem Stück Leben füllen und auch kucken, was geht, was geht nicht. Wir werden auch da noch ein bisschen dazu lernen müssen und vielleicht auch sagen, da lohnt sich, mehr hinzufahren, da lohnt sich noch mehr, einzusteigen und manchmal lohnt sich es vielleicht auch nicht.
Autor: Die mobile Kirche versteht die Gemeinde auch als Auftrag. Die Tiny Church soll dort auftauchen, wo Menschen zusammenkommen: beim Kreiskirchentag, auf dem Marktplatz, am Fußballfeld oder am Badestrand, sagt Pfarrer Sven Tiepner.
So klein, wie der Name vermuten lässt, ist die Tiny Church gar nicht. Auf den gegenüberliegenden Bänken finden überraschend viele Menschen Platz, über 20 kleine und große Brandenburger, erzählt Gemeindepädagogin Karoline Tiepner…
Karoline Tiepner: Die meisten, die hier schon drin waren, waren tatsächlich bei der Eröffnung der Mobilen Kirche, und zwar waren das 22 Kinder und zwei Erwachsene. Und ansonsten ist hier Platz für eine Gemeindegruppe. So hatten wir es auch konzipiert, das wir sagen, okay, der Chor passt vielleicht gerade mal so rein, wenn die singen wollten oder Christenlehre-Gruppen; die sind bei mir auch relativ groß, zwischen 15 und 18 Kinder, die passen da rein. Aber auch der Frauenkreis ist hier schon drin gewesen, und Seniorentreffs … Da haben wir dann die Tische die da in der Ecke stehen aufgeklappt und dann wurde hier auch Kaffee getrunken.
Autor: Das hört sich gemütlich an. Man bekommt Lust, gleich einmal selbst mit Platz zu nehmen in der Brandenburger „Tiny Church“.
Karolin Tiepner: Es sollte von Anfang an auch ein gemeindepädagogisches Projekt sein, wo es um Kirchraum geht, aber auch gemeindepädagogisch im Sinne von Gemeinde-aufbau. Und da haben wir von uns aus gesagt, es kann natürlich nicht jeder alles, das ist klar, aber, wir können auch von einander lernen, und da war es ganz wichtig, dass die Fachleute da sind, aber auch Menschen, die noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt haben, die dort gelernt haben, Holzbretter zu streichen.
Autor: Bemerkenswert sei auch der Flügel-Altar der Mobilen Kirche, schwärmt Karoline Tiepner. Er sollte auswechselbare Bilder haben. Das Kreuz selbst ist im Altar. Sind die Türen – links und rechts – geschlossen, sieht man das Kreuz in der Mitte deutlich, sind die Türen offen, ist der Altar das Kreuz selbst. Das aktuelle Bild heißt „Jesus und seine neuen Freunde“
Karolin Tiepner: Kurz vor Ostern 2025, da haben wir (das) Thema „Abendmahl“ mit den Kindern besprochen und dachten, okay, wie wäre es, wenn es heute wäre, wen lädt Jesus heute ein, wer sitzt mit ihm am Tisch, oder wer möchte gern bei ihm am Tisch sitzen? Und dann haben wir das technisch so gestaltet, dass ich jedem Kind ein A4-Blatt im Querformat gegeben habe, mit einem Tisch drauf, also nur so, kopiert. Und jeder durfte sich selber dazu malen oder den, den er da als Freund von Jesus sieht. Und dann habe ich 20 Bilder mit Tisch und 20 Figuren einschließlich Hunde und Meerschweinchen und Schlange und was die Kinder noch mit drauf gepackt haben … und habe alle 20 Bilder eingescannt und die einzelnen Figuren dann in das Komplettbild eingefügt.
