Seit vier Jahrzehnten gibt es die Band Patchwork, eine Art Familiengroßbetrieb und Multigenerationen-Band, ursprünglich beheimatet in Brandenburg an der Havel. Sie ist vor allem im kirchlichen Raum bekannt, hat sich aber auch darüber hinaus einen Namen gemacht. Frontmann der Band Patchwork ist Christoph Kießig. Er war zu Gast im Studio bei Joachim Opahle und hat ihm erzählt, welche Pläne Patchwork für die Zukunft hat…
Lied: Da ging die Nacht zuende
Autor: Wenn das Saxofon so weich und melodiös erklingt, dann ist Christoph Kießig nicht weit, Frontmann der Kirchenband Patchwork. Bei unzähligen Gottesdiensten und Großereignissen in Berlin und Brandenburg taucht er auf mit seiner Band und sorgt für Stimmung und Feierlichkeit.
Lied: Da ging die Nacht zuende
Autor: Kaum ein Kirchentag, an dem Patchwork nicht zu hören ist. Mehr als 10 CD‘s hat die Band mittlerweile herausgebracht. Gefühlt gab es Patchwork immer schon. Christoph Kießig war bei uns zu Gast im Studio und ich habe ihn zunächst gefragt, wie alles anfing:
Christoph Kießig: Patchwork fing 1987 an, hat aber ne Vorgeschichte. In den 60er Jahren gab die erste Band, von nem evangelischen Jugendpfarrer gegründet, die Jugendveranstaltungen im evangelischen und ökumenischen Raum in Brandenburg begleitet haben. Das waren die Wurzeln und wir alle, die wir jetzt noch bei Patchwork sind, kamen dann so nach und nach in diese Band, als erstes unser Schlagzeuger, dann wechselte sich das so ein bisschen aus, und als wir dann Patchwork waren, sagten wir: wir bleiben jetzt mal in dieser Formation zusammen, wechseln nicht wieder Leute ein und aus, weil das musikalisch dann wieder ein Schritt nach vorne macht.
Autor: Aber man hat den Eindruck, die heißen alle Kießig mit Nachnamen, die da spielen….
Kießig: Ja, ne Zeitlang hießen alle Menzel, dann ne Zeitlang, da hießen viele Fritz, also die Bandarbeit war immer getragen von großen evangelischen oder katholischen Familien. Und so hat sich das immer wieder verändert, dann gabs mal zwei Hoffmanns in der Band, und mal drei Menzels, und letztlich ist es dann bei Kießig geblieben.
Autor: Der Name Patchwork klingt ein bisschen wie 70er Jahre. Man erinnert sich so an die Tischdecken oder Häkeldecken, die es damals gab. Wie seid ihr zu diesem Namen gekommen, der ist ja ein bisschen untypisch für ne Band, oder?
Kießig: Na ja, wir waren damals sehr unterschiedliche Typen, die da zusammen musiziert haben. Wir haben sehr unterschiedliche Musik gemacht, wir haben viele Sachen gecovert, von a capella bis zu Orgel mit Saxophon, bis hin zu Country und alle möglichen Stile, und da haben wir gesagt, das kann man eigentlich nicht in ein Schublade packen, deswegen ist Patchwork was Buntes, sehr unterschiedliche Flicken, und doch insgesamt ne tolle Sache und vor und in der Wendezeit war das dann immer unser Klassiker zu sagen: Aus alten Lumpen was neues Machen, das ist so der neue Style, und das funktioniert bei uns nach wie vor: unterschiedliche Flicken, unterschiedliche Typen, ist nicht einfach, aber hat so lange funktioniert.
Autor: Und versteht ihr euch noch immer hauptsächlich als Kirchenband, also Sakropop für Katholikentage und Kirchentage, oder habt ihr euer Themenspektrum erweitert?
