Eine große barocke Kirche mit einer markanten orangefarbenen Fassade, einem hohen Glockenturm und einem neugotischen Anbau. Beleuchtet von Sonnenlicht, steht die Kirche umgeben von Bäumen und einem klaren Himmel. Spaziergänger sind im Vordergrund zu sehen. Eine große barocke Kirche mit einer markanten orangefarbenen Fassade, einem hohen Glockenturm und einem neugotischen Anbau. Beleuchtet von Sonnenlicht, steht die Kirche umgeben von Bäumen und einem klaren Himmel. Spaziergänger sind im Vordergrund zu sehen.
Eine große barocke Kirche mit einer markanten orangefarbenen Fassade, einem hohen Glockenturm und einem neugotischen Anbau. Beleuchtet von Sonnenlicht, steht die Kirche umgeben von Bäumen und einem klaren Himmel. Spaziergänger sind im Vordergrund zu sehen.
26.04
2026
08:40
Uhr

„Mit dem ganzen Herzen auf der Suche.“

Pater Christoph und der erste Ordenseintritt in Neuzelle seit 200 Jahren

Ein Beitrag von Rocco Thiede

Ein junger Mann, Anfang 20. Er studiert Mechatronik, die Welt steht ihm offen, die Karriere kann beginnen. Doch er entscheidet sich für das genaue Gegenteil: Stille, Gebet und ein Leben hinter Klostermauern. Pater Christoph Seemann ist der erste Mönch seit über 200 Jahren, der im brandenburgischen Kloster Neuzelle seine ewigen Gelübde abgelegt hat. Rocco Thiede hat ihn getroffen und gefragt: Wie findet man heute, im Zeitalter von YouTube und Videospielen, eigentlich zu Gott? 

Pater Christoph: „Mein Name ist Pater Christoph Seemann. Ich bin geboren in Schwerin, am 15. März 2001. Dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, Abitur gemacht und dann über einen kleinen Umweg über Dresden hier nach Neuzelle gekommen und dort vor knapp fünf Jahren eingetreten und jetzt meine ewige Profess, die Mönchsgelübde abgelegt.“ 

Autor: Wer Pater Christoph in Neuzelle begegnet, sieht einen jungen Mann mit klarem Blick hinter seiner Brille und fester Stimme, der zugleich eine leise Zurückhaltung ausstrahlt. Seit mehr als 200 Jahren ist er der erste Mönch, der im brandenburgischen Kloster Neuzelle im vorigen Sommer seine ewigen Gelübde, die sogenannte Ewige Profess als Zisterziensermönch abgelegt hat. Mit dem Gelübde wurde er: 

Pater Christoph: „jetzt ganz und gar Mönch in der Gemeinschaft von Heiligenkreuz, studiere aktuell Theologie an der Hochschule in Heiligenkreuz und pendle zwischen Neuzelle und Heiligenkreuz hin und her, wenn ich Semesterferien habe und zum Beispiel auch in den Oster- oder Weihnachtsferien dann hier mit den Mitbrüdern bin, ja, und mit lebe, mitbete.“ 

Autor: Pater Christoph spricht offen über das Katholisch-Sein in seiner Familie. Er kommt aus dem Norden. Tiefe Diaspora. Als Jugendlicher entfernte er sich vom Glauben und beschreibt es so: 

Pater Christoph: „Also vor allem, wie soll ich sagen, man hat es halt so ein bisschen geerbt, glaube ich. Also meine Eltern haben es selber von ihren Eltern auch so übernommen, sicherlich auch sich damit dann in ihrer Jugend auseinandergesetzt, der eine, wie soll ich sagen, kritischer als der andere. Und auch, wie soll ich sagen, das, was sie so für sich daraus gewonnen haben, versucht auch an uns weiterzugeben, mit eher gemischtem Erfolg. Also ich habe zwei Brüder, die zwei Jahre älter bzw. zwei Jahre jünger sind als ich. Wir hatten eigentlich alle gemeinsam dann in der Pubertät, in dieser Phase, dann eher Abstand von der Kirche gesucht. Der Sonntagsgottesdienst war dann so kritisch. Wie es bei den anderen jetzt persönlich im Gebet aussah, weiß ich nicht, aber zu der Zeit habe ich dann auch spätestens aufgehört, selber zu beten.“ 

