Eine Hand drückt gegen ein beschlagenes Fenster, durch das Regen herunterläuft. Im Hintergrund sind unscharfe Fenster eines Gebäudes sichtbar. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit und Nachdenklichkeit. Eine Hand drückt gegen ein beschlagenes Fenster, durch das Regen herunterläuft. Im Hintergrund sind unscharfe Fenster eines Gebäudes sichtbar. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit und Nachdenklichkeit.
Eine Hand drückt gegen ein beschlagenes Fenster, durch das Regen herunterläuft. Im Hintergrund sind unscharfe Fenster eines Gebäudes sichtbar. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit und Nachdenklichkeit.
17.05
2026
08:40
Uhr

Volkskrankheit Einsamkeit!

Wie die Kirchen dagegen steuern

Ein Beitrag von Joachim Opahle

Einsamkeit – das ist ein größer werdendes gesellschaftliches Thema. Nicht nur weil viele immer älter werden, sondern auch weil der gesellschaftliche Zusammenhalt möglicherweise immer schwächer wird. Ist Einsamkeit die neue Volkskrankheit? fragt Joachim Opahle, und hat sich nach Brandenburg an der Havel begeben und dort bei der Caritas der katholischen Gemeinde nachgefragt, wie die Kirchen dagegen steuern. 

Marcel: „Es ist ja ne offene Gruppe, wo jeder auch jederzeit kommen kann. Und da bin ich heute das erste Mal. Ich habs leider sonst nicht geschafft wegen der Arbeit, aber jetzt wo ich die Zeit habe, gehe ich da gerne hin.“

Autor: Marcel ist ein gestandener, freundlicher Mitvierziger aus Brandenburg an der Havel. Keiner würde vermuten, dass er mit Depressionen zu kämpfen hat. Doch Marcel hat etwas dagegen unternommen: In den Räumen der Selbsthilfekontaktstelle der Caritas treffen sich immer dienstags Betroffene, die den lockeren Kontakt mit anderen suchen. Es geht um Gedankenaustausch und gegenseitige Wertschätzung: 

Marcel: „Ich war lange Zeit von Depression betroffen und geh jetzt auch da hin, um die Kontakte zu haben, weil ich wirklich auch kein Freundeskreis hier wirklich habe, und auch den Kontakt zu pflegen“

Autor: Man sitzt zusammen, redet, trinkt Kaffee, albert auch schon mal rum, und spricht auch ernste Themen an: 

Marcel: „Also es ist wirklich nur ein Austausch, wirklich auch andere Leute zu treffen, nicht eben allein zuhause zu sitzen, Kontakte zu pflegen und sich einfach auszutauschen.“

Autor: Das Wichtigste ist, etwas gegen das Alleinsein zu unternehmen, sagt Marcel, denn Einsamkeit ist ein schmerzliches Gefühl, das sich einstellen kann, wenn wir niemandem mehr etwas bedeuten:

Marcel: „Es ist einfach ne Traurigkeit, bis hin zur Depression, man gibt so ein bisschen von sich selber auf, die Lebensfreude geht verloren. Man macht dann auch immer weniger, weil man denkt, es bringt ja sowieso nichts, ich treff niemanden, ich jeden Tag das gleiche, man fällt in so ein Loch rein“

Autor: Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Phänomen, das immer mehr Menschen betrifft. Das weiß auch Thorsten Mietsch. Er ist so etwas wie ein ehrenamtlicher Koordinator verschiedener Selbsthilfegruppen, die regelmäßig im Freiwilligenzentrum der katholischen Kirchengemeinde in der Neustädtischen Heidestraße zusammenkommen:

Thorsten Mietsch: „Ja hauptsächlich sind das meist psychische Gruppen, dann gibt es natürlich auch körperliche… ob das Blutdruck is, oder - wie heißt das nochmal – Krebserkrankungen, Diabetes, dann haben wir auch viele andere Sachen….“

Autor: Thorstens Engagement für verschiedene Hilfsbedürftige ist freiwillig und unentgeltlich. Er hat selbst in früheren Jahren leidvolle Erfahrungen mit Einsamkeit gemacht und weiß, was es bedeutet, wenn jemand keine erfüllende Aufgabe im Leben hat:

Mietsch: Das ist eigentlich Eigennutz, den ich da habe, weil, ich bin hier mal nach Brandenburg gekommen mit Freunden, die wieder abgehauen sind, und, damit ich Leute kennen lerne, und auch meine Psyche halt vernünftig bleibt, da ich sonst nix zu tun habe, musste ich mir irgendwie so einen Plan bauen in der Woche, damit ich Anlaufpunkte habe, damit ich Leute kennenlerne, damit ich Spaß habe, damit ich Anschluss habe, damit ich nicht alleine bin“

Autor: Thorsten war in seinem Berufsleben Verkäufer. Er kann auf Menschen zugehen und strahlt Vertrauen aus. Ich habe den Eindruck, ihm gehen die Ideen nicht aus, was man in den Gruppentreffs so alles machen könnte:

Mietsch: Meistens reden wir, ich versuch auch immer wieder mal ein paar Spieletage einzubringen, wir haben auch schon mal gekocht, wir haben gebacken, wir sind auch mal rausgegangen, aber das ist manchmal ziemlich schwierig, weil wenn man mit psychischen Belastungen zu tun hat, ist das manchmal sehr schwer, die Leute zu motivieren. Es ist schon toll, dass sie überhaupt kommen, wir versuchen da was, oder ich versuche da was, dass wir da irgendwo weiterkommen.

