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Die Weihnachtstage sind vorbei. Aber manche Figuren aus dieser Zeit begleiten uns länger. Zu jeder Weihnachtskrippe gehören sie, Lieder und Gedichte erzählen von ihnen, Bilder zeigen sie: die heiligen Könige. Sie kommen von weit her, aus dem Osten, um dem neugeborenen König der Juden, dem Christuskind im Stall von Bethlehem, zu huldigen. Von ihnen haben wir feste Bilder im Kopf: Sie sind verschieden alt. Einer von ihnen wird oft mit dunkler Hautfarbe dargestellt. Und nicht selten hat jeder ein eigenes Reittier: einer ein Pferd, der zweite ein Kamel und der dritte einen Elefanten. Und natürlich sind es drei. Das aber war nicht immer so. Im Matthäusevangelium, der ältesten erhaltenen Quelle, die von ihnen spricht, heißt es nur:
Matthäusevangelium 2, 1-2 (Lutherübersetzung)
Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.
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Wie viele es waren, die dem Stern gefolgt sind, wird hier nicht gesagt. Auf den frühesten Darstellungen, angefangen mit den Fresken an den Wänden der römischen Katakomben im dritten Jahrhundert nach Christus, erscheinen zwei, vier und auch mal sechs Gestalten. Und es sind auch keine Könige, die man dort sieht, sondern sogenannte Magier. Was sich dahinter verbirgt, erläutert der Theologe Uwe-Karsten Plisch:
Uwe-Karsten Plisch:
Wenn wir Magier hören, womit man das Wort, was im griechischen Text steht, magoi, auch übersetzen kann, dann haben wir eine bestimmte Vorstellung, die irgendwo dicht an Zauberei ist. Das ist hier nicht gemeint, sondern magoi ist auch im Griechischen ein Lehnwort aus dem Persischen, was eine bestimmte persische Priesterkaste bezeichnet, also gelehrte Männer, in der Regel am Königshof, die sich eben unter anderem mit Astronomie und Astrologie befassten, Sterndeuter aus dem Zweistromland und zu der Zeit eben Perser vermutlich.
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Die Magier standen in der Tradition der babylonischen Himmelsbeobachtung. Schon lange beobachteten Gelehrte im Zweistromland Sterne und Planeten, notierten ihre Veränderungen und
Bewegungen und zogen daraus Schlüsse für Naturphänomene. Auch für den Kalender. Sie konnten die Positionen bestimmter Himmelskörper im Voraus berechnen und zogen daraus Schlüsse für bedeutende Ereignisse. Diesmal führte sie ihre Deutung zum Erlöser der Welt, dem neugeborenen Sohn Gottes. Ihre Reise an den Ort seiner Geburt und ihre Suche nach ihm nimmt Heinrich Schütz in seiner Weihnachtsmusik „Historia der Geburt Christi“ auf. Mit den Worten „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ lässt er uns hören, wie Ehrfurcht, Eifer und Hoffnung die Magier antreiben.
Musik 1: Heinrich Schütz: Historia der Geburt Christi, Wo ist der neugeborene König der Juden?
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Ab dem 4. Jahrhundert nach Christus werden die Magier, die dem Stern gefolgt sind, auch in der Dreizahl gezeigt: Auf Sarkophagen, in Kirchen, sogar auf Ölflaschen aus dem Heiligen Land. Darauf sind sie oft zu sehen, wie sie herbeieilen. Das erkennt man an den hinter ihnen flatternden Gewändern. Von solcher Eile ist im Matthäusevangelium nicht die Rede. Eine Erklärung liefert eine mittelalterliche Sammlung von Heiligenlegenden unter Bezug auf den altkirchlichen Theologen Chrysostomos. Der schrieb, die Sterndeuter hätten seit Jahren auf einem Berg auf den Stern gewartet, von dem der alttestamentliche Seher Bileam geweissagt hatte: „Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob, und ein König aus Israel“. In der Legendensammlung heißt es dazu:
Aus: Legenda aurea: Von der Erscheinung des Herrn
Es geschah auf den Weihnachtstag, daß sie auf dem Berge waren, da kam ein Stern über dem Berg herauf, der hatte die Gestalt eines wunderschönen Kindes, und ein Kreuz leuchtete ob seinem Haupt; und der Stern sprach zu ihnen „Gehet eilends hin in das jüdische Land, da findet ihr den König geboren, den ihr suchet“. Da bereiteten sie sich eilends zu der Fahrt.
