Autorin:
Es beginnt oft nicht mit einem großen Ereignis.Sondern mit einem leeren Abend. Einem Telefon, das nicht klingelt. Einer Wohnung, in der niemand mehr fragt, wie der Tag war. Manchmal auch mit einer Krankheit, die länger bleibt, als man gehofft hatte. Und irgendwann gibt es Tage, an denen kaum noch ein Wort gesprochen wird. Das Schweigen nimmt den Raum ein. Für Elke Schilling wurde genau dieses Schweigen irgendwann zur Aufgabe.
Elke Schilling
Da gibt es einen Schlüsselmoment: 2013 starb mein alter Nachbar. Diesen einsamen Tod, den in Deutschland statistisch gesehen in jeder Großstadt 300 Menschen sterben und meistens ältere Menschen. Das heißt, sie versterben in ihrer Wohnung und sie werden über Wochen oder Monate, manchmal Jahre nicht gefunden. Das war für mich der Anlass, erst mal nach zu gucken. Ist das ein Einzelfall oder passiert das oft? Und dann kam ich wie gesagt auf die Statistik und dachte: Ne, so darf keiner sterben. Das war für mich der Trigger Punkt, wo ich angefangen habe intensiv zu suchen und dann auf die Silver Helpline in London gestoßen, die schon 2011 ein Pilotprojekt begonnen hat in Wales. Und genau das ist, was wir jetzt heute machen.
Autorin:
Elke Schilling ist die Gründerin von Silbernetz, einem bundesweiten Angebot für ältere Menschen mit Einsamkeitsgefühlen. Man kann dort jeden Tag anrufen und anonym mit den ausgebildeten Ehrenamtlichen sprechen. Ihr Credo ist: „Einfach mal reden“ - ein offenes Ohr für Menschen über 60 bieten. Denn Einsamkeit ist nicht nur ein Randphänomen, sie beeinflusst die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich.
Elke Schilling
Und Einsamkeit macht natürlich auch was mit meiner Psyche. Das heißt, die Anfälligkeit gegen Demenz und Depression steigert sich durch Einsamkeit. Das hängt eng zusammen miteinander, auch wenn es nicht unmittelbar voneinander ab, aber es ist. Also Statistiken sagen auch, dass 1/3 der älteren Menschen psychische Probleme haben deutschlandweit. Und wir sagen bei uns am Telefon. Wir haben durchaus mehr als 1/3 unserer Anrufe mit psychischen Problemen.
Und das ist für unsere Telefonistinnen schon durchaus mitunter problematisch. Weil auch wenn wir sagen, wir sind einfach, wir sind einfach nur zum Reden da. Der Drang, das, was einen am meisten beschäftigt, die Angststörung, die Angst rauszugehen, die Ängste vor was weiß ich und und die anderen Beschwerden führen dazu, dass man erst mal darüber reden möchte. Ich bin das und das und ich habe das und das. Und dann sind unsere Anrufer, unsere Telefonisten eigentlich gehalten zu sagen: Okay, Sie wissen, wir sind keine Therapeutin, das können wir nicht leisten und das wollen wir auch nicht leisten. Dann geben wir selbstverständlich solche Rufnummern weiter, gegeben das unabhängige Patiententelefon weiter usw. Also alles was es so rund ums Alter in Deutschland, deutschlandweit gibt, ist sowieso bei uns an der Hotline so ein Vermerk drin. Und dann wenns vor Ort irgendwelche speziellen Fragen sind, dann googlen wir während des Gesprächs.
Autorin:
Immer wieder melden sich Anruferinnen und Anrufer, die nicht nur über Einsamkeit sprechen, sondern auch über psychische Belastungen und Ängste. Das stellt die ehrenamtlichen Telefonistinnen vor Herausforderungen, da sie keine therapeutische Hilfe leisten können. Umso wichtiger ist es, in solchen Fällen gezielt weiterzuvermitteln:
Elke Schilling
Gegenüber unseren Anrufern sagen wir einfach mal reden. Das ist das, wofür wir da sind. Tatsächlich einfach mal reden. Das ist, was gerade vielen alten Menschen sicherlich auch Jüngeren, aber insbesondere dieser Zielgruppe häufig fehlt gegenüber, mit denen man sich austauschen kann über das, was einen gerade betroffen macht oder auch erfreut. Und jetzt ist Silbernetz seit siebeneinhalb Jahren an der Leitung mit dem Service, den es anbietet. Und wir haben im Januar dieses Jahres den einmillionsten Anruf gekriegt, was für uns ohnehin vom ersten Tag an klar war: So etwas wird gebraucht!