Autor: Bis heute ist dem als Benedikt Seemann geborenen P. Christoph seine Schulzeit im prägender Erinnerung - auf einem katholischen Gymnasium in der mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin. Eine Lehrkraft war für ihn besonders wichtig: 

Pater Christoph: „Wofür ich aber sehr dankbar bin und auch in einer gewissen Schuld stehe, ist für meine Religionslehrerin in der Oberstufe, die dann für mich einer der ersten Anlaufpunkte mit meinen Nachfragen war. Was mir so ein bisschen gefehlt hat, war ein Forum, leider auch nicht mit dem Pfarrer oder dem Priester vor Ort, wo ich einfach meine Zweifel oder meine Anfragen ab- oder hinbringen konnte“. 

Autor: Wenn Pater Christoph Seemann von seiner Berufung erzählt, wirkt er so gelassen, als sei alles einer unsichtbaren Ordnung gefolgt. Und doch war sein Weg ins Kloster keineswegs vorgezeichnet. Seine Eltern sind Ärzte – naturwissenschaftlich geprägt, katholisch-kritisch, aber offen. 

Pater Christoph: „Insofern, was ich von denen vor allem mitbekommen habe, ist die kritische Haltung, also nicht gleich alles glauben, auch die Schwächen oder die Schwachstellen oder auch einfach Fehler sehen, die in der Kirche so passiert sind. Das war irgendwie bei uns, also wurde das irgendwie nicht verschwiegen. Da konnte man darüber immer normal sprechen.“ 

Autor: Jugendliche sind oft rebellisch. Lehnen das ab, was ihre Eltern empfehlen oder vorleben.  Manche ziehen mit Punks rum, andere stehen auf Hard-Rock. Wie war es beim jungen Benedikt Seemann, dem heutigen Pater Christoph? 

Pater Christoph: „Ich glaube es geht eher in die andere Richtung. Ich glaube ich habe mich eher zurückgezogen. Vor allem viel Zeit am Computer verbracht, YouTube, Videospiele, alles was dazu gehört. Ja auch vielleicht in gewisser Weise, dass sich da manche Fragen dann auch gar nicht so gestellt haben. Ich musste jetzt nicht irgendwie gegen die strengen Moralvorstellungen meiner Eltern rebellieren. Das oberste Gebot war immer, wenn es dich glücklich macht, dann tue es halt. Aber wo ich sehr wohl dann, interessanterweise auch übers Internet, weitergekommen bin, wo ich auch meine persönliche Auseinandersetzung mit dem, was ich so weitergegeben bekommen habe, hingebracht hat, war dann eigentlich eine Vertiefung.“ 

Autor: Über das Internet kam er auch bei seinen Glaubenszweifeln weiter und fragte sich: 

Pater Christoph: „Was ist das überhaupt, die Bibel, was hat die mir zu sagen, ist das überhaupt irgendwie verlässlich oder kann man das beiseitelassen jetzt im 21. Jahrhundert? Also wenn ich das Internet habe, komme ich sehr schnell an alle möglichen Informationen und Sichtweisen darauf und darüber habe ich dann über verschiedene Kanäle dann auch zum Katholischen gefunden. Also ganz typisch, bis zur Firmung noch dabei, auch ministriert. Solange die Eltern da, bis zur Mündigkeit mit 14 Jahren, oder wenn man selber dann entscheiden darf, lief das noch so in den verordneten Waren und dann, wenn aber der Druck von außen einfach nachlässt keinen Mehrwert da für mich gesehen“. 