Musik 01 – Our House (Madness)
Autor: Willkommen in der Mobile Kirche der Kirchengemeinde Friedersdorf-Kablow in Brandenburg. Mitgeholfen, die Idee in die Tat umzusetzen, hat auch Jörg Biel. Er hat beim Bau mitgeholfen, Bretter geschraubt, Ideen eingebracht und viele Stunden investiert. Als die Kirche fertig war, traf er eine Entscheidung, die sein Leben veränderte. Mit 71 Jahren ließ er sich taufen – in genau der Kirche, die er selbst mitgebaut hatte:
…
Jörg Biel: Naja, meine Frau kam einen Abend an – die singt ja hier im Kirchenchor – und sagt, du, was hältst (du) denn davon … die suchen Leute, die wollen eine Mobile Kirche bauen, (und da) sage ich, ey, dies hört sich gut an, aber, sage ich, weiß du, was dahinter für Arbeit steckt? Erstmal das ganze technische, ist ja erstmal eins, das Bauen nachher, das Material … und da sagt sie, da haben sie schon jemanden an der Hand, eine Holzfirma, die baut so etwas und so, und da sage ich, das ist schon einmal gut, da haben wir einen Fachmann.
Autor: Und nach dem auch die eine oder andere bürokratische Hürde überwunden wurde, war vor allem der Zusammenhalt das Gemeinschaftsprojekt auf den Weg zu bringen eine ganz großartige Erfahrung. Zweifel habe es nie gegeben …
Jörg Biel: Und das war dann auch die Truppe, die zusammengekommen ist, jeder hat geholfen und gemacht, und das war so ein Super-Zusammenhalt. Und da habe ich gesagt, das macht es aus, sage ich, man baut seine eigene Kirche, und, kucken sie mal hier den schönen Himmel an. Und da habe ich gesagt, - goldrichtig! Das war eine schöne Superidee, und vor allem bringt dies ja auch wieder mehr Zusammenhalt. Man kommt von einem Ort zum anderen Ort. Und dann trifft man mal zufällig jemanden, ey, mit dem bin ich ja zusammen zur Schule gegangen.
Autor: Jörg Biel ist 71 Jahre alt. Nicht unbedingt das klassische Alter für eine Taufe. Aber für Jörg Biel nach Fertigstellung der Mobile Kirche der folgerichtige Schritt, sich von Pfarrer Sven Tiepner taufen zu lassen. Und wo, wenn nicht in „seiner“ Tiny Church …
Jörg Biel: Ich habe ja schon vorher mal mit mir gehadert und so hin und her und das war dann wirklich der schwankende Punkt, wo ich gesagt hab, jetzt lasse ich taufen. Und dann hatte ich mir überlegt – das hatte ich den Pfarrer mal still (und) leise gefragt, kann man sich in der Mobilen Kirche taufen lassen? Ja, sagt er, kann man. Au, sage ich, dann habe ich ja vielleicht Glück, dass ich der erste (bin). [lacht] Die Entscheidung war goldrichtig. Es war so ein Erlebnis. Man hat selber mitgebaut und dann sagt man, ey, dann werde ich da drin getauft … das ist doch super!
Autor: Für Pfarrer Sven Tiepner zeigt die Taufe von Jörg, worum es bei der Tiny Church geht. Die Kirche soll zu den Menschen kommen gerade dort, wo kirchliches Leben kaum noch sichtbar ist. Wenn die mobile Kirche auf Marktplätzen, an Badeseen oder bei Veranstaltungen Station macht, entstehen Begegnungen. Menschen kommen ins Gespräch, tauschen sich aus und stellen Fragen über Gott und die Welt:
Sven Tiepner: Dann sind wir eben manchmal auch ein Rückzugsraum, ein Ruheraum, ein Raum für Gespräche mit Menschen, ja, das, denke ich, ist fast die größte Absicht dieser kleinen Kirche, sie einzuladen, hier, mit ihnen zu reden über Gott und die Welt. Wenn uns das gelingt, dann ist schon viele gelungen.
Autor: Die Tiny Church bringt Kirche dorthin, wo Menschen leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Indem die Mobile Kirche zu den Menschen fährt, eröffnen sich neue Beziehungsräume, und es ergeben sich Möglichkeiten für Gespräche und für ein Miteinander.
So zeigt die Mobile Kirche eine neue Möglichkeit des religiösen Aufbruchs in einer sich wandelnden Gesellschaft. Welch gute Hoffnung für die Frohe Botschaft.
Musik 02 – Hundred Miles (Yall)