Autor: Highlights waren in der Vergangenheit zwei besondere Aktionen für einsame Menschen, die offen waren für jedermann und jede Frau:

Mietsch: Zu Weihnachten macht unsere Conny ein Weihnachtsessen. Und dieses Weihnachtsessen ist wirklich nur für einsame Leute, wirklich wo kein Anschluss ist. Immer der Zweite Weihnachtstag, macht sie das, und da kommen wir dann halt drei Stunden zusammen und haben ne gute Zeit. Und wir machen dasselbe nochmal, das organisiere ich dann, zu Ostern, den Osterbrunch, im Prinzip dasselbe, da sollen dann alle Leute kommen, die aus den Gruppen sind, die können da nett speisen und Spaß haben“ 

Autor: Mehrere Dutzend Selbsthilfegruppen treffen sich unter dem Dach der Kirchengemeinde zu verschiedenen Themenbereichen. Die größte Herausforderung sieht Thorsten darin, dass Betroffene einen Anstoß brauchen, um selbst aktiv zu werden und das eigene Schneckenhaus zu verlassen:

Mietsch: Wenn die Person nicht selber will, dann wird da auch nix passieren, dann bleibt sie in ihrer Situation stehen und wird nicht selber gehen. Man kann zwar die Hand hinhalten: Komm, du, wir machen mal irgendwas zusammen, aber die Person muss es selber wollen, und da hab ich kein Patentrezept für, weil, wie gesagt, ich muss mich auch jedes Mal selber motivieren, wieder irgendwo in Schwung zu kommen, wenn ich ne depressive Phase habe. 

Musik: It’s Ok von Nightbirde

Autor: 

„Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
(…) Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören….“

…so heißt es bei Wilhelm Busch. Der Zeichner und Dichter war ein genauer Beobachter des Alltags und flüchtete sich beim Thema Alleinsein in ironischen Sarkasmus. Viele Jahre wohnte er in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Ob er wirklich gerne allein oder gar froh über seine Einsamkeit gewesen ist, das ist eher zweifelhaft. Verheiratet war er jedenfalls nie.

Alleinsein kann wichtig und heilsam sein, solange ich freiwillig die Tür hinter mir zumache. Aber einsam will keiner gerne sein. Doch immer mehr spüren dieses lähmende Gefühl, wenn die Seele aufgefressen wird, weil etwas wichtiges zum Menschsein fehlt: Kontakte zu anderen. Und es sind nicht nur alte Menschen, die einsam sind. Auch Jüngere können darunter leiden. Es gibt immer mehr Singel-Haushalte. Und man hat den Eindruck, je mehr wir auf Social Media unterwegs sind, desto weniger kommt es zu echten Begegnungen mit Menschen aus Fleisch und Blut. Einsamkeit ist zu einer Art Volkskrankheit geworden. Das Thema ist mittlerweile auch in der Politik angekommen: Vereinzelt gibt es eigene Einsamkeitsbeauftragte. In England und Japan wurden sogar ganze Einsamkeitsministerien eingerichtet, um Strategien gegen soziale Isolation zu entwickeln. Ein wichtiger Gedanke ist dabei die Förderung des Ehrenamtes: 

Bei der Caritas in Brandenburg an der Havel gibt es ein Freiwilligenzentrum, das Fachberatung für Vereine und Initiativen rund um das Ehrenamt leistet. Ulrike Berger leitet diese Anlaufstelle für alle, die überlegen, ob und wie sie sich ehrenamtlich engagieren können, um etwas Sinnvolles mit der freien Zeit anzufangen, bevor einem die Decke auf den Kopf fällt. Die Motive sind vielfältig:

Ulrike Berger: Es sind sehr unterschiedliche Menschen, zum Beispiel kurz vorm Ruhestand, die schon mal für die Zeit danach sich was suchen wollen, dass sie ne Aufgabe haben. Oder Menschen im Ruhestand mit dem gleichen Ziel. Migranten, die sagen, sich möchten sich hier besser integrieren, deutsch lernen, deutsche Menschen kennenlernen, oder einfach was zurückgeben, wenn sie schon ein Stück weiter sind im Berufsleben und schon deutsch können, Menschen, die chronisch krank sind, die sagen, sie möchten aber auch noch ne sinnvolle Betätigung haben, oder auch Menschen, die arbeitssuchend sind, aber auch die noch in Arbeit stehen sozusagen, ein buntes Publikum.

