Autor: Berlin nicht weit vom Roten Rathaus. Im Rauschen der Autos geht das Glockenläuten der nahen Marienkirche fast unter. Früher waren die Glocken weithin deutlich zu hören. Für die Berliner und auch für die Pilger, die sich sammelten, um die Stadt für eine Wallfahrt zu verlassen. Auch heute noch brechen Leute aus Berlin zum Pilgern auf. Arina Behnke und André Heldner zum Beispiel.
Arina Behnke: Ich bin aufs Pilgern gekommen, das war vor 1998 in einem Spanisch-kurs der Volkshochschule Spandau und da sollten wir aus verschiedenen Urlaubsvarianten eine auswählen, die uns gefällt. Und ich hab mir dann den Jakobsweg ausgesucht und das war das erste Mal, dass ich überhaupt davon gehört habe.
André Heldner: Wir sind vorher viel gewandert und dachten, das wär doch mal was auszuprobieren für uns und ja seitdem hat uns das Pilgerfieber gepackt.
Autor:Arina Behnke und André Heldner suchen beim Pilgern Besinnung. Auf den ländlichen Wegen vernehmen sie den Klang der Glocken besser als im Lärm der großen Stadt. Früher spielten sie eine zentrale Rolle für die Bewohner: Sie läuteten bei Gefahren wie Brand, Sturm oder anrückenden Feinden, sie teilten den Tod eines Menschen mit, gliederten Tag und Nacht, riefen aber auch zum Innehalten, zum Gebet, zur Sammlung, und ihr Klang vermittelte den Menschen Geborgenheit und den über der Welt wachenden himmlischen Beistand.
Autor:Im Mittelalter verließen die Pilger Berlin beim Heilig-Geist-Hospital, wo heute noch eine Kapelle zu sehen ist, nicht weit von der Marienkirche. Sie ließen den vertrauten Klang der Stadt-Glocken zurück und gingen anderen Orten und Glocken entgegen. Auf dem Handelsweg Richtung Hamburg, durch flache, wasserreiche Landschaft. Zunächst zur Havelfähre bei Heiligensee.
Autor: Sumpfig war die Gegend. Deshalb gab es hier keine Brücke. Die Fährleute setzten Händler über, verdienten aber auch gut an den Pilgern. Die heutigen Pilger machen es anders. Sie wollen nicht durch die ganze Stadt bis Heiligensee laufen, das heute auch zu Berlin gehört. Sie fahren mit der S-Bahn nach Hennigsdorf und beginnen dort ihren Weg. Früher zogen die Pilger in Mantel und Hut über Land, mit festem Schuhwerk und einem Stab, der auch als Waffe gegen wilde Tiere und Räuber diente. In der Pilgertasche hatten sie Proviant und eine Trinkflasche dabei. Und heute?
André Heldner: Ausrüstung heißt für uns: Zwei Paar Unterwäsche, zwei Paar Socken, ein Duschgel, womit dann auch die Haare gewaschen werden und auch die Sachen gewaschen werden können. … Eine Minimalausrüstung, die, mit einem Rucksack gepackt, ungefähr 10 Kilogramm wiegt, wenn Getränke und Essen noch dabei ist, vielleicht 12 Kilogramm. Gute Regensachen sollte man haben, einen Rucksack, der einen vernünftigen Hüftgurt hat, Schuhe, die vielleicht ein bisschen eingelaufen sind.
Arina Behnke: Mir fällt noch ein Schlafsack ein und dann, was auch sehr schön ist, ich hab immer einen Fotoapparat dabei und ein Tagebuch, auch wichtig, dass man einfach mal seine Gedanken abends aufschreibt, das sind so die kleinen Dinge, die braucht man nicht unbedingt zum Wandern, aber zum Pilgern.
Autor:Im Mittelalter pilgerten die Menschen nach Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela, Orte, die an Christus, an seine Apostel und Heiligen erinnerten. Sie pilgerten aber auch zu heiligen Stätten in Aachen, Köln und anderswo, die auf dem Weg dorthin lagen. Und sie pilgerten in die Prignitz nach Wilsnack. Dort hatten die Hostien, die geweihten Oblaten für die Eucharistie, den Brand der Kirche überlebt. Sie trugen merkwürdige rote Stellen, als ob sie bluteten. Das galt als Wunder, es machte den kleinen Ort bis zur Reformation zum Ziel hunderttausender Pilger aus ganz Europa. Sie kamen für sich und im Auftrag anderer, arm und reich, auch Straftäter waren darunter, denen die Pilgerfahrt vom Gericht auferlegt war. Sie kamen, um für die Heilung schwerer Krankheiten zu bitten, um am heiligen Ort zu beten, um zu büßen für begangenes Unrecht. Und heute?
