Zwei Personen sitzen auf einer Wiese in einem Park, nebeneinander und entspannt. Im Hintergrund sind blühende Bäume und ein offenes, sonniges Gelände zu sehen. Die Szene strahlt Ruhe und Natürlichkeit aus. Zwei Personen sitzen auf einer Wiese in einem Park, nebeneinander und entspannt. Im Hintergrund sind blühende Bäume und ein offenes, sonniges Gelände zu sehen. Die Szene strahlt Ruhe und Natürlichkeit aus.
Zwei Personen sitzen auf einer Wiese in einem Park, nebeneinander und entspannt. Im Hintergrund sind blühende Bäume und ein offenes, sonniges Gelände zu sehen. Die Szene strahlt Ruhe und Natürlichkeit aus.
24.05
2026
08:40
Uhr

Seelsorge.Berlin

Kirche im Gespräch gegen Einsamkeit

Ein Beitrag von Viktoria Hellwig

Autorin:
Einsamkeit hat viele Gesichter. Sie ist unterwegs zwischen Terminen, in Küchen, Büros oder auf Parkbänken. Einsamkeit ist leise, schwer zu greifen. Gleichzeitig wächst die Suche nach Möglichkeiten, ihr zu begegnen. Nach Orten, an denen jemand da ist, ohne dass viel erklärt werden muss. Kirchliche Angebote versuchen genau das: solche Räume zu öffnen. Seelsorge ist dabei ein kirchliches Hilfs- und Begleitungsangebot für Menschen in Krisen, bei Trauer oder in existenziellen Fragen. Sie bedeutet vor allem: ein offenes Ohr, Zeit, und die Bereitschaft zuzuhören – ohne sofort zu bewerten oder Lösungen vorzugeben. Dabei versteht sich Seelsorge zunehmend als etwas Bewegliches. Nicht nur gebunden an einen Ort, sondern an die Bereitschaft, da zu sein. Ein Gespräch kann online beginnen, bei einem Spaziergang weitergehen oder in einem Café stattfinden. Seit April gibt es ein neues Seelsorge Angebot, Zwei aus diesem Seelsorge-Team habe ich getroffen:

Die Abbildung zeigt eine lächelnde Frau mit langen, lockigen blonden Haaren, die ein helles, strukturiertes Oberteil trägt. Sie blickt direkt in die Kamera vor einem neutralen grauen Hintergrund.

Theresa Brückner: Ich bin Theresa Brückner und ich bin im Kirchenkreis Tempelhof Schöneberg Pfarrerin für Kirche im digitalen Raum.

 

 

Alexander Höner: Ich bin Alexander Höner. Ich bin auch im Kirchenkreis Tempelhof Schöneberg in der schönen Arbeitsstelle Theologie der Stadt. Ich gucke also Wie kann man ein religiöser Mensch in dieser verrückten Stadt Berlin sein? 

Theresa Brückner: Und Seelsorge.Berlin ist eine Plattform, auf der aus unserem Kirchenkreis ganz viele verschiedene Pfarrpersonen und Seelsorgende drauf zu finden sind. 

Alexander Höner: Und wir haben uns gedacht, es muss einfacher gehen. Ein Seelsorgetermin zu buchen. Deshalb haben wir Seelsorge.Berlin gegründet. 

Autorin:
Mit dem Netzwerk Seelsorge.Berlin startete der Evangelische Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen in belastenden Lebenssituationen. Rund 20 Seelsorgerinnen und Seelsorger bieten monatlich etwa 100 Gesprächstermine an, die digital gebucht werden können. In einem einstündigen Gespräch ist Raum für alles, was gerade drängt, vertraulich und auf Wunsch auch anonym. 

Was hier entsteht, ist der Versuch, Seelsorge neu zugänglich zu machen, als etwas, das sich leichter in den Alltag einfügt. Hinter dem digitalen Buchungssystem steht die Idee, Menschen schneller miteinander ins Gespräch zu bringen, wenn sie gerade ein Gegenüber brauchen. Einsamkeit ist dabei kein Zustand, der sich leicht von außen erkennen lässt. Sie zeigt sich oft erst im Gespräch – oder in dem Moment, in dem Menschen anfangen zu beschreiben, was ihnen fehlt.

Alexander Höner: Ja, man könnte ja meinen, Berlin hat genug Menschen um sich zu connecten. Aber ich glaube, das ist genau das Problem. Man kann sich auch in Berlin einsam fühlen. Und das ist vielleicht noch mal eine ganz andere Einsamkeit, als so ganz allein zu sein, weil zu wenig Leute da sind. Das Schlimmste ist ja, es sind Millionen Menschen um mich herum und ich weiß, es gibt so viele Angebote, es gibt so viele Möglichkeiten, sich mit Menschen zu verbinden. Aber mir gelingt es nicht. Und das ist das Spezifikum an Berlin und seiner Einsamkeit.

Musik: Birdy – People, help the People

Autorin:
Wenn kaum jemand offen sagt „Ich bin einsam“ – wie wird dieses Gefühl dann überhaupt sichtbar? Sie haben ja mit vielen Menschen zu tun, die zu Ihnen kommen, ohne dieses Wort zu benutzen.

