Ein Paar Hände tippt auf der Tastatur eines Laptops. Der Hintergrund ist dunkel, und der Fokus liegt auf der Interaktion mit dem Gerät. Eine Computermaus ist neben dem Laptop platziert. Ein Paar Hände tippt auf der Tastatur eines Laptops. Der Hintergrund ist dunkel, und der Fokus liegt auf der Interaktion mit dem Gerät. Eine Computermaus ist neben dem Laptop platziert.
Ein Paar Hände tippt auf der Tastatur eines Laptops. Der Hintergrund ist dunkel, und der Fokus liegt auf der Interaktion mit dem Gerät. Eine Computermaus ist neben dem Laptop platziert.
01.11
2026
08:40
Uhr

Trauern mit KI

Wie hilfreich sind digitale Erinnerungsorte?

Ein Beitrag von Joachim Opahle

Autor: Ein Mann Mitte 60 ist unheilbar an Krebs erkrankt. Er wird nicht mehr lang leben. Die letzten Monate seiner irdischen Existenz will er nutzen, um sich zumindest ein wenig unsterblich zu machen. Er trainiert seinen Chatbot, indem er verschiedene Texte einspricht, Briefe und Tagebucheinträge, aber auch verschiedene Artikel aus der Zeitung. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz wird es seiner Frau später möglich sein, mit dem Verstorbenen in einen Dialog zu treten. Sie kann ihn zu gemeinsamen Urlaubserinnerungen befragen und die schönsten Erlebnisse noch mal wach werden lassen. Oder ihn bitten, ihr jeden Abend eine Geschichte zu erzählen. Die KI sorgt dafür, dass seine Stimme sich so anhört, als würde der Verstorbene in echt mit ihr sprechen. 

Lilli Berger ist Expertin für Digitale Trauerkultur. Für sie steht das Trauern in Zeiten künstlicher Intelligenz vor einer interessanten Entwicklung:

Lilli Berger: Es ist ne kleine Spielwiese, und man könnte auch sagen: neue Werkzeuge, um mit der eigenen Trauer in Kontakt zu kommen. Und gleichzeitig hilft uns KI auch dabei, Erinnerungen zu archivieren und zu erweitern. 

Autor: Was bedeutet es, wenn der verstorbene Großvater digital aufbereitet, gewissermaßen wieder „lebendig“ wird? Verändert das die Trauer? Kann man überhaupt richtig Abschied nehmen, denn Opa nach der Beerdigung digital noch da ist?

Lilli Berger: Ich sehe das eher als Prozess, und wir haben ja auch in der analogen Trauer einen Prozess, den wir durchlaufen. Am Anfang wollen wir vielleicht die Sprachnachrichten immer wieder hören und das nimmt dann ab mit der Zeit. Das erlebe ich auch bei den KI-unterstützten Tools, das das oft ein Prozess ist…: Ich erlebe da keine Abhängigkeit oder ein Verschleppen der Trauer, sondern im Gegenteil ein aktives Auseinandersetzen. 

Autor: Ein anderes Beispiel: man nehme ein altes kleines Schwarzweiß-Foto. Oma und Opa sitzen idyllisch auf dem Bänkchen vor dem Haus im Abendrot. Beide blicken in die Kamera. Doch mit Hilfe von KI kann aus dem Foto ein kurzer Film werden. Je nachdem, wie man die KI füttert, bewegen sich die Köpfe plötzlich aufeinander zu, Oma und Opa lächeln sich an und geben sich einen Kuss; ein rührendes Bild, irgendwie echt, aber eben auch künstlich erzeugt. Für Trauerexpertin Lilli Berger ein Beispiel dafür, wie Künstliche Intelligenz die Erinnerung bereichern kann: 

Lilli Berger: Ich glaube in Deutschland fehlen im Alltag so ein bisschen die Orte, an denen wir uns erinnern. Und umso mehr wir mit Alltagsgegenständen, und dazu würde ich KI mittlerweile auch zählen, in Kontakt kommen und da Orte des Erinnerns auch schaffen, können wir das viel mehr integrieren in unseren Alltag. Und das erlebe ich in der Trauer und in der Gemeinschaft und vor allem in der Erinnerung wahnsinnig schön.

