Drei weiße Kühe stehen vor einem blauen Himmel. Die Kühe haben gelbe Ohrmarken und schauen direkt in die Kamera. Ihr Fell ist kurz und glatt, und sie wirken neugierig und friedlich. Drei weiße Kühe stehen vor einem blauen Himmel. Die Kühe haben gelbe Ohrmarken und schauen direkt in die Kamera. Ihr Fell ist kurz und glatt, und sie wirken neugierig und friedlich.
Drei weiße Kühe stehen vor einem blauen Himmel. Die Kühe haben gelbe Ohrmarken und schauen direkt in die Kamera. Ihr Fell ist kurz und glatt, und sie wirken neugierig und friedlich.
18.01
2026
08:40
Uhr

Streicheln oder essen?

Über unseren Umgang mit Tieren

Ein Beitrag von Joachim Opahle

Waltraud:  Für mich ist der Hund wie ein vollwertiges Familienmitglied, dem ich mit Liebe und Fürsorge begegne.

Autor: Auf ihren Hund lässt die 65jährige Waltraud nichts kommen. Der hellbraune Mischlingsrüde ist ihr im Laufe vieler Jahre zu einem Lebensbegleiter geworden. 

Waltraud: Der Hund hat auch eine eigene Persönlichkeit, so etwas wie eine Seele, einen eigenen Charakter, der sich in seinem Willen ausdrückt, in seiner Zuneigung, in seiner Ablehnung

Autor: Die Vorstellung, dass das Tier im Falle seines Todes einfach so in einer Tierkörperbeseitigung landen könnte, weist sie entschieden zurück: Sie würde stattdessen eine würdige Abschiedsfeier in einem Krematorium machen: 

Waltraud: Ich würde ihn auf jeden Fall kremieren lassen und in meinem Garten bestatten an einem schönen Fleck. 

Autor: Das geliebte Haustier, so ihre Vorstellung, wird sogar an einem besonderen Ort weiterleben:

Waltraud: Und ich glaube auch, dass es einen Himmel für die Tiere gibt.

Autor: Menschen lieben Tiere, bisweilen sogar abgöttisch: Hunde, Katzen, Pferde, Vögel - und wir freuen uns, wenn wir Lämmer oder Kälbchen auf der Weide sehen. Die 30jährige Tierfreundin Verena hat eine einfache Erklärung dafür: 

Verena: weil sich viele Menschen allein fühlen und dann gerne jemanden haben, der immer da ist und um den sie sich auch kümmern können.

Autor: Aber die Liebe der Menschen zur Tierwelt ist zwiespältig. Denn die Mehrheit von uns freut sich eben auch über ein gutes Schnitzel auf dem Teller oder die Bratwurst auf dem Grill. Dafür werden Tiere getötet. Warum werden die einen Tiere von den Menschen gestreichelt, während andere lediglich einen Nutzwert als Nahrungslieferant haben? Verena hat sich dazu ihre Gedanken gemacht:

Verena: Es ist natürlich unfair. Aber so ist es beim Menschen auch: schönere Menschen haben es ja im Leben auch leichter …. Und bei Tieren gibt’s halt auch so Ideale, die irgendwie als süß und als schön gelten und die werden dann halt bevorzugt. 

Autor: Über das Essen der Zukunft wird derzeit viel geforscht. Neben der Fleischtheke gibt es heutzutage in fast allen Supermärkten auch eigene Regale mit veganen Lebensmitteln. Fleischersatz und Eiweißgewinnung aus dem Labor sind wichtige Stichworte. Verena hat Ernährungswissenschaften studiert. Sie hält es für denkbar, dass irgendwann einmal Tiere überhaupt nicht mehr als Nahrung für den Menschen dienen: 

Verena: Ja, kann ich mir auf jeden Fall vorstellen, aber da muss noch viel dran gearbeitet werden und aufgeklärt werden in der Gesellschaft, zumal ja Fleischkonsum nicht unbedingt das Gesündeste ist und noch andere Auswirkungen auf die Umwelt hat usw. Also ich kann mir das schon vorstellen, dass wir irgendwann dahin kommen, aber das wird noch ein paar Jahrzehnte dauern. 

