Heide Schinowsky: „Mein Name ist Heide Schinowsky, ich bin hier die Gedenkstättenleiterin vom Menschenrechtszentrum Cottbus, Zuchthaus Cottbus, inzwischen schon seit drei Jahren und lebe hier ganz in der Nähe, in Jänschwalde. Ich bin in Ludwigsfelde geboren, in Groß-Bären aufgewachsen. Dort habe ich auch gewohnt, bis ich 18 war. Bin dann in Berlin zur Schule gegangen, habe dann 20 Jahre dort gelebt und bin jetzt vor zehn Jahren hier in die Region wieder gezogen.“
Autor: Wenn Heide Schinowsky morgens durch das eiserne Tor der ehemaligen Justizvollzugsanstalt tritt, dann geht sie nicht einfach zur Arbeit. Sie ist an einem Ort tätig, der von Leid erzählt. Meterhohe Mauern, vergitterte Fenster, Betonflure, die noch immer den Geruch von Angst in sich tragen. Bevor Heide Schinowsky die Leitung der Gedenkstätte übernahm, studierte sie Theologie, danach Sozialarbeit. Von 2014 bis 2019 saß sie als Abgeordnete der Grünen im Brandenburger Landtag. Ich treffe sie zwischen den Feierlichkeiten zum 3. Oktober, 35. Jahre Deutsche Einheit, und dem Gedenken an den Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989. Es ist ein nass-grauer Tag als ich das Gelände des ehemaligen Zuchthauses betrete. Das Wetter passt zum Ort, Frau Schinowsky empfängt mich in ihrem Büro. Ihre Stimme ist klar und bestimmt. Doch sie hat auch etwas Warmes. Man merkt sofort: Hier redet eine Frau, die den Ernst dieses Ortes und seiner Geschichte kennt und ihn in Hoffnung wandeln will. Schon in jungen Jahren war sie politisch aktiv:
Heide Schinowsky: „das begann mit Engagement beim Umweltverband, erst im Jugendbereich, dann im Erwachsenenbereich. Ich war auch mal Umweltverbandsvorsitzende, bin dann bei den Grünen eingestiegen, war im Landtag von Brandenburg gewesen, habe da hauptsächlich Energiepolitik gemacht, ein bisschen Wirtschaftspolitikentwicklung hier in der Lausitz, ganz viel Strukturwandelgeschichten und ein Schwerpunkt war auch die Aufarbeitung von DDR-Unrecht“.
Autor: Zu DDR-Zeiten saßen hier in der Bautzener Straße in Cottbus vor allem politische Gefangenen ein, sogenannte „Republikflüchtlinge“. Der Männer-Knast war damals berüchtigt und gefürchtet. Heide Schinowsky sind christliche Werte und Überzeugungen wichtig – auch in ihrer Arbeit für das Menschenrechtszentrum. Die Wurzeln dafür liegen in ihrer Kindheit, als es noch die Deutsche Demokratische Republik gab:
Heide Schinowsky: „Na schon als Christin, damit bin ich aufgewachsen in einem christlichen Elternhaus und so das, ich sag mal, mitprägendste Frühe, woran ich mich erinnere, war in den 80er Jahren, war dieser Dreiklang Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Da weiß ich auch, dass bei mir im Kinderzimmer dazu ein Plakat tatsächlich hing“.
Autor 3: Prägend waren die Eltern, die selber dem kommunistischen System kritisch gegenüberstanden:
Heide Schinowsky: „Meine Mutter war Lehrerin in der DDR für Mathe und Physik, was sie dafür prädestinierte, nach dem Mauerfall politische Weltkunde zu unterrichten. Meine Eltern hatten zu DDR-Zeiten auch einiges an Schwierigkeiten mit dem politischen System. Nach dem Mauerfall haben wir Akteneinsicht beantragt und war tatsächlich, wie erwartet, auch komplett überwacht. Christliches Elternhaus oder Haus mit eigener Meinung, eigener Positionierung geriet automatisch ins Visier. Ein Stück weit wussten es meine Eltern natürlich. Einen Teil davon konnte man dann nachlesen“.
Autor: Auch der Vater war ein Anhänger freier Gedanken, wenn auch kein Revolutionär mit Umsturz-Fantasien:
Heide Schinowsky: „Vater war Ingenieur und als solcher auch ziemlich gut gewesen. Er hat dann nach dem Mauerfall auch einiges an Patentrückmeldung gekriegt. Also war so ein Forscher und Entwickler, aber eben auch so ein Freigeist, der gar nicht die DDR umstürzen wollte, sondern die Dinge, die ihm aufgefallen sind, die nicht funktionierten beim Namen benennen“.