Autor: In den Religionen geht es oftmals um das ewige Leben der unsterblichen Seele. Wäre das ewige virtuelle Weiterleben in der digitalen Cloud dann so etwas Ähnliches? 

Lilli Berger: (lacht) Das kann man jetzt mit Humor natürlich so nehmen. Und es hat ja auch so etwas Göttliches. Da ist plötzlich etwas Höheres, Unsichtbares, was ne Orientierung gibt. Und das kann natürlich auch als Bedrohung wahrgenommen werden, und Bedrohung macht Angst. Und deswegen plädiere ich dafür, sich eher die Angst anzuschauen. Und ne Neugierde zu entwickeln und zu schauen, wie kann ich denn …. Kann das denn mein Assistent werden, und wie kann ich denn Hand in Hand mit dieser KI arbeiten und leben. 

Musik: Willie Nelson - Always Now

Autor: Unsere Erinnerung an die Toten wird immer mehr digital: Früher stellte man ein schlichtes Foto des Verstorbenen auf, heute kann man sich nochmal die Sprachnachrichten aus alten Chats anhören. Die Künstliche Intelligenz bietet eine Fülle von Möglichkeiten, den Verstorbenen im Gedächtnis zu halten. Janna Maria Nandzik hat vor zehn Jahren eine „Schule des Sterbens“ gegründet, die sich mit dem Wandel der Trauerkultur in digitalen Zeiten beschäftigt. Erleben wir derzeit eine Auflösung der traditionellen Trauerrituale? 

Janna Maria Nandzik: Ich würde es nicht so bezeichnen, dass sich etwas auflöst. Ich finde es kommt ganz viel dazu. Was sicherlich richtig ist, dass durch die Säkularisierung viele Riten, und quasi so ein Geländer weggebrochen ist, und jetzt wird gerade spielerisch neu erforscht, was denn neue Rituale sein können, neues Geländer sein kann. Für manche Leute ist es bestimmt schon auch die Rückbesinnung auf ihre alten religiösen Wurzeln. Und für manche ist es etwas ganz Neues. Und dann kommt noch das Thema Nachhaltigkeit dazu, d.h. mittlerweile kann man sich ja auch in einem Pilzmantel beerdigen lassen und dann wieder zu Erde werden usw. Also ich finde das eigentlich wirklich sehr sehr spannend, dass der Tod in die Mitte kommt, da wo er hingehört ins Leben, und wir quasi da herausfinden können, was für neue Möglichkeiten es gibt. 

Autor: Zu den neuen Möglichkeiten gehört auch, dass man heute einen Grabstein mit einem QR-Code bestücken kann. Friedhofsbesucher brauchen nur ihr Handy dran halten, und schon tauchen Stimme und Bild des Verstorbenen auf, vielleicht sogar in einem Video: Wäre das eine gute Möglichkeit der Erinnerung, oder ist das dann doch etwas gruselig? Janna Maria Nandzik ist zurückhaltend bei solchen Möglichkeiten der direkten Wiederbegegnung. Sie denkt eher an eine Art Vermittlungsgeschehen: Unterschiedliche Quellen wie Freunde, Angehörige oder Nachbarn sollten etwas zur Erinnerung an den Verstorbenen beitragen; die Künstliche Intelligenz würde dann daraus eine neue Antwort erzeugen:

Janna Maria Nandzik: Ich würde das auch gar nicht so empfehlen, dass man die Person selber sprechen lässt, sondern eher Experten sprechen lässt über das Leben der Person. Oder einen Chatbot entwickelt, der der Experte ist, einen Erinnerungsraum, und dann auch immer die Quellen angibt: Woher hat er diese Information, also da kann meine Mutter, meine Schwester und mein Vater können Erinnerungen einspeisen und der Chatbot wird unterschiedlich antworten, weil mein Vater und meine Mutter die Person anders wahrgenommen haben. Und dann kann man Quellen angeben, dass ich dann weiß: ah mein Papa hat das gesagt oder meine Mutter hat das gesagt. Und das finde ich eigentlich nen ganz schönen Erinnerungsraum, der da entstehen kann, ohne dass man so tun muss, als dass die Person mit einem spricht. 