Alexander Höner: Selten sagt ja jemand Ich bin einsam. Das ist ein Problem. Das ist ja meistens versteckt. Also, dass Sie sagen, ich komme zu Ihnen. Dann merkt man irgendwann okay, da sind keine so viele sozialen Kontakte, es besteht nicht die Möglichkeit, sich mal auszusprechen. Und dann hat man für sich sozusagen das Stichwort Einsamkeit im Kopf. Aber selten schreiben die Leute ja auch bei Google als Suchbegriff Hilfe bei Einsamkeit oder so was. Weil dieses Ich bin einsam, das ist ja schon fast ein Stigma, das würde man selber gar nicht so richtig zugeben. Und deshalb taucht es als Stichwort selten auf. Aber wenn du mit den Leuten ins Gespräch kommst, merkst du, dass ist das Thema.

Autorin:
Die Digitalisierung hat uns mehr Vernetzt als jemals zuvor und trotzdem erleben viele Menschen genau dadurch auch Einsamkeit. Frau Brückner, wie erleben sie das, als Pfarrerin für den digitalen Raum?

Theresa Brückner: Ich erlebe es eher, dass die Leute sich in ihrer Einsamkeit dann im Digitalen melden und das Gefühl haben, da haben sie einen Anknüpfungspunkt. Und ich glaube, dass einfach diese einerseits die Pandemie, der Ausbruch von Kontakten und ja, auch das zum Teil nicht wieder gut aufnehmen können von Freundschaften danach, der ganz viel gemacht hat und das aber auch diese multiplen Krisen und diese Zeit, in der wir jetzt gerade sind, so viel Macht, dass die Menschen gar nicht richtig wissen, wohin mit sich, wohin mit ihren Sorgen, ihren Ängsten und Gedanken? Und in welchem Gespräch kann man überhaupt noch was sagen? Das sind ja auch immer so Punkte, die ich immer wieder höre. Das heißt, die suchen sich einfach ihre Möglichkeiten, um mit Menschen in Kontakt zu kommen. Wenn Sie merken, bestimmte Punkte sprechen sie an oder auch nicht. 

Musik: Bruno Mars – Talking to the Moon

Autorin:
Seit April ist ein neues Seelsorge Netzwerk online. Rund 20 Seelsorgerinnen und Seelsorger der evangelischen Kirche bieten dort Gesprächstermine für Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Für die Beteiligten ist das auch ein Versuch, Seelsorge breiter zu verstehen. Nicht nur als Reaktion in Krisen, sondern als Gesprächsangebot im Alltag. Mit ein paar Klicks kann man sein Gespräch vor Ort, beim Spaziergang oder per Zoom vereinbaren. Alexander Höner und Theresa Brückner gehören zum Team.

Alexander Höner: Und Seelsorge hat ja ein bisschen Imageproblem. Man denkt immer, das ist Seelsorge. Kommt dann, wenn der Tod vor der Tür steht. Aber Seelsorge ist einfach auch schon bei Lebenskrisen möglich. Einfach ein Ventil, wo man mal das erste Mal etwas rauslässt. Und wir hören zu. Und dabei ordnet sich ja meistens schon mal was. Wir haben ja nicht die perfekten Antworten darauf, aber schon im Gespräch sortiert sich meistens etwas. 

Theresa Brückner: Ja, Und was ich auch noch wichtig finde ist, wir sind uns auch unserer Aufgabe bewusst. Also Seelsorge ersetzt keine Therapie. Und wir haben auf der Webseite auch ganz klar noch die Notfallnummern aufgeschrieben. Und ich finde gerade Seelsorge bringt ja auch oft im Gespräch etwas heraus, wo klar ist, es braucht eine langfristige Begleitung oder es braucht gegebenenfalls eine Therapie. Auch dahingehend kann man ja begleiten. Und das finde ich, ist auch ein ganz wichtiger Punkt, das auch immer wieder klar zu machen, dass wir in unserer Professionalität uns dessen bewusst sind, dass es aber trotzdem dieses Angebot braucht, um an dieser Stelle Menschen auch einfach erst mal einen ersten möglichen Schritt zu geben und zu zeigen Gespräch kann wirklich was helfen und in dem was verändern.

Autorin:
Und was bedeutet das ganz konkret für die Menschen, die dieses Angebot nutzen wollen? Wie kommt man in Kontakt, und was erwartet einen dort?

Alexander Höner: Also das ist ein tolles Angebot, weil es praktisch immer sofort geht. Bei uns kannst du halt erst mal gucken, okay, was sind das eigentlich für Personen, die da ihre Termine anbieten? Und wir haben für jede Person immer eine kleine Beschreibung, wie sie oder er Seelsorge versteht. Das ist sehr Persönlichkeiten. Wir haben das extra in einer Schreibwerkstatt gemacht, dass das nicht so theoretische Texte werden, sondern wirklich persönliche.  Und da kriegt man schon einen Eindruck, mit wem man das dann zu tun hat.