André Heldner: Einmal auszusteigen, raus aus dem Karussell, was sich hier immer nur dreht und dreht, das ist ein Grund, weswegen wir immer wieder losgehen. Ich würde für mich sagen, dass die Bedeutung materieller Dinge in den Hintergrund tritt und Gespräche, Beobachtungen, Berührungen mit Menschen, mit der Natur, als Christ würde ich sagen, mit Gottes Schöpfung – das sind Dinge, die einen im Laufe der Jahre auch irgendwie verändern.
Autor: Von Henningsdorf laufen die Pilger heute in etwa den Weg, der auch im Mittelalter gegangen wurde. Ihr nächstes Ziel ist Bötzow, das damals Cotzebandt hieß. Kommen sie zur Mittagszeit, heißen sie die Glocken des Dorfes willkommen.
Autor:Früher wurden die Pilger um die Mittagsstunde durch das Geläut an die Menschwerdung Gottes, die Geburt Jesu, erinnert. Aber die Glocken sagten auch: Mach Pause, der Tag ist in der Mitte angekommen. Trafen die Pilger abends ein, erinnerten die Glocken sie an das Leiden und Sterben von Christus und sagten zugleich: Halt ein, lass den Tag Revue passieren! Und wenn sie noch unterwegs waren, dann wies ein fernes Glockenläuten sie auf eine menschliche Siedlung hin, auf Schutz und Herberge und die Vorzüge eines Gasthauses.
Autor: Die Glocken läuteten im Mittelalter auch in der Nacht – ein tröstlicher Klang, der die Schrecken der Finsternis vertreiben sollte. Am Morgen erinnerten sie dann an die Auferstehung Christi, ermunterten die Menschen zum Tagwerk und den Pilger, sich wieder auf den Weg zu machen. Wenn ein Fluss seinen Weg kreuzte wie der Rhin, nahm er die Fähre, so im Ländchen Bellin, wo der Ort Fehrbellin nach der alten Fähre benannt ist. Vom Weg abzuirren, konnte unangenehm werden. Ringsum war Moor und Sumpf. Aber auch wilde Tiere oder Raubüberfälle konnten für unangenehme Überraschungen sorgen. Das ist lange her – inzwischen sind die Begegnungen mit dem Tierreich in Brandenburg eher friedlicher Natur:
Arina Behnke: Wir haben einmal in einer Schäferei übernachtet … und haben da auch teilweise ... so die selbst gemachten Wurst und Käse zum Frühstück bekommen und morgens sind wir dann mit raus auf die Weide und die Lämmer, die wurden gefüttert, teilweise mit Milch, die kamen dann gleich alle angerannt.
André Heldner: Wir standen da mittendrin und die haben auch nicht nur an dem Fläschchen gezuppelt, sondern auch an unseren Sachen, die waren überhaupt nicht scheu, ganz im Gegensatz wie wir es sonst eben erleben bei Schafsherden, dass, wenn man da bisschen zu dicht ran kommt, dass sie dann wegrennen. Das war für uns ein schönes Erlebnis.
Musik
Autor:Auf dem Weg nach Bad Wilsnack sind Arina Behnke und André Heldner meist allein unterwegs. Im Mittelalter sah das anders aus. Nicht nur wegen möglicher Gefahren taten sich die Menschen zusammen. Sie reisten selten und genossen das Kennenlernen anderer Orte und Menschen, die Abwechslung und das Abenteuer. Sie vergnügten sich, erzählten sich Geschichten, lachten, stritten, lärmten. Von Ort zu Ort, immer den nächsten Glocken entgegen.
Autor:Viele Kirchenglocken haben Namen und sind am Rand verziert. In Manker tragen sie darüber hinaus eine besondere Zeichnung, erklärt die Historikerin Cornelia Oefelein.
Cornelia Oefelein: Da sieht man zwei Figuren auf einem Pferd reiten und dargestellt werden der Heilige Matthias und der Heilige Maternus aus Trier. Das Pilgerzeichen stammt aus dem Matthiaskloster in Trier und das sind die Heiligen, die dort in der Kirche auch begraben sind. Der Maternus war der erste Bischof von Trier. Der Matthias ist der Apostel. Sein Grab wurde in dieser Kirche wieder aufgefunden.
Autor:Cornelia Oefelein hat diesen Abdruck eines Pilgerzeichens auf den Glocken entdeckt. Pilgerzeichen brachten die Pilger von ihren Wallfahrten als Beleg mit. Für sie waren das kostbare religiöse Gegenstände, denn mit ihnen hatten sie oft die Reliquien am Pilgerort berührt. Solche Zeichen finden sich an manchen spätmittelalterlichen Glocken zwischen Berlin und Bad Wilsnack. Sie stammen aus dem Süden und Westen Deutschlands, dem Elsaß, aus Belgien und Frankreich. Dorthin waren die Brandenburger Pilger unterwegs. Der Segen, den sie mit den Pilgerzeichen zurück brachten, sollte in den Glocken über Land getragen werden.
