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Nach dem Trubel rund um Heilig Abend haben viele Menschen das Bedürfnis, die Weihnachtsfeiertage ruhig zu verbringen – am liebsten zu Hause oder im Kreis ihrer Familie. Manche müssen jedoch an den Feiertagen arbeiten. So geht es auch Pfarrpersonen: für sie ist die Zeit rund um Weihnachten besonders arbeitsintensiv. Gottesdienste, Krippenspiele, Konzerte und Besuche stehen an. Dazu kommt Organisatorisches, wie die Gemeinderatswahlen in Brandenburg, die Jahresabrechnung und Planung fürs kommende Jahr.
Ich habe darüber mit Friedhelm Wizisla gesprochen, Pfarrer der evangelischen Gemeinden Bornstedt und Eiche in Potsdam, und wollte wissen, wie sich dieser Terminstress in der eigentlich doch besinnlichen Weihnachtszeit als Pfarrperson bewältigen lässt.
Friedhelm Wizisla
Die Advents- und die Weihnachtszeit sind echte Herausforderungen, weil die Termine einfach so dicht liegen. Also das Wichtigste ist die Langfristigkeit, dass wir sehr langfristig, vielleicht schon vor dem Sommer den Plan für Weihnachten anschauen. Und dass wir dann im Herbst beginnen, die Organisten zu suchen und Ehrenamtliche für das Krippenspiel, wenn es nicht schon längst im Laufe des Jahres verabredet war durch die Diakonin. Und diese Langfristigkeit ist auch wichtig, weil wir haben hier insgesamt acht Predigtstätten und einige Altenheime. Wenn man da erst im Oktober beginnt, ist das zu spät für die Ehrenamtlichen und auch für uns Hauptamtliche. Wir müssen wissen, wo wir wann sind.
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Besonders herausfordernd wird es dort, wo Pfarrpersonen für mehrere Gemeinden zuständig sind. Das trifft auch auf Friedhelm Wizisla zu. Neben Bornstedt und Eiche unterstützt er derzeit zusätzlich die aus drei Ortsteilen bestehende Trinitatis-Gemeinde in Potsdam. Ich habe ihn gefragt, was diese Mehrfachbelastung konkret für die Gottesdienste an Weihnachten bedeutet.
Friedhelm Wizisla
Die Weihnachtszeit ist natürlich eine Zeit voller Termine und mit vielen, vielen Gottesdiensten. Und da ich für mehrere Gottesdienste zuständig bin und mehrere Predigtstätten habe, war es wie auf dem Land. Man ist als Landpfarrer Heiligabend oft mit Vollgas sozusagen von einer Kirche zur anderen unterwegs, um in möglichst vielen Kirchen Gottesdienst zu halten. Das wird dann im meisten Fall ein und derselbe Ablauf sein, mit ein und derselben Predigt. Ist aber auf die Dauer nicht gerade gesund. Insofern habe ich seit einigen Jahren gesagt, ich bin in einem Jahr ganz und gar in einer Gemeinde und im nächsten Jahr ganz und gar in einer Gemeinde. Das bringt mir Ruhe und bringt auch den Ehrenamtlichen mehr Sicherheit. Und die Pfarrperson kommt nicht fünf Minuten vor Beginn, wie es vielleicht auf dem Land ist. Ich kenne Pfarrerinnen und Pfarrer auf dem Land, die haben stündliche Weihnachtsgottesdienste, also 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr, 17 Uhr, 18 Uhr und fahren dann jeweils sieben Minuten bis zur nächsten Kirche. Kann man sich vorstellen, unter welchem Druck das Ganze dann stattfindet und dass da nicht viel Verabschiedung an der Kirchentür sein kann.
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Bei der Organisation der Weihnachtsfeiertage kommt es neben einer langfristigen Terminplanung vor allem auf die Unterstützung durch Ehrenamtliche an. Das bestätigte mir auch das Pfarrehepaar Linda und Nikolai Jünger. Sie teilen sich die Pfarrstelle der Heilig-Geist Gemeinde in Werder und stehen dabei als Familie mit zwei Kindern vor besonderen Herausforderungen. Ich sprach mit ihnen darüber, wie es ihnen gelingt, Pfarramt und Familie gemeinem unter einen Hut zu bringen.
Linda & Nikolai Jünger
Nikolai Jünger: Also ohne Unterstützung geht gar nichts und die ist gar nicht so dicht dran. Unsere Eltern wohnen jeweils eineinhalb Stunden etwa entfernt und somit kommen unsere Kinder mit zum Gottesdienst, wenn es geht. Und wir teilen uns auf, versuchen nicht gleichzeitig zu sein. Aber die Fahrzeiten überschneiden sich. Also wir müssen dann gucken, dass jemand zur Kirche des anderen fährt, um dort die Kinder abzuholen.
