Autorin:
Wie sieht es eigentlich hinter den Kulissen von Kirchen aus? Wer sorgt dafür, dass alles läuft? Das können schließlich nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer sein. Irgendwer muss die Kirchen ja aufmachen oder sich für ihren Erhalt einsetzen. Also habe ich mich auf die Suche begeben nach diesen Menschen, die oft eher bescheiden im Hintergrund wirken, die sich haupt- und ehrenamtlich in Berliner und Brandenburger Kirchen engagieren. In Potsdam-Mittelmark liegt nahe Treuenbrietzen ein kleines fast verwunschenes Dorf mit rund 70 Einwohnern. Dort bin ich verabredet mit:
Helmut Theo Herbert
Ich heiße Helmut Theo Herbert, und ich bin vor zehn Jahren nach Lühsdorf gezogen. Meine Frau und ich, wir haben hier den Vierseithof von den Schwiegereltern übernommen. Und hier auf dem Dorf, auf dem Land haben wir gemerkt, dass man nur durch Zusammenhalt, durch Gemeinsamkeit das Leben richtig gut gestalten kann.
Zu diesem Zusammenhalt gehört die evangelische Kirche, die hier eine alte, lange, lange Tradition hat, die auch nach dem Fall der Mauer Fortbestand hat und auch schon davor, auch schon davor. Während der DDR-Zeit ist Kirche hier auf dem Dorf mit einem sehr hohen Stellenwert versehen gewesen, auch durch die Mitgliedschaft in der Kirche. Und das wurde dann auch nach 89 fortgeführt. Und so bin ich halt, der ich auch immer schon Mitglied der evangelischen Kirche war, in die Kirchenarbeit hineingekommen: Sanierung der Dorfkirche und was ganz wichtig ist, eben halt christliches Leben zu leben.
Autorin:
Das christliche Leben auf dem Dorf hieß für Helmut Theo Herbert vor allem eins: direkt anpacken. Denn es bestand akuter Handlungsbedarf. Die Kirche im Dorfzentrum von Lühsdorf war baufällig und sanierungsbedürftig geworden durch Schäden am Dach und Risse im Mauerwerk. Und als die Dorfgemeinschaft erfuhr, dass Herr Herbert schon in der Verwaltung der Evangelischen Kirche Deutschlands tätig war, wurde er kurzum engagiert...
Helmut Theo Herbert
Wurde engagiert. Ja. Ja. Mit der Sanierung der Dorfkirche wurde ich angesprochen. Es geht immer nur um Fördermittel ohne Fördermittel geht es nicht. Allein zur Landeskirche oder zum Kirchenkreis gehen und zu sagen: Ich brauche mal 230.000 €, vergiss es, klappt nicht. Es geht nur mit Fördergeldern. Und diese Anträge zu stellen und hinterher Verwendungsnachweise zu schreiben. Das ist kaufmännischer Kram. Aber es hat unterm Strich dann doch alles geklappt.
Autorin:
Trotz Bauverzögerung während der Pandemie wurde die Sanierung der Kirche erfolgreich abgeschlossen im Jahr 2022, und nicht nur das – die Wandmalereien im Inneren der Kirche wurden im Anschluss wieder instandgesetzt. Nach der gelungenen Renovierung der alten Dorfkirche war für viele Lühsdorfer klar: "Der kann mehr!"
Und tatsächlich wurde er offiziell zum Ortsvorsteher gewählt. Seitdem setzt er sich mit viel Engagement für sein Dorf ein – ruhig, bescheiden, aber mit klarer Haltung.
Helmut Theo Herbert
Ich wurde im Dorf angesprochen und mir wurde auch von vorne herein signalisiert: Wir lassen dich nicht alleine. Wenn irgendwo etwas auf dich zukommt, was du nicht kennen kannst, weil du hier vor 150 Jahren noch nicht gelebt hast oder deine Vorfahren, dann kommen wir und helfen dir. Und Interesse für Politik um mich herum war immer schon da und es gibt in der Dorfbewegung Brandenburg; habe ich mal einen Spruch gehört: Wenn ich oder wenn wir es nicht machen, macht‘s keiner. Und Ortsvorsteher ist eine ganz, ganz wichtige Aufgabe in den Dörfern, weil: nach brandenburgischer Kommunalverfassung haben die Ortsvorsteherinnen, die Ortsbeiräte eine Anhörungsrecht. Alles was im Dorf geplant investiert gemacht wird, muss der Ortsbeirat angehört werden und auf dieses Anhörungsrecht, da würde man fahrlässig drauf verzichten, wenn man eben keinen Ortsbeirat bildet.