Kießig: Als wir haben uns eigentlich nie als ne Sakropop und Kirchenband empfunden, weil wir kamen aus der Jugendarbeit, nicht aus der klassischen katholischen Gottesdienstprogramm, sondern wir kamen halt aus der Jugendarbeit, das heißt die ersten Sachen, die wir so gespielt haben, waren offene Jugendarbeit, offener Jugendtreff, im kirchlichen Rahmen zwar, was anderes ging ja nicht, aber da haben wir ehe Musik zum Mitmachen und Mitsingen gemacht, nicht Gottesdienstprogramm. Von daher: wir sind natürlich alle in der Kirche große geworden, haben auch ein unterschiedliches Verhältnis zu den Kirchen, aber wir haben dann das kirchliche Programm, was jetzt Sakropop oder christliche Popularmusik oder NGL heißt, das haben wir dann auch mitgemacht, weil hier die Anlässe auch da waren, mal nen Gottesdienst gespielt, hinterher zum Jugendabend oder zum Kirchentag, da spielen wir ja auch, und wir haben auch unsere eigenen Konzerte. Und unsere eigene Musik hat eher nichts mit Sakropop oder Kirchenmusik zu tun, mit christlichen Themen schon auf jeden Fall.
Autor: Was sind denn so eure bevorzugten Themen bei den Liedern?
Kießig: Man merkt schon, dass es wechselt. Wir sind jetzt alle ein bisschen älter geworden. Und da wechselt auch so die Perspektive. Am Anfang waren in der Band drei Sozialarbeiter, da ist der Fokus sowieso schon irgendwie gesetzt und wir kommen auch aus ner Kirche, die sich sehr stark sozial engagiert hat, die bei den Menschen war, in der Wendezeit, vor der Wendezeit, und von daher sind diese sozialen Themen immer wieder ne Frage. Aber jetzt haben wir, die neueste Songs sind zum Thema Schöpfung nochmal zum Ende der Welt, zum Thema Demenz, wir haben jetzt für unsere Großmütter ein Lied gemacht - da passiert viel.
Lied: Sozialpädagogen
Autor: Es gibt bei euren Titeln oft so eine feine Ironie, die so manchmal durchscheint, zum Beispiel bei dem Lied „Sozialpädagogen“, die werden so ein bisschen auf die Schippe genommen, oder „Vater Staat“ oder „Jesus war ein Angler“, da kommen manchmal so ein paar schräge Gedanken rein, ist das so euer spezieller Ironie-Style von Patchwork?
Kießig: Ja, es soll ja auch Unterhaltung sein. Wenn wir ein Konzert spielen, wollen wir natürlich auch die Leute unterhalten und gerade mit christlichen Themen kann man – und das haben wir von vorneherein gelernt – wir haben oft ja im Osten gespielt für Menschen, die überhaupt nix von Kirche wussten, und denen kommt man mit solchen Songs viel näher, als jetzt mit Lobpreis oder so innerkirchlichen Songs. Bei unserm letzten Album, als wir des aufgenommen haben, da war der Tontechniker, der nix mit Kirche zu tun, der hat den Angler voll abgefeiert. Der sagte: wenn det Kirche wäre, dann würd ich ja jeden Sonntag da hingehen.
Autor: Wir hören mal rein: Jesus der Angler…
Lied: Jesus der Angler
Autor: Ich bin im Gespräch mit Christoph Kießig, dem Frontmann der Band Patchwork. Eines eurer großen Themen ist Heimatverbundenheit: Ihr habt ein Lied gemacht „Woanders“. Das handelt von der Sehnsucht, wegzugehen in die große Stadt, dann kommt man aber doch wieder zurück nach Hause. Um was geht’s da?
Kießig: Wir stehen ja als Band, mittlerweile sind es drei Mitglieder von sieben, die in Berlin wohnen, und die andern wohnen noch in Brandenburg direkt und zwei im Brandenburger Land. Und da hat man ja schon innerhalb dieser Band die Spannung von Großstadt, die ja immer denkt sie ist etwas Besonderes, und auf der anderen Seite dieses ländliche Gebiet, wo ganz andere Themen….merkt man ja dass das gesellschaftlich ganz stark auseinander geht, und das jetzt zusammenzupacken und trotzdem irgendwie ein bisschen stolz zu sein auf unsere Heimat, ein bisschen dahinter zu gucken, was denn in Berlin alles so toll und wunderbar ist, das war so ein bisschen auch mit nem großen ironischen Background versehen, eine Hymne an unsere Heimat Brandenburg.