Autor: Die neuen digitalen Möglichkeiten der Erinnerung an Verstorbene werfen eine Reihe von weitgehend noch ungelösten Fragen auf: Vor allem beim Datenschutz. Muss man jetzt also Vorkehrungen treffen, wenn man nicht will, dass persönliche Merkmale wie Stimme oder Bild später für alle Zeit im Internet auffindbar sind? 

Janna Maria Nandzik: Im Moment entwickelt sich das so rasant, dass wir das nicht ganz genau sagen können. Aber, ja, (….) es wird auf jeden Fall immer der Mensch mit eingebunden sein. Und man selber ist eigentlich immer der beste Marker, was einem gut tut, und was nicht. Und was aber wichtig ist, (….) mit der Stimme, das sind ja am Ende Fragen der Persönlichkeitsrechte, und da ist Dänemark gerade ein Vorreiter, die das schon festgelegt haben. Und das wird wahrscheinlich irgendwann Teil unserer Testamente sein, dass wir sagen: Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass meine Stimme weiter verwendet wird, usw. 

Bob Dylan - Knockin‘ on heaven‘s door 

Autor: Rudolf P. hat sein Testament verfasst. Sein letzter Wille: Für seine Familie möchte er mittels Künstlicher Intelligenz in Erinnerung bleiben, in Wort und Bild. Dafür hat er zu Lebzeiten rund 150 Texte eingesprochen, Briefe, Tagebucheinträge, aber auch Auszüge aus Romanen, die ihm viel bedeuteten. Die stehen jetzt einer Künstlichen Intelligenz für verschiedene Anwendungen zur Verfügung. Über eine spezielle App kann man mit dem Verstorbenen später richtige Dialoge führen: Man kann zum Beispiel fragen, was ihm zu Lebzeiten wichtig war, was ihm Freude bereitet hat, was ihn geärgert hat, was er sich für die Zukunft seiner Angehörigen wünscht – und so weiter. Ganz billig ist der Spaß aber nicht: mehr als 10 000 Euro kosten solche Angebote, zumeist kommen sie aus den USA oder aus dem asiatischen Raum. Wie sind solche Möglichkeiten aus christlicher Sicht zu bewerten? Ich habe darüber mit Carla Böhnstedt gesprochen. Sie arbeitet als Seelsorgerin bei der katholischen Kirche: 

Carla Böhnstedt: Auf der einen Seite kann ich die Sehnsucht der Menschen verstehen, dass es ihnen erst sehr schwer fällt, loszulassen; dass die Sehnsucht da ist, nochmal die Stimme zu hören, sich nochmal an der Klangfarbe zu erfreuen; von daher würde ich es nicht grundsätzlich ablehnen. Aber ich glaube man muss aufpassen und achtsam mit solchen Möglichkeiten umgehen und gucken, dass dadurch nicht das Abschiednehmen grundsätzlich verhindert oder hinausgezögert wird. Solche Möglichkeiten zu nutzen, weil sie am Anfang trösten, ist ok; ich befürchte es wird schwierig, wenn auf Dauer nicht möglich ist, auch zu realisieren, dass der Mensch wirklich weg ist und dass er nicht wiederkommt. 

Autor: Warum sollte man denn unbedingt endgültig Abschied nehmen? Was steckt da für eine Begründung dahinter?