MUSIK Gregorianischer Gesang 

Autor: Trotz Zweifel in der Pubertät fand der heutige Zisterziensermönch Pater Christoph als junger Mann einen tiefen Zugang zum Glauben. Er ist der erste Mönch seit über 200 Jahren, der im brandenburgischen Kloster Neuzelle im letzten Jahr seine ewigen Gelübde, die Ewige Profess als Ordensmann abgelegt hat. Den Zugang zum Glauben wiedergefunden, hat er als junger Mann über Videos im Internet. 

Pater Christoph: „Es wird ja auch vor allem aus dem amerikanischen Raum viel Glaubenswissen zur Verfügung gestellt, aus verschiedenen Perspektiven. Und das habe ich so für mich genutzt und irgendwie hat mir im Herzen dort zumindest den Weg wieder frei gebahnt. Was allerdings nicht bedeutet hat, dass ich dann irgendwie wieder zurück zur Kirche gegangen bin zu dem Zeitpunkt. Das hat dann leider erst mit dem Umzug nach Dresden dann wieder eingesetzt oder beziehungsweise habe ich mir dann irgendwie als Priorität gesetzt.“ 

Autor: Bevor Benedikt Seemann zu Pater Christoph wurde, kam nach dem Abi 2019 ein erstes technisches Studium in Sachsen: 

Pater Christoph: „Genau, ich hatte angefangen, Mechatronik zu studieren. Es war mehr oder weniger eine sichere Sache, also diese technischen, auch gerade mit Elektronik, Informationstechnologie vernetzten Fächer, das kann man heute irgendwie immer und überall gebrauchen. Also erstmal eine sehr pragmatische Entscheidung dahin zu gehen und eigentlich auch sogar bewusst jetzt nicht weiter diese Glaubensfragen durch Studium oder sowas nachzugehen, sondern ist erstmal hintenangestellt, aber dann sehr wohl in Dresden die Studentengemeinde besucht.“ 

Autor: Über Jugendtage im nördlichsten Benediktinerkloster Deutschlands in Nütschau, später die Jugendseelsorge und dann in Gebetskreisen als Student entdeckte er, dass der Glaube mehr ist als Tradition. In der katholischen Studentengemeinde der sächsischen Landeshauptstadt Dresden, bei Veranstaltungen wie Night Fever und Bibelkreisen bekam er neue Glaubensimpulse.  

Pater Christoph: „Man ist halt irgendwie katholisch, aber das hat mir da nicht mehr gereicht. Und da wollte ich sagen, ans Wesentliche irgendwie heran. Ich bin besonders gerne auch in die Anbetung da gegangen, in Beichte, bei einem sehr guten Seelsorger. …Es war im Herz Jesu, … direkt bei meinem Wohnheim eigentlich. Die erstbeste Kirche, die da war. Und es war einfach Glück, dass da vor Ort sich so eine kleine Gruppe von jungen Erwachsenen, auch teilweise Studenten, teilweise schon fertig mit dem Studium, dann so versammelt hatten und einfach auch selber ihren Glauben wirklich ernst nahmen und sich bemüht haben, sich weiterzubilden“. 

Autor: Dann kam Corona. Das Studentenleben brach weg, Vorlesungen liefen nur noch online. Pater Christoph empfand das aber nicht als Verlust, sondern als Chance. Denn in dieser Zeit lernte er das Kloster Neuzelle kennen. Im brandenburgischen Kloster war er sofort berührt von der Präsenz der Mönche, vom gemeinsamen Gebet, von der Einfachheit des Lebens. Er spricht vom: 

Pater Christoph: „Suchen mit ganzem Herzen, ich glaube das war auf jeden Fall davor schon da.“ 

Autor: Warum er ausgerechnet nach Brandenburg ins Kloster Neuzelle kam, hat er einem Tipp seines damaligen katholischen Jugendseelsorgers zu verdanken: 

