aus „Nach 10 Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“ (Weihnacht 1942)
Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
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Diese hoffnungsvollen Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer um Weihnachten 1942 im Rückblick auf die letzten zehn Jahre seines Lebens. Er hatte sich da als Theologe schon einen Namen gemacht, war im ökumenischen Weltbund der Kirchen aktiv. Hatte sich gegen die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung und den Führerkult der Nationalsozialisten gewandt und war dafür mit Rede- und Schreibverbot belegt worden. Er war maßgeblich an der Gründung der Bekennenden Kirche als Alternative zur staatsnahen Evangelischen Kirche beteiligt gewesen und eine ihrer prägenden Stimmen. Und hatte sich dem Widerstand gegen das NS-Regime in den Kreisen der militärischen Abwehr angeschlossen. Und - er hatte sich verliebt: in Maria von Wedemeyer.An sie schreibt er am 30. Juli 1942:
Dietrich Bonhoeffer an Maria von Wedemeyer, Gefängnis Tegel am 30. Juli 1943
Ich bin nicht mehr ohne Dich, das ist mir in den letzten Monaten noch viel deutlicher geworden, als es mir schon war. Gedanken habe ich heute nicht mehr viel, aber das Herz voll großer Liebe, das ist auch ohne viele Gedanken immer da und immer bei Dir.
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Hingebungsvoll und zärtlich schreibt Dietrich Bonhoeffer. Von einem ganz und gar nicht sorglosen Ort. Er schreibt ihn als Gefangener in einer Einzelzelle im Militärgefängnis Tegel. Die Nationalsozialisten hatten ihn der Wehrkraftzersetzung beschuldigt. Doch er ist zu diesem Zeitpunkt optimistisch, dass er nach einem glücklich verlaufenen Prozesse bald wieder freikommt. Dann aber zieht sich alles hin. Am 21. Februar 1944 erklärt er seinem Freund Eberhard Bethge:
Dietrich Bonhoeffer an Eberhard Bethge, Gefängnis Tegel am 21. Februar 1944
Ich habe mir hier oft Gedanken darüber gemacht, wo die Grenzen zwischen dem notwendigen Widerstand gegen das „Schicksal“ und der ebenso notwendigen Ergebung liegen. Wir müssen dem „Schicksal“ ebenso entschlossen entgegentreten wie uns ihm zu gegebener Zeit unterwerfen. Es muß beides da sein und beides mit Entschlossenheit ergriffen werden. Der Glaube fordert dieses bewegliche lebendige Handeln. Nur so können wir die jeweilige gegenwärtige Situation durchhalten und fruchtbar machen.
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In dieser Haltung hat Bonhoeffer sein Leben geführt: in all seinen Höhen und Tiefen, Freuden und Bedrängnissen. Sie prägte sein politisches Denken und seinen Glauben. Und diese Entschlossenheit will er sich nun auch in der Zeit des Wartens in der Haft bewahren, mutig und zuversichtlich bleiben - bis er in Freiheit seine Maria in Armen halten wird.
Musik 1: Romance
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Maria von Wedemeyer, an die der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer sein Herz verloren hatte, kannte ihn flüchtig. Über ihre Großmutter mütterlicherseits Ruth von Kleist-Retzow. Diese NS-Gegnerin hatte Bonhoeffer kennengelernt. Der bildete damals junge Pfarrer für die Bekennende Kirche aus - im Verborgenen. Marias Großmutter unterstützte ihn dabei. In ihrem Gutshaus in Klein-Krössin - im heutigen Polen - versammelte sie auch Leute aus dem Widerstand. Dann und wann schrieb Bonhoeffer dort an seinen theologischen Büchern. Hier kam es Anfang Juni 1942 zum entscheidenden Treffen Marias mit Bonhoeffer, im Beisein der Großmutter. Viel später erinnert sich Maria:
Maria von Wedemeyers Erinnerung an das Treffen mit Bonhoeffer im Juni 1942
Es entwickelte sich aber sehr schnell, daß wir zu dritt überaus gut miteinander konnten. Die Unterhaltung zwischen den beiden wurde so geführt, daß ich nicht nur zu verstehen glaubte, um was es ging, sondern auch sehr ermutigt wurde mitzureden. Was ich dann auch tat. Wir unterhielten uns über Zukunftspläne. Mein Plan, Mathematik zu studieren, der von meiner Großmutter als dummer Flausen erklärt wurde, wurde aber von Dietrich ernstgenommen.