Linda Jünger: Als die Kinder noch nicht da waren, haben wir viele Gottesdienste gleichzeitig gehabt. Weihnachten waren wir beide mit drei Gottesdiensten und mehr unterwegs. Nun sind wir ja nicht zeitgleich, sodass wir zum Beispiel: Heiligabend beginnt mein Mann mit dem Krippenspiel für die kleinen Kinder um 15:30 Uhr schon, während ich dann um 17 Uhr mit den Jugendlichen das Krippenspiel habe. Und dann geht es dann weiter mit der Christnacht am Abend. Dann verteilen wir uns auch auf die Feiertage, dass immer nur einer von uns beiden dann gerade im Dienst ist
Wir haben natürlich auch eine große Freiheit, unsere Kinder einfach mitzunehmen in den Gottesdienst. Unsere große Tochter kennt sich aus in den Räumlichkeiten bei uns, dass wir sie auch, obwohl sie noch klein ist, einfach laufen lassen können. Wir müssen sie nicht immer beaufsichtigen, weil ich weiß, sie kennt sich aus. Wenn was ist, dann weiß sie, wo sie hinkann. Das ist schon ein gewisser Vorteil. Ein Heimvorteil kann man vielleicht sagen.
Nikolai Jünger: Es ist ein bisschen auch wie eine Großfamilie, in einer Gemeinde zu leben. Es ist ja wirklich so, dass die Gemeindemitglieder, die oft dabei sind, die kennen uns, sie kennen unsere Familie, dann kennen sie die Kinder und sind mit denen im Austausch, im Spielen.
Linda Jünger: Naturgemäß arbeiten wir ja vor allem mit alten und älteren Menschen und die genießen es sehr, wenn kleine Kinder tatsächlich einfach rumspringen. Dazwischen laufen, aufstehen und unterbrechen. Für mich ist es immer ein Missverständnis, dass man im Gottesdienst stillsitzen müsse, zuhören müsse, sich nicht bewegen dürfe. Und das lockern die Kinder auf und das genießen, merke ich, gerade die Alten am meisten.
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Die Bedürfnisse einer oder sogar mehrerer Kirchengemeinden zu erfüllen, ähnelt an Weihnachten oft den Verpflichtungen gegenüber einer großen Familie. Und wie in jeder Familie lassen sich dabei nicht alle Erwartungen erfüllen. Von dem Pfarrehepaar Nikolai und Linda Jünger wollte ich wissen, wie sie es schaffen, während der Feiertage sowohl für Ihre Gemeindemitglieder als auch für die eigene Familie da zu sein.
Linda & Nikolai Jünger
Linda Jünger: Also das gehört tatsächlich zu unserem Alltag: Erwartungen zu enttäuschen, zu Festtagen, als Familie, als Privatperson natürlich. Denn die Herausforderung ist ja auch tatsächlich, dass wir einfach an den Feiertagen arbeiten, viel am Nachmittag und an den Abenden. Immer dann, wenn der Hort und Kindergarten und Schule in den Ferien sind, geschlossen sind, dann sollen wir ran. Und dadurch sagen wir dann oft: Tut mir leid, ich kann euch nicht besuchen. Das wird uns einfach zu viel.
Nikolai Jünger: Aber ich muss zugeben, dass das in der Anfangszeit das größere Problem war als jetzt, nach fast zehn Jahren Dienstzeit. Da haben wir uns in unseren Familien natürlich auch eingespielt. Da kommen die Schwiegereltern am ersten Weihnachtsfeiertag zu uns und wir nicht zu ihnen. In der Zeit, wo wir Gottesdienst haben, sitzen sie im Auto auf dem Weg zu uns.
Wir haben drei Standorte hier in Werder und wir haben bei der Gottesdienstplanung durchaus immer wieder Erwartungen: Der Wunsch ist einfach, dass sie öfter Gottesdienste haben oder eben zu ihren Zeiten. Und den müssen wir immer wieder zurückweisen. Wir sagen, wir sind eine Gemeinde, wir können uns gegenseitig besuchen. Da versuchen wir gleichberechtigt zu sein, aber eben nicht alles gleichzeitig anzubieten.
Linda Jünger: Wir stoßen natürlich an unsere Grenzen. Wir müssen uns verändern. Wir können nicht mehr so viel anbieten, wie Menschen meinen: Es war früher so. Manchmal denke ich, sie sagen uns, das war früher so, aber sie wünschen sich das natürlich und das können wir nicht halten.
Nikolai Jünger: Ja, und der Wunsch, Menschen zu Hause zu besuchen, den ich auch durchaus selber habe, den muss ich dann auch enttäuschen. Den muss ich bei mir enttäuschen, bei den Menschen, die sich das wünschen und kann sie eigentlich nur vertrösten. Ich versuche eigentlich mit den Menschen eine Lösung zu finden, wann es denn möglich ist. Nicht gleich immer zu sagen: Das geht nicht, ich schaffe das nicht. Sondern zu gucken, wann können wir uns mal wieder verabreden.