Cornelia Oefelein: Wenn jetzt ein normaler Mensch losgegangen ist pilgern, dann hat er irgendwo eine Unterstützung bekommen, aus der Gemeinde..., um auf diese Wallfahrt zu kommen, vielleicht hatte er auch einen Auftrag, ja, bring mir mal auch ein Pilgerzeichen mit oder bete für mich vor allen Dingen, bete für mich am Ort und für meine kranke Familie... Und dass bei der Rückkehr, wenn eine neue Glocke anstand, ein Glockenguss anstand, dass man das dann halt der Gemeinde, die einen finanziert hat oder unterstützt hat, dass man dann halt aus Dankbarkeit, wenn eine neue Glocke anstand, das gespendet hat.
Autor:Auch in Barsikow gibt es noch spätmittelalterliche Glocken mit Abdrücken von Pilgerzeichen. Manche der heutigen Pilger, die die Kirche dort besichtigen, steigen zu den Glocken, um die Zeichen ihrer Vorläufer zu betrachten. Seit Kurzem können sie in dem imposanten Turm auch Quartier machen. Hier gibt es die erste Pilgerherberge auf dem Weg nach Bad Wilsnack in einer Kirche. Mit sauberen Betten, Duschen und Toiletten und Frühstück auf Wunsch zu freundlichen Preisen. Wie sie entstanden ist, erzählt der Imker Oliver Schulze.
Oliver Schulze: Dadurch, dass ich ja auch die Landwirtschaft habe und die Bienen, ist man ja in der Natur und da sind die Menschen ja dann die Wege lang gekommen. Die haben sich dann für die Kirche interessiert und dann kam man mit denen ins Gespräch und dann stellte sich heraus, dass die eigentlich alle das Problem haben, wo sollen wir übernachten, also von Berlin bis Bad Wilsnack gab es keine Quartiere irgendwo, außer in Pensionen. Und da haben wir überlegt, Mensch, die Kirche soll saniert werden, da könnte man im Turm ja eine Herberge mit einbauen für die Pilger.
Autor:Im Spätmittelalter gab es auf dem Pilgerweg nach Wilsnack noch reichlich Quartier. Massen von Menschen zogen umher. Zeitweilig belagerten sie Orte und Landschaften für längere Zeit, vor allem Wilsnack. Dabei waren dann auch viele junge Menschen aus der Nähe, auch Kinder, die unbemittelt, aber vergnügt, für eine Weile aus ihren häuslichen Bindungen ausgebrochen waren, neugierig, feierlustig, mit selbst gemachten religiösen Symbolen, singend, tanzend, ausgelassen. Große Erregung und Freude herrschte dann am Ziel, wenn die Hostien gezeigt wurden. Es wird in Wilsnack so ähnlich gewesen sein wie in Aachen, über das ein Zeitgenosse damals berichtet hat.
Cornelia Oefelein: Er hat Plätze gekriegt auf einer Plattform, das auf einem Haus aufgebaut war und sagte, für unser Geld haben wir einen ziemlich guten Platz gekriegt und so konnte er auf die
Menschenmassen hinab schauen und dann auch direkt alles recht gut beobachten direkt gegenüber da an der Kirche. Von den Galerien hat man dann die Reliquien gezeigt und es wurde immer angekündigt und mit Prozession und Weihrauch und unten tobte das Volk mit Trompeten und Hörnern und Ausrufen ... und die Glocken haben geklungen...
Autor: Heute ist es rund um die Kirche in Bad Wilsnack ruhig. Als Arina Behnke und André Heldner eintreffen, erinnert sie nichts mehr an den Jubel der Pilger von früher. Sie bringen keine Pil-gerzeichen von ihrem Pilgerweg zurück, aber was sie zurückbringen, ist auch ihnen kostbar.
André Heldner: Ich stell bei mir zum Beispiel fest, dass ich gelernt habe auf den Wegen, offener zu sein, also von mir in einem Gespräch auch gegenüber mir nicht so bekannten Menschen gleich von mir ein bisschen mehr zu erzählen, ein Gesprächsangebot zu machen und ich bin ganz platt, was da manchmal für tolle Gespräche entstehen, wo man dann merkt, man kommt entgegen und der andere kommt einem auch entgegen.
Arina Behnke: Wenn man anfängt von innen heraus zu leuchten, dann ist irgendwas passiert. Wenn man manchmal auf dem Weg dann wirklich anfängt, ich sag mal, so vor sich hin zu schweben und so ein bisschen einfach eine Leichtigkeit rein kommt, die man im Alltag gar nicht hat.
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