Autorin:
Und mit dem weiteren Amt kam auch frischer Wind: Plötzlich war er mittendrin – in der Dorfbewegung. Er knüpft Kontakte, schaut, wie andere es machen, vernetzt sich, denkt weiter – über Lühsdorf hinaus. Auf Landesebene, in der Kirche, in der Kommunalpolitik und bringt das Dorf in Bewegung.
Musik: Dolly Parton – 9 to 5
Autorin:
Ich bin zu Gast in der Gemeinde in Lühsdorf, einem kleinen Runddorf in Potsdam-Mittelmark. Dort zeigt mir der Tausendsassa von Lühsdorf seine Gemeinde und seine vielfältigen Arbeitsbereiche. Denn die sind unverzichtbar, Kirche lebt vom Engagement gerade derer, die sich jeden Tag für „ihre“ Kirche vor Ort stark machen. Helmut Theo Herbert ist auch Ortsvorsteher von Lühsdorf, keine Selbstverständlichkeit, denn der gebürtige Wuppertaler kam erst nur an Wochenenden in das Dorf und entschloss sich dann irgendwann komplett hinzuziehen. Die Gemeinschaft spielt da eine große Rolle:
Helmut Theo Herbert
Es war eine große Unterstützung, wenn man sich zum evangelischen (zum) Glauben bekennt, direkt in eine Gemeinschaft hineinzufinden und aufgenommen zu werden und nicht nur aufgenommen zu werden, sondern meine Schwestern und Brüder in Lühsdorf hatten dann auch ganz, ganz viele Aufgaben für mich. Eben halt Sanierung der Dorfkirche, was notwendig war. Oder was auch einen großen Anteil der Tätigkeit ist für eine Kirchgemeinde auf dem Land sind Pachtverträge. Das ist der große Unterschied zu den städtischen Kirchgemeinden. Da gibt's keine Pachtverträge und wir haben jetzt die neue Gesamtkirchengemeinde 700 Hektar Fläche und das sind nicht nur landwirtschaftliche Fläche, sondern auch Windkraftanlagen, Photovoltaikanlagen, Trassenverlegungen.
Autorin:
Diesen Verwaltungsaufgaben stellt sich Helmut Theo Herbert, denn ein weiteres Ehrenamt ist sein Vorsitz im Gemeindekirchenrat. Ein Gemeindekirchenrat ist das gewählte Leitungsgremium einer Kirchengemeinde der evangelischen Kirche. Er trifft Entscheidungen über das Gemeindeleben, verwaltet Finanzen und Gebäude und ist verantwortlich für die organisatorische und geistliche Leitung der Gemeinde. Und das sind nicht nur leichte Entscheidungen, oft ist man auch auf dem Land mit dem Zusammenschluss vieler Gemeinden betraut. Treuenbrietzen ist da keine Ausnahme:
Helmut Theo Herbert
Ein Einschnitt war durch das Gemeinde Struktur Gesetz, dass wir uns 15 Ortskirchen zusammengeschlossen haben, mit Sitz in Treuenbrietzen und jetzt eine evangelische Gesamtkirchengemeinde gebildet haben, deren Vorsitzender im Gemeindekirchenrat ich sein darf. Und da gerade noch mal sehr, sehr schöne Erfahrungen macht, wie aus verschiedenen Dörfern Menschen im christlichen Leben zusammenwachsen, Interesse füreinander haben. Wie in den Dörfern, nicht nur in Lühsdorf, überall ein christliches Leben gelebt, gestaltet wird und auch ein großes Interesse da ist: Wie geht es dir eigentlich? Wie machst du das denn? Und das ist ganz wunderbar und wichtig ist Kirche zu leben, ganz einfach zu leben, weil so werden wir im Dorf wahrgenommen. So werde ich und auch meine Schwestern und Brüder wahrgenommen. Und so wird Kirche wahrgenommen durch uns. Wir transportieren Kirche.