Theresa Brückner: Und was ich auch mag, ist, dass es ja nicht nur Telefonseelsorge ist, sondern dass es dort auch die Möglichkeit gibt, entweder ein Spaziergang zu planen oder ein Zoomcall oder eben Telefonat oder eben Gespräch einfach im Dienstzimmer. Und das finde ich, macht die Breite ja noch mal viel mehr sichtbar.

Musik: Sandcastles - Beyoncé

Autorin:
In manchen Regionen ist der Weg zur Seelsorge weiter als in der Stadt. Wenn im Dorf kein Seelsorger oder keine Seelsorgerin verfügbar ist, müssen Menschen zum Teil lange Strecken zurücklegen oder auf passende Termine warten. Ein Berliner Kirchenkreis hat deshalb ein digitales Netzwerk gestartet, das auch für Menschen in Brandenburg offen ist. Gespräche können flexibel vereinbart werden – auch online.

Theresa Brückner: Ich glaube, extra nach Brandenburg reisen wird ein bisschen schwierig, weil es geht schon eher darum, bei der Plattform die Sachen zu vereinfachen, eben Möglichkeiten zu schaffen, dass das, was eine Kernkompetenz gerade im Pfarramt ist, Seelsorge anzubieten und mit den Menschen im Gespräch zu sein, zu vereinfachen und den Möglichkeit, die Möglichkeit den Leuten zu geben, dass sie das eben leicht buchen können, wie so einen Arzttermin. Und das ist natürlich total gut, weil sie selbst ja oftmals wissen: Für was fühlen Sie sich aktuell bereit beim Gespräch.

Autorin:
Die Seelsorgegespräche werden seit sechs Wochen geführt. Und schon jetzt zeigt sich, wie unterschiedlich die Themen sind, mit denen Menschen kommen. In wenigen Tagen tauschen sich alle Seelsorger und Seelsorgerinnen über ihre Erfahrungen aus. Aber für sie stellt sich dabei auch eine andere Frage: Wie gehen sie selbst mit dem um, was sie in diesen Gesprächen hören?

Alexander Höner: Ich habe so ein kleines Ritual. Ich mache das abhängig, ob es passt oder nicht. Aber meistens gehe ich mit meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern nach dem Gespräch in den Kirchsaal. Bei uns in der Götzstraße und zünde eine Kerze an und das macht für mich auch das irgendwie klar. Ich bin damit nicht allein. Und das ist mir auch wichtig, bei den Seelsorgegesprächen diese Dimension aufzumachen, dass in diesen Gesprächen etwas passiert, was ich selber ja auch nicht im Griff habe und im Gespräch etwas aufploppt. Eine Kraft, ein Gefühl, das ich weiß. Ich bin damit nicht allein. Und diese Geste mit Kerze anzünden ist für mich dann auch als Seelsorger eine Erleichterung. Eine Entlastung und sagt okay, dieses Problem ist nicht nur bei mir, sondern bei einer größeren Kraft, die wir Gott nennen.

Theresa Brückner: Und ich finde, neben dem Gebet ist auch Supervision ganz wichtig. Das ist eine Form von Coaching, wo Seelsorger und Fachpersonen im Gespräch sind mit einer anderen Person und Themen einbringen können, die sie gerade mitbringen oder die sie belasten oder wo sie eine Lösung brauchen. Und das, finde ich, ist was, was noch viel zu wenig präsent ist, gerade in diesem Beruf. Das ist was ganz Wichtiges ist, was man ganz regelmäßig nehmen sollte. Weil wir eben so viele Geschichten hören und mit so viel Dingen konfrontiert sind, wo es eben wichtig ist zu lernen, Wie nehmen wir das nicht mit nach Hause, sondern wie lassen wir das wirklich auch bei Gott an dem Ort oder überlegen, wie wir damit sinnvoll und kompetent umgehen können?

Autorin:
Seelsorge.Berlin versteht sich als ein Angebot, das Menschen schnell in Kontakt bringen will: unkompliziert, niedrigschwellig und ohne große Hürden. Es geht um Gespräche, die entlasten können, und oft schon dadurch etwas in Bewegung bringen, dass jemand zuhört. 
An Pfingsten feiern Christinnen und Christen genau diese Erfahrung: dass Menschen einander verstehen, ins Gespräch kommen und etwas in Bewegung gerät, das größer ist als sie selbst. Am Ende bleibt dabei immer wieder die Erfahrung: Entscheidend ist oft nicht der große Schritt, sondern der erste.

Alexander Höner: Das Schwerste ist wirklich der erste Schritt. Und deshalb würde ich raten. Ja, kontaktiert uns, macht den ersten Termin und lasst euch überraschen.

Musik: Donna Lewis – I Love You Always Forever


Bucht euch einen Termin bei der Seelsorge Berlin.

Für schnelle und anonyme Unterstützung erreicht ihr die Telefonseelsorge Deutschland unter:
0800 1110111
0800 1110222
oder 116 123