Autor: Obwohl Heide Schinowsky da gerade mitten in der Pubertät war, kann sie sich noch sehr gut an den Tag des Mauerfalls erinnern:
Heide Schinowsky: „Also ich war 14, als die Mauer fiel. Das heißt, in der Zeit davor war es so, dass es so langsam anfing, dass ich merkte, oh, für mich ist hier nicht so viel Platz, wie ich ihn gerne hätte. Das ging los damit, dass ich keine Jugendweihe gemacht habe, sondern nur Konfirmation und dann plötzlich im Raum stand, obwohl ich immer sehr gute Zeugnisse hatte, dass ich kein Abitur machen darf. Und das war für mich sehr irritierend, überraschend, ein bisschen fragwürdig. Da gab es so die ersten Signale in die Richtung "so wie du bist" und "denkst und tickst", da passt du hier nicht in diesen Staat. Ich sage immer für mich war es gerade rechtzeitig, dass die Mauer fiel“.
Autor: Dank der friedlichen Revolution im November 1989 konnte Heide Schinowsky Abitur machen und studieren. In der DDR wäre ihr das vermutlich verwehrt geblieben. In Berlin auf dem Musikgymnasium lernte sie Querflöte. In Ostberlin begann auch der Kontakt mit Oppositionellen:
Heide Schinowsky: „Wir waren halt auch viel bei Ost-West-Treffen dabei, wo so Leute wie Freya Klier und Stephan Krawczyk auftraten, wo wir Berliner Friedenskreise kennenlernten. Und habe das dann auch später, also den Mauerfall und auch das, was danach kam, sehr bewusst als eine Befreiung auch erlebt.“
MUSIK: M. M. Westernhagen „FREIHEIT“
Autor: Für ihre Arbeit wurde das Menschenrechtszentrum Cottbus mit der Leiterin Heide Schynowski kürzlich erst von der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg mit der Paul-Gerhard-Medaille ausgezeichnet. Ich begegne ihr an ihrem Arbeitsplatz in der Gedenkstätte auf dem ehemaligen Zuchthausgelände:
Heide Schinowsky: „Das Menschenrechtszentrum Cottbus gehört seit zehn Jahren zur internationalen Nagelkreuzgemeinschaft dazu. Ist auch ein Anliegen, was von Beginn an in der Satzung verankert war, neben der Aufarbeitung, Blick auf die Geschichte, aktueller Bildungsarbeit sich auch für Versöhnung einzusetzen in dem Rahmen den Möglichkeiten, die man hier hat.
Nagelkreuz-Gemeinschaft steht für Coventry, für die Bombardierung, für die Zerstörung von Coventry und dann aber eben auch für den Geistlichen, der gesagt hat, das nehmen wir jetzt zum Anlass, um für Versöhnung zu arbeiten, nicht für Rache, nicht für weitere Zerstörung, nicht für das Gegeneinander, sondern für die Versöhnung, für das Miteinander. Das Zeichen dafür ist das Nagelkreuz geworden. Das sind zwei Nägel, die aus den Trümmern der dortigen Kirche, Kapelle übriggeblieben waren und zu einem Nagelkreuz zusammengesetzt geworden sind und jetzt so das Symbol für diese Gemeinschaft geworden sind.“
Autor : Gedenkstättenarbeit will nicht nur erinnern. Sie will Lust machen auf Zukunft, sie will Menschen ermutigen. Gerade fand dazu ein Symposium im Menschrechtszentrum statt:
Heide Schinowsky: „Unter der Überschrift "Was Menschen, Menschen antun". Gehört auch in den ganzen Bereich Aufarbeitung von DDR-Unrecht. Wird maßgeblich mitgestaltet von ehemaligen Häftlingen. Der eine, Herr Baumberg, ist später Psychologe und Liedermacher geworden. Ein Künstler, Gino Kuhn, der Lichtinstallationen macht, der auch hier bei uns inhaftiert war und seine Form der Auseinandersetzung zur Selbstversöhnung zur Versöhnung mit sich selbst, sagt er immer, ist auf sich zu gucken, das zu bearbeiten, was geht auf die Art und Weise, die einem möglich ist.“
Autor: Jährlich besuchen rund 5000 Menschen – die Hälfte davon Schüler – die ehemalige Haftanstalt, die bis 2002 Gefängnis war. Sie sehen die Gitter, die engen Zellen, hören Berichte der Zeitzeugen. Und sie erleben, dass Geschichte hier nicht abstrakt ist. Neben einer sehr gut aufgearbeiteten Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes gibt es immer wieder Sonderausstellungen. Aktuell diese:
Heide Schinowsky: „Der Umgang mit den Zeugen Jehovas, sowohl in der NS-Zeit als auch in der DDR-Zeit bzw. deren Verfolgung ist unsere aktuelle Sonderausstellung, die haben wir jetzt vor kurzem hier eröffnet, ist noch bis Ende November zu sehen, kann man hier besichtigen in unserem großen Versammlungsraum. Ist eines der Themen, wo es um eine Gruppe geht, eine religiöse Gemeinschaft, die sowohl zur NS-Zeit als auch zur DDR-Zeit verfolgt wurden.