Autor: Was unterscheidet eigentlich den Menschen vom Tier und woher nimmt der Mensch das Recht, über Tiere zu bestimmen? Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist der Unterschied genau definiert, erklärt der Jurist Daniel Krüger am Beispiel von Hunden:

Daniel Krüger: Ein Tier ist juristisch ne Sache, nein es ist keine Sache, aber es wird wie eine Sache behandelt. 

Autor: Dabei müsse man aber die sachliche Ebene von der sozialen Bedeutung unterscheiden: 

Daniel Krüger: Also: der Hund ist ja deshalb ne Sache, damit ich ihn zuordnen kann, eigentumsmäßig einer einzelnen Person zuordnen kann und damit man Recht über den Hund ausüben kann. Natürlich kann ich verstehen, wenn man sozial sagt, der Hund ist mein Weggefährte, das ist jemand, der mich begleitet und mir ne emotionale Basis auch gibt. Das schließt ja die rechtliche Definition nicht aus, sondern sie soll eigentlich nen Handlungsraum ermöglichen. 

MUSIK

Autor: Es hat sich einiges getan in der Wertschätzung von Tieren, vor allem bei Haustieren, die in unseren Breiten ohne Zweifel als höherwertige Lebewesen gelten. Aber auch in der Nutztierhaltung. Das hat sich auch in der kirchlichen Sicht auf die Tiere niedergeschlagen. Während noch bis in die Neuzeit die Überzeugung herrschte, dass Tiere willenlose Geschöpfe sind, ohne eigene Rechte und ohne eigene Würde, gibt es heutzutage sogar Gottesdienste mit besonderen Tiersegnungen. Gerne wird dabei dann an Noah und seine Arche erinnert, in der alle Tiere Platz fanden. Oder an Franz von Assisi, der die Tiere über alles liebte und sogar den Vögeln eine Predigt hielt.

Dennoch vertreten immer noch nicht wenige Zeitgenossen die Ansicht, dass zumindest sogenannte „Nutztiere“ keine besondere Würde haben, sondern dazu da sind, vom Menschen im wahrsten Sinn des Wortes „verbraucht“ zu werden. Und gerne verweisen sie dabei auf die Bibel. Dort werde der Mensch bekanntlich beauftragt, sich „die Erde untertan zu machen“. Doch gerade in Bezug auf dieses Zitat gibt es viele Missverständnisse und Einseitigkeiten, sagt die katholische Theologieprofessorin Julia Enxing:

Julia Enxing: Also wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir, dass Tiere sogar schon vor uns geschaffen wurden. Im ersten Buch der Bibel werden die Tiere am fünften Tag geschaffen, und sie kriegen auch vor uns von Gott den Auftrag, die Erde zu bevölkern. Und sie werden auch vor uns gesegnet. Erst am Tag danach, also am sechsten Tag, wird der Mensch erschaffen; und wird damit in einen Zusammenhang hineingestellt, in einen Lebenszusammenhang, in dem bereits Pflanzen und Bäume, Meer, Wasser, Himmel und eben auch die Tiere vorhanden sind. 

Autor: Der Satz vom Untertanmachen hat viel Schaden angerichtet. Und der Blick auf das dramatische Artensterben macht mehr als deutlich, wohin ein rücksichtsloser Raubbau an der Natur führt. Es ist aber nicht nur einer einseitigen Auslegung der Bibel anzulasten, dass Tiere bis heute noch immer als Wesen zweiter Klasse gelten. Auch die abendländische Geistesgeschichte hat einen Anteil daran, vor allem der Philosoph René Descartes im 17. Jahrhundert:

Julia Enxing: Der Philosoph René Descartes hat tatsächlich behauptet, dass Tiere seelenlos sind, dass sie bloße Automaten seien, gefühllos, und hat damit den Grundstein gelegt für sämtliche Experimente mit Tieren, für die schlimmsten und grausamsten Tierversuche. Indem er sie nur als Automaten verstanden hat, ist er auch davon ausgegangen, dass Tiere keinen Schmerz empfinden können, und das hat also zum perversesten Umgang mit Tieren geführt und ist auch die Grundlage für große Schlachtfabriken, für mangelnde Betäubung…. Also, dass man davon ausgeht, Tiere haben eigentlich keinen eigenen Willen, sie sind nicht als Individuen vorhanden und müssen deshalb auch nicht respektiert werden. Das war also sehr schlimm und folgenreich und Descartes hat im 17. Jahrhundert gelebt und man sieht, wie stark die Nachwirkungen noch waren bis heute im Prinzip.