Musik: To Build a Home – The Cinematic Orchestra
Autorin:
Oft ist von einer ‚Einsamkeitsepidemie‘ die Rede. Fakt ist jedoch, dass bestimmte Altersgruppen stärker von Vereinsamung betroffen sind – insbesondere ältere Menschen. Elke Schilling wollte das nicht einfach nur hinnehmen und wurde aktiv: zunächst als Seniorinnenvertretung in Berlin, später als Gründerin von Silbernetz – einer Organisation, die gezielt ältere Menschen mit Einsamkeitsgefühlen unterstützt. Beim Silbertelefon gehen heute rund 5.000 Anrufe pro Woche ein, Tendenz steigend. Doch Schilling will mehr als Hilfe im Einzelfall – sie will das Thema sichtbar machen:
Elke Schilling
Na ja, ich würde schon sehr gerne dieses Thema sehr viel stärker in der Öffentlichkeit haben, weil es wirklich nicht in der öffentlichen Diskussion ist, wie häufig und wie heftig diskriminiert wird. Gerade bei Menschen im höheren Alter. Altersdiskriminierung gibt es über alle Altersgruppen. Kinder werden diskriminiert, Jugendliche werden diskriminiert und es ist unterschiedlich und die Möglichkeit sich da heraus zu finden, ist bei Alten glaube ich besonders schwierig, weil das eben über einen Lebenslauf verfestigt wurde, auch innerlich. Diese verinnerlichten Altersstereotype, die haben wir ja oft am Telefon, wenn ich höre, dass ein alter Mensch sagt: Ach, wissen Sie, ich will doch niemandem zur Last fallen. Für mich sind das sozusagen Selbstverbote, die mit diesen Altersstereotypen verbunden sind, wo die alten Menschen sich selber ausschließen aus Leistungen und Möglichkeiten, die da sind.
Autorin:
Dabei reicht die Zielgruppe von Silbernetz weit über eine einheitliche Gruppe hinaus – das macht Schilling im Gespräch deutlich:
Elke Schilling
Unsere Zielgruppe beginnt ja mit 60, so definiert das Berliner Senioren Mitwirkungsgesetz alte Menschen ab 60. Deswegen, und wir sind ja der Berliner Gründung. Und meine älteste Anruferin war 109, das heißt eigentlich. Also unsere Anrufe umfassen eine Lebenszeitspanne von 50 Jahren und man kann sich gut vorstellen, dass diese 50 Jahre eine ungeheuerliche Vielfalt in sich bergen. Das ist eine Vielfalt an Herkünften, Ausbildung, Einkünften, Lebensgrundlagen, Umgebungen, Bildung und alles, was dran ist. Migrationsgeschichte, aber eben auch die besonderen Strategien, die ein alter Mensch in diesem Land durchaus entwickeln muss, um einigermaßen gut zu überleben. Weil Deutschland tatsächlich in der durchschnittlichen Lebenserwartung im unteren Feld in Europa sich in Europa bewegt. Da sind wir Vorletzter. Das sagt schon was über Lebensbedingungen auch von alten Menschen in diesem Land.
Autorin:
Um diese Menschen zu erreichen, setzt Silbernetz auf ein dreistufiges Angebot. Neben der täglichen Hotline gibt es auch persönliche Telefonpatenschaften, bei denen Ehrenamtliche regelmäßig feste Gesprächspartner haben. Ergänzt wird das durch die sogenannte Silberinfo, die gezielt über Unterstützungsangebote im jeweiligen Wohnumfeld informiert. So soll nicht nur geredet, sondern auch konkret geholfen und weitervermittelt werden.
Elke Schilling
Also erst mal Silbernetz an sich ist ein dreistufiges telefonisches Angebot für ältere Menschen. Das heißt, es besteht aus der Hotline, die täglich von 8-22:00 rund um die Woche erreichbar ist. Den silbernen Freundinnen und Freunden, unseren Ehrenamtlichen, die einmal in der Woche ihren älteren Menschen, der sich das wünscht, für ein persönliches Gespräch anruft und damit eine zwar anonyme, aber dennoch sehr persönliche Beziehung aufbauen kann. Und das dritte ist unsere Silberinfo vor dem Hintergrund, dass viele ältere Menschen eine Studie sagt 1/3 aller Menschen ab 60 wissen nicht, was es in ihrem Wohnumfeld an Angeboten für sie gibt. Das heißt, wir hören am Telefon hin, und wenn wir mitkriegen, dass da tatsächlich irgendein Angebot eigentlich gebraucht wird, dann gucken recherchieren wir im Internet oder in unseren Unterlagen und geben Rufnummern weiter für Ansprechpartner, die genau dieses Problem sachkundig bearbeiten.
