Autorin:
Ein Tag im Mai. Eine Dorfkirche in Brandenburg. Wildenbruch am Seddiner See. Um die Feldsteinkirche herum liegen Gräber. Alte Gräber mit verwitterten Eisenkreuzen, deren Inschrift kaum noch zu erkennen ist. Daneben frische Gräber – fast alle ordentlich gepflegt. Ein Mann kommt mit Gießkanne und einem Strauß roter Rosen. Er bleibt stehen an einem der Gräber. Es ist Sonntag. Muttertag. Der Mann besucht das Grab seiner Mutter. Während er die Blumen gießt, kommen wir ins Gespräch. Es sei schade, dass so viele Junge weggezogen sein. Die Gräber blieben zurück. Und wer kümmert sich? Wie das aussieht. Da schämt man sich doch…
Musik Intouchables Track 12 „Cache Cache“ von Ludovico Einaudi
Autorin:
Heute ist Ewigkeitssonntag. Totensonntag wie er im Volksmund auch genannt wird. Ein grauer Tag im November. Der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Heute wird an die Verstorbenen erinnert. In Kirchen werden Lichter entzündet, ihre Namen verlesen, für die Angehörigen gebetet. Gräber werden mit Tannengrün geschmückt angesichts des bevorstehenden Winters. Erinnerungen steigen auf.
In den Großstädten bleiben oft Gräber verwaist. Weil keiner da ist, der kommen kann oder will. Weil viele Angehörige Friedhöfe meiden. Weil immer mehr Menschen eine anonyme Bestattung wünschen – ohne Grabstein, ohne Namen. Ein Trend, der traurig ist, findet Marion Gardei. Sie selbst war viele Jahre Gemeindepfarrerin, hat viele Menschen im Laufe dieser Zeit beerdigt. Jetzt ist sie als Beauftragte der evangelischen Landeskirche zuständig für Erinnerungskultur. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen mit ihrer ganz persönlichen Geschichte nicht vergessen werden:
Marion Gardei:
Die Namen zu erinnern finde ich sehr wichtig. Ich glaube, das ist man auch den Opfern schuldig, dass man sie nicht vergisst. Aber der Name gibt dem Menschen seine Identität und seine Würde. Und viele Menschen, die sich anonym beerdigen lassen, eben nicht beerdigen, sondern bestatten. Die denken vielleicht gar nicht daran, was das für die Angehörigen bedeutet. Ich denke immer, man muss mit seinen Angehörigen ganz unbedingt darüber reden, was man sich vorstellt. Und viele tun das vielleicht auch, weil sie den Angehörigen nicht die Grabpflege aufbürden möchten. Ich glaube, dass es seine tiefe Würde hat, dass der Mensch auch einen letzten Ort hat, wo seiner gedacht wird mit Namen.
Autorin:
Viele Gräber heute sind namenlos. Oder geraten nach spätestens einem Jahr in Vergessenheit. Sie werden aufgelöst, obwohl es noch Angehörige gibt. Ein Grab zu unterhalten kostet. Zeit und Geld. Ein Grab erinnert an unsere Sterblichkeit – auch die eigene. „Ich habe keine Beziehung zu Gräbern“ hört man als Pfarrerin daher nicht selten anlässlich einer Beerdigung. Was das anbelangt, wünscht sich Marion Gardei, könnten wir aus der jüdischen Tradition lernen:
Marion Gardei:
Das hat ewigen Bestand. Ewig ist auch hier relativ. Aber es hat zumindest eine Würde. Dieser Mensch, solange er in der Erinnerung lebt, ist noch irgendwie da, ist noch irgendwie in unserem Leben. Und wenn man den Namen liest und sich fragt, wer könnte das gewesen sein, beginnt schon diese Erinnerung.