Autor: Heute gibt es in den Kirchen auch Stimmen, die sich fragen, ob es sinnvoll ist, Mensch und Tier überhaupt in wesensmäßig strikt unterschiedliche Kategorien einzuteilen. Denn eigentlich haben Mensch und Tier viel mehr gemeinsam, als allgemein bewusst ist:

Julia Enxing: Also nicht nur von der Biologie her, sondern auch von unseren Emotionen und von unserer Fähigkeit, soziale Beziehungen einzugehen, von unserem Verhalten, wir sind ja sehr eng mit unseren Tieren verbunden, und da scheint diese Betonung auf die harsche Unterscheidung zwischen Mensch und Tier fast künstlich zu sein.

Autor: Für die katholische Theologieprofessorin kommt es deshalb im Blick auf die Zukunft entscheidend darauf an, die menschliche Perspektive auf die Tier- und Pflanzenwelt neu zu bestimmen und, wo nötig, zu korrigieren: 

Julia Enxing: Mir ist es wichtig, dass wir uns klarmachen, dass wir es sind, die entscheiden, wer geliebt wird, wer gepflegt wird, wer gegessen wird, wir sind das. Und in anderen Kulturen ist es auch ganz anders, da sind andere Tiere, die gepflegt und gehegt und gestreichelt werden, und wiederum andere die gegessen werden, die bei uns vielleicht auf dem Sofa sitzen. Und das zeigt sehr deutlich, dass wir unsere Macht hier nutzen oder ausnutzen, um zu entscheiden, welches Leben wertvoll ist, wir sind es die entscheiden, und welches Leben nicht wertvoll ist. Dass für uns ein Schwein eben einen anderen Wert hat als beispielsweise ein Rauhaardackel; aber das ist nicht in dem Tier angelegt. Und das wiederum finde ich einerseits beängstigend, dass wir es so entscheiden. Andererseits ist es auch ein Zeichen der Hoffnung, denn wir können uns auch umentscheiden. Wir können auch verstehen, dass das Leben an sich schützenswert ist. Und wir nicht das Recht haben zu sagen, das eine Tier, das können wir essen, und das andere Tier, das verwöhnen wir. Wir sind es jedenfalls, die festlegen, wie wir mit den Tieren umgehen, und das müssen wir sehr überlegt tun und da auch zu einem gewissen Umdenken bereit sein. 

Autor: In den Kirchen ist jedenfalls die Aufmerksamkeit für Tiere vielerorts gewachsen. Gottesdienste mit Tiersegnungen sind beliebt, als Ausdruck der Wertschätzung und des Respekts vor den Mitgeschöpfen. Dabei wird manchmal auch die Frage gestellt, ob Tiere eine Seele haben und, wenn ja, ob sie vielleicht sogar in den Himmel kommen? Nicht ausgeschlossen, sagt die Theologin Julia Enxing:

Julia Enxing: Ich würde sagen, dass das stimmt, dass Tiere eine Seele haben. Die Seele ist unsterblich und insofern ewigkeitsfähig. Und die Seele ist auch das, was Gott den Lebewesen einhaucht, damit sie atmen. Tiere partizipieren an diesem Lebensatem Gottes und sind deshalb auch Teil des ewigen Reiches Gottes. Und das sehen wir ja auch beim Propheten Jesaia, der eben dieses ewige Friedensreich als ein Reich sieht, in dem Tier und Mensch und die gesamte Schöpfung zusammen vereint sind. Selbstverständlich kann ich mir kein Friedensreich vorstellen, in dem keine Tiere wären.

MUSIK