Carla Böhnstedt: Ich glaube, dass es auf Dauer die Trauer nicht lösen kann, wenn ich mich nur in diese Welten hinein flüchte. Ich glaube, um den Trauerprozess wirklich auch gehen zu können, um dieses Gefühl auch wirklich verarbeiten zu können, muss ich irgendwann realisieren, dass der geliebte Mensch wirklich weg ist und dass er nicht mehr wiederkommt. Und ich glaube, um gut damit weiter leben zu können, muss ich Wege finden, wie ich mein Leben trotzdem wieder weiterleben kann. Und dazu gehört für mich, dass ich mich dem irgendwann stellen muss, dass der Schmerz bleibt, aber (….) ich muss begreifen können, dass der Verlust unwiederbringlich ist, dass ich mir nicht durch KI-Stimmen oder Avatare, kann ich mir (….) den geliebten Menschen, den ich verloren habe, nicht wieder zurückholen. 

Autor: Das Beispiel vom schwarz-weiß-Foto der alten Leute, die sich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz plötzlich bewegen, lächeln, sich einander zuwenden und einen Kuss geben, das ist eigentlich sehr rührend. Oder? 

Carla Böhnstedt: …aber für mich ist dann trotzdem die Frage, haben die das wirklich…. Also, sind die das dann wirklich? Oder war der Bewegungsablauf vielleicht ganz anders? Hat die verstorbene Person vielleicht ganz anders gelächelt? Also ich glaub, deren Herz, deren Seele, das, was sie zutiefst ausgemacht hat, das muss ganz tief in mir abgespeichert sein, dass ich genau weiß: das war das Lächeln, so hat sie immer gelächelt, so hat sie immer gezwinkert. Ich glaube, gewisse Sachen, also der Mensch ist einmalig, kostbar, wertvoll, nicht nachbaubar oder nachproduzierbar, vielleicht kommt das dem nahe, aber das ist niemals der Mensch mit dem Lächeln, mit den inneren Werten, den ich verloren habe. 

Autor: Chatten mit einem Verstorbenen als eine Art Avatar – solche Angebote bewertet Carla Böhnstedt eher kritisch im Blick auf die postmortale Würde eines Menschen: 

Carla Böhnstedt: Ich glaube, (…) vom christlichen Menschenbild her, ist der Mensch viel mehr, als nur irgendwelche technisch aufbereiteten Daten und Fakten; für mich würde sich auch die Frage stellen: Inwieweit ist es wirklich noch der Verstorbene, wenn KI irgendwelche Versatzstücke von Dingen, die er irgendwann einmal gesagt hat, zu womöglich ganz neuen Inhalten zusammenbaut; also inwieweit ist das wirklich dann noch der Mensch, der mir wichtig war, der mein Leben reich gemacht hat, oder inwieweit baut KI dann womöglich ganz neue Dinge zusammen; kann dann womöglich auch mal was passieren, dass irgendwas gesagt wird, oder der verstorbenen Person etwas in den Mund gelegt wird, was diese so nie gesagt hätte, das dann in mir als Trauernder irgendwelchen Schmerz oder Irritation auslöst….

KI bleibt KI, das ist kein Mensch, und wir wissen nicht, wie sie im Endeffekt dann in jeder Situation dann reagiert. Damit muss man sensibel und achtsam umgehen können. 

Autor: Aber könnte es nicht auch eine starke Versuchung sein, mittels Künstlicher Intelligenz das Ewige Leben vorwegzunehmen? Bin ich nicht wenigstens ein bisschen unsterblich, wenn ich auf ewig in der Cloud anzutreffen bin? 

Carla Böhnstedt: Bin ich nicht! Ich glaube, es übertüncht die Tatsache, dass wir nicht unsterblich sind. Und da müssen wir – find ich - Grenzen setzen; soweit es hilft erstmal am Anfang zu Trauern und zu trösten, ist es ok; wenn ich mich in einer Illusion verliere, dass ich meine, unsterblich zu werden, dann werden solche Techniken glaub ich problematisch.

Musik: Claire Kelly, Together again