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Maria ist damals 18 Jahre alt, hat gerade erst ihr Abitur gemacht. Bonhoeffer ist 36, voller Erfahrung in Leben und Beruf. Trotz dieser Unterschiede wächst ihre Zuneigung zueinander. Bonhoeffer möchte Maria zur Frau nehmen. Ihre Mutter besteht auf einem Wartejahr, untersagt zunächst sogar den Austausch von Briefen. Dann ändert sich alles: Gegen Ende des Wartejahres wird Bonhoeffer verhaftet. Davor, im Januar 1943, sagt Maria ihrer Mutter, dass sie Bonhoeffer heiraten wird. Am 5. April 1943 fragt sich Maria in ihrem Tagebuch ahnungsvoll, ob etwas Schlimmes geschehen sei. Es ist der Tag von Bonhoeffers Verhaftung. Maria erfährt davon erst zwei Wochen später, als sie als Schwesternschülerin in einem Krankenhaus in Hannover auf der Kinderstation arbeitet. Sie vermisst ihren Verlobten. Am 7. Mai gesteht sie in einem Brief ihre Sehnsucht:
Maria von Wedemeyer an Dietrich Bonhoeffer, 7. Mai 1943
Es gibt wohl keine Stunde am Tag, in der meine Gedanken Dich nicht suchten. Wenn ich morgens um 6 Uhr durch den Garten gehe, um zum Krankenhaus zu kommen, dann weiß ich, daß Du nun auch wach bist und vielleicht gerade dann auf den gleichen Himmel schaust, wie ich. Den 4 kleinen Kindern, die ich versorge, erzähle ich beim Zurechtmachen viele und lange Geschichten vom „Onkel Dietrich“. Wenn ich scheuere und putze, so denke ich im Takt dazu: Dietrich, Dietrich.
Musik 2: How my heart sings
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Am 4. Februar 1906 - vor 120 Jahren - wurde Dietrich Bonhoeffer geboren. Er wurde 39 Jahre alt. Wenige Tage vor Kriegsende wurde er als Widerstandskämpfer hingerichtet. Und hinterließ seine junge Verlobte: Maria von Wedemeyer. Aus der vorangegangenen Haft durfte er zunächst nur an seine Eltern schreiben. Er teilt sich in diesen Briefen aber auch Maria mit. Am 30. Juli 1943 gibt es einen Hoffnungsschimmer: Bonhoeffer erfährt, die Ermittlungen gegen ihn seien abgeschlossen, die Anklage werde vorbereitet. Er darf nun direkt an Maria schreiben. Und kann sie an diesem Tag sogar sehen und sprechen. Am Abend schreibt er:
Dietrich Bonhoeffer an Maria von Wedemeyer, Gefängnis Tegel am 30. Juli 1943
Der heutige Tag war so voller schöner und auch ernster Eindrücke, daß ich noch nicht ganz wieder zur Ruhe gekommen bin, und doch kann ich es nicht lassen, Dir sofort heute noch zu schreiben. Wie soll ich Dir danken für Deine Liebe und Deine Treue und für Deine Tapferkeit, mit der Du alles trägst. Es war so unbeschreiblich schön mit Dir zusammen - wie wird es erst sein, wenn wir einmal ganz ohne andere Menschen zusammensein werden.
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Aber sie müssen mit gelegentlichen Gesprächen unter Bewachung und vor allem mit ihren Briefen vorliebnehmen. Maria malt sich darin das gemeinsame Leben - die Wohnung, den Garten, Feste und Begegnungen mit Freunden - aus. Sie reist in der Phantasie zu ihm, versetzt sich in seine Zelle, die sie mit Kreide auf dem Boden ihres Zimmers aufzeichnet, um ihm nahe zu sein, um sein Leben mit ihm zu teilen. Sie wünscht sich sogar, fast kindlich, in einem Brief an ihn verschickt zu werden. Ihr ganzes Wesen, ihren Alltag, ihre Sehnsucht teilt sie ihrem Verlobten mit.
Maria von Wedemeyer an Dietrich Bonhoeffer, 21.9.1943
Heute nacht bin ich bei sternklarem Himmel zwei Stunden geritten. Es war wunderschön. Und es ist doch ein schöner Gedanke, daß Du einmal mitreiten könntest. Die wenigsten Menschen wissen, wie schön es ist, nachts zu reiten. Als wir klein waren, sangen wir oft einen Kanon, der hieß: „Im Tal, da liegt der Nebel; auf den Höhen, da ist’s klar; und was die Leute von uns reden, das ist alles nicht wahr!“ Wenn wir zusammen wären, würde ich ihn Dir beibringen und wir würden ihn so oft und so schön singen, daß die Leute das schließlich auch erkennen müßten!