Autor: Tätigkeitsfelder, in denen Freiwillige sich engagieren können, gibt es mehr als genug. Besuchsdienste für Alleinstehende in Seniorenheimen oder bei Kranken zuhause, Vorlesepaten oder Leselernpaten für die Kinderbetreuung. Hilfen beim Einkaufen oder im Garten. Ulrike Berger versucht dann, die unterschiedlichen Aufgaben und Angebote zu koordinieren, was nicht immer einfach ist: 

Berger: Es kommt beides vor. Also manchmal gibt’s nicht das passende Angebot, da muss ich erst mal suchen. Oder manchmal entwickelt ich dann auch was Neues. Und bei manchen Menschen sag ich auch: Überlegen sie nochmal, dass sie vielleicht erstmal klein anfangen und dann kann man das stückweise dann steigern auch, sozusagen.

Autor: Ehrenamtliches Engagement und Selbsthilfegruppen, das sind die wichtigsten Rezepte, um der Gefahr einer Vereinsamung entgegenzusteuern, sagt Anett Kießig. Sie ist die Beauftragte der Caritas in Brandenburg an der Havel für das Freiwilligenzentrum und für die Selbsthilfekontaktstelle: 

Annett Kießig: Die Einsamkeit ist bei uns ein immer stärker werdendes Thema geworden und es sind unglaublich viele Leute, die hier einfach anfragen, so in dem Sinne: die Caritas macht ja was, die hilft! Wir können natürlich in vielen Sachen nicht helfen, und wir versuchen auch immer, irgendwo Adressen oder Ansprechpartner rauszusuchen und also für ganz diverse Probleme. Aber das Thema Einsamkeit, also das ist gerade so hier in der Stadt ein großes geworden. Wir sind ja eine sehr älter werdende Stadt. Viele haben ihre Lebenspartner verloren, die Familie verloren oder sind auch weggezogen also wir merken immer, meistens ist Einsamkeit nicht selbstgewählt, es ist wirklich irgendwie zustande gekommen, also auch nach Corona haben wir festgestellt, war auch ein riesiges Thema, sich zurückgezogen zu haben und es nicht mehr geschafft zu haben, wieder so an der Öffentlichkeit teilzunehmen, und es betrifft wirklich die breite Menge.

Autor: Dabei betrifft Einsamkeit nicht nur alte Menschen. Auch Jugendliche leiden unter Alleinsein und gesellschaftlicher Isolation:

Kießig: Also das ist so die Rückmeldung, die wir erhalten von den Schulsozialarbeitern, oder wir haben ja auch einen Jugendclub oder ein offenes Jugendhaus: Das Thema Einsamkeit ist nach wie vor auch bei jungen Menschen ein großes Thema, da spielt auch teilweise Mobbing ne Rolle, oder auch Thema Migration, Familien kommen hierher und sprechen erstmal die Sprache nicht, also Jugendliche und Kinder nehmen dieses Problem auch sehr wahr. 

Autor: Die kirchlichen Ansprechpartner sind vielfältig gefragt, und sie sorgen dafür, dass soziale Netzwerke stabil bleiben oder da und dort wenigstens geflickt werden können. Nicht alles kann durch die seelsorgerlichen Bemühungen der Kirchen gelöst werden. Es bleibt viel zu tun, deshalb hat Anett Kießig auch einen Wunsch an Behörden und Verantwortliche in der Politik:

Kießig: Also Kinder und Jugendliche, da dürfen wir auf jeden Fall nicht streichen, das ist zu kurz gedacht, also auch die Angebote für Kinder und Jugendliche müssen unbedingt aufrecht erhalten bleiben: Ansprechpartner, Schulsozialarbeit, Schulbegleiter, also das ist ja alles so schwierig in der Finanzierung, aber unglaublich wichtig. Thema Bildung: also für mich sind das ganz wichtige Bereiche, aber wir dürfen dann nicht auch die Älteren vergessen, aber auch die betreuen, die Versorgenden, also ich denke auch an pflegende Angehörige, also, was die alles leisten, wir haben ne Menge zu tun.

Autor: Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist ein vielbeschworenes Thema von Politikern und Kirchenverantwortlichen. Wird unsere Gesellschaft zunehmend kälter und egoistischer? Ulrike Berger hat eine Vermutung: 

Berger: Ja auf jeden Fall, weil wir auch merken, dass wir viele Angebote machen, die früher die Menschen von sich aus alleine geschafft haben. Also sei es im Kollegenkreis, dass man hinterher noch befreundet geblieben ist, sich trifft privat, oder Nachbarn mehr zusammengehalten haben. Und das ist schon auf alle Fälle runter gegangen, deutlich weniger geworden. 

 

Musik: Sowieso von Mark Forster