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Der Grund der Eile, die auf den Darstellungen gezeigt wird, ist also die Freude über die Botschaft des Sterns. Die Magier wollten möglichst bald beim neugeborenen Erlöser der Welt eintreffen. Auf den Darstellungen erkennt man sie gut an ihrer Kopfbedeckung, der phrygischen Mütze. Theologe Uwe-Karsten Plisch erklärt:
Uwe-Karsten Plisch:
Das ist eben die typische Kleidung für persische Priester zur Zeit Jesu und auch später. Das ist sozusagen eine eher einfache Mütze, die aber so einen kleinen Schwenk nach vorne hat, so einen kleinen Knick, dann spitz ausläuft, aber nicht nach oben zu, nicht wie so ein Zaubererhut bei Harry Potter, sondern eben so leicht gebogen.
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Diese Mützen blieben lange ihr Erkennungszeichen. Bis ins frühe sechste Jahrhundert sind sie bartlos und optisch kaum voneinander zu unterscheiden. Später bekommen die drei Magier Bärte und werden in unterschiedlichem Alter gezeigt, so wie wir es von den drei Königen kennen. Bis dahin tragen sie meist nur eine Gabe: Gold, als Goldklumpen und als goldener Kranz. Diese Goldspende war früher ein Zeichen der Unterwerfung, das die von ihm besiegten Völker dem Kaiser für seinen Siegerkranz brachten. Nun ist auf den Bildern an Stelle des Kaisers Maria auf einem Thron zu sehen mit dem Christuskind, dem die Goldspende gebracht wird.
Musik 2: Arvo Pärt: christmas lullaby
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Nun trugen die drei Magier also Bärte und wurden in drei Lebensaltern gezeigt – so wie wir sie heute kennen: als junger, als erwachsener und als alter Mann. Im 6. Jahrhundert erhielten sie die bekannten Namen: Caspar, Melchior und Balthasar. Auf einem Mosaik in der Kirche Sant’ Apollinare Nuovo im oberitalienischen Ravenna sind diese Namen über den Köpfen der Magier zu sehen. Und hier kommen sie nun auch nicht nur mit Gold, sondern bringen drei Gaben. Drei königliche Gaben, obwohl sie selbst keine Könige sind. Früh gab es schon Versuche, die Weisen so zu deuten. Theologe Uwe-Karsten Plisch:
Uwe-Karsten Plisch:
Die Interpretation als Könige findet sich erstmals angedeutet bei Tertullian, einem lateinisch schreibenden frühchristlichen Theologen, Ende zweites, Anfang 3. Jahrhundert, der sich auf zwei Bibelstellen bezieht. Das ist zum einen Psalm 72, Vers 10. Da heißt es: Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige aus Saba und Seba sollen Gaben senden. Und dieses Motiv wird dann beim Propheten Jesaja noch einmal aufgenommen in Kapitel 60, Vers 6. Da heißt es: Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Epha. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.
Autor:
Zwar versuchte man schon so früh, die Weisen oder Magier als Könige zu deuten. Aber dargestellt wurden sie erst sehr viel später als Könige. Vor allem im westlichen Europa. Mittelalterliche Könige und Kaiser suchten Symbole, die sie als christliche Herrscher legitimierten. Da war es hilfreich, aus den Magiern, die dem Stern zum Christuskind gefolgt waren, Könige zu machen. Und sich mit ihnen in eine Reihe zu stellen als diejenigen, die dem geborenen Erlöser die Ehre erweisen. Ein konkretes Beispiel dafür liefert der Kölner Dom: 1164 wurden Reliquien der drei heiligen Weisen - nun verstanden als heilige drei Könige - hierher gebracht. König Otto IV. ließ sich auf dem goldenen Dreikönigsschrein im Dom als Vierter hinter den heiligen drei Königen darstellen.