Musik: Billie Eilish – What was I made for
Autorin:
Die Telefonseelsorge der Kirchen ist in Deutschland ein fest verankertes seelsorgliches Angebot für Menschen in Krisen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden dafür umfassend geschult – oft über mehrere Monate hinweg. In der Ausbildung geht es unter anderem um Gesprächsführung, den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen und regelmäßige Supervision. So werden sie gezielt darauf vorbereitet, am Telefon zuzuhören und Menschen in belastenden Momenten zu begleiten. Diese Erfahrung im Umgang mit Krisengesprächen gilt als eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit.
Elke Schilling
Also es gibt tatsächlich in den Reihen unserer ehrenamtlichen Telefonistinnen eine ganze Reihe ehemalige Telefonseelsorger, die wir natürlich besonders gern nehmen, weil die schon diese gesamte Ausbildung haben und mit all diesen Problemen am Telefon auch gut umzugehen. Und die werden also Telefonseelsorge hat, arbeitet in vielen Bundesländern immer noch von Büro aus. Und wenn die Menschen aber mobil zu eingeschränkt sind, um sich noch zu allen Tageszeiten in so ein Büro zu begeben, dann müssen sie die TS verlassen. Und dann gibt es tatsächlich eine ganze Reihe Telefonseelsorge Stellen in Deutschland, die sagen geh zum Silbertelefon.
Autorin:
Neben ehemaligen Telefonseelsorgerinnen gibt es aber noch andere Ehrenamtliche am Telefon, – wer engagiert sich noch bei Silbernetz?
Elke Schilling
Das sind oftmals ehemalige Sozialarbeiter, möglicherweise auch Lehrkräfte, aus sozialem Umfeld. Es sind Ehrenamtliche, wie gesagt, von der Telefonseelsorge, die das mitbringen. Es sind aber auch Therapeutinnen und auch Ärztinnen, die dann sozusagen im hohen Alter oder im fortgeschrittenen Alter diesen Service kaum noch machen. Das heißt, es sind durchweg Menschen, die aus ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Laufbahn die Gesprächskompetenz mitbringen. Und die kriegen dann bei uns, wie gesagt, erstens der Ort und das Vorgespräch, um zu gucken, ob wir miteinander passen. Und dann haben sie die Möglichkeit, alle 14 Tage an unseren Erfahrungsaustauschen teilzunehmen. In Begleitung einer erfahrenen Supervisorin.
Autorin:
Was können Menschen konkret tun, wenn sie selbst Einsamkeit erleben oder jemandem im Umfeld helfen möchten?
Elke Schilling
Sie könnte gucken, wo vergangene Bekanntschaften und Telefonnummern herumliegen und sich aufrufen, vielleicht noch mal anzurufen und zu sagen: Hallo, wir haben uns lange nicht gesprochen. Ich würde gerne zum Beispiel. Es ist eins. Und was ich immer sage zu denen, die wahrnehmen, dass da in der Umgebung jemand möglicherweise einsam ist. Dass ich diesem Menschen, von dem ich das vermute, wenn ich mich das traue, meine Rufnummer auf den Zettel schreibe und auf den Zettel dazu schreibe.
Hallo, ich bin Ihr Nachbar, Ihre Nachbarin und wenn Sie irgendwas brauchen, wenn ich Ihnen irgendwo weiterhelfen kann, rufen Sie mich einfach an. Und ich denke, so ein Angebot gibt genau wie unsere Rufnummer die Möglichkeit zu sagen Brauche ich, brauche ich nicht, sich das hinzulegen und es zu nutzen, wenn man es braucht. Uns anrufen ist natürlich eine Möglichkeit. 0800 4 708090.
Autorin:
Ein niedrigschwelliger Kontakt, der im besten Fall wieder Verbindung schafft – gegen Einsamkeit im Alltag. Und manchmal reicht eben schon ein Anruf, um wieder in Kontakt zu kommen. Christinnen und Christen feiern heute Christi Himmelfahrt, es erinnert daran, dass Christus den Menschen dennoch nahe bleibt.
Psalm 34,19:
„Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“
Schlussmusik: Adele - Hello
Telefonische Anlaufstellen:
Silbernetz – das Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter: 0800 4 70 80 90
Telefonseelsorge Deutschland: 0800 1110111 / 0800 1110222 oder 116 123
Berliner Krisendienst: (030) 390 63 -10 bis -90 Endziffer nach Bezirk