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So tauschen sie sich aus über das, was sie bewegt, unter anderem über Gedichte, Romane und Musik. Doch es geht in ihren Briefen auch um theologische Fragen, um den Umgang mit Schönem und Bedrückendem im Glauben. Angesichts schmerzlicher Verluste durch den Krieg - Maria hat bereits ihren Vater und ihren Bruder verloren. Im Advent 1943 schreibt Bonhoeffer an Maria einen Weihnachtsbrief als jemand, der selbst getrennt sein muss von denen, die ihm lieb sind.
Dietrich Bonhoeffer an Maria von Wedemeyer, Gefängnis Tegel am 1. Dezember 1943
Je leerer unsere Hände sind, je dürftiger unsere Beherbergung ist, desto besser verstehen wir, daß unser Herz Christi Herberge auf Erden sein soll. So wollen wir ohne jede Verzagtheit, viel mehr mit voller Zuversicht diesem Weihnachtsfest entgegengehen. Und wenn Gottes Freundlichkeit uns gar in diesen Tagen wieder zusammenführt, dann haben wir aneinander das schönste irdische Weihnachtsgeschenk!
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So lebhaft der Austausch in den Briefen ist, so sehr Maria und Dietrich versuchen, aus den wenigen Treffen im Gefängnis das Beste zu machen, so viel sie sich auch gegenseitig aufmuntern - die Belastung ist irgendwann kaum noch erträglich. Im Februar 1944 wird Bonhoeffer erneut vor dem Reichskriegsgericht vernommen. Der Prozess scheint nahe. Aber Bonhoeffer rechnet nicht mehr mit seiner Entlassung. Er bereitete sich seelisch darauf vor, in ein Konzentrationslager gebracht zu werden. Doch davon sagt er Maria nichts. Er weiß um ihre Verzweiflung, will sie nicht noch mehr belasten. Ende Juni fleht er geradezu in seinem Brief:
Dietrich Bonhoeffer an Maria von Wedemeyer, Gefängnis Tegel am 27. Juni 1944
Kann es Dir, wenn Du an Deiner Liebe zu mir irre wirst, denn nicht genug sein, daß ich Dich so liebe, wie Du bist, und daß ich nichts, gar nichts von Dir will, kein Opfer, gar nichts, als Dich selbst? Du glaubtest am Pfingstmontag ‚nicht mehr weiter zu können‘. Ja, sag mir, kannst Du denn ohne mich weiter? und wenn Du meinst, es zu können, kannst Du es immer noch, wenn Du weißt, daß ich ohne Dich nicht weiter kann?
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Wenig später scheitert das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Bonhoeffer war Teil des Widerstands, der die Beseitigung Hitlers und anderer NS-Größen befürwortet hatte, um größeres Leid zu verhindern. „Es genügt nicht, die Opfer zu verbinden – Du musst dem Rad in die Speichen fallen“ – lautet ein von ihm überliefertes Zitat. Er hat Ernst damit gemacht. Infolge des gescheiterten Anschlags rollt eine Verhaftungswelle durch das Land. Am 22. September entdeckt die Gestapo Dokumente, die neben anderen auch Dietrich Bonhoeffer belasten. Kurzzeitig entwirft er einen Fluchtplan, gibt ihn aber auf. Am 8. Oktober wird er aus dem Tegeler Gefängnis ins Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Im Februar dann in ein Kellergefängnis bei Buchenwald, Anfang April schließlich ins Konzentrationslager Flossenbürg. Dort wird er in den frühen Morgenstunden des 9. April 1945 - wenige Tage vor Kriegsende - hingerichtet. Maria war auf einen Hinweis hin noch im Februar vergeblich nach Flossenbürg aufgebrochen, als er noch nicht dort war. Beide sahen sich nach ihrer Begegnung im Haus der Großmutter nicht mehr in Freiheit wieder. In seinem letzten Brief an seine Verlobte, einem Weihnachtsgruß, schreibt Dietrich am 19. Dezember 1944:
Dietrich Bonhoeffer an Maria von Wedemeyer an, 19. 12. 1944
Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich.
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Diesen „guten Mächten“, die er um sich spürte, die ihm Halt gaben, verdanken wir sein wohl schönstes Gedicht „Von guten Mächten.“ Er schickte es Maria in seinem Brief mit. So tröstlich und hoffnungsvoll er darin spricht, es enthält auch eine Ahnung seines wahrscheinlichen Endes:
aus: Von guten Mächten
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Musik 4: Von guten Mächten