Autorin:
Marion Gardei ist Pfarrerin für Erinnerungskultur. Sie kümmert sich dabei weniger um Friedhöfe als um kirchliche Gedenkstätten, vor allem in Berlin. Orte, die in besonderer Weise an die Geschichte des Dritten Reichs erinnern – und an Menschen, die damals Widerstand leisteten:
Marion Gardei:
Ein Erinnerungsort ist ein authentischer Ort, an dem sich Geschichte zugetragen hat, und man kann an ihm etwas lernen. Hier wird Geschichte begreifbar. Anders als beim Lernen aus den Schulbüchern erzählen Orte ihre Geschichte, haben ihr Geheimnis. Und wenn man dann Menschen dabei hat, die das auch übersetzen können…für die junge Generation, dann ist das noch schöner, denn wir lernen ja für die Gegenwart. Wir lernen nicht rückwärts bezogen, das ist kein historisches Lernen, sondern wir fragen immer: Was hat das mit dir zu bedeuten? Wo gibt es vielleicht in deinem Leben, in deiner Geschichte etwas, was du davon lernen kannst?
Autorin:
Erinnerung braucht Orte – und wir brauchen Erinnerung: An Menschen, die für uns persönlich wichtig waren – und an Menschen, die unsere Geschichte in besonderer Weise geprägt haben. Der Berliner Pfarrer Martin Niemöller war so ein Mensch. In der Gemeinde, in der er während des Dritten Reiches Pfarrer war, arbeitete lange Zeit auch Marion Gardei:
Marion Gardei:
Als wir diesen Erinnerungsort Martin Niemöller eingerichtet haben in seinem ehemaligen Arbeitszimmer, da haben wir das genau überlegt: Sollen wir irgendwelche alten Möbel aufstellen? Wir haben uns dagegen entschieden. Wir haben eine Künstlergruppe beauftragt und die hat im wahrsten Sinne des Wortes einen „Leer-Raum“ kreiert mit Doppel E: Da gibt es kein altes Mobiliar…wir haben gerade mal das alte Telefon, das ist noch da, was früher abgehört wurde. Aber eigentlich ist es ganz leer und soll vielmehr symbolisieren: Die meiste Zeit, die Pfarrer Niemöller in der Gemeinde tätig war, war er eigentlich inhaftiert und gar nicht vor Ort. Und er war trotzdem präsent. Er war ganz nah bei seiner Gemeinde. Man hat an ihn gedacht. Man hat für ihn gebetet, und man hat auch versucht, mit ihm zu korrespondieren im Konzentrationslager soweit das ging.
Autorin:
Heute kümmert sich Marion Gardei zusammen mit vielen Ehrenamtlichen darum, dass vor allem junge Menschen Erinnerungsorte in Berlin und Brandenburg aufsuchen und aus der Geschichte lernen können – hautnah vor Ort und nicht aus verstaubten Büchern. Wichtig ist der Pfarrerin, dass an diesen Orten des Widerstands – ob gegen das Hitler,- Stalin,- oder Stasiregime – nicht bloß Heldengeschichten erzählt werden:
Marion Gardei:
Das waren Menschen, die haben sich ganz oft geirrt, und die haben auch ihre Meinung korrigiert, und die sind nicht als Helden geboren. Und die hatten auch Angst und haben versagt. Aber genau darin sind sie uns menschlich und erschlagen uns nicht als heldisches Beispiel und zeigen uns: Man wächst manchmal in so eine Rolle hinein, und keiner kann ja von sich sagen, wie er in Zeiten der Not stand hält oder ob er den Mut hat.
Autorin:
Auch Brandenburg steckt voller Erinnerungsorte:
Marion Gardei:
Sachsenhausen hatte ja auch einige Außenlager: Jamnitz-Lieberose ist so ein Lager, das wenig bekannt ist. Man kann da hinfahren, dann fährt man durch die wunderbare Landschaft des Spreewaldes und steht dann an dieser Gedenkstätte, die die Kirchengemeinde vor Ort betreut und betreibt. In Potsdam gibt`s viele Orte, die auch an die Stasizeit der DDR erinnern: das Gefängnis und andere Orte Die Konzentrationslager sind ja nach dem Krieg oft genutzt worden … als Speziallager, wo also Menschen inhaftiert wurden, die die russische Besatzung als Täter oder als gefährlich einstufte. Nicht alle waren schuldig. Und die Geschichte dieser Speziallager, die wird eigentlich erst jetzt aufgearbeitet. Da gibt es eins in Ketschendorf, das ist bei Fürstenwalde, und auch in Jamnitz-Lieberose gab es so ein Speziallager und natürlich auch in Sachsenhausen selbst.