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Die Weihnachtsfeiertage sind eine intensive Arbeitszeit für Pfarrpersonen wie Friedhelm Wizisla. Dass er in dieser Zeit nicht allen Erwartungen gerecht werden kann, versteht er auch als bewusste Entscheidung, um selbst die nötige Ruhe und Besinnlichkeit zu finden.
Friedhelm Wizisla
Ich denke, Weihnachten und in der Adventszeit dürfen wir nicht nur als kirchliche Mitarbeiter sagen, dass das auch eine Besinnungs- und Vorbereitungszeit sein kann und darf. Sondern wir müssen es auch vorleben, indem wir zum Beispiel eben nicht jeden Besuch machen, sondern sagen: Wer muss besucht werden und wo reicht vielleicht auch kurz vor Weihnachten eine Glückwunschkarte zum 75. Geburtstag, beispielsweise.
Ich brauche natürlich auch Einstimmung in die Themen von Advent und Weihnachten und kann nicht einfach nur in den Kalender gucken und sagen: So, jetzt muss das Nächste geschrieben werden. Sondern ich muss auch einen gewissen Freiraum schaffen, damit ich mich nach den schweren Themen des Novembers wieder dem Nächsten öffnen kann, wie Sterne anbringen und den Weihnachtsbaum herbeischaffen und die Bühne aufbauen für das Krippenspiel. Sonst würde ich im Rad des Mäusekäfigs rennen und würde vielleicht auch nicht mehr die passenden Worte finden.
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Pfarrpersonen, die an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen von einem Gottesdienst zum nächsten eilen, sind trotz ihres Amtes auch Familienmenschen, die gern Weihnachten feiern. Das Pfarrehepaar Linda und Nikolai Jünger erzählte mir, wie sie zwischen all dem Feiertagsstress, Weihnachten als Familie erleben und welche Traditionen ihnen dabei besonders am Herzen liegen.
Linda & Nikolai Jünger
Nicolai Jünger: Dass wir den Weihnachtsbaum eigentlich erst zum Heiligabend aufstellen, dass er erst Heiligabend an ist und noch nicht vorher. Dass dann für uns die Weihnacht beginnt. Und ich sitze dann unglaublich gerne einfach im Wohnzimmer. Wir haben die alten Elektrokerzen, aber aus wirklich alter Zeit, die hüten wir wie einen Augapfel und schauen jedes Mal wieder, dass wir dieses Licht, diese Stimmung von früher wieder ins Zimmer kriegen.
Linda Jünger: Der einzige Punkt, an dem ich wirklich konservativ bin, sind wirklich diese Glühlämpchen am Weihnachtsbaum. Die leuchten einfach anders für mich. Das ist mein – ein Weihnachtsgefühl, abgesehen dem: von natürlich Heiligabend in den Kirchen, an den Feiertagen miteinander singen.
Nikolai Jünger: Und das tun wir auch in der Familie: Wir singen. Wir nehmen einfach die gleichen Hefte, die wir auch im Gottesdienst haben und gucken, welche Lieder wir singen können.
Also ich freue mich am allermeisten auf den Gottesdienst, den Sonntag nach den Feiertagen. Da feiern wir einen Frühstücksgottesdienst unter dem Thema der Rest vom Fest. Und wenn wir dann als Familie wirklich Gottesdienst feiern mit anderen Familien in einem kleinen Kreis, dann spüre ich das am allerwertvollsten, dass ich da Weihnachten feiern kann. Für viele ist Weihnachten dann vorbei. Für mich beginnt die Weihnachtszeit ja erst. Für uns beginnt die mit Heiligabend und geht noch in den Januar hinein.
Ich sehe es vor allem auch, dass ich in der Zeit gestalten kann. Deswegen bin ich Pfarrer. Ich kann dann mitgestalten. Ich kann anderen Leuten, die sich zum Beispiel jetzt ein Gebet wünschen, dann kann ich das sprechen, Worte für sie finden, fragen, wofür möchtest du beten? Und da bin ich gerne dann auch derjenige, der sowas gestaltet und das Wort dafür findet.
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Zuhause den Tannenbaum schmücken, gemeinsam singen und das Krippenspiel in der Kirche anschauen: Auch Pfarrpersonen brauchen solche Rituale, um zwischen beruflichem Einsatz und persönlicher Feier zu Ruhe zu kommen. Schließlich sind sie es, die das Weihnachtsfest und dessen Bräuche nicht nur verkünden, sondern auch vorleben wollen. Und heute, am zweiten Feiertag, ist Weihnachten noch nicht vorbei. Die Weihnachtszeit dauert bis zum 6. Januar – genug Zeit also, um innezuhalten, Familie zu genießen und die Feiertage bewusst zu erleben.
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