Pater Christoph: „Also vielleicht einfach auch durch den Weg, den ich selber gegangen bin, und auch was ich dann hier so vorgefunden habe, auch in Glaubensvertiefung, in Glaubensleben. Also da habe ich einfach, wie soll ich sagen, kein Bedürfnis gehabt und habe es auch so als, eine göttliche Fügung auch gesehen, dass ich jetzt hier bin und wenn man sich einmal dann in einen Ort auch verliebt, dann schaut man sich jetzt nicht noch zehn andere an, obwohl ich dazu tendiere dann auch irgendwie so ein Abwägen zu gehen, aber diese Entscheidung ist mir da irgendwie sehr leichtgefallen.“ 

Autor: Es blieb nicht nur bei der Entscheidung für das Kloster Neuzelle, sondern auch: 

Pater Christoph: „Da war es schon eher die Überlegung, vielleicht Theologie zu studieren, auch Heiligenkreuz hatte ich schon gehört, dass man da wohl auch sich sehr gut im Glauben auch vertiefen kann.“ 

Autor: Mittlerweile ist er im Mutterkloster Heiligenkreuz in Österreich im achten Semester Student der Theologie. Er wird aber noch eine Weile hin- und herpendeln müssen zwischen dem Wienerwald und Brandenburg: 

Pater Christoph: „Regelstudienzeit ist zehn. Ich werde es wahrscheinlich nicht ganz schaffen. Unter anderem auch deswegen, weil das Noviziat bei uns, also ein Jahr mit der intensiven auch Prüfungszeit, in der man das Studium unterbricht und nur in der Gemeinschaft oder im Haus eigenen Unterricht hat und dadurch kommt man so ein bisschen aus dem Rhythmus raus, in dem die Vorlesungen angeboten werden und dann muss man das Nachholen“. 

MUSIK – Gregorianischer Gesang 

Autor: Im letzten Dezember feierte Pater Christoph das erste Mal als Mönch auf Lebenszeit Weihnachten im brandenburgischen Kloster Neuzelle – fern von der Familie. Für ihn eine besondere Erfahrung. 

Pater Christoph: „Wie für alle eine sehr intensive Zeit, besonders auch, weil die Weihnachtsfeiertage selber natürlich sehr intensiv, auch im Chorgebet, also in dem, was wir jeden Tag auch beten, was wir betrachten dürfen, sehr intensiv vorbereitet wird. Also je näher man kommt, man spürt auch schon diese Vorfreude, diese Gespanntheit auf die Geburt Jesu Christi, die wächst und wächst. Das ganze Alte Testament kommt dann irgendwie noch ganz nah. Und natürlich spielt die Liturgie eine große Rolle, auch die Vorbereitung.“ 

Autor: Die Klostergemeinschaft der Zisterzienser in Neuzelle ist für den jungen Mönch schon fast seit fünf Jahren seine neue Familie. Was die kirchlichen Feste und Feiertage wie Weihnachten oder Ostern für den Mönch im Kloster ausmachen, schildert er so.  

Pater Christoph: „Besonders berührend finde ich immer die Christnacht selber. Einmal, weil die Kirche wirklich so kalt ist, wie nur geht. Und am Ende dann alle auch halb durchgefroren, aber halb auch irgendwie von innen gewärmt sind. Und natürlich irgendwie die Lichter, also diese Bewegung als der Dunkelheit in das volle Licht mit der vollen Orgel und allem, was da dazugehört“. 

Autor: Und die Mönche sind im brandenburgischen Neuzelle unweit der polnischen Grenze nie allein, denn Gläubige und Interessierte aus dem Nachbarland sowie aus Guben, Eisenhüttenstadt, Cottbus und sogar aus Berlin kommen gerne zu ihnen: 

Pater Christoph: „Ich spüre immer da, dass sowohl das Wesentliche da ist, aber auch diese Dinge, die einfach das Fest und die gemeinsame Feier schön machen, werden auch gepflegt, gerade mit der Zusammenarbeit zwischen Kloster und Pfarrei. Und ich weiß auch, sowohl zu Weihnachten als auch Ostern kommen auch Gläubige aus anderen Gemeinden hierher, um mitzufeiern, weil es sicherlich einfach auch eine besonders große Strahlkraft so hat.“