Dass die Zeugen Jehovas verfolgt wurden, hat ganz viel mit deren Glauben und mit der Umsetzung in die Praxis zu tun. Die haben zum Beispiel keinen Wehrdienst geleistet und haben sich bestimmten Vorgaben vom Staat nicht gebeugt, weil sie gesagt haben, unser Herr ist Jehova, von dort kommen die Regeln und manche haben ihnen ermöglicht sich einzufügen ins System und wenig aufzufallen und durch andere Regeln, Vorgaben, Glaubenssätze waren sie ganz klar außen vor.“
MUSIK: Teil 2 FREIHEIT M.M. Westernhagen
Autor: Bereits im Jahr 1860 wurde das Gefängnis in der Bautzener Straße in Cottbus errichtet. Zu DDR-Zeiten galt es als eine der härtesten Haftanstalten, doch bereits unter den Nazis war der Knast ein politisches Gefängnis, wie man in der Ausstellung bei einem Rundgang erfährt. Hier saßen nie nur Kriminelle, sondern vor allem politische Gefangene: Heide Schinowsky, die Leiterin der heutigen Gedenkstätte klärt auf:
Heide Schinowsky: „Es war dann ab der NS-Zeit erst ein Jugendgefängnis, dann kurz ein Männergefängnis, dann ein Frauengefängnis, dann ein Frauenzuchthaus. Nach 1945 ist es dann ein DDR-Gefängnis geworden, und zwar mit Schwerpunkt ab den 70er Jahren politische Haft, also hauptsächlich Republikflüchtlinge oder die, die es versucht haben zu flüchten, die waren hier ungefähr 80 Prozent der Inhaftierten gewesen. Nach 89 ist es leider weiter Gefängnis gewesen, noch bis zum Jahr 2002.“
Autor: Heute stehen alle Zelltüren offen. Statt Freiheitsentzug gibt es Kunstprojekte – sie sind Teil der Arbeit im Cottbuser Menschrechtszentrum. Ehemalige Häftlinge bringen sich dabei mit Lichtinstallationen oder Ausstellungen ein. Liederabende, Theater, auch eine Oper und regelmäßige politische Symposien tragen dazu bei, dass dieser Ort nicht nur dunkle Vergangenheit konserviert, sondern aktiv die Gegenwart gestaltet, denn eines ist für die Leiterin Heide Schinowsky klar:
Heide Schinowsky: „Die Vergitterungen sind noch da, der Stacheldraht ist noch da, die Mauern sind natürlich da. Man kommt auf das Gelände und spürt ein Stück weit, was hier passiert ist. Gefängnisse sind nie schön, das ist auch klar, aber hier ist man gleich mittendrin“.
Autor: Für die politischen Häftlinge, die hier inhaftiert wurden, ist der Mauerfall mehr als ein historisches Datum: Viele der ehemaligen Gefangenen engagieren sich, gründeten den Verein, der die Gedenkstätte bis heute trägt und sich durch Spenden finanziert. Sie wollen, dass der Ort ihres Leids nicht vergessen wird. Und erzählen ihre Geschichte weiter: an Schülergruppen, Journalisten, Forschenden – und halten so die Erinnerung wach. Geschaffen wurde dabei ein Ort, von dem aus Betroffene von Menschenrechtsverletzungen auch heute noch aktiv unterstützt werden können. Heide Schinowsky tut das sehr bewusst auch als Christin:
Heide Schinowsky: „Ich bin in zwei Beiräten mit dabei. Zum einen im Umweltbeirat von der Evangelischen Kirche, da auch schon deutlich länger, schon damals, als ich Landtagsabgeordnete war. Seitdem zu Klima-Energie-Fragen innerhalb der Kirche. Und seitdem ich jetzt hier im Menschenrechtszentrum arbeite, bin ich auch im Erinnerungs-Gedenkbeirat von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg mit dabei.“
Autor: Wenn Heide Schinowsky am Abend wieder durch das schwere Tor des ehemaligen Zuchthausgeländes nachhause geht, spürt sie bei aller Beklemmung, die immer noch von diesem Ort ausgeht, vor allem die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein. Im Nachgang zu meinem Besuch bei ihr im Menschrechtszentrumschreibt sie mir: „Unsere Arbeit ist auch ein Dienst für die ganze Gesellschaft – aus der Vergangenheit heraus für die Gegenwart und für die Zukunft.“
MUSIK: ALS ICH FORTGING KARRUSELL