Autor: Wir hören mal rein: „Woanders“
Lied: Woanders
Autor: Eure Wurzeln sind ja in Brandenburg an der Havel. Das ist eine Stadt, der eure ganze Liebe gehört, hat man so den Eindruck, wenn man dieses Lied hört, das ihr geschrieben habt. Das sog. Brandenburg-Lied. Wie seid ihr darauf gekommen?
Kießig: Naja, die Ambivalenz so: ich bin Brandenburger, bin in Brandenburg auch geboren, empfinde mich auch noch als Brandenburger, wohne aber schon seit vielen Jahren in Berlin, und diesen Spagat hinzukriegen: wir proben immer noch in Brandenburg, wir sind alle gebürtige Brandenburger mehr oder weniger, und die Hälfte der Band lebt auch noch da. Und von daher ist das immer auch ein Thema, bei uns auch. Ich glaube, man sieht immer den Ort der Kindheit, für uns ist das Brandenburg, die Seen, die Segelmasten, das prägt einen sein ganzes Leben lang und man liebt diesen Ort nach wie vor, auch wenn man natürlich sieht, was da alles nicht funktioniert und da alles auch nicht so toll ist. Und wenn man sich woanders in der Welt umguckt, sieht man: es ist überall nur Wasser, wenn die auch nen geilen Herd haben, es wird nur Wasser gekocht.
Autor: Wir hören mal rein ins Brandenburglied….
Lied: Brandenburg-Lied
Autor: Blicken wir noch in die Zukunft: Wie geht’s weiter mit der Sakropop-Entwicklung, oder wie ihr sagt mit der christlichen Popularmusik? Man hat ja den Eindruck, es ist ein bisschen stiller geworden in der letzten Zeit. Gibt es neue Entwicklungen?
Kießig: Also mit der christlichen Popularmusik ist, ja, es entwickelt sich, würd ich schon sagen, aber es gibt immer weniger Bands im kirchlichen Bereich. Immer weniger junge Leute haben da Bock drauf irgendwo was zu machen, glaub ich. …. Die jungen Leute haben andere Themen, andere Musik, anderen Sound. Diese ganze „Lobpreisbewegung“, die bei uns nicht so stark ist, aber im Süden sehr sehr stark, da geht also auf jeden Fall was weiter. Es gibt aber auch viele Leute, die weiterhin tolle Lieder schreiben und sich entwickeln. Für uns ist das auch merkbar: es gibt viel mehr Anfragen Gottesdienste zu gestalten, weil die Gemeinden schon offen sind: wir wollen sowas. Auf der anderen Seite erleben wir kaum eine Unterstützung der offiziellen Kirchenmusik, die immer noch Orgel, Chor im Blick hat. Da passiert nach meinem Dafürhalten immer noch zu wenig. Ja und für Patchwork müssen wir uns mit so einer Exit-Strategie beschäftigen. Gestern ist mir eingefallen, dass unsere nächste Platte vielleicht „Bandscheibenvorfall“ heißen könnte, das wär so die Band-Scheibe am Ende so, ja wir sind immer wieder am Nachdenken, wir sind ja ne Amateurband, wir müssen also kein Geld damit verdienen, aber die Frage ist, wie man dann auch so ein Ende findet. Aber auf der anderen Seite haben wir noch so viel Ideen und noch so viel Lust auf Musik zu machen, dass wir denken, solang uns die Leute noch engagieren und wir gar nicht hinterherkommen mit Konzerten, dann ist das so ok.
Autor: Und wo kann man euch finden? Habt ihr ne Homepage?
Kießig: Wir haben eine Homepage: www.patchwork-band.com. Da findet man auch ein Video. Und dann haben wir halt viel Musik zu machen und Konzerte zu geben. Aber um den ganzen anderen Rest, der heut so wichtig ist, können wir uns halt weniger kümmern. Wir haben kein Instagram, aber wir haben…. immerhin bei Spotify und den anderen Streamingdiensten findet man Patchwork auch, fast alle CD’s.
Autor: Danke Christoph Kießig von Patchwork
Lied: Brandenburg