Musik Intouchables Track 12 „Cache Cache“ von Ludovico Einaudi
Autorin:
Es ist Ewigkeitssonntag. Zeit für die Gräber und für die Erinnerung an Menschen, die vor uns waren. Auch Jugendliche haben Erinnerungsorte. Es sind Orte, wo Party und Spaß – Tod und Gewalt ganz nahe beieinander liegen, weiß Pfarrer Tobias Kuske:
Tobias Kuske:
Ein Erinnerungsort, der mich sehr bestürzt, ist tatsächlich der Alexanderplatz, der weit weg davon ist, ein klassischer Erinnerungsort zu sein, aber für Jugendliche ist das ja schon auch ein bedeutsamer Ort durch die vielen schrecklichen Dinge, die dort passiert sind. An die immer mal wieder auch erinnert wird: in kleinen Ecken stehen Kerzen rum, liegen Fotos, alte Blumen. Man traut sich das vielleicht auch nicht so, dass mal zu einer zentralen Geschichte zu machen. Weil es ja auch der Platz ist, wo viel passiert, wo viel Leben ist, und wenn der mit so Schwierigkeiten dauerhaft verbunden wär, ist das ja auch etwas, was Angst macht.
Autorin:
Der heutige Sonntag steht in einem ganz besonderen Licht. Es wird gemeinsam getrauert und erinnert. Wir brauchen diese Orte – heute wie damals – ob Friedhöfe oder öffentliche Plätze. Was macht einen Ort zu einem Erinnerungsort:
Tobias Kuske:
Ich würde ganz einfach antworten, indem Menschen dorthin gehen und sich erinnern. Mehr als einer. Und indem man dann von einem festen Erinnerungsort dann spricht, wenn Menschen über diese Erinnerung vielleicht auch noch miteinander ins Gespräch kommen. Und wenn es dann noch richtig gut ist, vielleicht auch eine Idee für ihr eigenes Leben, für ihre Zukunft daraus entwickeln.
Autorin:
Wer heute an die Gräber seiner Angehörigen aufsucht, gibt der Erinnerung Raum. Er durchlebt noch einmal Momente der Trauer, aber auch der Freude. So sind Friedhöfe nicht bloß Orte des Todes, sondern des Lebens. Weil Erinnerungsorte mit beidem verbunden sind, erzählt Tobias Kuske:
Tobias Kuske:
Geheilt haben mich die Italiener, weil ein Erinnerungsort für die jugendlichen Italiener ist tatsächlich das Olympiastadion. Und zwar nicht wegen der schrecklichen Dinge, die da stattgefunden hat und wegen der Olympischen Spiele und wegen der Naziaufmärsche, sondern weil sie 2006 dort den WM Pokal gewonnen haben. Sie kommen hin, hissen ihre Fahne, schreien, sind fröhlich, machen Selfies und gehen wieder. Vielleicht müsste es auch Orte der positiven Erinnerung mehr geben!
Autorin:
Das Erinnerung nicht in erster Linie beschweren, sondern vor allem stark machen will für das eigene Leben und unsere Zukunft, glaubt auch Pfarrerin Marion Gardei:
Marion Gardei:
Eigentlich wollen alle Gedenkorte Mut machen, der Gegenwart widerständig leben zu lernen. Und das soll gar nicht die Düsternis überwiegen. Das ist gerade eine Chance unserer kirchlichen Erinnerungsorte. Wenn ich lerne, was mutige Frauen in der Zeit der bekannten Kirche gemacht haben, wenn ich sehe, wie Menschen in der DDR damals kleine Dinge taten, die aber doch zusammen ganz viel ausgelöst haben, dann macht mir das doch Mut für mein Leben und ist nichts, was mich runterzieht, sondern was mich vielleicht stark macht!
Musik Intouchables Track 1 „Fly“ von Ludovico Einaudi