Musik: Nand – Enge Freunde
Autorin:
Christinnen und Christen aus der Region machen sich für ihre Kirche stark, sie halten Kirchentüren offen, sorgen für vielfältige Angebote und haben dabei immer auch ein offenes Ohr und weites Herz für die Menschen, die es brauchen. Einer davon ist Helmut Theo Herbert, Gemeindekirchenrat und Ortsvorsteher aus Lühsdorf. Er sorgt sich um die großen und kleinen Anliegen in seiner Gemeinde, also auch mal Blumengießen auf dem Friedhof oder Lüften in der Kirche bis hin zu großen Bauvorhaben. Und er ist nicht allein, wie wird sich sonst noch bei ihm im Kirchenkreis engagiert?
Helmut Theo Herbert
Also das klassische Leben abdecken Jugendarbeit, Altentreffs, Gottesdienste: ein Rockgottesdienst, ein Technogottesdienst einmal im Jahr, der auch wiederum gut vorbereitet werden will. Wir haben eine sehr agile Arbeit mit Jugendlichen, mit Konfirmanden. Aber auch nach der Konfirmation ist nicht Schluss. Junge Kirche findet eben halt statt. Das aber auch gemeinsam verzahnt mit anderen Kirchgemeinden, die vielfältigen Arbeiten und als Sonderaufgabe: Wir haben in Treuenbrietzen zwei große Stadtkirche und eine davon ist über. Was machen wir mit der Kirche St Nikolai? Auch nicht nur, dass wir als Kirche eine Verpflichtung haben, uns darum zu kümmern, sondern auch aus städtebaulicher Sicht. Man kann. Wie würde Kirche dastehen, wenn wir ein Flatterband drum herum machen? Und wir müssen eine Lösung finden? Ich weiß nicht, welche. Aber wir fangen an, uns Gedanken zu machen.
Autorin:
Kirchen können nicht von allen Gemeinden gehalten oder bespielt werden, aber sie sollen vor allem fürs Stadtbild erhalten bleiben. Allein in Brandenburg gibt es über 1500 Dorfkirchen. Viele von ihnen werden nicht mehr gebraucht oder genutzt. Aber Helmut Theo Herbert hat noch viele Ideen, schließlich habe auch andere Gemeinden ihre Kirchen zu Kirchencafés oder zu Wohngemeinschaften umfunktioniert und umgebaut. Sein Motto ist:
Helmut Theo Herbert
Wenn du es nicht machst, macht's keiner. Und es ist auch so, ich will hier auf dem Land leben. Es ist so, dass roundabout die Hälfte, die Hälfte der Menschen lebt in ländlichen Regionen und wir haben 90 % des Grund und Bodens. Und das denke ich, das ist Kulturgut, das kann man, es kann nicht alles nur zentriert in den Städten. Und das ist die Zukunftsvision ländliches Leben, weiter leben zu können, auch lebenswert leben zu können. Wenn du's nicht machst, macht es keiner.
Autorin:
Das Versprechen und das Engagement für seine Gemeinde und seine Kirche haben ihn gepackt, Helmut Theo Herbert ist mittlerweile tief verwurzelt und kann Lühsdorf nun seine Heimat nennen:
Helmut Theo Herbert
Lühsdorf hat vielleicht eine Eigenart für sich. Wir sind zu klein, um irgendwie Gruppierungen zu haben und Streit zu haben. Bei größeren Dörfern, da gibt es auch schon mal Gruppe A, Gruppe B, die aus Tradition heraus immer unterschiedlich sich vielleicht in einzelnen Punkten gegenüberstehen. Und das ist in Lühsdorf nicht der Fall, weil wir einfach da keine Zeit für haben und zu klein dafür sind. Und also Kirchgemeinde hat sehr geholfen, ins Dorf hineinzuwachsen. Lühsdorf ist meine Heimat.
Autorin:
Das Ehrenamt trägt Kirche – und hält sie oft buchstäblich im Dorf, wie in Lühsdorf. Anderswo wird sie durch engagierte Menschen ganz neu gedacht. Ob im 70-Seelen-Dorf oder in der Millionenmetropole: Kirche lebt vom Ehrenamt – und von all den helfenden Händen backstage.
Musik: Tom Petty And The Heartbreakers - Learning To Fly