Musik 3: Johann Sebastian Bach: Sonate in d-Moll, Adagio e dolce
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Mit der Zeit waren aus den Magiern im Westen Europas endgültig Könige geworden. Ihre Dreizahl eignete sich für symbolische Deutungen verschiedener Art. Die Könige spiegelten die drei Lebensalter des Menschen wider: den bartlosen Jüngling, den erwachsenen Mann und den Greis, sozusagen das ganze Menschenleben. Gleichzeit steht die Dreizahl auch für die damals bekannte Welt. Denn vor der Entdeckung Amerikas kannte man nur drei Erdteile: Europa, Asien und Afrika. Und so vertrat jeweils ein König einen Weltteil, weshalb es nicht nur oft einen dunkelhäutigen König gab, sondern auch drei Reittiere, das Pferd für Europa, das Kamel für Asien und den Elefanten für Afrika. Ausgedeutet wurden auch die drei Gaben. In der Legendensammlung wird dazu bemerkt:
Aus: Legenda aurea: Von der Erscheinung des Herrn
Sanct Bernhard aber spricht, daß sie Gold opferten für die Armut Marien, Weihrauch wider den bösen Geruch des Stalles, Myrrhen um des Kindes Glieder zu kräftigen und die bösen Würmer zu vertreiben. Oder sie opferten Gold zu einem Zins, da er der oberste König war, Weihrauch zu einem Opfer, da er Gott war, Myrrhen zu einem Begräbnis, da er ein sterblicher Mensch war. Oder Gold bezeichnet göttliche Liebe, Weihrauch ein andächtig Gebet, Myrrhen Ertötung des Fleisches: also sollen wir geistlich Christo opfern. Oder es sollen dadurch bezeichnet werden drei Dinge, die in Christo waren: die edle Gottheit, die andächtig Seele, der reine Leib.
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Allgemein wurden die Gaben der Könige symbolisch gedeutet: das Gold stand für Christus als König der Welt, der Weihrauch für Christus als Priester und die Myrrhe für Christus als Heiler. Die Myrrhe deutete man auch als Hinweis auf sein Leiden und Sterben, denn sie wurde im Palästina zur Zeit Jesu bei der Leichenkonservierung verwendet. Nicht nur dargestellt wurden die heiligen drei Könige - in Bildern und Krippen - sie wurden auch verehrt, vor allem der Schrein mit ihren Reliquien im Kölner Dom. In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts untersuchte man diese Reliquien. Und es bestätigte sich, was überliefert war: Die drei Könige waren verschiedenen Alters. Davon ging auch die heilige Helena aus, die Mutter des Kaisers Konstantin. Auf ihrer Pilgerfahrt nach Palästina um 326 nach Christus soll sie nicht nur das Kreuz Christi und seine Dornenkrone gefunden haben, sondern auch das Grab, in dem die heiligen drei Weisen oder Könige bestattet waren. Wie der Historiker Stefan Samerski anmerkt, erzählt die Legende, …
Stefan Samerski:
… dass die heilige Helena eben nach diesen drei Personen geforscht hatte und verständlicher Weise sind die nacheinander gestorben aufgrund des verschiedenen Lebensalters. So und nun ist der erste Weise, Magier, Sterndeuter, König gestorben und wurde begraben. Der Legende nach ist dann die zweite Person gestorben und wollte eben bei dieser ersten, mit der er diese große Reise nach Bethlehem gemacht hat, beerdigt werden. Beim dritten war es ebenso. Sodass die Helena nur nach einem großen Grab, einem wichtigen, prunkvollen, elitären Grab suchen musste, wo drei Personen in ansprechender Weise bestattet worden sind. Und die hat sie eben entsprechend gefunden. Und so wusste sie: das sind die drei Könige.
Autor :
So erzählt die Überlieferung, wie die heilige Helena nach den drei Weisen geforscht haben soll: Sie starben nacheinander - aufgrund des unterschiedlichen Alters - und Helena fand ein großes, prunkvolles Grab, in dem alle drei bestattet waren. So wusste sie: Das sind die heiligen drei Könige.
Eine weitere Legende erzählt, wie ihr Leben nach ihrer Reise zum Christuskind weiterging: In Indien taufte sie der heilige Thomas und weihte sie zu Bischöfen. Als es ans Sterben ging, wollten sie in dem Land bestattet werden, in dem sie dem neugeborenen Erlöser gehuldigt hatten. Von dort gelangten sie nach Mailand und später nach Köln - und heute finden wir sie symbolisch in jedem weihnachtlichen Zimmer wieder. Am 6. Januar, an Epiphanias, gedachten wir ihrer Reise, ihrer Gaben und ihres Kommens zu Christus - ein Fest, das die ganze Welt ins Licht der Heiligen Drei Könige rückt.
Musik 4: Camille Saint-Saëns: Oratorio de Noël, Präludium